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Er ließ sich ihre Worte durch den Kopf gehen. »Nun gut, ich werde ihn fragen.«

»Danke. Ich bin Euch wirklich dankbar.«

Der Mann nickte und stieg vom Postament. Als er an Rhapsody vorbeiging, zögerte er, musterte sie von oben bis unten, verließ dann aber wortlos den Raum. Rhapsody seufzte und blickte zur Decke hinauf. Auch sie bestand aus Marmor, so unnachgiebig solide, dass Rhapsody sich fühlte wie in einer Gruft. Sie sehnte sich danach, wieder nach draußen an die frische Luft zu kommen.

Nach einer Zeit, die sich anfühlte wie eine Ewigkeit, öffnete sich die Tür endlich wieder, und der Mann, mit dem Rhapsody gesprochen hatte, kehrte zurück, diesmal in einfachem Kirchenschwarz. Er winkte ihr, ihm zu folgen, und sie tat es endlose Korridore hinunter, so tief in das Gebäude hinein, dass sie irgendwann jede Orientierung verlor. Schließlich gelangten sie in eine lange Halle, von der eine Reihe einfacher Zellen abging; bei vielen stand die Tür offen, und das Ganze wirkte wie ein Hospiz. Im Vorbeigehen konnte Rhapsody sehen, dass jeder Raum ein oder zwei schmale Betten enthielt, auf denen mit weißen Laken zugedeckte Patienten lagen; manche ächzten vor Schmerzen, andere murmelten irres Zeug vor sich hin. Vor einer geschlossenen Tür nahe dem Ende der Halle blieb ihr Begleiter stehen, klopfte an und öffnete sie dann. Mit einer Handbewegung forderte er Rhapsody zum Eintreten auf.

Verschwommen nahm sie wahr, wie die Tür hinter ihr wieder geschlossen wurde. Auf dem Bett lag ein älterer Mann, offensichtlich gebrechlich, mit einem weißen Haarkranz und hellblauen Augen, die fröhlich aus dem Gefängnis seines hinfälligen Körpers funkelten. Er trug das gleiche weiße Leinennachthemd wie die anderen Patienten, die Rhapsody gesehen hatte, und sie erkannte in ihm sofort den Mann aus ihren Träumen. Ein ehrfürchtiger Ausdruck erschien auf seinem Gesicht, als sie näher trat, und er streckte ihr eine zittrige Hand entgegen.

»Oelendra?« Seine Stimme war nicht mehr als ein dünnes Krächzen. »Ihr seid gekommen?«

Behutsam nahm Rhapsody seine Hand und setzte sich auf den Hocker neben dem Bett, damit er den Hals nicht mehr so recken musste, um sie anzusehen. »Nein, Euer Gnaden«, erwiderte sie sanft. »Mein Name ist Rhapsody. Ich bin jetzt die Iliachenva’ar. Oelendra hat mich ausgebildet, ich komme direkt von ihr.«

Der alte Priester nickte. »Natürlich, Ihr seid zu jung, um Oelendra zu sein. Ich hätte es merken müssen, als Ihr hereinkamt. Aber als man mir sagte, eine Liringlas-Frau sei da, die behaupte, sie sei die Iliachenva’ar ...«

»Ich fühle mich geehrt von Eurem Irrtum, Euer Gnaden«, meinte Rhapsody mit einem Lächeln. »Ich hoffe, ich werde mich eines Tages dieses Vergleichs würdig erweisen.«

Auf dem Gesicht des Patriarchen breitete sich ein Lächeln aus. »Oh, Ihr seid wunderhübsch, mein Kind.« Er senkte die Stimme zu einem schelmischen Flüstern. »Glaubt Ihr, es wäre eine Sünde, wenn ich einen Augenblick nur daliege und Euch betrachte?«

Rhapsody lachte. »Nun, das werdet Ihr besser wissen als ich, Euer Gnaden, aber ich persönlich halte es nicht für eine Sünde.«

»Der Allgott ist freundlich«, seufzte er, »mir in meinen letzten Tagen einen solchen Trost zu schicken.« Mit gerunzelter Stirn wiederholte Rhapsody: »Eure letzten Tage? Hattet Ihr eine Vision, Euer Gnaden?«

Der Patriarch nickte kaum merklich. »Ja, mein Kind. Die diesjährige Feier des Hochheiligen Tags wird meine letzte sein; noch in diesem Jahr werde ich zum Allgott eingehen.« Als er das Entsetzen in ihren Augen bemerkte, fuhr er fort: »Bemitleidet mich nicht, Kind, ich fürchte mich nicht, denn ich sehne mich danach zu gehen, wenn meine Zeit kommt. Nun ist nur noch wichtig, die Zeremonie für den Hochheiligen Tag morgen Nacht zu vollenden. Ist das erst einmal getan, so ist das Jahr gesichert.«

»Ich verstehe nicht ganz. Was hat das zu bedeuten?«

»Dann seid Ihr wohl nicht unseres Glaubens?«

»Nein, Euer Gnaden, das bin ich nicht. Tut mir Leid.«

Die blauen Augen zwinkerten. »Ihr braucht Euch nicht zu entschuldigen; der Allgott ruft jeden von uns zu seiner eigenen Einsicht. Wenn Ihr an etwas anderes glaubt, seid Ihr vielleicht hier, um mir etwas beizubringen, während ich mich darauf vorbereite, zu ihm zu gehen.«

»Ich glaube kaum, dass ich Euch etwas über Glaubensangelegenheiten beibringen könnte, Euer Gnaden«, entgegnete Rhapsody beklommen.

»Seid Euch da nur nicht so sicher, mein Kind. Der Glaube ist eine sonderbare Sache, und er ist nicht immer am größten in jenen, die darin am besten geschult sind. Aber wir werden auf diesen Gedanken zurückkommen, nicht wahr? Nun lasst mich Euch vom Hochheiligen Tag erzählen.

Jedes Jahr vollführe ich am Vorabend des ersten der Sonne gewidmeten Tages ein Heiliges Ritual, allein in der Basilika. Im Verlauf des Jahres finden andere Feierlichkeiten statt, aber keine davon ist so wichtig, denn die Zeremonie des Hochheiligen Tages verpflichtet die Gläubigen und den Patriarchen jedes Mal von neuem, dem Allgott zu dienen. Die Heiligen Worte sind Teil eines Heiligen Bundes mit dem Schöpfer, die Erfüllung eines Versprechens, das die kollektive Seele des Volks im Dienste aller Gläubigen dem Allgott widmet. Als Gegenleistung schenkt er uns seinen göttlichen Schutz für ein weiteres Jahr.« Verständnisvoll nickte Rhapsody, denn das Ritual, das er beschrieb, war auch eine Form des Benennens.

»Da durch dieses Ritual ein ganzes Jahr der Schutz des Allgottes gewährleistet ist, darf natürlich nichts verzögert oder gestört werden«, fuhr der alte Mann fort. »Die Bevölkerung von Sepulvarta geht an diesem Abend frühzeitig zur Ruhe und bleibt im Haus, damit es für mich keine Ablenkung gibt und ich meine Pflichten gewissenhaft ausführen kann. Jeder wird ermuntert, für mich zu beten, obgleich ich sicher bin, dass die meisten schlafen, statt Nachtwache zu halten.« Der alte Mann hielt inne und atmete keuchend, so sehr hatte die lange Rede ihn angestrengt.

Rhapsody schenkte ihm aus dem Krug auf dem Nachttisch ein Glas Wasser ein und reichte es ihm. »Habt Ihr Schmerzen, Euer Gnaden?« Sie half ihm, das Glas ruhig zu halten, denn seine Hand zitterte.

Der Patriarch nahm einen großen Schluck und nickte dann, um anzuzeigen, dass er genug hatte. Rhapsody setzte das Glas ab. »Nur ein wenig, Kind. Altwerden ist ein schmerzhafter Prozess, aber der Schmerz hilft, uns darauf zu besinnen, dass wir unseren Körper zurücklassen und unseren Geist für die bevorstehende Reise stärken. Es gibt andere hier, die weit mehr leiden. Aber ich wünschte, meine Kraft würde mich nicht so im Stich lassen. Ich würde mich gern um die Leidenden kümmern, wie ich das für gewöhnlich tue, aber ich fürchte, dann wäre ich nicht imstande, morgen meinen Dienst zu versehen.«

»Ich werde mich für Euch um sie kümmern, Euer Gnaden«, versprach Rhapsody und streichelte seine Hand.

»Dann seid Ihr eine Heilerin?«

»Ein wenig«, antwortete sie, während sie aufstand und Umhang und Tornister ablegte. Den Umhang hängte sie über die Lehne eines Stuhl an der anderen Wand, dann durchsuchte sie ihren Tornister. »Ich singe auch ein bisschen. Möchtet Ihr ein Lied von mir hören?«

Das bleiche Gesicht strahlte. »Nichts, was ich lieber möchte. Bei Eurem Namen hätte ich mir ja denken können, dass Ihr Musikerin seid.«

»Ich fürchte, das einzige Instrument, das ich bei mir habe, ist meine Lerchenflöte«, meinte Rhapsody bedauernd. »Meine Laute ist vor kurzem leider Opfer eines unglücklichen Unfalls geworden, und meine kleine Harfe habe ich im Haus der Erinnerungen gelassen, um den Baum dort zu bewachen.«

»Harfe? Ihr spielt Harfe? Oh, wie gern würde ich das hören. Es gibt in der ganzen Welt keinen lieblicheren Klang als den einer gut gespielten Harfe.«

»Ich habe nicht gesagt, dass ich gut spiele«, wandte Rhapsody lächelnd ein. »Aber ich spiele mit Begeisterung. Vielleicht komme ich eines Tages mit meiner neuen Harfe zurück, wenn Ihr wünscht.«

»Wir werden sehen«, erwiderte der Patriarch unverbindlich, und Rhapsody wurde klar, dass seine Augen bereits in die nächste Welt blickten. So setzte sie die winzige Flöte an die Lippen und spielte eine ätherische Melodie, leicht und luftig, das Lied des Windes in den Bäumen von Tyrian.