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Nach siebenhundert Jahren Krieg mit Gwylliam wandte sie sich an die einzige Macht, von der sie wusste, dass sie ihn besiegen konnte, die einzige Macht der Welt, die alt genug war, um Geheimnisse zu kennen, die selbst über ihre Gabe der Erinnerung hinausgingen. Sie wandte sich an den Dämon, und er bot ihr einen Handel an: Der F’dor würde ihren Herzenswunsch erfüllen und ihren Ehemann töten, der unsterblich war und den sonst nichts bedrohen konnte, und als Gegenleistung würde sie den Reinheitsdiamanten zerstören, den der Dämon noch mehr fürchtete als selbst die Tagessternfanfare.

Sie war töricht, denn sie glaubte, weil sie von zwei der uralten, mächtigen Rassen abstammte von den Seren und den Drachen, könne sie mit den F’dor verhandeln. Doch ihr Wissen über die Vergangenheit vermochte sie nicht zu beschützen; sie begriff nicht, dass der Dämon nicht einfach von einer älteren Rasse abstammte, sondern aus der Vorzeit kam, und dass er deshalb Dinge wusste, von denen sie nicht einmal träumen konnte.

Sie erklärte sich mit seinen Bedingungen einverstanden und zerstörte das Geschenk, das sicherlich eine unserer besten Waffen gegen die F’dor war. Als Gegenleistung tötete der F’dor Gwylliam, den letzten serenischen König, und gewann so den Krieg, den er auf der Insel, in der alten Welt, verloren hatte. Dann zerstörte er die Überreste des cymrischen Bündnisses, entledigte sich der Führer zweier cymrischer Geschlechter, zerbrach die Bande mit den Lirin und auch die der verschiedenen Lirin-Gruppen untereinander. Anwyn hatte Tür und Tor für die Entzweiung der Cymrer geöffnet. Vielleicht hatte Gwylliam den Krieg begonnen, aber Anwyn hat ihn für uns alle verloren.

Die nächsten Jahre verbrachte ich damit, den F’dor zu jagen. Anwyn weigerte sich, mir bei der Suche nach ihm zu helfen, denn ich hatte mich aus dem Krieg herausgehalten, weil ich nicht bereit gewesen war, eine Seite bei der Zerstörung der anderen zu unterstützen. Ich hatte auch den Lirin geraten, neutral zu bleiben, aber sie hatten mir kein Gehör geschenkt und waren Anwyn gefolgt was sie später zutiefst bereuten. Ich suchte den Dämon überall, aber er war zu schlau, er ließ sich nicht von mir aufspüren. Er hatte sich zurückgezogen und wartete auf einen günstigen Zeitpunkt, auf geeignete Bedingungen für seine Rückkehr. Nun, da sich wiederum ein Krieg zusammenbraut, da es von allen Seiten Grenzüberfälle gibt und der Rassenhass aufblüht, kann diese Zeit nicht mehr fern sein.«

Obgleich ein breiter Sonnenstrahl durch die Öffnung in der Kuppel auf Rhapsody fiel, fröstelte sie. Allmählich wurde ihr klar, was Oelendra von ihr erwartete. Seit der Diamant zerstört war, gab es nur noch eine Waffe, die genug Macht besaß, um den F’dor zu töten: das Schwert, das Rhapsody trug. Kein Wunder, dass Oelendra bereit war, sie in seiner Handhabung zu unterrichten.

»Sehr gut«, sagte Oelendra und steckte ihr Schwert in die Scheide. Rhapsody ging schwer atmend zu Boden. »Ihr macht Witze«, stieß sie keuchend hervor. »Nie zuvor in meinem Leben bin ich derart gedemütigt worden.« Zwar hatte sie nicht erwartet, sich gegen die Lirin-Kämpferin behaupten zu können, aber sie hatte doch gehofft, sich wenigstens eine Blamage zu ersparen. Oelendra lachte und streckte ihr die Hand entgegen, die Rhapsody ein paar Sekunden anstarrte, ehe sie zugriff.

»Ach, komm schon, du warst wunderbar.« Die ältere Frau half der müden Sängerin auf; sie selbst zeigte kaum Anzeichen von Anstrengung. Rhapsody aber fühlte sich vollkommen erledigt. Ihr Arm war taub, und die Finger schmerzten von den Schlägen, die ihre Stahlklinge zum Schwingen gebracht hatten. Beim ersten Zusammentreffen hatte sie die Tagessternfanfare nicht hergenommen, da Oelendra hatte sehen wollen, wie gut sie focht, wenn sie keinen derartigen Vorteil auf ihrer Seite hatte.

»Wenn ich in einem echten Kampf so ›wunderbar‹ gewesen wäre, würde mein Kopf jetzt irgendeinen Fahnenmast zieren.«

»Sei nicht so hart zu dir. Du hast dich gut geschlagen und dich vor allem nicht von mir zu unbedachten Angriffen verführen lassen und du hast deine Abwehr aufrechterhalten, obwohl du kaum mehr stehen konntest. Aber vor allem weißt du, wie man sich auf dem Boden bewegt und bist sehr gut beim Parieren und mit deinen Ausweichmanövern. Das ist das Schwerste, weißt du.«

»Aber so war es gar nicht.«

»Aber ja. Du hattest ein gutes Training.«

»Danke, das werde ich Grunthor sagen.«

»Ist das dein Bolg-Freund, von dem du mir auf dem Rückweg aus der Stadt erzählt hast?«

»Ja, er hat mir die Grundlagen des Schwertkampfs beigebracht.«

»Aha, das wundert mich nicht. Wie gesagt, ein guter Anfang, aber jetzt wirst du lernen, wie unser Volk zu kämpfen.«

»Glaubt Ihr, dass die Lirin-Art zu kämpfen besser ist als die der Firbolg?«, fragte Rhapsody zwischen zwei Atemzügen.

»Ja, zumindest für Lirin ist sie besser. Die Bolg sind groß, stark und ungeschickt, die Lirin aber sind klein, flink und schwach. Natürlich entspricht nicht jeder Einzelne genau diesen Kategorien, aber doch immerhin so sehr, dass der jeweilige Kampfstil sie widerspiegelt. Du verlässt dich beispielsweise viel zu sehr auf die Kraft und nicht genug auf deine Beweglichkeit und deine Schlauheit, dabei hast du nicht die Körpermasse, um zu kämpfen wie ein Untier nimm es mir nicht übel, dass ich das sage.«

»Ich nehme es Euch nicht übel«, entgegnete Rhapsody und hob die Waffe wieder auf.

»Womit fangen wir an?«

»Mit einem Schluck Wasser.« Oelendra nahm einen großen Schluck aus dem Trinkschlauch und reichte ihn dann an Rhapsody weiter. »Die erste Lektion ist, auf deinen Körper zu hören. Es gibt Situationen, in denen du ihn ignorieren musst, und du hast mir gezeigt, dass du bereits gelernt hast, wie du deine Grenzen überschreiten kannst.«

»Nun ja, das habe ich oft getan.« Auch Rhapsody trank einen großen Schluck vom Wasser.

»Das sieht man«, meinte Oelendra. Rhapsody studierte das Gesicht der Kriegerin nach Anzeichen dafür, dass sie sich lustig machte und ihre Bemerkung womöglich sarkastisch meinte, sah aber nur ehrliche Bewunderung. »Jetzt ist es Zeit zu lernen, auf deinen Körper zu hören, den Rhythmus zu spüren, in dem du dich bewegst, und dann den Rhythmus in deinem Gegenüber zu erkennen und deine Bewegungen den seinen anzupassen. Du bist bereits Sängerin, Rhapsody; nun machen wir dich zu einer Tänzerin.« Oelendra zog erneut ihr Schwert und kehrte zum Unterricht zurück.

An diesem Tag verbrachten sie viele Stunden mit einer Reihe grundlegender Angriffe, Verteidigungen und weiterer Bewegungen, bis Rhapsody das Ritual schließlich ohne Mühe bewältigte. Als die Sonne sank und die Wolken eine rosige Färbung annahmen, ging Rhapsody die einzelnen Schritte mit der Tagessternfanfare durch, und ihre Bewegungen erschienen ihr fließender denn je.

Als die das Schwert durch die kühle Luft schwang, nahmen die Flammen der Klinge die sanften Pastellfarben und Rotschattierungen des Himmels auf, und das silberne Heft schimmerte golden im verblassenden Sonnenlicht. Rhapsody spürte, wie sie sich immer mehr auf den Tanz einließ, und während ihr Arm den letzten Schwung vollzog, einen langsamen Schlag von oben, verspürte sie ein beruhigendes Gefühl von Gleichgewicht und Kraft. Mit dem Ende der Übung atmete sie tief ein und langsam wieder aus, ehe sie sich ihrer Lehrerin zuwandte. Oelendra stand mit verschränkten Armen vor ihr, ein leichtes Lächeln auf den Lippen.

»Ein guter Anfang«, sagte sie. »Jetzt komm mit mir.«

Gemessenen Schrittes verließ sie die Lichtung und ging einen Waldweg hinunter; Rhapsody steckte das Schwert in die Scheide und folgte ihr. Mit der hereinbrechenden Nacht wurde es merklich kälter, während sie unter einer Reihe von Bäumen entlanggingen, deren uralte Äste sich wie die gewölbte Decke einer Basilika über sie spannten. Die frischen Blätter filterten das Licht der untergehenden Sonne zu einem friedlichen Grün, gelegentlich durchbrochen von einem goldenen Schimmer. Sie gingen nun zügig ihres Weges, und Oelendra sprach kein Wort. Schließlich traten sie aus dem Wald heraus und gelangten zu einem kleinen kahlen Hügel. Um sie herum nahm der Himmel eine tief orangerote Färbung an, die Wolken bekamen scharlachrote Ränder.