Выбрать главу

Rhapsody machte ein verblüfftes Gesicht. »Machen wir das nicht jetzt schon?«

Oelendra lächelte. »Kannst du es mit verbundenen Augen?«

»Oh.«

»Anfangs werde ich dafür sorgen, dass sie vorsichtig mit dir umgehen.«

»Das ist wirklich nicht nötig«, meinte Rhapsody mit einem Lächeln. »Meine Bolg-Freunde sind nie vorsichtig mit mir umgegangen, und ich neige zu der Auffassung, dass es auch meine Feinde nicht tun werden, deshalb könnt Ihr sie ruhig auf mich loslassen, ohne dass sie sich zurückhalten. Wenn ich überlebe, ist das umso besser für mich.«

Oelendra erwiderte das Lächeln. Rhapsodys bodenständige Natur und ihre schlichte Ehrlichkeit erinnerten die Kriegerin an sich selbst in jüngeren Jahren. Allerdings hatte die junge Sängerin eine andere Einstellung, als sie sie gehabt hatte. Da sie unter Menschen aufgewachsen war, ging ihr wahrscheinlich die gewöhnliche Reserviertheit der Lirin ab, und stattdessen stürzte sie sich mit einem Eifer ins Leben, der Oelendras Herz wegen seiner Unbesonnenheit zuweilen regelrecht rührte.

In Rhapsody lebte ein starker Wunsch, die Freude zu feiern, die sie überall um sich herum wahrnahm, ein beharrlicher Glaube an das Gute, selbst in Situationen, in denen Oelendra nichts davon entdecken konnte. Alter und Erfahrung hatten sie gelehrt, dass man mit einer solchen Weltanschauung verletzlich wurde, aber es inspirierte sie, Rhapsody zuzusehen, und es war aufregend dazuzugehören. Sie hoffte, dass Rhapsodys Bedürfnis, hell zu brennen, mehr ihrer Verbindung zu den Sternen und ihrem unermüdlichen, stetigen Licht entsprang und nicht so sehr der kurzlebigen Pracht des Feuers, mit dem sie ebenfalls verbunden war und das leidenschaftlich aufzulodern pflegte, aber dann, wenn sein Brennmaterial verbraucht war, schnell in sich zusammenfiel.

Der Mangel an Vorsicht, der in fast jeder von Rhapsodys Handlungen erkennbar war, bezog sich jedoch nicht auf ihre Herzensverpflichtung, denn diese bewahrte sie gewissenhaft und äußerst wachsam. Oelendra hatte bemerkt, dass sie die jungen Lirin-Männer zwar anlächelte, die ihr auf den Straßen Blumen schenkten oder kleine Geschenke auf Oelendras Schwelle hinterließen, aber nie auf ihre Einladungen einging, sich mit ihnen im Wald zu treffen oder im Mondlicht spazieren zu gehen.

Wenn ein Mann den Mut aufbrachte, Rhapsody direkt zu fragen, richtete sie es entweder so ein, dass er sich zum Essen zu beiden Frauen gesellte wohl wissend, wie einschüchternd es war, mit der berühmten Lirin-Kämpferin zu speisen, oder sie lehnte mit der Begründung ab, dass sie lernen müsse und deshalb keine Zeit habe. Oelendra respektierte ihre Privatsphäre, wunderte sich aber dennoch. Sie war klug genug zu wissen, dass sie Rhapsodys Körper, aber nicht ihren Geist schulen konnte. Ryle hira, dachte sie. Das Leben ist, was es ist, ein alter Lirin-Spruch. Sie konnte nur ihren Teil beisteuern und auf das Beste hoffen.

Eines Abends saßen sie vor einem munteren Feuer an Oelendras Kamin und tranken in Ruhe einen Becher dol mwl. Oelendra starrte in die Flammen, während ihre Gedanken auf alten Pfaden einherwanderten. Rhapsody schwebte näher in der Gegenwart, in der Welt, in der sie sich jetzt zurechtfinden musste. »Oelendra?« »Hmmm?«

»Wie können wir den F’dor finden? Wenn Ihr die ganze Zeit über erfolglos geblieben seid, bedeutet das womöglich, dass man ihn überhaupt nicht aufspüren kann? Dass wir warten müssen, bis er wieder zuschlägt, und darauf reagieren?«

Oelendra stellte ihren Becher weg und betrachtete die Sängerin nachdenklich. »Ich wollte, ich wüsste darauf eine Antwort«, sagte sie schließlich. »Jedenfalls wäre es ein großes Unglück, und der F’dor hätte alle Vorteile auf seiner Seite.

Ich habe jahrhundertelang über Methoden nachgedacht, wie man ihn finden könnte, und ich hatte gehofft, die Cymrer wären weit früher wieder vereint. Seit langer, langer Zeit arbeitet Llauron schon auf dieses Ziel hin. In diesem Volk ruht eine große Kraft, und all diejenigen, die sich noch an den serenischen Krieg erinnern, wären gewiss begierig, ihre Fähigkeiten auf die Zerstörung des F’dor zu konzentrieren, wenn man sie davon überzeugen könnte, dass er existiert. Dafür wären jedoch neue, klügere Anführer vonnöten, als wir sie in Anwyn und Gwylliam hatten.

Solange die Cymrer nicht wieder vereint sind, könnte die Krone der Lirin nützlich sein, um den Dämon zu finden wenn es nur einen Monarchen gäbe, der sie trüge. Leider ist die größte Macht des Reinheitsdiamanten die Fähigkeit, den Dämon aufzuspüren und in sich gefangen zu halten nun für immer vernichtet. Genau das war ja der Grund, warum der F’dor nach seiner Zerstörung trachtete.

Als ich im alten Land die Iliachenva’ar war, konnte ich durch die Flammen der Tagessternfanfare manchmal verborgene böse Dinge sehen. Deine Verbindung mit dem Feuer verleiht dir vielleicht eine ähnliche Fähigkeit, wie ich sie nun leider nicht mehr habe vor allem, weil der F’dor ebenfalls mit dem Feuer verbunden ist. Vielleicht erscheinen auch die Drei doch noch, wie es einst prophezeit wurde, obwohl ich die Hoffnung darauf fast aufgegeben habe. Ansonsten wäre die einzige Möglichkeit, die mir noch einfällt, diejenige, dass wir irgendwo auf der Welt einem Dhrakier begegnen; sie haben als einzige von Natur aus die Fähigkeit, den F’dor aufzuspüren.«

Rhapsody machte den Mund auf, um nach den Drei zu fragen, aber nach Oelendras letzter Bemerkung verbiss sie es sich lieber. Sie erinnerte sich, wann sie zum ersten Mal von den Dhrakiern gehört hatte, nämlich in der Finsternis der Wurzel, in jener Nacht, als ihr zum ersten Mal bewusst geworden war, dass Achmed etwas anderes sein könnte als nur ein Hindernis.

Du dachtest wohl, das einzige Halbblut auf der Welt zu sein.

Grunthor ist zur Hälfte Bengard.

Und du?

Ich bin ein halber Dhrakier. Wir sind also alle drei Mischlinge.

»Könnt Ihr mir etwas über die Dhrakier erzählen, Oelendra?«

Oelendra stand auf und warf noch ein Stück Holz aufs Feuer. »Die Dhrakier waren eine der älteren Rassen, älter als alle außer den Erstgeborenen, und sie waren die uralten Feinde der F’dor. Der Hass, den sie als Volk den Dämonengeistern entgegenbrachten, war immens tief, und sie begaben sich schon in uralten Zeiten auf einen Kreuzzug, um die Welt von ihnen zu befreien.

Die Dhrakier waren zwar in vielerlei Weise menschlich, aber in mancher Hinsicht ähnelten sie den Insekten; sie lebten in tiefen Höhlen in der Erde vielleicht tun das manche noch immer. Angeblich waren sie sehr flink, sehr behände, und konnten die Welt in den Schattierungen ihrer Schwingungen sehen, wie auch du es gelernt hast. Ich bin mir nicht ganz sicher, aber ich glaube, auf diese Weise konnten sie auch die F’dor wahrnehmen. Sie hatten eine natürliche Gabe, sie zu überlisten, sie auf eine gewisse Art zu binden.

Durch die seltsamen Muster seines eigenen natürlichen Rhythmus kann ein Dhrakier einen F’dor in Bann schlagen und ihn, während das Ritual in Kraft ist, daran hindern, aus seinem Wirt zu entfliehen. Theoretisch könnte ein Dhrakier uns helfen, den Dämon aufzuspüren und ihn in seinem Wirtskörper festzuhalten, während ein anderer diesen töten würde. Ich habe lange Zeit gehofft, einem Dhrakier zu begegnen, aber natürlich war es mir nie vergönnt.«

Rhapsody dachte daran zurück, wie sie Achmed unabsichtlich in den Straßen von Ostend neu benannt hatte. »Kanntet Ihr den Bruder?«

»Den Bruder?« Oelendra warf ihr einen merkwürdigen Blick zu. »Nun, diesen Namen habe ich sehr lange nicht mehr gehört. Nein, ich habe den Bruder nicht gekannt. Wieso fragst du nach ihm?«

Rhapsody zögerte einen Moment. »Jemand hat den Namen einmal erwähnt, und ich habe überlegt, was er wohl bedeutet.«

»Der Bruder war der größte Mörder, den die Welt jemals gekannt hat, wenn die Geschichten wahr sind. Er ist Halb-Dhrakier, und man sagt, er wurde als Erster seiner Rasse auf Serendair geboren und ging dadurch eine Verbindung zu diesem Land ein, die seine naturgegebene Empfindlichkeit für Schwingungen verstärkte. Die Dhrakier sind allesamt sehr empfindsam für Schwingungen, aber teilweise auf Grund seines Körpers und teilweise wegen seines Status als Ältestem war seine Begabung größer als die aller anderen. Noch mehr: Er besaß eine Verbindung zum Blut, wie du eine zum Feuer hast. Zusammen genommen machten diese Fähigkeiten ihn zu einem tödlichen Feind.