»Was, wenn man keine Zeit hat zu warten, bis sich jemand beweist? Was, wenn man nichts über die Person weiß? Was, wenn man nicht in ihr Herz schauen kann? Was, wenn man ihr Gesicht nicht sehen kann?«
Oelendra seufzte, und ihre Augen verschleierten sich, weil sie sich an etwas erinnerte. »Das ist eine sehr schwierige Situation, Rhapsody. Eigentlich habe ich so etwas nur ein einziges Mal erlebt. Ganz zu Anfang meiner Zeit als Iliachenva’ar begegnete ich einem Mann, der bereit zu sein schien, mir zu helfen, aber es waren sehr unruhige Zeiten, und ich war eine gejagte Frau. Er kam aus dem Nichts und bot mir seine Unterstützung an. Ich wusste nicht, ob ich ihm vertrauen konnte. F’dor sind Meister der Täuschung; in jenen Tagen gab es noch mehr von ihnen, und meine Feinde hatten zahllose Diener. So befand ich mich in einem großen Dilemma; wenn ich die falsche Entscheidung traf, bedeutete das, dass ich getötet werden und die Tagessternfanfare unseren Feinden in die Hände fallen würde. Einen solchen Schlag hätten meine Verbündeten womöglich nicht überlebt. Doch schließlich musste ich auf mein Herz vertrauen. Das ist alles, was uns am Ende wirklich bleibt.«
Rhapsody blickte sie niedergeschlagen an. »Das ist keine gute Nachricht. Mein Herz hat sich nicht als zuverlässig erwiesen.«
Doch Oelendra lächelte. »Wir alle machen Fehler. Ich denke, du solltest deinem Herzen vielleicht noch eine Gelegenheit geben. Ich kenne dich gut genug, um darauf zu vertrauen, dass du urteilen kannst.«
»Ihr solltet Euer Leben nicht auf irgendetwas setzen, was ich entscheide.«
»In gewisser Hinsicht habe ich das bereits getan«, entgegnete Oelendra und berührte das Gesicht der jungen Sängerin. »Und ich bin zuversichtlich, dass ich gewinnen werde.«
Rhapsody lächelte und schlug die Augen nieder. »Was ist am Ende mit diesem Mann geschehen?« »Ich habe ihn geheiratet«, antwortete Oelendra mit einem breiten Grinsen. »Sein Name war Pendaris, und in der kurzen Zeit, die wir gemeinsam verbrachten, liebten wir uns für ein ganzes Leben.«
»Was ist passiert?«, fragte Rhapsody.
»Er ist im serenischen Krieg gefallen; er erlebte den Exodus der Cymrer nicht mehr mit«, antwortete Oelendra. Ihr Lächeln wurde wehmütig. »Nicht lange nachdem wir geheiratet hatten, wurden wir von den F’dor und ihren Knechten gefangen genommen. Sie haben ihn zu Tode gefoltert.«
Behutsam berührte Rhapsody ihre Hand. »Das tut mir Leid, Oelendra.«
»Es war ein schrecklicher Krieg, Rhapsody, und du solltest dankbar sein, dass du ihn nicht miterleben musstest. Aber letztendlich konnten Pendaris und ich wenigstens eine Zeit lang miteinander verbringen, und das haben wir getan. Hätte ich ihm nicht vertraut, wäre ich wahrscheinlich nicht daran gestorben, aber ich hätte die glücklichsten Momente meines Lebens nie erlebt. Das ist etwas, was man immer bedenken sollte, wenn man vor einer Entscheidung steht den Preis dessen, was hätte sein können.«
Dorndreher hatte sich ein wenig verspätet, und das beunruhigte ihn. Er hasste es sowieso, nicht rechtzeitig zu einer Verabredung zu kommen, und er wusste, dass sein Herr es ganz und gar nicht schätzte, wenn er warten musste. Da Dorndreher ihn ziemlich gut kannte, fühlte er sich jetzt ausgesprochen unbehaglich.
Als er in Sichtweite des Treffpunkts kam, erkannte er denn auch sogleich, dass er erwartet wurde. Mitten auf der Straße stand das Ross seines Herrn, ein wunderschönes Tier, und darauf saß der Reiter, der Dorndreher grimmig entgegenblickte. Der Tag hatte mit einem Gewitter begonnen, das ihn bis auf die Haut durchnässt hatte. Nun schien alles noch schlimmer zu werden.
»Wo, zum Donner, bist du gewesen? Es ist schon fast dunkel.«
»Tut mir sehr Leid, Herr«, erwiderte Dorndreher heiter, in dem Versuch, den Ärger seines Meisters zu vertreiben. »Ich wollte ganz sichergehen, dass mir niemand gefolgt ist.«
»Nun, wie war dein Besuch?« Der schöne Hengst tänzelte unruhig auf dem Weg.
365
Dorndreher rutschte nervös im Sattel hin und her. »Es war, wie Ihr es vermutet hattet. Der Firbolg-Kriegsherr ist der Gleiche, den Ihr letztes Jahr gesehen habt, und sein Bolg-General war ebenfalls da. Das blonde Mädchen, das Ihr erwähntet, hat meiner Meinung nach den Beschreibungen aber nicht ganz entsprochen.«
»Wie meinst du das?«
Dorndreher sah beklommen drein. Im Allgemeinen hatte er keine Angst vor dem Zorn seines Herrn, und für gewöhnlich verlief die Unterhaltung zwischen ihnen recht locker. Heute jedoch machte ihn die geplante Übernahme von Canrif gereizter als sonst. Seine azurblauen Augen funkelten wild, seine Stimme klang harsch. Den Grund dafür glaubte Dorndreher erraten zu können.
»Nun, dieses Mädchen war noch keine zwanzig. Ein unscheinbares Gesicht, blasse Haut. Insgesamt nicht sehr bemerkenswert. Angesichts Eurer Erfahrung und Eurer Vorlieben würde ich vermuten, dass Ihr sie nicht sonderlich attraktiv finden würdet. Sie war gewiss keine eindrucksvolle Person.«
»Dann muss es noch eine andere geben«, sagte sein Meister und zog die Zügel an. »Bei der Frau, die ich gesehen habe, könnte man all diese Eigenschaften unmöglich übersehen.« Die in seinen schwarzen Kettenpanzer eingearbeiteten Silberringe blitzten auf.
»Ja, dann muss es wohl noch eine andere geben«, stimmte Dorndreher ihm zu.
»Und was ist mit Canrif?«
»Es ist noch erstaunlich gut erhalten, allerdings nicht restauriert, was natürlich kein Wunder ist. Bemerkenswert ist, dass die Bolg Gegenstände von bester Qualität herstellen und es sogar geschafft haben, aus den alten Reben einen Wein zu keltern.«
Sein Meister nickte. »Und ihre Streitkräfte?« »Fundiert und gut ausgebildet. Dafür ist sicher der Bolg-Kommandant verantwortlich. Er hat nicht viel gesagt, aber sein Markenzeichen wird klar an der Reaktion der verschiedenen Bolg-Wachen.«
»Haben sie die Schatzkammern gefunden? Die Bibliothek?«
»Zweifellos, ja.«
Anborn machte ein wütendes Gesicht. »Verdammt. Nun gut, Dorndreher, lass uns gehen. Nicht weit von hier gibt es eine Taverne mit anständigem Essen und vernünftigen Weibern. Wir müssen Pläne schmieden.« Dorndreher nickte, gab seinem Pferd die Sporen und versuchte, Anborn einzuholen, der die Straße entlanggaloppierte, in die nahende Dunkelheit hinein.
24
Oelendra lächelte in sich hinein, als ihre Schülerin einen soliden Treffer auf Urists Mitte landete, sich anmutig drehte und den Schlag parierte, den Syntianta auf ihren Rücken führen wollte. Sie beobachtete, wie Rhapsody herumwirbelte, um sich ihrem ersten Gegner noch einmal zu stellen, und das Schwert zurückzog, ehe ihr tödlicher Stich die Kehle des Lirin-Soldaten tatsächlich berührte. »Treffer!«, sagten sie wie aus einem Munde und brachen beide in lautes Gelächter aus. Doch Rhapsody hatte keine Zeit, den Augenblick zu genießen, denn jetzt stürmte Syntianta auf sie ein, das Schwert mit beiden Händen schwingend, eine Fertigkeit, für die sie berüchtigt war. Zu allem Überfluss waren Rhapsody die Augen verbunden. Dennoch schlug sie sich erstaunlich gut.
Oelendra entschied, dass sie ihre Sache viel zu gut machte. Leise näherte sie sich dem Wettkampf und hob einen Bauernspieß vom Boden auf. Sie wartete, bis Syntianta Rhapsody wieder richtig in den Kampf verwickelt hatte, schlich sich dann von der Seite an und zielte mit dem Stock auf Rhapsodys Knie, um sie zu Fall zu bringen.
Der Wirbel von Bewegungen, der nun folgte, war mit dem Auge kaum zu erfassen. Rhapsody drehte sich graziös und stieß dabei Urist zu Boden, sprang über den Stock und rollte sich aus der Gefahrenzone, wobei sie Syntianta so aus dem Gleichgewicht brachte, dass diese über Urist stolperte. Dann schlug sie Oelendra mit der Tagessternfanfare den Stock aus der Hand, sodass er hoch in die Bäume hinaufsauste.