»Oelendra, wir müssen das lösen«, sagte sie und bemühte sich, ihre Stimme ruhig klingen zu lassen. »Ich möchte nicht, dass Zorn zwischen uns herrscht. Würdet Ihr Euch bitte setzen und kurz mit mir reden? Danach werde ich gern mit Euch auf die Wiese hinausgehen, und Ihr könnt bis Sonnenuntergang und noch länger mit mir arbeiten, wenn es Euch beliebt. Aber es wird nicht fruchtbar sein, wenn wir diese Angelegenheit zuvor nicht klären.«
Zögernd ließ sich die alte Kriegerin am Tisch nieder. Rhapsody holte sich den gegenüberstehenden Stuhl und setzte sich ebenfalls.
»Oelendra, ich kann nicht die Iliachenva’ar sein, die Ihr wart.«
»Mach dich nicht lächerlich, Rhapsody. Ich wurde nicht mit dem Schwert in der Hand geboren, ich musste den Umgang damit ebenso erlernen wie du. Es braucht Hingabe. Konzentration. Und Durchhaltevermögen. Man kann keine widerwillige Kriegerin sein.«
»Aber ich kann nur eine widerwillige Kriegerin sein«, erwiderte Rhapsody. »Ich habe keine andere Wahl. Doch das habe ich gar nicht gemeint. Ich weiß, dass ich den Umgang mit dem Schwert erlernen kann. Ich habe eine weitaus bessere Lehrerin, als Ihr sie hattet ich habe die Beste. Aber wir haben unterschiedliche Gaben. Ihr seid mit einer Kraft gesegnet, die ich nicht besitze, und Euer Verstand funktioniert wie ein feines Instrument.« Sie warf einen Blick auf die brennenden Bruchstücke der Laute im Feuer. »Nun, das war vielleicht kein so guter Vergleich.«
Gegen ihren Willen musste Oelendra lächeln, und ihr Ärger legte sich ein wenig. »Ich verstehe schon, was du meinst.«
»Und ich habe Fähigkeiten, die Ihr wiederum nicht habt. Ich bin eine andere Person; wenn ich versuche, wie Ihr zu sein, werde ich scheitern. Mir scheint, im Kampf gegen einen Feind dieser Stärke sollte jede Fähigkeit eingebracht werden. Deshalb muss ich mit dem Schwert so gut werden, wie ich eben kann, und das wird mir auch ohne Zweifel gelingen, denn ich kann auf Eure Weisheit und Erfahrung zurückgreifen ganz zu schweigen von Eurem Stiefel, der mich bei Bedarf in den Hintern tritt. Aber ich glaube nicht, dass es sinnvoll wäre, die anderen Waffen zu ignorieren, die mir zur Verfügung stehen. Ihr schärft mir immer wieder ein, meine Stärken im Kampf zu entwickeln; ich soll mich auf meine Schnelligkeit und mein Talent verlassen und nicht kämpfen wie ein Bolg das ist doch richtig, oder?« »Kommst du irgendwann zum springenden Punkt?« Rhapsody atmete aus. »Vielleicht. Ich hoffe es. Es gibt viele Arten von Waffen, und alle sind auf ihre Art und zu ihrer Zeit machtvoll. Der Punkt ist, dass Musik für mich die mächtigste Waffe sein kann, noch mächtiger als das Schwert. Musik ist kein Zeitvertreib, keine Erholung; Musik ist mein größtes Talent, Oelendra, mein größtes. Doch das vermindert keineswegs mein Engagement für das Schwert.«
Lange starrte Oelendra sie schweigend an, dann schaute sie zu Boden und stieß langsam die Luft aus. »Du hast Recht. Es war falsch von mir, meinen Schmerz an dir auszulassen. Es tut mir Leid wegen der Laute.« Irgendetwas in ihrer Stimme klang nicht richtig; sie hatte einen Unterton, der Rhapsody die Stirn runzeln ließ.
»Oelendra, seht mich an.« Als keine Reaktion erfolgte, hakte Rhapsody nach. »Bitte.«
Einen Moment später hob die ältere Frau den Kopf, und ihre Blicke trafen sich. In Oelendras Augen standen Tränen, die Rhapsody zutiefst erschreckten. »Oelendra? Was ist los? Bitte sagt es mir.« »Heute.« Es war nicht mehr als ein Flüstern. »Was ist heute?«
Oelendra blickte ins Feuer. »Der Jahrestag.« »Heute ist Euer Hochzeitstag? Oh, Oelendra.«
»Nein«, entgegnete die Kriegerin mit einem traurigen Lächeln. »Nein, Rhapsody, nicht mein Hochzeitstag. Heute ist sein Todestag.«
Rhapsodys Gesicht wurde weich vor Trauer. »Oh, ihr Götter. Es tut mir so Leid.« Sie sprang vom Tisch auf, rannte hinüber zu ihrer Lehrerin und schlang ihr von hinten die Arme um die breiten Schultern. Lange hielt sie Oelendra so umfangen, und deren Hand legte sich auf ihre. Doch schließlich gab Rhapsody sie wieder frei und ging zum Waffengestell.
»Gut, Oelendra«, sagte sie, während sie sich das Schwert umgürtete. »Jetzt bin ich bereit.«
In der Dunkelheit ihres Traums sah Rhapsody ein Licht. Es kam aus der gegenüberliegenden Zimmerecke; sie setzte sich auf und beobachtete mit zusammengekniffenen Augen, wie es heller wurde. Nach einer Weile erkannte sie, dass an einem dünnen Spinnseidenfaden ein winziger Stern in der Luft schwebte.
Während sie ihn anstarrte, bemerkte sie, dass in der Dunkelheit noch mehr Lichter funkelten, zusammengesetzt aus tausenden kleiner Lichtpunkte. Sie schimmerten wie Broschen im Schaukasten eines Juweliers, glänzende Edelsteine vor dem schwarzen Samt der Nacht. Dann blickte sie nach unten und sah, dass sie nicht mehr in ihrem Zimmer in Oelendras Haus war, sondern auf einem dünnen Wolkenfetzen weit oben im Himmel schwebte, über dem in Nacht gehüllten Land.
Von ihrem luftigen Ausguck beobachtete sie, wie am östlichen Horizont klar und golden die Sonne aufging. Ihr Licht berührte das Land, und nun zeigte sich, dass der winzige Stern das Minarett in Sepulvarta war, der hoch aufragende Turm, den sie auf Herzog Stephens Bildern bewundert hatte. Das Sonnenlicht blitzte hell auf und griff dann auf den Rest des Landes über, bis es das gesamte Gebiet von Roland zu ihren Füßen erhellte. Die Juwelenbroschen entpuppten sich als Städte und hörten erst auf zu funkeln, als das Licht der Sonne auf sie fiel. Im Hinterkopf spürte Rhapsody den Drang, ihre Morgenaubade zu singen, aber sie bekam keinen Ton heraus. Sie schüttelte den Kopf, und plötzlich sah sie einen Schatten übers Land ziehen, einen tiefen Schatten, der sich auf Sepulvarta zubewegte. Voller Entsetzen sah sie mit an, wie der Schatten über den Turm fiel, die Basilika verschluckte und sie in Finsternis tauchte. In der Dunkelheit stand ein alter Mann. Nun war Rhapsody nur mehr wenige Schritte von ihm entfernt; betend stand er am Altar der weitläufigen Basilika, das Gesicht leichenblass. Um ihn herum brannte schwarzes Feuer; er sang, aber auf einmal floss Blut aus seinem Mund und seiner Nase, und die weißen Gewänder, die er trug, färbten sich purpurrot. Rhapsody, noch immer unfähig zu sprechen, sah, wie das schwarze Feuer ihn verzehrte. Einen Augenblick später klärte sich das Bild, und fünf Männer betraten die Basilika. Sie liefen zu der Blutlache, wo der alte Mann gelegen hatte, und standen eine Weile betend davor. Zwei von ihnen ein junger Kerl und ein gebrechlicher Alter mit hohlen Augen starrten hilflos auf das Blut am Boden. Zwei andere zogen die Schwerter blank und begannen über die Lache hinweg gegeneinander zu kämpfen. Der Letzte, ein älterer Mann mit einem freundlichen Gesicht, machte sich daran, Papiere zu sortieren, für alle Tee zu bereiten und aufzuräumen. Mit ausgestreckter Hand bot er auch Rhapsody eine Tasse Tee an. Doch als sie den Kopf schüttelte, machte er einfach mit seinen Verrichtungen weiter. Von draußen drang ein Geräusch zu ihnen, und Rhapsody trat zum Fenster der Basilika, um hinauszusehen. Rund um die Basilika ging es zu wie an jedem anderen Tag; Passanten zogen vorbei, Kaufleute boten ihre Waren feil, doch zur selben Zeit wälzte sich ein mächtiger, kniehoher Blutstrom durch die Straßen. Die Menschen schienen ihn nicht zu bemerken, nicht einmal, als er so anschwoll, dass er über ihre Köpfe reichte und sie zu ertränken drohte. Rhapsody konnte hören, wie der Bäcker an seinem Ladenfenster der Waschfrau Wechselgeld herausgab, während sein Mund sich langsam mit Blut füllte.
Auf einmal ertönte ein furchtbarer Lärm, und Rhapsody blickte zum Himmel empor. Der Stern oben auf der Turmspitze baumelte herunter und stürzte dann in den roten Blutsee, der einmal Sepulvarta gewesen war, genau wie der Stern aus ihren früheren Träumen. Als er aufschlug, fuhr ein gigantischer Lichtblitz über den Himmel und blendete sie. Eine Weile darauf, als sie wieder sehen konnte, saß sie im Großen Weißen Baum, das Diadem von Tyrian auf der Stirn, umgeben von Lirin, die leise mit ihr sangen, während sich der Baum langsam in die Wellen des Ozeans aus Blut hinabsenkte. Der Traum wäre noch weitergegangen, aber Rhapsody wurde von ihrem eigenen Schreien wach. Oelendra kauerte auf ihrer Bettkante und hielt ihre Arme an den Ellbogen fest.