An den Wänden rund um den Saal verlief eine Holzbank, nur unterbrochen von der Lücke für die Tür und einer weiteren für den Thron. Im Zentrum stand auf einem kunstvoll verzierten silbernen Ständer ein kleiner Glasbehälter, der nicht so ganz zu der Strenge der sonstigen Ausstattung zupassen schien. Weiter oben war der Saal von einem Balkon umgeben, von dem aus man auf den Schaukasten in der Mitte blickte. Den einzigen anderen Schmuck bildeten vier sternförmige Gitter im Boden. Die Luft war rein und kalt.
»Hier würde der König sitzen, wenn es einen gäbe, und hier wurde das erste Bündnis der Neuen Welt geschlossen und gebrochen. Komm mit.« Oelendra ging auf das seltsame Ausstellungsstück in der Mitte des Saals zu. Rhapsody folgte ihr und blickte in den Glaskasten.
»Die Krone des Lirin-Königreichs«, sagte Oelendra.
»Wie schön sie ist.« Rhapsody starrte auf das Diadem, das in dem Kasten vor ihr lag. Es bestand aus zahllosen winzigen sternförmigen Diamanten. Acht ähnlich geformte größere Steine bildeten den mittleren Ring der Krone. Sie funkelten im Sonnenlicht, das von der Öffnung über ihnen in den Thronsaal herabfiel. Rhapsody hatte nie zuvor etwas Derartiges gesehen.
»Die Steine, welche diese Krone bilden, waren einst der Reinheitsdiamant, ein Stein von der Größe einer Männerfaust, der mit dem Licht der Sterne erstrahlte. Wir brachten ihn aus der alten Welt mit und übergaben ihn dem Lirin-Stamm Gorllewinolo als Zeichen der Freundschaft, denn sie waren das erste eingeborene Volk, dem wir begegneten, die Seher ausgenommen. Sie waren die Vorfahren der Lirin, die jetzt in Tyrian leben, und zusammen mit den Lirin unserer Insel haben sie diese Stadt gegründet, deren Haupthügel ihren Namen trägt.«
»Tomingorllo: der Turm der Gorllewin, Volk des Westens«, sagte Rhapsody leise zu sich selbst.
»Ja. Im Lauf der Jahre veränderte sich der Name, aber die Stadt und das Volk blieben dieselben.«
»Aber was geschah mit dem Diamanten? Ihr habt gesagt, dass all diese kleineren Steine einst einen einzigen Diamanten bildeten. Haben sie ihn zerbrochen?«
»Nein, nicht sie, sondern Anwyn.«
»Das verstehe ich nicht. Warum hat sie das getan?«
»Niemand hat es verstanden. Die Lirin dieses Landes waren unsere Freunde und Verbündeten. Sie hielten zu uns, als alle anderen uns im Stich ließen, sie unterstützten Anwyn im Krieg, als selbst ihr eigenes Volk sie verlassen hatte. Das Bündnis zwischen den Lirin und Anwyn war älter und tiefer als selbst das zwischen Anwyn und den Cymrern, die sie Jahrhunderte zuvor zu ihrer Herrin auserkoren hatten, und der Reinheitsdiamant war ein Symbol dieses Bündnisses mit den Lirin. Zu jener Zeit ergaben Anwyns Handlungen oft keinen Sinn. Erst Jahre später ahnte ich den Grund dafür. Vermutlich hätte ich gleich Verdacht schöpfen müssen.« Oelendra strich mit dem Finger gedankenverloren über eine dünne Staubschicht, die sich auf dem Kasten gebildet hatte.
»Es geschah kurz vor ihrem geplanten Treffen mit Gwylliam, das er allerdings nicht mehr erleben sollte. Sie kam in den Thronsaal, wo der Diamant lag, hob die Hände, rief das Sternenfeuer vom Himmel herab und sprach die Worte der Macht, die den Stein in tausend Stücke zerschmetterten und das in ihnen enthaltene Licht für immer heraustrieb. Dann verschwand sie ohne ein Wort.
Wegen dieser Tat weigerten sich die Lirin und mit ihnen viele von Anwyns treuesten Anhängern, nach Gwylliams Tod ihren Anspruch auf die Alleinherrschaft über die Cymrer anzuerkennen. Sie hatte das Geschenk zerstört, dass die Erste Flotte der Cymrer den Lirin dieses Landes gemacht hatte, das Symbol des Friedens und der Einheit mit dem Land, welche ihrem Glauben nach ihr Lebensstil verkörperte.
Für die Lirin war es der Bruch des Vertrags, der größte Verrat, aber für Anwyns eigenes Volk war es lediglich der letzte Verrat einer ganzen Reihe von Vergehen. Sie kehrte zum Baum zurück und musste dort erkennen, dass nicht nur die Lirin ihr den Rücken gekehrt hatten, sondern auch ihr eigenes Volk sie verleugnete. So ging sie weg, nachdem erreicht war, was sie sich vorgenommen hatte, nämlich Gwylliam zu vernichten, aber sie musste teuer dafür bezahlen. Am Ende war sie allein mit ihrem gärenden Hass, bis schließlich niemand mehr etwas mit ihr zu tun haben wollte außer ihrem Sohn und einer Hand voll Pilgern, die zu ihr kamen, weil sie nach Antworten auf Fragen aus der Vergangenheit suchten. Als Llauron viele Jahre später den Schaden beheben wollte und sich anbot, mit der Königin der Lirin eine Bündnisheirat einzugehen, zeigte sie ihm diese Krone, gefertigt aus den Splittern dessen, was eine Friedensgabe gewesen war. ›Könnt Ihr das hier reparieren?‹, fragte Königin Terrell ihn, und Llauron musste zugeben, dass er es nicht vermochte. ›Was macht Euch dann glauben, dass man ein Bündnis so leicht wieder kitten kann?‹
Llauron erklärte, er habe den Wunsch, das, was seine Eltern den Cymrern und den Lirin angetan hatten, wieder gutzumachen und sie so vereint zu sehen wie nie zuvor. Königin Terrell lehnte sowohl sein Friedensangebot als auch seinen Heiratsantrag ab, sagte ihm jedoch, wenn er oder sonst jemand den Stein wieder zum Leben erwecken, ihn aufs Neue mit dem Licht der Sterne erstrahlen lassen könne, wie es einst gewesen war, dann würden die Lirin diese Person als Oberhaupt der Cymrer und König beider Völker anerkennen. Bis zu dieser Zeit aber würden die Lirin für sich bleiben und ihren eigenen Herrschern folgen. Llauron akzeptierte das, und segnete als Fürbitter die Krone und die Königin, ehe er in den Gwynwald zurückkehrte. Seit damals ruht die Krone an diesem Ort und wartet auf das Kommen des cymrischen Königs oder der cymrischen Königin, um das Unrecht zu heilen, das hier geschehen ist.«
»Warum hat Anwyn den Diamanten zerstört, was glaubt Ihr?«, fragte Rhapsody, während sie um den Glaskasten herumging und die Krone von allen Seiten betrachtete.
»Es war der Preis, den sie dafür bezahlte, sich ihres Ehemanns zu entledigen.«
Rhapsody blickte erstaunt auf. »Was meint Ihr damit?«
Oelendras Gesicht wurde härter. »Sie hat sich auf einen Handel mit dem Dämon eingelassen. Genau genommen war das für mich die erste Bestätigung, welches Übel uns gefolgt war, denn die F’dor fürchten sich vor Diamanten; anscheinend haben sie Angst, von ihnen verletzt und geschwächt zu werden. Ich habe nie herausgefunden, warum es so ist, aber ich glaube, es liegt daran, dass Diamanten das Licht der Sterne in sich tragen, wie es auch bei der Tagessternfanfare der Fall ist ein Element, das dem Feuer vorausgeht und als älteres Element noch mächtiger ist. Dieser Diamant war so groß, dass er die Essenz selbst des mächtigsten Dämonengeists hätte einfangen und zerstören können.
Ich kannte dieses Böse, und ich hasste es. Einst war es verantwortlich gewesen für das meiste Übel, das der Insel widerfahren war; es hatte alles und jeden vernichtet, was ich geliebt hatte, hatte meinen Großvater und meinen Ehemann getötet. Ich wusste, dass es irgendwo lauerte, stets außer Sichtweite, immer im Hintergrund, und darauf wartete, dass seine Macht zunahm und der richtige Zeitpunkt herannahte.
An jenem Tag, als die Erste und die Dritte Flotte sich vereinten, vermutete ich seine Gegenwart nur anhand des Geruchs F’dor verbreiten in ihrer wahren Form einen ekelhaften Gestank, und manchmal bekommt man ein bisschen davon mit, wenn sie an einen Wirt gebunden sind aber bis zu dem Tag, an dem der Diamant zerstört wurde, hatte ich keine Bestätigung dafür.
Doch Anwyn wusste es. Anwyn hatte es immer gewusst, schließlich war sie die Seherin der Vergangenheit. Noch im selben Augenblick, als der F’dor das Schiff betreten hatte, war ihr klar gewesen, dass der Dämon entflohen war; und sie wusste, an welche Seele er sich klammerte. Vor ihr konnte er sich nicht verstecken, und wenn sie mir damals gesagt hätte, wo er sich eingenistet hatte, hätten wir das Böse schon vor Generationen vernichtet. Aber sie war ein Wyrmling, ein Drachenkind, und sie hortete dieses Wissen, wie sie alles andere hortete, in der Gewissheit, es eines Tages zu ihrem Vorteil nutzen zu können. Und so geschah es denn auch, aber wie bei allen Dingen, welche mit den F’dor in Berührung kommen, war dieser Vorteil in Wahrheit keiner.