Sie träumte nicht vom alten Land, auch nicht von einem Dämon, sondern von einem schönen Gesicht, das unsicher lächelte. Sie sah es wieder, wie es sie im Licht des Wäldchens anlächelte, ihr an der Schwelle der Drachenhöhle Lebewohl sagte.
Eine entstellte, böse Kreatur, vor der du dich in Acht nehmen musst, Hübsche. Und höre: Er befindet sich ganz hier in der Nähe. Sei vorsichtig, wenn du meine Höhle verlässt. Wieder lächelte das Traumgesicht sie unsicher an. Dann schien die Sonne durchs Laub des Waldes, und es begann zu schmelzen große, eisige Tränen rannen aus seinen Augen, bis es sich ganz auflöste und nur mehr eine Lache dampfenden Wassers übrig blieb, in dem sich noch immer sein Bild spiegelte.
»Was hast du zu trinken?«
»Portwein. Oder einen jungen Branntwein.«
»Nichts Stärkeres?«
»Hmmmm. Heute ist also kein guter Tag?«
»Offenbar hast du in letzter Zeit nicht viel auf meinen Zustand geachtet.«
»Das stimmt nicht; und deshalb habe ich diesen wundervollen canderischen Whiskey vorrätig.«
»Der wäre nicht schlecht.«
»Ich gestehe, dass ich ein wenig überrascht bin, dich zu sehen. Warum bist du hergekommen?«
»Ich denke, deine Gastfreundschaft ist schuld daran. Ihr kann ich nur schwer widerstehen.«
»Nun werde doch nicht gleich so unwirsch. Du weißt, dass ich mich immer sehr über deinen Besuch freue.«
»Natürlich. Habe ich dich bei etwas Wichtigem unterbrochen? Hast du gerade über die Vernichtung von jemand Bedeutendem nachgedacht?«
»Diese Bemerkung überhöre ich. Hier ist dein Whiskey. Was willst du von mir?«
Ashe nahm einen Schluck und behielt die beißende Flüssigkeit einen Augenblick im Mund.
»Ich möchte, dass du dir deine Pläne für Rhapsody noch einmal überlegst.«
»Ach wirklich? Und warum sollte ich?«
Er nahm einen weiteren, größeren Schluck und setzte sich an den reich verzierten Holzschreibtisch. »Wenn sie die ist, für die wir sie halten, dann ist es unklug, ihren guten Willen zu missbrauchen.«
»Wenn sie die ist, für die wir sie halten, dann wird sie es verstehen. Es ist ebenso ihr Schicksal wie das unsere.«
»Weißt du, ich glaube, du machst dir einen völlig falschen Begriff von Schicksal als solchem. Andere Leute nehmen es nicht immer so an, wie du es gern hättest, sie deuten es nicht einmal auf deine Weise. Vor allem, wenn es ihnen Schaden, Schmerz oder gar Untergang beschert.«
»Du urteilst jetzt nicht zufällig aus deinem eigenen Blickwinkel heraus, oder?«
Ashe hielt schweigend inne. »Nein. Selbstverständlich nicht.«
»Das dachte ich mir schon. Und seit wann bist du so um das Wohlergehen meines Schützlings besorgt, wenn ich fragen darf?«
»Du bist nicht der Einzige, der sie für seinen Schützling hält, weißt du. In diesem Augenblick ist sie bei Oelendra, um Unterricht zu nehmen.«
»Gut, gut. Das wird helfen. Aber weiche meiner Frage nicht aus. Woher kommt all deine Sorge um Rhapsody? Hast du den Eindruck gewonnen, dass sie der Aufgabe nicht gewachsen ist?«
»Wohl kaum. Wenn überhaupt, ist sie eher noch viel mehr dazu in der Lage, als wir ursprünglich angenommen haben.«
»Warum bist du dann so besorgt?«
Ashe schwenkte den restlichen Whiskey in seinem Glas und trank ihn dann in einem Zug. Leider übte der Alkohol keinerlei betäubende Wirkung auf ihn aus. »Es wäre mir äußerst unangenehm, wenn all unsere Pläne zu nichts führen würden, nur weil du deinen Einfluss auf einen der drei falsch eingeschätzt hast.«
Er blickte auf in Augen aus blauem Granit, die ihn anstarrten und deren Glanz etwas Reptilienhaftes an sich hatte. So fehl am Platz wirken sie in dem freundlichen alten Gesicht, dachte er.
»Nun, ich will mich deutlich ausdrücken. Ich brauche Rhapsody in der Rolle, für die ich sie vorgesehen habe. Das kann keiner von euch anderen. Aber es ist eine Nebenrolle. Wenn es darum geht, sich bei jemandem lieb Kind zu machen, dann ist es allein Achmed, dessen Gunst ich mir erhalten muss. Er ist als Einziger unersetzlich.«
Ashe lächelte, stand auf und schlenderte zur Hausbar hinüber. »Du durchschaust die Machtstrukturen ganz und gar nicht«, meinte er, während er sein Glas bis knapp unter den Rand füllte. »Achmed ist Rhapsody treu ergeben. Es ist ihre Loyalität dir gegenüber, die ihn beeinflussen könnte, nicht seine eigene. Du und deine Pläne könnten ihm kaum gleichgültiger sein. Und wenn du ihr auch nur ein Haar krümmst, wird er es dir heimzahlen.«
Nun war Llauron an der Reihe zu lächeln. »Weißt du, dein Mangel an Gründlichkeit enttäuscht mich. Ich fürchte nämlich, du irrst dich. Achmed hat andere Gründe, das zu tun, was ich will; Gründe, die viel älter sind und weitaus zwingender als irgendeine Liebe oder Freundschaft, die sein hässliches Herz für sie empfinden mag. Offensichtlich kennst du die drei doch nicht so gut, wir ich es mir erhofft hätte, nachdem du so lange mit ihnen zusammen warst. Zeitverschwendung.«
Ashe schwieg und starrte in die züngelnden Flammen des Kaminfeuers. Abgesehen vom Nebel könnte er einer der Schatten im Raum sein, dachte Llauron. Seine Stimme wurde sanft, als er seinem Sohn die Hand auf die Schulter legte.
»Weiß sie Bescheid?«
»Worüber?«
»Dass du sie liebst.«
»Nein.«
»Gut. Das ist für alle Beteiligten besser.«
Ein unangenehm ersticktes Lachen drang aus dem nebligen Schatten. »Wirklich? Ich bin wahrhaft gespannt, wie du diese Überzeugung zu erklären gedenkst. Wie kann es für irgendjemanden besser sein außer für dich?«
Der alte Mann seufzte und ging zurück zu seinem Stuhl. »Es gab eine Zeit, als du völlig darauf vertrautest, dass ich weiß, was für alle am besten ist vor allem weil das, was gut für mich ist, auch gut für dich ist und letzten Endes auch für den Rest des Landes.«
»Vermutlich verblasst auch die leidenschaftlichste Heldenverehrung ein wenig, wenn man zwanzig Jahre allein und in körperlicher und geistiger Qual durch die Welt gewandert ist.«
Die Stimme aus dem Sessel klang kalt und hohl. »Das ist nur vorübergehend. Bald wird es vorbei sein, und somit ist es unbedeutend. Wenn deine Herrschaft über dieses Land beginnt, endet deine Pein. Und natürlich kannst du dann jede Frau haben, nach der dir der Sinn steht.«
»Ich werde immer nur eine einzige Frau wollen.«
»Verzeih mir, wenn ich dich daran erinnere, diese Worte früher schon einmal von dir gehört zu haben.« Llauron zuckte nicht einmal mit der Wimper, als Ashe das Whiskeyglas ins Feuer warf, sodass die Flammen mit einem Schwall Rauch und Scherben aus ihrer steinernen Begrenzung ausbrachen. »Außerdem gibt es keinen Grund, warum du Rhapsody dann nicht haben solltest wenn du sie noch immer willst. Bis dahin ist sie es sicherlich müde, die Kurtisane des Bolg zu spielen. Wenn du wirklich Wert legst auf eine gebrauchte Hure, wird sie sich die Gelegenheit bestimmt nicht entgehen lassen.«
Ashe wandte sich um. Im Gegenlicht der Flammen sah Llauron den Zorn in den blauen Augen unter der Kapuze lodern, ja, er konnte sich vorstellen, wie sich der Drache in ihnen zum Sprung bereit machte.
»Sag so etwas nie wieder«, sagte Ashe mit tödlich ruhiger Stimme. »Du hast die Grenzen meiner Loyalität bereits weiter überschritten, als dir klar ist. Auf diesem Thema solltest du lieber nicht herumreiten.«
Llauron lächelte in sein Glas. »Du vergisst, dass wir hinsichtlich des Werts von höfischen Flittchen unterschiedlicher Auffassung sind, Gwydion. Einige der besten Frauen in meinem Leben waren Huren. Ich wollte Rhapsody durchaus nicht beleidigen.«
Ashe schwieg eine Weile. »Weißt du, Vater«, sagte er schließlich, »vielleicht bist du bewandert, wenn es um Macht und Strategie und die Beeinflussung des Schicksals geht. Aber du hast keine Ahnung von Vertrauen und vom menschlichen Herzen.«
»Meinst du?«