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»Hat deine Mutter dir die Abendhymne beigebracht?«, fragte Oelendra, als sie auf den Hügel stiegen.

Die Frage und die damit wachgerufenen Erinnerungen trafen Rhapsody völlig unvorbereitet.

»Ja ... in meiner Kindheit. Die Abendhymne, die Morgenaubade und all die anderen Lobgesänge und Lieder der Liringlas ... Mein Vater hat sich immer ein bisschen darüber lustig gemacht und gemeint, meine Mutter wisse für jede Gelegenheit ein Lied.«

»Das stimmt wahrscheinlich sogar«, entgegnete Oelendra ernst. »Das war eben die Art unseres Volkes. Würde es dich stören, wenn ich heute bei der Abendhymne mitsinge?«

»Nein, natürlich nicht«, antwortete Rhapsody, ein wenig überrascht. »Wie ich Euch gestern schon gesagt habe, finde ich es wunderbar, mit jemandem zu singen, der die Lieder kennt.«

»Ich habe mich gestern Abend zum ersten Mal nach langer Zeit wieder daran erinnert«, sagte Oelendra und blieb auf dem runden Gipfel des Hügels stehen, wo die rote Sonne den Wald im Westen mit den Farben von Feuer und Blut berührte. »Ich hatte sie verloren, als ich hierher kam. Du hast sie mir zurückgebracht, Rhapsody. Wahrscheinlich bist du die Einzige auf der ganzen Welt, die versteht, was es für mich bedeutet hat, diese Lieder zu verlieren und dann zurückzubekommen.« Rhapsody blinzelte und lächelte dann, während die alte Kriegerin sich abwandte und den Horizont betrachtete. »Es ist Zeit. Du solltest die Tagessternfanfare aus der Scheide ziehen und sie während des Lieds halten. Schließlich ist das Schwert nicht nur mit dem Feuer, sondern auch mit den Sternen verbunden, und seine Macht wächst, wenn das Sternenlicht auf es fällt.«

Rhapsody gehorchte und bemerkte, dass das Feuer des Schwerts jetzt genau der Farbe des Himmels entsprach. Sie schloss die Augen, spürte die Präsenz der Waffe und wurde sich ihrer wachsenden Macht gewahr. Das Gefühl prickelte und strömte durch ihre Hände in ihr ganzes Wesen, als erwachte die Tagessternfanfare und erweckte dabei auch einen Teil ihrer selbst. Dann hörte sie, wie Oelendra die Abendhymne anstimmte. Alter und Kummer hatten ihrer Stimme zugesetzt, aber es lag ein Mitgefühl darin, das Rhapsody zutiefst rührte. Es war die Stimme einer Großmutter, die einem geliebten Enkelkind etwas vorsingt, oder die einer Witwe, die sich ganz in das Klagelied für ihren im Kampf gefallenen Mann vertieft. Eine seltsame, traurige Stimme, zu der Rhapsody behutsam ihre eigene gesellte. Während sie sangen, verschwand die Sonne hinter den Hügeln im Westen, und der Himmel wurde erst orange, dann feuerrot und schließlich dunkelblau. Über dem westlichen Horizont war ein Glitzern zu sehen. Die Sonne versank, und die Flammen der Tagessternfanfare, die bisher die Farben der Sonne nachgeahmt hatten, wurden silberweiß. Wie als Antwort stimmte Oelendra ein neues Lied an, eines, das Rhapsody wohl vertraut war. Es war die Hymne an den Stern Seren, der nach dem Glauben der alten Lirin über ihre Heimat wachte, über die Insel, die es nicht mehr gab. Rhapsody wollte mitsingen, aber ihre Stimme versagte; Seren war der Stern, unter dem sie geboren war, der Stern, den sie damals, als Ashe ihr zugehört hatte, Aria genannt hatte. So klar, als wären die Erinnerungen Gegenwart, vernahm sie die Stimme ihrer Mutter, die sie das Lied ihres Leitsterns lehrte. In ihren Augen standen verbotene Tränen, und Rhapsodys Gesicht wurde heiß bei dem Versuch, sie zurückzuhalten.

Unwillkommene Bilder aus der Vergangenheit, Erinnerungen, die sie unterdrückt hatte, überfluteten sie; Bilder, wie sie Barney und Dee zum letzten Mal im Federhut getroffen hatte, Bilder von Pilam, dem Bäcker, und von anderen Stadtbewohnern aus der alten Zeit. Sie dachte an die Kinder, für die sie am Brunnen auf dem Marktplatz gespielt hatte, Analise und Carli und Ali und Meridion, der immer wieder um das gleiche Lied gebettelt hatte. Die Flut der Erinnerungen überschlug sich, Gedanken an Kindheitsfreunde, die seit tausend Jahren tot waren, Bilder ihrer Brüder, ihres Vaters, ihrer Mutter ... Als das Gesicht ihrer Mutter auftauchte, blickte sie empor und sah Oelendra, die zum Himmel sang, das runzlige Gesicht silbern schimmernd im Licht der Sterne.

Es war zu viel des Glücks. Sie verlor den Kampf gegen die Tränen, die ihr übers Gesicht strömten, und begann am ganzen Körper zu zittern. Achmeds Befehl an sie ertrank in der Woge des Kummers, den sie schon so lange zurückhielt, hinter dem Damm, den seine harten Worte in jener ersten Nacht an der Wurzel in ihrer Seele errichtet hatten. Diese Barriere hatte standgehalten, als sie all ihre Lieben verloren hatte, als die Welt, die sie gekannt hatte, untergegangen war, als das Leben geendet hatte, dem sie in jener Nacht entrissen worden war. Rhapsody beugte sich vor und schlang die Arme um ihren Bauch in dem Versuch, die Tränen mit ihrer üblichen Methode zu vertreiben, aber diesmal hatte sie keinen Erfolg. So sank sie, heftig schluchzend, zu Boden.

Dunkelheit verschluckte den Hang des Hügels, als sie spürte, wie eine Hand ihre Schulter berührte. Sanfte Worte erklangen an ihrem Ohr, aber sie hörte sie nicht. Schließlich blickte sie in Oelendras Gesicht, und die Kriegerin wiederholte, was sie gesagt hatte.

»Ich weiß.«

Da brachen Tränen aus einer noch tieferen Quelle des Kummers hervor. Oelendra nahm Rhapsody in die Arme und drückte den Kopf der jungen Sängerin an ihre Schulter. Die Worte kamen stoßweise aus Rhapsodys Mund, Worte, die niemand verstehen konnte außer sie selbst. Langsam wiegte Oelendra sie hin und her und streichelte über das goldene Haar, das im Sternenlicht schimmerte.

»Lass es raus, mein Schatz, lass es einfach raus. Siehst du hier fangen wir an.«

So verbrachten sie die Nacht, Rhapsody geborgen in Oelendras Armen. Manchmal wurde sie still, nur um abermals so heftig zu weinen, dass sie zu sterben glaubte. Die ganze Zeit murmelte Oelendra tröstende Worte, die nicht dazu gedacht waren, die Trauer zu beenden, sondern sie ermutigten, ihre Gefühle zuzulassen, und ihr den Weg durch sie hindurch er leichterten ganz ähnlich, wie man versucht, die Schmerzen der Geburt zu lindern. Der Morgen fand sie noch immer auf dem Hügel. Rhapsody erwachte am leisen Gesang ihrer Mentorin, die das Aufgehen des Tagessterns und der Sonne mit dem alten Lied ihres Volkes begrüßte. Obwohl ihr Kopf vom vielen Weinen noch ganz benommen war und ihre Stimme immer wieder brach, stimmte Rhapsody mit ein. Ihre Hand zitterte, als sie das Schwert aus seiner schwarzen Elfenbeinscheide zog und es unter die Himmelskörper hielt, die jetzt aufstiegen; seine Flammen reflektierten sanfte Blau, Rosa und Goldtöne, während die Sonne über den Horizont kletterte.

Schließlich stand die Sonne klar am Himmel, und der Abendstern war in ihrem Licht unsichtbar geworden. Oelendra erhob sich und half auch Rhapsody auf die Beine. Sie kehrten zu Oelendras Haus zurück, und Rhapsody machte es sich auf den Kissen am Boden bequem, mit der Tasse Tee, die Oelendra ihr behutsam in die Hand drückte. Beim Frühstück tauschten sie Erinnerungen an die alte Welt aus, sprachen liebevoll von den Menschen und Dingen, die sie vermissten und von denen sie wussten, dass sie sie nie wieder sehen würden. Heilendes Lachen erklang, ein paar Tränen wurden vergossen, aber vor allen Dingen redeten sie. Als Rhapsody sich irgendwann besser fühlte, warf Oelendra ihr einen verständnisvollen Blick zu.

»Du hast deinen Verlust bis jetzt niemals richtig betrauert, nicht wahr?«

Rhapsody trank ihren Tee aus. »Nein.«

»Darf ich fragen, warum?«

»Es ist mir verboten worden.«

»Von wem?«

Rhapsody lächelte. »Vom Anführer unserer Expedition. Von meinem Herrn, sollte ich wahrscheinlich sagen. Von jemandem, den ich damals hasste, zu dem ich aber inzwischen vollstes Vertrauen gefasst habe. Er ist einer meiner liebsten Freunde geworden.«