»Rhapsody? Was ist los?«
Doch sie konnte Oelendra nur anstarren. Sie zitterte und blinzelte heftig, um sich an das Traumbild zu erinnern. Offensichtlich war es irgendeine Art Vision gewesen, eine Warnung, die sie nicht ignorieren wollte. Oelendra spürte ihren inneren Kampf und ließ sie allein, um wieder in die Klarheit zurückzufinden.
»Ist es warm genug?«
Rhapsody nahm einen Schluck dol mwr und nickte. »Ja, danke, es ist wunderbar. Tut mir Leid, dass ich Euch geweckt habe.«
Oelendra sah zu, wie ihre Schülerin trank, und befahl ihrem Herzen, sich zu beruhigen. Sie hatte sich an Rhapsodys Albträume gewöhnt und merkte nur selten etwas davon, aber heute hatten die Schreie sie geweckt. Nachdem die junge Sängerin ihr den Inhalt des Traums dargelegt hatte, wunderte sie sich allerdings nicht mehr über ihre heftige Reaktion. Als Rhapsody ihren Bericht beendet hatte, stellte sie den Becher ab. »Ich muss gleich morgen früh nach Sepulvarta reisen.«
Oelendra nickte. »Der Mann in der weißen Robe könnte deiner Beschreibung nach natürlich der Patriarch sein, obgleich niemand außer seinem inneren Kreis ihn je zu Gesicht bekommt; daher weiß ich nicht, wie er wirklich aussieht. Von den anderen weiß ich nichts, es könnte sich auch nur um Symbole handeln.«
»Den jungen Mann, der mit den anderen hereinkam, habe ich erkannt es war der Segner von Canderre-Yarim«, sagte Rhapsody. »Ich bin ihm einmal begegnet, als der Friedensvertrag zwischen Roland und Ylorc ausgehandelt wurde, und er schien mir ein recht anständiger Kerl zu sein. Ich denke, die Betroffenheit, die er in meinem Traum gezeigt hat, wäre eine angemessene Reaktion auf den Tod des Patriarchen.«
»Vielleicht sind die vier anderen die verbleibenden Seligpreiser«, schlug Oelendra vor.
»Vielleicht«, stimmte Rhapsody ihr zu. »Es tut mir Leid, dass ich so plötzlich aufbrechen muss. Ich wünschte, wir könnten noch viel länger zusammenbleiben.«
»Aber es ist an der Zeit«, entgegnete Oelendra schlicht. »Du weißt alles, was du wissen musst, Rhapsody. Ich habe mich geirrt, als ich meinte, du wärst noch nicht bereit. Du bist stark und nun auch im Gebrauch des Schwerts geübt, und du hast ein kluges, großzügiges Herz. Hier hast du nichts mehr zu tun, du musst nun deinem Schicksal folgen. Ich werde dir helfen, wo ich nur kann. Denk daran, dass du hier jederzeit willkommen bist, wie lange auch immer du bleiben möchtest. Und wenn du dich entschließt, den Versuch zu wagen und die Lirin und die Cymrer zu vereinen, dann komm zu mir, und ich werde dich auch darin unterstützen.«
Rhapsody lächelte sie an, aber ihre Augen waren ernst und traurig. »Ich glaube, Euch Lebewohl zu sagen wird mir schwerer fallen als alle bisherigen Abschiede, Oelendra. In der kurzen Zeit, die ich hier verbringen durfte, habe ich mich zum ersten Mal, seit ich Serendair verlassen habe, wirklich zu Hause gefühlt. Nun kommt es mir fast so vor, als würde ich meine Familie noch einmal verlieren.«
»Dann sag mir einfach nicht Lebewohl«, antwortete Oelendra, stand auf und ging zur Tür.
»Solange hier jemand an dich denkt, wirst du auch ein bisschen da sein. Und das wird immer so bleiben. Versuch dich jetzt auszuruhen. Viel zu bald wird der Morgen grauen.«
»In der Religion des Patriarchen ist der erste Tag des Sommers der Hochheilige Tag«, erklärte Oelendra, während sie Rhapsody eine Satteltasche reichte. Die Sängerin nickte und warf die Tasche über den Rücken der kastanienbraunen Stute, die Oelendra ihr gegeben hatte. Das Tier war stark und friedfertig; Rhapsody konnte in seinen Augen eine angeborene Klugheit erkennen. »Wenn du über Land reitest und die Straßen meidest, kannst du es rechtzeitig schaffen.«
Doch Rhapsody war sich da nicht so sicher. »Sepulvarta liegt zwei Wochen von hier entfernt, habt Ihr gesagt. Wenn ich nicht den Straßen folge, werde ich mich wahrscheinlich verirren. Ich bin noch nie dort gewesen.«
Oelendra lächelte. »Der Turm mit seinem Stern ist wie ein mächtiger Leitstrahl. Wenn du dich konzentrierst, müsstest du ihn in deiner Seele fühlen können, selbst ohne die Tagessternfanfare. Mit dem Schwert als Führer kannst du dich nicht verirren. Außerdem ist keine Lirin-Seele jemals bei Nacht unter den Sternen verloren.«
»Das hat mein Großvater immer von den Seeleuten behauptet«, sagte Rhapsody lächelnd. Ihr Lächeln verblasste, als sie plötzlich wieder die Stimme ihrer Mutter vernahm.
Wenn du zum Himmel emporschaust und deinen Leitstern findest, wirst du nie verloren sein, niemals.
»Ich habe noch eine letzte Lektion für dich, eine, die du nie vergessen darfst«, erklärte Oelendra mit blitzenden Augen. »Ich hätte es dir eines Tages ausführlich erzählt, aber ich wusste nicht, dass unsere gemeinsame Zeit so schnell zu Ende gehen würde. Im alten Land gab es eine Bruderschaft von Kriegern, genannt die Sippschaftler. Sie waren Meister der Kampfkunst, dem Wind und dem Stern verschworen, unter dem du geboren bist. Zwei Dinge waren notwendig, um in die Bruderschaft aufgenommen zu werden: überragende kämpferische Fähigkeiten und die Rettung eines Unschuldigen unter Einsatz des eigenen Lebens.
Eines Tages wird dir diese Ehre vielleicht zukommen, Rhapsody; du hast das Zeug für diese Bruderschaft. Am Klang des Windes in deinen Ohren, am Flüstern deines Herzens wirst du es erkennen. Hier im neuen Land bin ich nie einem Mitglied dieser Bruderschaft begegnet, und ich weiß nicht, ob sie noch besteht. Doch falls ja, wird jeder Sippschaftler deinen Hilfeschrei im Wind hören, wenn du selbst zur Bruderschaft gehörst. Hör gut zu, ich werde ihn dich lehren.« Mit zitternder Stimme hob Oelendra an zu singen. Die Worte waren Altcymrisch.
Beim Stern werde ich warten, werde ich beobachten, werde ich rufen und gehört werden.
»Vergiss nicht zu rufen, wenn es nötig ist«, sagte Oelendra. »Ich weiß nicht, ob ich dich hören werde, aber wenn, dann kannst du sicher sein, dass ich so schnell wie möglich zu dir komme.«
Tränen brannten in Rhapsodys Augen. »Ich weiß, aber macht Euch keine Sorgen, Oelendra, ich werde schon zurechtkommen.«
»Natürlich wirst du das.«
Rhapsody tätschelte den Hals der Stute. »Nun, ich sollte Losreiten. Danke für alles.«
»Nein, Rhapsody, ich danke dir«, entgegnete die Lirin-Kriegerin. »Du hast viel mehr hierher gebracht, als du mitnimmst. Gute Reise, und pass auf dich auf.«
Rhapsody beugte sich herab und küsste die Wange der alten Kämpferin. »Ich werde Euch alles erzählen, wenn ich zurück bin.«
»Das wird bestimmt eine wundervolle Geschichte«, erwiderte Oelendra und blinzelte, um die Tränen zurückzuhalten. »Jetzt reite los. Du hast einen langen Tagesritt vor dir.« Damit gab sie dem Pferd einen Klaps auf die Flanke und winkte, während Rhapsody davonritt, die Letzte einer langen Reihe von Schülern und Schülerinnen vor ihr, die Oelendra mit ihren Gebeten begleitete. Doch jetzt war es anders, das wusste sie. Zwar wagte sie nicht mehr zu hoffen dafür sie hatte zu viele junge Kämpfer sich verabschieden sehen, die nicht zurückgekehrt waren. Aber dieses Mal ritt ihr Herz mit. Wenn Rhapsody nicht wiederkam, würde es auch nicht wiederkommen.
26
Die Reise nach Sepulvarta erwies sich als geradezu erfrischend. Während Rhapsody nach Nordosten ritt, war der Sommer ihr immer einen Tag voraus, und sie folgte seiner Fährte aus neuem Gras und frischen Nadeln an den immergrünen Bäumen, die den Wald säumten. Mit jedem Tag wurde die Luft etwas wärmer, das Laub voller, das Gras höher, und Rhapsody fühlte das Feuer in ihrer Seele in der Wärme erstarken. Die Blüten und blassen Blätter des Frühlings waren üppigem, grünem Laub gewichen, das für ausreichend Schatten sorgte. Das Rauschen des Windes, der Hufschlag des Pferdes, die Geschwindigkeit ihres Ritts, all das rief in Rhapsody eine Ausgelassenheit hervor, die sie allzu lange unterdrückt hatte. Am ersten Tag, als sie den Wald verließ und auf die Ebene von Roland ritt, nahm sie das Band aus den Haaren, die nun ungebändigt hinter ihr im Wind wehten, während sie über das Grasland jagte. Sie wandte ihr Gesicht der Sonne zu, ließ die Mittagsstrahlen auf ihre rosige Haut brennen, sodass sie golden braun wurde. Als sie das Gebiet von Bethania und Navarne hinter sich gelassen hatte, fühlte sie sich gesünder und stärker denn je.