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Oelendra klappte den Schrank zu und lächelte. Dann ging sie zu dem Schaukelstuhl und ließ sich mit untergeschlagenen Beinen darauf nieder. »Wir waren tatsächlich noch nicht fertig, nicht wahr? Nun denn ... Obgleich Gwydion tödlich verwundet war, lebte er noch, als ich ihn fand. Ich konnte nichts tun, um ihn zu retten, nicht einmal seine Schmerzen lindern, und deshalb trug ich seinen geschundenen Körper tief in den Großen Wald, am Schleier von Hoen vorbei, in die Obhut von Fürst und Fürstin Rowan. Sie bemühten sich sehr um seine Heilung und kämpften tagelang um sein Leben.

Als nichts helfen wollte und Gwydion weiter Todesqualen litt, nahm ich schließlich einen Sternsplitter vom Heft meines Schwerts und gab ihn der Fürstin. Weißt du, im Griff der Tagessternfanfare war ein Stück von Seren, dem Namensstern unserer Heimat. Das war meine Verbindung zu dem Schwert, ein reines Fragment des Ätherelements; ich wusste, dass nichts sonst in meinem Besitz solche Macht besaß wie dieses Stück außer dem Schwert selbst natürlich. Ich überließ es ihnen in der Hoffnung, dass sie mit diesem Sternensplitter einen letzten Versuch unternehmen würden, Gwydion zu retten, aber sie konnten nichts mehr für ihn tun. Vielleicht ist es gut so, denn mit dieser Elementarmacht zu leben wäre für Gwydion womöglich schlimmer gewesen als der Tod.«

»Warum?«

»Weil Gwydion der Urenkel von Elynsynos war und als solcher Drachenblut in sich hatte, das sich in seinen Adern mit Menschenblut mischte. Eine solch intensive Machtquelle hätte die schlummernde Drachennatur in ihm möglicherweise voll zum Tragen gebracht. Ich bezweifle, dass er als Drache hätte leben wollen, denn er besaß die Seele eines Menschen. Wahrscheinlich ist es für uns alle ein Segen, dass er nicht überlebt hat; wenn der F’dor in der Lage gewesen wäre, ihn an sich zu binden, den Drachen zu beherrschen ich schaudere bei dem Gedanken, wie er die Macht missbraucht hätte, um die Elemente selbst zu kontrollieren. Es war eine Verzweiflungstat, den Stern um Gwydions willen aufzugeben, und es war umsonst; trotzdem bereue ich nicht, es versucht zu haben.«

»Ich bin sicher, dass er Eure Freundlichkeit und Großherzigkeit auch noch in seinen letzten Augenblicken zu schätzen wusste, Oelendra.«

»Ich bezweifle, dass er irgendetwas anderes wahrnahm als seine eigene Todesqual, Rhapsody. Es war das Schlimmste, was ich jemals einen Menschen habe erdulden sehen, und ich habe grässliches Leid miterlebt.«

Rhapsody musste sogleich an Llauron denken. »Ich frage mich, ob Gwydion unter der weißen Esche im Garten des Fürbitters begraben ist, unter dem Baum, den Llauron Mahb nennt.«

»Vielleicht. Es ist jedenfalls das Wort für Sohn.« »Habt Ihr seinen Leichnam zurückgebracht?« Oelendra schüttelte den Kopf. »Nein; Fürst Rowan sagte mir, es sei Zeit für mich, ins Land der Lebenden zurückzukehren. Die Fürstin segnete Gwydions Körper, als ich durch den Schleier zurückkehrte. Ich konnte Llauron nicht einmal übermitteln, was sein Sohn in seinen letzten Augenblicken sagte oder tat, denn ich war nicht bei ihm.« Rhapsody war bass erstaunt. »Das Land der Lebenden?« Über Oelendras Gesicht huschte ein entrücktes Lächeln. »Der Hof der Rowans ist ein mystischer Ort, Rhapsody, auf der anderen Seite des Schleiers der Freude. Um ihn zu betreten, muss man dem Tod nahe sein oder sich in einer Situation befinden, in der es um Leben oder Tod geht. Dort verstreicht die Zeit nicht wie hier; man kann für Jahre verschwunden sein, und bei der Rückkehr ist nur ein einziger Augenblick vergangen.«

»Und wer sind die Rowans? Heiler?«

Nun wurde Oelendras Lächeln traurig. »Große Heiler sogar, obgleich ihre Heilkunst oft schwer anzunehmen ist. Die Fürstin ist Hüterin der Träume, Wächterin des Schlafes, Yl Breudivyr. Der Fürst ist die Hand der Sterblichkeit, der Friedliche Tod, Yl Angaulor. Deshalb weiß ich, dass Gwydion tot ist, auch ohne dass ich seinen letzten Augenblicken beigewohnt habe; Fürst Rowan selbst hat mir gesagt, dass es Zeit sei. Da verließ ich ihn, denn ich wurde nicht mehr gebraucht und war nicht mehr willkommen. Wenn ich den Fürsten und die Fürstin das nächste Mal sehe, werde ich für immer in ihr Reich eingehen und nicht mehr auf dieser Erde wandeln. Als ich dich sah, wusste ich, dass die Zeit nicht mehr fern ist.«

Eine Welle von Übelkeit durchflutete Rhapsody. »Wollt Ihr damit sagen, dass meine Ankunft die Ursache Eures Todes sein wird?«

»Nein, aber ich lebe schon viel länger, als meine Zeit währen sollte, und warte darauf, dass mich endlich jemand als Wächterin ablöst. Jetzt, da ich jemanden gefunden habe, an den ich mein Verwalteramt weitergeben kann, werde ich endlich zur Ruhe kommen und mit denen wiedervereint sein, die ich liebe. Nicht nur in dieser Welt gibt es Unsterblichkeit, Rhapsody.«

Oelendras Blick ging Rhapsody durch und durch, mitten ins Herz. Schon so oft hatte sie selbst sich nach dem Gleichen gesehnt.

»Und damals habt Ihr das Schwert aufgegeben?«

Lächelnd trank Oelendra einen Schluck dol mwl. »Damals hat das Schwert mich aufgegeben. Nachdem ich das Stück des Sterns entfernt hatte, wollte ich es wieder umgürten, aber es war in der Erde verschwunden, auf der ich es hatte liegen lassen. Einen Herzschlag lang sah ich sein Licht, dann war auch das verschwunden. Es schien fast, als wäre es mit Gwydion gestorben, begraben hinter dem Schleier von Hoen. Ein angemessener Ort, wie mir schien. Aber ich wusste, dass es irgendwann zurückkehren würde, und nun ist es so weit.«

Rhapsody nickte. Jetzt wusste sie, wie das Schwert in die Erde gekommen war. Den Rest des Abends verbrachten sie in angenehmer Unterhaltung. Rhapsody spielte auf der Laute, die Elynsynos ihr geschenkt hatte, mehrere Weisen aus der alten Welt und sang bei einigen davon auf Alt-Lirinsch mit. Oelendra lauschte hingerissen, stimmte aber wieder nicht mit ein. Ihrerseits erzählte sie der Sängerin von längst vergangenen Zeiten, von den letzten ruhmreichen Tagen nach dem Krieg, vor der Katastrophe, als Serendair noch eine kurze Zeit des Friedens erlebt hatte, von Freunden und Kameraden und unvergesslichen Erinnerungen. Schließlich wurde Rhapsody von der Müdigkeit der langen Reise überwältigt, und sie schlief neben dem Feuer ein. Einige Zeit später wachte sie auf, weil sich eine Hand sanft auf ihre Schulter legte.

»Komm, Liebes, ich zeige dir, wo du wohnen wirst.« Rhapsody erhob sich und rieb sich verschlafen das Gesicht. »Ich muss unbedingt bald eine Botschaft nach Ylorc schicken, wenn es irgendwie möglich ist«, sagte sie.

»Ja«, stimmte Oelendra ihr zu. »Ich begleite dich morgen früh nach Tyrian-Stadt. Dort macht die Postkarawane regelmäßig jede Woche Halt. Bestimmt sind deine Freunde froh, wenn sie hören, dass du wohlbehalten hier angekommen bist. Aber nun folge mir, du bist erschöpft.«

Wie im Traum folgte Rhapsody der älteren Frau an dem großen Kamin vorbei und einen Gang entlang. Oelendra führte sie in ein kleines Zimmer am anderen Ende des Hauses. Es hatte ein schmiedeeisernes Gitter vor dem Fenster, an der einen Wand stand ein Himmelbett, an der anderen ein schwerer Schrank. Auf dem Bett lag eine ganze Auswahl von Decken und Fellen, genug, um einen frostigen Winter zu überstehen.

»Das ist dein Zimmer, so lange du es haben möchtest«, sagte Oelendra. »Mach es dir gemütlich und schlaf ein wenig. Wenn es dir recht ist, zeige ich dir morgen die Stadt. Doch nun schlaf dich erst einmal aus. Ich vermute, du hast es bitter nötig.«

»Danke.« Rhapsody konnte kaum noch die Augen offen halten. »Wahrscheinlich sollte ich Euch warnen, ich habe nämlich oft Albträume. Falls Ihr mich in der Nacht hören solltet, entschuldige ich mich schon im Voraus dafür.«

»Nach allem, was du durchgemacht hast, wundert es mich nicht, dass du träumst. Ich habe das auch getan. Irgendwann geht es vorbei. Erst schläfst du eine einzige Nacht ohne Träume, dann kommen sie immer seltener, und schließlich suchen sie dich gar nicht mehr heim. Ruh dich gut aus.« Oelendra berührte Rhapsodys Schulter, als sie ging. Rhapsody zog sich aus und kroch sofort ins Bett.