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Es hieß, er könne den Herzschlag eines von ihm ausersehenen Opfers überall im Land hören und seinen eigenen daran heften; ich denke, das war einer der Gründe für seinen Namen. War das erst geschehen, gab es auf der ganzen Insel kein Versteck mehr, in dem sein Opfer sich vor ihm verbergen konnte. Und seine Fähigkeit beschränkte sich nicht nur auf Suchen und Finden, sondern erstreckte sich vor allem auch aufs Töten. Er kannte mehr Methoden, jemanden umzubringen, als jeder andere, aber am gefährlichsten waren seine Schnelligkeit und seine Genauigkeit. Die meisten Gegner erschlug er, ehe sie Zeit fanden, das Schwert gegen ihn blank zu ziehen, und das auch nur, falls sie das Glück hatten, ihn herannahen zu sehen. Denn der Bruder brauchte sein Opfer nicht zu sehen; mit seiner Schwingungswahrnehmung musste er es nur in den Einflussbereich seiner Waffe bringen und diese abfeuern und die Cwellan, die Waffe seiner Wahl, hatte eine erstaunliche Reichweite.«

»Ungefähr eine Viertelmeile«, meinte Rhapsody gedankenverloren.

»Das weiß ich nicht«, erwiderte Oelendra, und Rhapsody blickte ihr ins Gesicht, denn sie merkte plötzlich, dass die Lirin-Frau sie unverwandt anstarrte.

»Entschuldigung; bitte erzählt weiter.«

Oelendra warf ihr noch einen langen, nachdenklichen Blick zu, dann fuhr sie fort. »Er handelte stets unabhängig, neutral gegenüber allen Angelegenheiten, niemals als Diener eines einzelnen Herrn. Und er übernahm nur die Aufträge, die ihn interessierten und für die er gut bezahlt wurde.

Doch irgendwann veränderte sich all das. Wir vermochten es nie genau zu sagen, aber in den Anfangstagen des serenischen Krieges schien es, als diente er den Feinden des Königs. Nun erfüllte er Aufträge, die nicht nur als gewöhnliche Meuchelmorde anzusehen waren; einige unserer Führer und Verbündeten kamen durch die tödlichen Scheiben seiner Cwellan ums Leben.

Das kam uns sonderbar vor, denn wie ich dir erzählt habe, sind die Dhrakier seit jeher Feinde der F’dor. Es war erstaunlich genug, dass der Bruder in einem politischen Streit Stellung bezogen hatte, aber dass er den F’dor oder auch nur ihren Verbündeten diente, schien vollkommen gegen die natürliche Ordnung der Dinge zu laufen. Dann verschwand er eines Tages und ward nie mehr gesehen. Das Rätsel blieb ungelöst.«

Rhapsody nickte, schwieg jedoch, drehte sich ein Stück vom Feuer weg und hoffte, dass Oelendra sie nicht mit Fragen bedrängen würde. Was die Lirin-Frau auch nicht tat. Eine Weile betrachtete sie Rhapsody aufmerksam, aber schließlich wandte sie ihren Blick wieder zum Feuer und starrte stumm in die Flammen.

In dieser Nacht wurde sie wie schon seit Wochen im Traum von Ashes Gesicht heimgesucht. Als sie in der ersten Nacht in ihrem Albtraum laut aufgeschrien hatte, war Oelendra zu ihr geeilt und hatte sie aufrecht im Bett sitzend vorgefunden, fröstelnd unter all den schweren Felldecken, mit vor Schreck weit aufgerissenen Augen. »Ist alles in Ordnung, Liebes?«

Nach kurzem Nachdenken hatte Rhapsody genickt. »Es tut mir sehr Leid, Oelendra, aber ich fürchte, so etwas passiert mir häufig. Vielleicht sollte ich lieber im Garten schlafen.« Damit wollte sie auch schon aufstehen.

»Sei nicht albern«, hatte sie die ältere Frau beruhigt und sich auf der Bettkante niedergelassen. Sanft hatte sie der Sängerin übers Haar gestrichen. »Du kannst nichts dafür, dass du hellseherisch veranlagt bist. Das ist eigentlich ein nützliches Talent, jedenfalls wenn du dir deswegen nicht aus Schlafmangel die Gesundheit ruinierst.«

»Oder die meiner Freunde«, hatte Rhapsody entgegnet. »Kennt Ihr noch andere Leute, denen es ebenso ergeht?«

»Viele aus der Ersten Generation hatten eine hellseherische Gabe. Ich denke, das trug dazu bei, dass sie irgendwann wahnsinnig wurden.«

Rhapsody hatte geseufzt. »Ja, das kann ich mir gut vorstellen.«

»Lass dich nicht davon entmutigen, Rhapsody, und unterschätze nicht die Bedeutung dieser Gabe. Ein Traum kann unter Umständen eine Warnung oder ein Hinweis sein. Was ist schon ein bisschen weniger Schlaf, wenn es dein Leben rettet oder einen drohenden Krieg abwendet?«

Als Rhapsody jetzt nass und kalt vom Angstschweiß aufwachte, musste sie erneut an diese Worte denken. In ihrem Traum suchte Ashe sie unablässig, jagte ihr nach, wo auch immer sie hinging. Jedes Mal, wenn sie sich in Sicherheit glaubte, fand er sie doch wieder und folgte ihr von neuem. Schließlich fing er sie, und sie konnte sich nicht losreißen, während er sie heftig herumdrehte, ihren Kopf mit den Händen packte und drehte, sodass sie zum Himmel hinauf blickte. Dann nahm er ihre Schwerthand in seine, hob die Tagessternfanfare und zielte damit auf einen fernen Stern.

»Hiven vet.« Sag es. »Ewin vet.« Nenne seinen Namen.

Im Traum flüsterte sie den Namen des Sterns, doch beim Aufwachen hatte sie ihn vergessen. Mit einem lauten Dröhnen fuhr Sternenfeuer aus dem Himmel herab und traf eine Gestalt, die ein Stück entfernt stand, deren Körper sich in Qualen aufbäumte und in Flammen aufging. Vor Rhapsodys Augen wandte sich die brennende Gestalt langsam zu ihr um. Es war Llauron.

Wieder war sie erwacht, allein im Dunkeln, zitternd.

»Rhapsody, du konzentrierst dich nicht richtig.« Oelendras Stimme klang geduldig, hatte aber einen tadelnden Unterton. »Schön, dass es dir so leicht fällt, dir die vier Aspekte des Schwerts zunutze zu machen. Du hast eine natürliche Begabung dafür, die ich selbst nie gehabt habe. Dadurch kannst du leichter mit dem Schwert Verbindung aufnehmen; aber wenn du mit dem Feind kämpfen willst, der auf dich wartet, musst du in der Lage sein, dir all seine Möglichkeiten zunutze zu machen. Feuer reicht nicht aus, um den F’dor zu besiegen das ist sein eigenes Element. Du musst die Verbindung zu den ätherischen Eigenschaften der Tagessternfanfare herstellen. Du musst nach den Sternen greifen. Wenn du den Seren nicht kennst, dann wirst du sterben, wenn du dem F’dor gegenübertrittst. Jetzt versuche es noch einmal, und konzentrier dich dieses Mal.«

»Ich weiß, es tut mir Leid.« Rhapsody bemühte sich, ihre Gedanken zu klären und sich auf die Atmung zu besinnen. Sie hielt das Schwert vor sich, schloss die Augen und holte in Gedanken weit aus. Kurz darauf sah sie die Welt wie ein Gitter, Linien, die grob die Silhouette von Bäumen und Felsen bildeten. Oelendra erschien als eine funkelnde menschliche Gestalt. Sie summte ihre Namensnote, ela, und das Schwert schien seine Schwingung der Melodie anzupassen.

Sofort wurde alles klarer, und obwohl die Sonne hell strahlte, sah es aus, als funkelten die Sterne. Der Garten erschien auf dem imaginären Raster, alles in der richtigen Proportion und am richtigen Platz, bis auf den Bach, der durch die Wiese floss. Ihr fiel auf, dass sie nicht durch ihn hindurchsehen konnte. Er verursachte eine Störung, und sie überlegte, ob sie Ashe wohl auch auf diese Weise wahrnehmen würde. Doch diese Idee durchbrach ihre Konzentration, und ihre innere Sicht der Welt löste sich auf. Rhapsody seufzte tief auf und senkte das Schwert.

»Entschuldigt. Meine Gedanken schweifen ständig ab.« Oelendra setze sich auf eine Gartenbank und deutete neben sich. »Möchtest du mir davon erzählen?«

Einen Augenblick blieb Rhapsody still stehen, dann kam sie herüber und setzte sich neben Oelendra. »Wie kann man sicher wissen, ob man jemandem trauen darf oder nicht?«

»Gar nicht«, antwortete Oelendra. »Man muss die anderen als Individuen sehen, darauf hören, was sie zu sagen haben, und es mit dem vergleichen, was man selbst weiß. Im Zweifelsfall muss man sich zu jemandes Gunsten entscheiden, aber ein Stückchen Vertrauen in Reserve behalten, bis sich der Betreffende auf die eine oder andere Art beweist. Du bist mit außerordentlicher Weisheit gesegnet, Rhapsody. Schau in sein oder ihr Herz hinein und sieh, was du dort vorfindest.«