»Bist du bereit?«, fragte Oelendra. Sie trug ihre übliche Lederrüstung, abgenutzt vom jahrelangen Gebrauch, und hatte ihren Umhang mit dem hohen Kragen dabei. Rhapsody blickte von ihrer Laute zum Fenster mit dem Eisengitter. Noch mindestens eine Stunde bis Tagesanbruch.
»Es ist noch dunkel draußen, Oelendra«, erwiderte sie, während ihre Finger weiter über die Saiten glitten.
»Ja, aber du bist wach oder tust zumindest recht erfolgreich so.«
Rhapsody lächelte sie an. »Ich bin fast fertig mit diesem Lied«, meinte sie, und ihre Augen kehrten zu dem Instrument zurück. »Noch vor Sonnenaufgang bin ich so weit. Dann stehe ich Euch augenblicklich zur Verfügung.«
»Sonderbar«, entgegnete Oelendra leise. »Ich habe geglaubt, du stündest mir ohnehin immer zur Verfügung.«
Bei dieser seltsamen Bemerkung schaute Rhapsody wieder auf. Oelendra musterte sie durchdringend. Als ihre Blicke sich trafen, lächelte sie, und Rhapsody erwiderte das Lächeln mit dem Gefühl, dass sie irgendetwas nicht mitbekommen hatte.
»Wenn ich dieses Lied aus dem Kopf habe, kann ich mich heute besser konzentrieren«, erklärte sie, während sie sich wieder ihrer Laute widmete.
»Wirklich?«, fragte Oelendra mit freundlicher Stimme.
»Ja«, antwortete Rhapsody und machte sich an einer verstimmten Saite zu schaffen. »Diese Laute ist eine strenge Zuchtmeisterin. Die ganze Zeit hat sie im Schlaf an mir gezerrt, deshalb bin ich so früh aufgestanden. Sie holt meine Konzentration ständig zu diesem Lied zurück und verlangt, dass ich es vollende. Ich glaube nicht, dass sie mich in Ruhe lassen wird, ehe ich damit fertig bin.«
»Welch ein lästiges Instrument. Nun, wenn das alles ist...« Unvermittelt streckte Oelendra die Hand aus und entriss Rhapsody die Laute. Als Rhapsody den Mund aufmachte, um zu protestieren, schleuderte Oelendra das Instrument gegen die Wand und warf es dann quer durch den Raum ins Feuer, wo es mit kreischenden Saiten zerbarst. Mit vor Entsetzen weit aufgerissenen Augen sah Rhapsody zu, wie das Holz Feuer fing.
»Nun denn«, meinte Oelendra leichthin, »das Problem hätten wir gelöst. Bist du jetzt bereit?«
Es dauerte einen Moment, ehe Rhapsody ihre Stimme wieder fand. »Ich kann nicht glauben, was Ihr soeben getan habt.«
»Ich warte.«
»Was, im Namen des Allgottes, ist nur in Euch gefahren?«, rief Rhapsody und deutete auf die Feuerstelle. »Dieses Instrument war unglaublich wertvoll, ein Geschenk von Elynsynos, uralt und voller Wissen. Und nun ist es ...«
»Nun hält es das Zimmer warm.«
»Findet Ihr das lustig?«
»Nein, Rhapsody, ich finde das nicht lustig.« Jede Spur von Höflichkeit war aus Oelendras Gebaren gewichen, und an ihre Stelle war eine kalte, zornige Entschlossenheit getreten. »Ich finde es nicht lustig, und ich glaube auch nicht, dass es ein Spiel ist, wie du anscheinend annimmst. Es ist so todernst, wie man es sich nur denken kann, und du solltest lieber anfangen, dich so zu benehmen, als wüsstest du das. Du bist die Iliachenva’ar. Du bist eine der Drei du hast eine Aufgabe zu erfüllen.«
»Aber das entschuldigt nicht, was Ihr getan habt! Ich habe außer dieser Aufgabe noch andere Pflichten. Ich bin auch Benennerin. Ich muss meinen Beruf ausüben, sonst verliere ich ihn.«
Rhapsody schluckte heftig in dem Versuch, die Wut im Schach zu halten, die hinter ihren Augen brannte.
Oelendra begann unruhig im Zimmer auf und ab zu gehen. »Vielleicht, aber so selten sie auch sein mögen, gibt es noch andere Benenner auf der Welt. Doch es gibt nur eine einzige Iliachenva’ar. Du hast eine enorme Verantwortung, der du gerecht werden musst. Deine sonstigen Interessen spielen keine Rolle.«
Rhapsody spürte, wie sich ihre Fäuste vor Wut ballten. »Wie bitte? Wollt Ihr mir jetzt vorschreiben, was ich bin? Ich kann mich nicht erinnern, dass ich mich freiwillig für diese Stellung angeboten habe.«
»Nein, du wurdest eingezogen«, entgegnete die LirinKämpferin barsch. »Jetzt steh auf.«
»Oelendra, was ist los mit Euch?«
Eine Waschschüssel und ein Krug landeten klirrend auf dem Boden, sodass die Scherben nur so durch die Gegend flogen. Als Nächstes schleuderte die Lirin-Kämpferin den Waschtisch selbst gegen die Wand.
»Ich kann das verdammte Ding nicht töten, das ist mit mir los!«, fauchte Oelendra. »Wenn ich es könnte, wäre es schon seit zehn Jahrhunderten nichts als Asche im Wind. Aber ich habe versagt; ich habe Fehler gemacht, und der Preis dafür war immens hoch. Du darfst es nicht wieder entfliehen lassen, Rhapsody. Dein Schicksal ist prophezeit worden, da kannst du die Achseln zucken, so viel du magst. Du wirst den F’dor töten oder bei dem Versuch sterben. Du hast keine andere Wahl. Meine Verantwortung ist es, dir die Möglichkeit zu geben, erfolgreich zu sein, und nun verschwendest du meine Zeit.«
Rhapsody klappte den Mund zu, der seit dem Beginn von Oelendras Tirade offen gestanden hatte. Sie versuchte, Worte zu finden, die ihre Lehrerin beruhigen würden, doch ihr wurde sofort klar, dass sie das nicht konnte. In Oelendras Augen stand mehr als Zorn, es war etwas Tieferes darin verborgen, das Rhapsody nicht ermessen konnte. Sie erinnerte sich an die Warnungen anderer vor Oelendras Wut und an ihren Ruf als strenge Lehrmeisterin. Sie konnte weiter nichts tun, als zu versuchen, ihr aus dem Weg zu gehen.
»Hör mir zu, Rhapsody. Ich habe vierundachtzig voll ausgebildete Krieger nach diesem Biest ausgeschickt, und keiner von ihnen, kein Einziger, ist jemals zurückgekehrt. Du hast mehr Talent, mehr Potenzial als irgendeiner von ihnen, aber dir mangelt es an Disziplin und Willenskraft. Dein Herz möchte die Welt retten, aber dein Körper ist träge. Du verstehst nicht die Tiefe des Bösen, das da draußen lauert und nur darauf wartet, dich zu vernichten. Und wenn du beim Gedanken an deinen eigenen Tod und die Verdammnis nicht zitterst, dann denke an die Menschen, die du liebst. Denk an deine Freunde, deine Schwester, an die Kinder, für die du sorgst. Hast du überhaupt eine Ahnung, was ihnen bevorsteht, wenn du versagst, wie ich versagt habe? Nein, das hast du nicht, denn sonst wärst du jetzt da draußen und würdest beten, dass du dieses Ding zu fassen kriegst und es mit deiner Klinge durchstößt, wieder und wieder und wieder um seinen Tod auf deiner Hand zu schmecken und die Freude der Rache für all die grässlichen Taten zu verspüren, die es in den Jahrtausenden seines Lebens vollbracht hat.«
Rhapsody wandte den Blick ab; sie konnte Oelendras Ausbruch nicht ertragen. Tief in ihrem Innern senkte sich Ruhe herab, das Gefühl des Friedens, das ihr drohende Gefahr signalisierte. Aber es war nicht Oelendra, die sie bedrohte, es war die Panik, die in ihrer Kehle aufstieg, wenn sie an die vor ihr liegende Aufgabe dachte.
»Weißt du überhaupt, was deiner Familie, deinen Freunden durch die Hände dieser Wesens zugestoßen ist? Weißt du, was mit Ostend geschehen ist, Rhapsody?«
»Nein«, flüsterte sie.
Oelendras Augen wurden wieder klar, als hätte die Stimme der Sängerin sie aufgeweckt.
»Dann sei dankbar, es war nämlich alles andere als schön«, meinte sie etwas ruhiger. »Du hast die Möglichkeit, dem ein Ende zu bereiten, Rhapsody, das Leid ein für allemal aus der Welt zu schaffen. Du besitzt von Natur aus eine Verbindung zu den Sternen und zum Feuer, und du hast die Unterstützung eines Dhrakiers. Du bist eine der Drei. Das Böse weiß, dass du hier bist. Es hat ebenso lange auf dich gewartet wie ich. Aber wenn du nicht bereit bist, wird es dich unerwartet überfallen, und angesichts dessen, was es dir und denen, die du liebst, antun wird, ist der Tod ein Segen. Und ich hätte ihm das Schwert schon vor langer Zeit einfach überlassen können.«
Rhapsody holte tief Luft und zwang sich erneut zur Ruhe. Unter Oelendras heftigem Ton lag eine Verzweiflung, die Rhapsody rührte und deren Widerhall sie in sich spürte. Es war der Klang unaussprechlicher Qual, einer Qual, die sie selbst erfahren hatte, als sie in dieses Land gekommen war. Ohne Zweifel war die alte Kriegerin weit weniger mit der Vergangenheit im Frieden, als es zunächst den Anschein gehabt hatte. Außerdem wohnte, so unmöglich es auch erscheinen mochte, eine kalte Furcht in Oelendra, eine Furcht, deren Tiefe Rhapsody nicht annähernd ermessen konnte.