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Nach elf Tagen hitzigen Reitens erreichte sie die Außenbezirke der Stadt Sepulvarta. Der von dem Stern gekrönte Turm war bereits drei Tage vorher zu sehen gewesen. Zum ersten Mal hatte Rhapsody ihn nachts erblickt, wie er leise in der Ferne schimmerte. Er sah genau so aus wie in ihrer Vision, und ihre Träume waren in jener Nacht besonders intensiv gewesen. Der Albtraum, der sie dazu gebracht hatte, diese Reise zu unternehmen, war fast jede Nacht zurückgekehrt, eine nagende Mahnung, mit höchster Kraft vorwärts zu preschen.

In der Stadt selbst wimmelte es von Menschen Pilger auf dem Weg zu den Heiligen Schreinen, Kirchenleute, aber auch die üblichen Wanderer von einer Provinz zur anderen, die es auf Geschäfte aller Art abgesehen hatten, manche ehrbarer, andere eher zwielichtiger Natur. Es war recht leicht, sich unters Volk zu mischen und durch die Tore ins Innere der Stadt zu gelangen, wo Rhapsody schließlich zum Pfarrhaus gelangte, hoch oben auf dem Hügel am Rande der Stadt gelegen. Es war ein wunderschönes Marmorhaus, an die eigentliche Basilika angebaut; die gravierten Messingtüren wurden von Soldaten in farbenprächtiger Uniform bewacht. Rhapsody band ihr Pferd an einem der dafür vorgesehenen Plätze an, versorgte das Tier mit Wasser und Hafer und ging dann direkt auf die Wachen zu.

Sie hatte sich ihnen noch nicht einmal auf zehn Fuß genähert, als sie auch schon die Speere kreuzten.

»Was wollt Ihr hier?«

Rhapsody stand so aufrecht sie konnte. »Ich muss zu Seiner Gnaden.«

»Die Bitttage sind im Winter, Ihr seid zu spät dran.«

Rhapsody spürte, wie sich die Angst, die sie seit dem ersten Albtraum mit sich herumgetragen hatte, in Ärger verwandelte. »Ich muss ihn trotzdem sehen. Bitte.«

»Niemand darf den Patriarchen sehen, nicht einmal an den Bitttagen. Macht, dass Ihr wegkommt.«

Obwohl die Ungeduld sie zu überwältigen drohte, bemühte sich Rhapsody, möglichst ruhig zu bleiben. »Bitte richtet Seiner Gnaden aus, dass die Iliachenva’ar gekommen ist, um sich als Kämpferin an seine Seite zu stellen. Bitte.« Die Wachen antworteten nicht. »Nun gut«, fuhr Rhapsody schließlich fort, bemühte sich aber weiterhin, ihren Zorn zu unterdrücken. »Bis Ihr meine Botschaft zum Patriarchen bringt, seid Ihr unfähig, irgendeine andere zu überbringen.«

Und sie sprach den Namen der Stille.

Die Wachen sahen einander an und fingen an zu lachen. Mitleidig sah Rhapsody zu, wie sie merkten, dass sie keinen Laut hervorbringen konnten, und verwirrt und ängstlich die Gesichter verzogen. Der Jüngere griff sich an die Kehle, der Ältere richtete seinen Speer auf Rhapsody.

»Na, na, nun seid nicht gleich so unwirsch«, meinte Rhapsody wenig beeindruckt. »Wenn Ihr die Sache wirklich hier draußen auf der Straße erledigen wollt, dann stehe ich gern zu Diensten, aber ich fürchte, meine Waffe ist Euren Speeren weit überlegen; das wäre wirklich unfair. Nun, meine Herren, ich bitte Euch, ich war lange unterwegs, und meine Geduld ist am Ende. Überbringt dem Patriarchen entweder meine Nachricht, oder macht Euch bereit, Euch zu verteidigen.« Um ihre Worte weniger bedrohlich klingen zu lassen, schenkte sie ihnen ihr freundlichstes Lächeln.

Der Jüngere der beiden Wachen blinzelte, und sein Gesicht wurde schlaff. Er blickte erst zu seinem Kameraden, dann wieder zu Rhapsody, ehe er sich umdrehte und in der Pfarrei verschwand. Der andere hielt weiterhin seinen Speer auf Rhapsody gerichtet, die sich ihrerseits auf den Stufen des Pfarrhauses niederließ, um zu warten. Von der Treppe aus hatte man einen majestätischen Blick von einem Hügelrand zum anderen. Viele Gebäude von Sepulvarta waren aus weißem Stein oder Marmor erbaut, und demzufolge strahlte die Stadt hell im Sonnenlicht fast übernatürlich, wie eine Vision vom Leben nach dem Tode. Ein Teil des ätherischen Lichts kam zweifelsohne von dem riesigen Spitzturm im Zentrum der Stadt. Die Zinne war so hoch, dass sie selbst noch auf die Basilika herabschaute, obgleich die Kirche mehrere hundert Fuß über der Stadt auf dem Hügel lag. Wenn das Sonnenlicht von einer Facette des Sterns eingefangen wurde, blitzte ein breiter Lichtstrahl auf und ließ die Dächer in überwältigender Pracht aufglänzen.

Gerade als Rhapsody sich entschlossen hatte, aufzustehen und sich die Beine zu vertreten, kehrte die Wache zurück.

»Bitte kommt mit mir.«

Sie folgte ihm die Steinstufen hinauf und durch die schweren Messingtüren. Als Rhapsody das Pfarrhaus betrat, war von dem gleißenden Licht nichts mehr zu sehen. Es gab nur wenige Fenster, und die Marmorwände verschluckten das Licht gänzlich, sodass im Inneren des ansonsten wunderschönen Gebäudes eine düstere, fast trostlose Atmosphäre herrschte. An den Wänden hingen schwere Teppiche, und in kunstvoll verzierten Wandhaltern brannten als einzige Lichtquelle zylindrische Wachskerzen. Der durchdringende Weihrauchduft konnte den scharfen Geruch nach Moder und abgestandener Luft nicht überdecken.

Rhapsody wurde durch mehrere lange Gänge geführt, vorbei an blassen Männern in kirchlichem Schwarz, die sie unverhohlen anstarrten. Endlich machte der Wächter vor einer großen geschnitzten Tür aus dunklem Walnussholz Halt und öffnete sie langsam. Mit einer Handbewegung forderte er Rhapsody zum Eintreten auf.

Der Raum wies in etwa die Ausmaße des Versammlungssaals im Kessel auf. In den Fußboden war ein vergoldeter Stern eingelassen, doch ansonsten gab es keinen Zierrat und abgesehen von einem schweren Stuhl aus schwarzem Walnussholz auch kein Mobiliar. Dieser Stuhl stand auf einem Postament, zu dem mehrere Marmorstufen emporführten, und ähnelte einem Thron, allerdings ohne die typische Pracht. Auf diesem Thron saß ein großer, dünner Mann in reich bestickten Gewändern aus goldener Seide, verziert mit einem silbernen Stern. Er musterte Rhapsody streng, als sie vor ihm stehen blieb; sie kannte diesen Mann nicht, auch nicht aus ihren Träumen. Geduldig wartete sie, dass er zu sprechen anhöbe. Lange betrachtete er sie, dann umwölkte sich seine Stirn. »Nun? Weshalb wolltet Ihr mich sehen?«

Rhapsody atmete langsam aus. »Ich wollte nicht Euch sehen.«

Auf dem strengen Gesicht erschien ein zorniger Ausdruck. »Nein? Warum wart Ihr dann so aufdringlich? Erlaubt Euch keine Spielchen mit mir, junge Frau.«

»Ich glaube, Ihr seid derjenige, der mit mir spielt«, entgegnete Rhapsody, so höflich sie konnte, obgleich sie ihren Ärger nicht gänzlich verbergen konnte. »Ich muss den richtigen Patriarchen sehen. Andere unter Vorspiegelung falscher Tatsachen an der Nase herumzuführen gereicht ihm wohl kaum zur Ehre und Euch auch nicht.«

Verwirrung vertrieb den Zorn aus seinem Gesicht. »Wer seid Ihr?«

»Wie ich den Wachen bereits gesagt habe, bin ich die Iliachenva’ar. Es nicht schlimm, wenn Ihr nicht versteht, was das bedeutet; schließlich bin ich nicht zu Euch gekommen. Aber der Patriarch versteht es, oder wird es verstehen, falls Ihr es noch nicht für angebracht hieltet, ihm mitzuteilen, dass ich hier bin. Nun bitte ich Euch mit allem dienlichen Respekt, bringt mich zu ihm. Die Zeit wird knapp.«

Einen Augenblick starrte der Mann sie wortlos an, dann erhob er sich. »Seine Gnaden ist mit den Vorbereitungen für die Festlichkeiten am Hochheiligen Tag beschäftigt. Niemand darf ihn sehen.«

»Warum überlasst Ihr diese Entscheidung nicht ihm selbst?«, fragte Rhapsody und verschränkte die Arme. »Ich glaube, Ihr werdet feststellen, dass er mich empfangen möchte.«