»Warum hat er dir verboten zu weinen?«
Rhapsody überlegte einen Moment. »Ich bin mir nicht ganz sicher; ich glaube, es tut seinen Ohren weh. Er reagiert sehr empfindsam auf Schwingungen, das könnte es zumindest teilweise erklären. Jedenfalls war seine Anweisung klipp und klar. Ich sollte nie mehr weinen.«
»Eine höchst unkluge Anordnung. Rhapsody, die Regeln, die ich dir als deine Mentorin zum Gebrauch der Tagessternfanfare beibringe, sind für dich überlebenswichtig, aber das Leben selbst ist mehr als simples Überleben. Das sage ich dir als Freundin und als eine, die verloren hat, was auch du verloren hast, und die deshalb versteht, was es dich gekostet hat. Die erste Regel war, dass du auf deinen Körper hören sollst, die zweite lautet: Du sollst deinem Herzen folgen.
Du hast eine wirklich bemerkenswerte Zähigkeit bewiesen, obgleich dein Körper genau wie dein Herz nach Ruhe und Erneuerung verlangt hat. Nimm dir die Zeit, besser für dich zu sorgen, nicht nur für deinen Körper, sondern auch für deine Seele. Sei traurig, wenn dir danach ist. Sonst wird es dich irgendwann zerstören, wenn du so viel Leid mit dir herumträgst, gerade so, als würdest du in schlechter körperlicher Verfassung in den Kampf ziehen. Kümmere dich um dich selbst. Wenn du es nicht tust, dann wirst du niemals in der Lage sein, dich um jemand anderen zu kümmern.«
Rhapsody lächelte. »Ja, das werde ich tun. Danke, Oelendra, danke für alles, was Ihr für mich getan habt. Wenn Ihr bereit seid, möchte ich jetzt gern wieder an die Arbeit gehen.« Rasch wusch sie ihren Becher in der Wassertonne aus, trat ans Waffengestell und gürtete sich unter den lächelnden Blicken ihrer Mentorin das Schwert um.
23
Stahl traf klirrend auf Stahl, während die beiden Liringlas-Frauen im Hof von Oelendras Garten ihre Kräfte maßen. Einen Schlag nach dem anderen vollführte Rhapsody, einen Schlag nach dem anderen parierte Oelendra. Hin und wieder holte die Lirin-Kriegerin mit der flachen Klinge aus und versetzte Rhapsody einen Hieb gegen die Wade oder auch einmal gegen die Flanke, aber die meisten Angriffe auf lebenswichtige Körperteile wurden von der Sängerin erfolgreich abgewehrt oder mit einem geschickten Ausweichmanöver pariert. In Gedanken konnte sie fast hören, wie Grunthor sie anbrüllte.
SCHLAG ENDLICH ZU! Gebrauch dein hübsches Köpfen. Pass auf, sonst reiß ich es dir noch ab und steck es auf meine Streitaxt!
Rhapsody umfasste das Heft der Tagessternfanfare mit beiden Händen und drängte nach vorn. Mit aller Kraft ließ sie ihr Schwert auf die Kriegerin niedersausen. Doch Oelendra parierte den Angriff mühelos mit der linken Hand. Dann stieß sie mit der rechten Faust zu und landete einen Treffer auf Rhapsodys Kinn. Die Welt verschwand für einen Augenblick in einem weißen Blitz.
Sie stolperte, taumelte drei Schritte zurück und stürzte. War sie von Grunthor schon einmal härter geschlagen worden? Mühsam blinzelte sie die Flecken weg, die vor ihren Augen tanzten, während sie flach am Boden lag, unsicher, wo und sogar wer sie war. Über ihr erschien ein von Sonne und Wind gegerbtes Gesicht.
»Du bist kein Bolg, Rhapsody«, sagte Oelendra, über ihre Schülerin gebeugt. »Wenn du versuchst, wie einer zu kämpfen, kann es dein Tod sein. Ich habe dir schon gesagt, dass deine Stärke nicht in deiner Körperkraft liegt; du solltest sie deshalb nicht auf diese Weise einsetzen. Wenn du Kraft brauchst, kannst du sie dir aus dem Schwert holen, aber auch darauf solltest du dich keinesfalls verlassen. Wenn du zulässt, dass das Schwert dich handhabt statt umgekehrt, wirst du als Iliachenva’ar nicht lange leben! Ist alles so weit in Ordnung mit dir?«
»Ja«, antwortete Rhapsody, deren blutige Lippe rasch anschwoll. »Mir ist nur ein wenig schwindlig.«
»Gut, dann machen wir eine kleine Pause, ehe wir es das nächste Mal versuchen.«
»Nein, das ist nicht nötig.« Vorsichtig berührte Rhapsody ihr ramponiertes Kinn, während sie sich aufrappelte. Sie ging in die Ausgangsposition, und der Zweikampf begann von neuem. Dieses Mal waren ihre Bewegungen überlegter, und am Ende der Runde nickte Oelendra anerkennend.
Endlich spürte Rhapsody den Rhythmus in ihrem Blut, und sie landete immer mehr Treffer, trieb ihre Lehrerin in die Enge und brachte sie gelegentlich sogar aus dem Gleichgewicht. Rhapsody atmete tief, konzentrierte sich auf die Musik in ihrem Körper und darauf, wie sie zu dem Dunst aus Schwingungen passte, der nichts anderes war als ihre Gegnerin und Freundin. Mit fast geschlossenen Augen wartete sie den Moment ab, in dem Oelendras Hand sich mit gezücktem Schwert erhob, schlug ihre Lehrerin in die Seite und ließ blitzschnell einen Hieb auf ihr Handgelenk niedersausen. Erschrocken riss sie die Augen auf, als sie Oelendras Schwert klirrend aufs Kopfsteinpflaster fallen hörte.
Doch Oelendra war unverletzt und lächelte breit; so erfreut hatte Rhapsody ihre Mentorin überhaupt noch nie gesehen. Die Kriegerin streckte die Hand aus und gratulierte ihrer Schülerin.
»Gute Arbeit. Jetzt ist Schluss mit der Spielerei, jetzt wird es ernst.«
Entsetzt starrte Rhapsody sie an. »Das war nur Spielerei?«
Das Lächeln erlosch auf Oelendras Gesicht. »Ja, ich fürchte schon, Liebes. Angesichts dessen, was dir bevorsteht, hält dich das, was du soeben vollbracht hast, vielleicht gerade lange genug am Leben, dass du mit ansehen kannst, wie dein Feind dich tötet.«
»Na wunderbar.«
»Nun, das ist doch ein Fortschritt. Bisher hättest du nicht einmal gewusst, wie dir geschieht.«
Rhapsody verzog das Gesicht. »Und das haltet Ihr tatsächlich für einen Fortschritt? Kein Wunder, dass man Euch für verrückt hält, Oelendra.«
Lachend legte die Kriegerin den Arm um sie, und zusammen gingen sie zurück ins Haus. Bald kehrte eine wohltuende Regelmäßigkeit in Rhapsodys Tagesablauf ein. Jeden Morgen nach den Gebeten meditierte sie, machte ihren Kopf frei von Gedanken und versuchte, den Rhythmus ihres Körpers und der Welt um sie herum zu spüren. War dies bewältigt, ließ Oelendra sie die Schwertübungen durchführen und die Bewegungen langsam und sorgfältig einüben, auf dass sie ihr zur zweiten Natur werden würden. Danach folgte ein gestellter Zweikampf, den Oelendra immer wieder unterbrach, um auf Fehler oder auch auf Fortschritte hinzuweisen.
Die Nachmittage verbrachten sie mit Wanderungen im Wald oder Spaziergängen durch die Stadt, unterhielten sich über die Geschichte der neuen Welt oder tauschten sich über persönliche Erlebnisse aus; so lernten sie sich immer besser kennen. Rhapsody spürte, dass sie in Oelendra eine verwandte Seele gefunden hatte, eine Frau, die noch besser als sie selbst verstand, woher sie stammte. Auch wenn sie einige Einzelheiten ihrer Unternehmungen und alles, was sie über Ashe wusste, für sich behielt, vertraute sie der Lirin-Kämpferin ihre Ängste und Träume an, was sie bisher bei niemandem getan hatte. Oelendra war eine wunderbare Zuhörerin; Fragen beantwortete sie ganz offen und steuerte auch immer wieder etwas aus ihrem eigenen Herzen und ihrer eigenen Vergangenheit mit bei. Für Rhapsodys seelische Entwicklung waren diese Stunden ebenso wichtig wie die körperlichen Übungen für ihre Fähigkeiten als Schwertträgerin. Die Abende waren mentalen Übungen vorbehalten, die Rhapsodys Verbindung mit dem Schwert und ihre natürlichen Talente festigen sollten.
»Als Sängerin weißt du ja bereits, dass die Welt aus Schwingungen besteht, Wellen von Farbe, Licht und Tönen«, erklärte Oelendra eines Abends nicht lange nach Rhapsodys Ankunft, als sie ins Haus traten. »Die Welt ist ständig voller Bewegung, was die meisten Leute gar nicht merken, aber durch diese Bewegung, durch diese Schwingungen, kannst du die Welt mit Hilfe von Musik beeinflussen. Dies trifft auch auf den Einsatz der Tagessternfanfare zu. Wenn du dich sammelst und dich auf die Muster konzentrierst, die du als Benennerin bereits siehst, dann kannst du Schwachstellen in der Rüstung deines Gegenübers ebenso erkennen wie Verletzungen oder Schwachpunkte. Sobald du im Kampf mehr Erfahrungen mit dieser Art Konzentration gewonnen hast, werde ich ein paar Lirin-Soldaten bitten, gegen dich anzutreten, vor allem solche, deren Technik noch nicht ganz ausgereift ist. So bekommst du Übung darin, im Kampf die Schwächen deines Gegners ausfindig zu machen.«