»Ohne Frage. Du versprichst mir Rhapsody, als hättest du Kontrolle über ihre Gefühle. Wenn alles vorbei ist, wird sie mich wahrscheinlich hassen, und das mit Recht. Es gibt Dinge, die sich nicht manipulieren lassen, und Dinge, die man nicht wieder in Ordnung bringen kann. Man kann nicht erwarten, dass jemand, den man als Schachfigur einsetzt, um die eigenen Ziele zu erreichen, und den man dabei zerstört, noch zu einem steht.«
Llauron wandte den Blick ab. »Warum denn nicht?«, fragte er den Boden. »Bei dir habe ich damit doch auch immer Erfolg gehabt.«
Ashes Stimme war kaum mehr als ein Flüstern. »Dabei werde ich nicht mitmachen.«
In der Antwort lag etwa so viel Mitgefühl und Wärme wie in dem sterbenden Feuer im Kamin. »Zu spät, mein Junge, du steckst bereits mitten drin.«
Der beißende Wind, der die Blätter auf Llaurons Tisch rascheln ließ, war das einzige Zeichen, dass Ashe gegangen war.
22
»Guten Morgen«, begrüßte Oelendra Rhapsody, als diese verschlafen blinzelnd aus ihrem Zimmer kam. Die Kriegerin stellte einen Becher Tee an den Platz, an dem Rhapsody am Abend zuvor gesessen hatte. »Ich hoffe, du hast gut geschlafen.«
»Sehr gut sogar, danke«, antwortete Rhapsody gähnend. Sie hatte den rotseidenen Morgenmantel mit dem kunstvoll gestickten Drachenbild übergezogen, den sie am Fußende des Betts vorgefunden hatte. Er war viel zu groß für sie und hätte zweifellos nicht einmal ihrer Gastgeberin gepasst. Dankbar nahm sie Platz und schlürfte den Tee, während Oelendra wieder in ihre Küche zurückkehrte. Sie war bereits angezogen und wahrscheinlich schon seit Stunden auf den Beinen. Kurz darauf kam sie mit einem Teller Obst und einem Brot in der Form eines Sichelmonds zurück.
»Zuerst mal ein kleines Frühstück, dann ein wenig Bewegung ... Wir können zu Fuß in die Stadt gehen. Wenn wir zurückkommen, möchte ich sehen, wie du das Schwert handhabst.«
Oelendra reichte Rhapsody den Teller und setzte sich zu ihr an den Tisch. Sie aßen in gemütlicher Stille, während Rhapsody aus dem Fenster in den Garten starrte und dem Gesang der Vögel lauschte. Das Gefühl von Magie, das sie allein in den ersten verträumten Stunden in Tyrian empfunden hatte, kehrte nun zurück.
Nach dem Frühstück zeigte Oelendra Rhapsody die Stadt Tyrian. Sie erstreckte sich über eine Hügelkette, deren höchste Erhebung den Namen Tomingorllo trug und dem König als Palast diente. Die Mauer nahe diesem Hügel im nördlichen Zentrum hatte Rhapsody am ersten Tag passiert. Als die beiden Frauen das Tor durchquert hatten, wanderten sie einen unterirdischen Gang entlang und weiter in eine große Senke, die sich inmitten der Anhöhe befand und den Garten von Tomingorllo barg. Ringsum ragten natürliche Mauern aus Felsgestein auf, ähnlich wie die Hügelhänge außen, die so gut wie unmöglich zu erklimmen waren.
In den Garten gelangte man durch die unterirdischen Korridore, die sie soeben durchquert hatten, oder über einen gut versteckten Pfad, durch den Oelendra sie nun aus dem Garten hinausführte. Der eigentliche Königssitz befand sich in einer Festung mit einem großen Innenhof auf dem Gipfel des Tomingorllo und konnte nur durch die großen Hallen erreicht werden, die unter dem massiven Hügel lagen. Von jeder freien Stelle der Stadt aus war die Festung sichtbar. Während sie über die mit Kiefern bestandenen Hänge des Gartens wanderten, spähte Rhapsody immer wieder zu dem riesigen, runden Bauwerk mit seinen zahlreichen Pfeilern und der Kuppel aus silbern schimmerndem Marmor hinüber, die in der Morgensonne leuchtete, bis sie schließlich in den tiefer liegenden Teil der Stadt hinabstiegen. Tyrian-Stadt selbst ähnelte eher den Lirin-Städten in Rhapsodys Heimat und den Dörfern, durch die sie mit Cedelia gekommen war. Die Häuser waren schlicht, schmal, mit hohen Dächern und lagen an vom Wald selbst geschaffenen Wegen. In den Bäumen gab es hie und da hohe Plattformen, kleinere in den mächtigen Eichen, aber auch größere, die mehrere Bäume miteinander verbanden. Dazwischen verliefen Hängebrücken, die über den Waldwegen eine zweite Straße bildeten. In manchen Stadtteilen liefen auch Ziegen, Schafe und Schweine herum, aber zum größten Teil waren die Tiere, die ihnen über den Weg liefen, Waldkreaturen, die harmonisch unter den Lirin lebten.
Weniger offensichtlich waren die Verteidigungsanlagen der Stadt. Es gab gut versteckte Wachposten, um eventuell einfallende Feinde abzufangen und ins tödliche Kreuzfeuer zu nehmen. Immer wieder stieß man auf verborgene Gräben, die jeden organisierten Vorstoß in die Stadt mühelos verhindern würden. Außerdem gab es auch konventionellere Verteidigungsanlagen, mehr im Stil der Menschen. Jeder der sechs äußeren Hügel war von einer Verteidigungsmauer umgeben; dazwischen waren Schutzwälle mit Palisaden und Gräben angelegt, ein jeder größer oder tiefer als der vorhergehende. Auf dem Boden der Gräben befanden sich angespitzte Pfähle, sodass nahezu jeder, der hineinstürzte, dies mit dem Leben bezahlte. Über die Gräben verliefen Brücken, die vom Innern der Wälle aus leicht eingezogen werden konnten. Rhapsody überlegte, was Achmed oder Grunthor zu dieser Verteidigung gesagt hätten, und prägte sich die Anlagen ein, die man vielleicht in Ylorc verwenden konnte.
Doch am meisten bewegte sie das tägliche Leben in der Stadt. Tyrian war ein geschäftiger Ort, überschäumend vor Aktivität und mit einem regelrechten Gewimmel von Passanten. Obgleich die Lirin Fremden gegenüber zurückhaltend waren, benahmen sie sich innerhalb der Stadtmauern ausgesprochen freundlich, und Rhapsody lachte und scherzte mit Leuten, die sie eben erst kennen lernte. Überall, wo Oelendra sie hinführte, wurde sie herzlich aufgenommen. In einem Gasthaus aßen sie an einem Tisch im Freien ein Mittagsmahl aus gewürztem Wildbret, Oliven und Nüssen, das Rhapsody so gut schmeckte, dass sie kaum aufhören konnte. Gruppen von Kindern rannten lachend durch die Straßen und blieben einen Moment stehen, um Oelendra und Rhapsody anzustarren, streckten gelegentlich die Hände aus, um Rhapsody zu berühren oder ihr eine Blume zuzuwerfen, ehe sie wieder davonstoben. Beim Anblick des Volks von Tyrian mit den großen, mandelförmigen Augen und dem teilweise drolligen Äußeren wurde Rhapsody warm ums Herz, ohne dass sie gänzlich verstand, warum. Das muss Elynsynos mit ihrer Bemerkung über die Cymrer gemeint haben, dachte sie, als ihr bewusst wurde, dass sie ständig lächelte. Jetzt verstehe ich, wie jemand auf den Gedanken kommt, ein Volk als einen wertvollen Hort zu betrachten. Sie grinste zwei kleine Mädchen an, die vor ihrem Tisch stehen geblieben waren.
»Wenn du fertig bist, zeige ich dir das Schloss«, sagte Oelendra und durchsuchte ihre Jackentasche. Dann legte sie etwas auf ihre Handflächen, hielt es den Kindern entgegen und nickte ihnen ermutigend zu. Sofort grapschten es sich die beiden Mädchen, obgleich Oelendra die Hände mit der Schnelligkeit einer zuschnappenden Schlange wieder schloss. Nachdem die Kinder ihre Beute begutachtet hatten, rannten sie kreischend wieder davon, beide eine rote Kiran-Beere im Mund und voller Begeisterung darüber, dass sie schneller gewesen waren als die Lirin-Kriegerin. Rhapsody lachte und applaudierte den beiden Siegerinnen.
»Ja, das Mahl war wirklich köstlich.« Sie erhob sich, faltete ihre Serviette zusammen und winkte den Kindern nach, die kichernd verschwanden. »Gehen wir weiter, Oelendra. Ich folge Euch, wo immer Ihr hingeht.«
»Dies sind der Hof und der Thron von Tomingorllo«, erklärte Oelendra, als sie die beiden schweren eichenen Türflügel aufstieß. Jenseits der Tür befand sich eine riesige marmorne Rundhalle mit einer von Säulen getragenen Kuppel. Die Säulen ragten im Abstand von zehn Fuß von der Wand aus in die Höhe, und die Kuppel wies oben eine große Öffnung auf, sodass die Mitte des Saals unter dem wolkenlosen Himmel lag.
Auf der anderen Seite des Saals stand ein großer, aus schwarzem Walnussholz geschnitzter Thron, weit weniger prunkvoll, als Rhapsody es erwartet hätte, sondern vielmehr recht streng, mit säulenartigen Armlehnen und einer niedrigen, gleichförmigen Lehne. Zwei große steinerne Kamine, breiter als in Oelendras Haus, bildeten dunkel und kalt die beiden anderen Richtungspunkte des Kreises.