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Das Gesicht des Patriarchen entspannte sich, und die Muskeln auf seiner Stirn wurden schlaff, als der Schmerz, der ihn quälte, vom Klang des Instruments gelindert wurde. Durch ihre Arbeit mit den Bolg hatte Rhapsody sich angewöhnt, das Gesicht auf Anzeichen des nachlassenden Schmerzes hin zu beobachten, und sie konnte erkennen, wenn die Musik ein Leiden so weit linderte, dass die Besserung auch eine Zeit lang anhalten würde. Als sie sah, dass bei dem Patriarchen dieses Stadium eingetreten war, beendete sie ihr Lied. Der alte Mann stieß einen tiefen Seufzer aus. »Der Allgott hat Euch wahrhaftig gesandt, um mir den Übergang zu erleichtern. Könnte ich Euch doch nur für den Rest der mir verbleibenden Tage bei mir behalten.«

»Es gibt ein Lied des Übergangs, das die Lirin singen, wenn eine Seele sich bereit macht, ins Licht zu reisen«, sagte Rhapsody, und sah sofort, wie die Augen des Patriarchen voller Neugier aufleuchteten. »Man sagt, es löst die Bande zur Erde, mit denen die Seele an den Körper gebunden ist, damit sie sich nicht mit Gewalt freikämpfen muss. So fühlt die Seele auf ihrer Reise nichts als Freude.«

»Wie ich mir wünschte, ein Lirin zu sein«, seufzte der Patriarch. »Das klingt wundervoll.«

»Ihr müsst kein Lirin sein, um dieses Lied zu hören, Euer Gnaden. In Eurer Gemeinde wird es doch bestimmt viele Lirin geben.«

»Ja, vielleicht könnte ich einen finden, wenn es so weit ist«, meinte er. »Euer Lied hat meine Schmerzen gelindert, Kind. Ihr habt eine seltene Gabe.« In diesem Augenblick klopfte es an der Tür. Nach einer kurzen Pause wurde sie geöffnet, und der Mann, der vorhin den Patriarchen verkörpert hatte, kam herein, über dem Arm eine Garnitur weißer Gewänder.

»Sind diese für morgen Abend zufrieden stellend, Euer Gnaden, oder soll ich den Küster das sorboldische Leinen auspacken lassen?«

»Nein, Gregor, diese sind wunderbar«, antwortete der Patriarch. Der Mann verbeugte sich und verschwand durch die Tür. Der Alte wandte sich wieder Rhapsody zu, deren Gesicht so weiß wie die Gewänder geworden war. »Kind, was ist los mit Euch?«

»Das sind die Gewänder für die Zeremonie morgen?«

»Ja, am Hochheiligen Tag ist das zeremonielle Ornat von reinstem Weiß. Es ist die einzige Feier, bei der ich Weiß trage, bei allen anderen gibt es Farben, meist Silber oder Gold. Warum fragt Ihr?«

Rhapsody ergriff seine Hand; nun zitterte die ihre noch heftiger als seine. »Ich muss Euch sagen, warum ich gekommen bin, Euer Gnaden«, erklärte sie atemlos. Langsam und sorgfältig berichtete sie alle Einzelheiten ihrer Vision und versuchte, die Menschen, die sie gesehen hatte, so akkurat wie möglich zu beschreiben. Anfangs schien der Priester erschrocken, aber im weiteren Verlauf wurde er nachdenklich, nickte immer wieder und lauschte aufmerksam. Schließlich atmete Rhapsody einmal tief ein und wieder aus.

»Eure Erzählung erfüllt mich mit großer Sorge. Nicht nur, dass ich die Zeremonie des Hochheiligen Tages möglicherweise mit meinem Tod beeinträchtige! Das Verhalten meiner Seligpreiser beunruhigt mich gleichermaßen. Ich denke, Eure Vision zeigt recht zutreffend, was sich nach meinem Ableben ereignen wird, Rhapsody. Ich hatte gehofft, sie wären darüber erhaben, aber ich fürchte, ich war allzu zuversichtlich.«

»Was meint Ihr damit, Euer Gnaden?«

»Nun, die ersten beiden Männer, die Ihr gesehen habt, der junge und der alte, sind die Segner von Canderre-Yarim und der Neutralen Zone, Ian Steward beziehungsweise Colon Abernathy. Ian ist weise für sein Alter, aber letztlich doch ein unerfahrener Grünschnabel. Dass er sein Amt bekam, hat mehr damit zu tun, dass sein Bruder Tristan Steward heißt 1 der Fürst von Roland und Prinz von Bethania und weniger mit seinen eigenen Verdiensten, obgleich ich glaube, dass Ian einen guten Seligpreiser abgeben wird. Colin ist älter noch als ich, und um seine Gesundheit ist es fast ebenso schlecht bestellt wie um meine. Keiner von beiden ist geeignet, meine Stellung zu übernehmen, und zweifellos würden sie auch in Panik ausbrechen, wenn sie einer solchen Situation gegenüberstünden. Der Mann, den Ihr Tee zubereiten gesehen habt, ist höchstwahrscheinlich Lanacan Orlando, der Segner von Bethe Corbair. Was er in Eurem Traum getan hat, beschreibt seine Persönlichkeit vollkommen. Er ist ein bescheidener Mann, der stets versucht, die Dinge zu vereinfachen und unangenehme Situationen zu bereinigen. Lanacan ist mein oberster Heiler und Priester; ihn sende ich aus, um Truppen zu segnen oder den Sterbenden Trost zu spenden. Er ist kein großer Führer, aber ein wundervoller Priester. Und die beiden anderen ... nun, darin liegt die Schwierigkeit. Sie sind die Segner von Avonderre-Navarne und von Sorbold, erbitterte Rivalen und beide in Konkurrenz um das Patriarchenamt, wenn ich sterbe.

Philabet Griswold, der Segner von Avonderre-Navarne, besitzt weit reichenden Einfluss aufgrund von Avonderres Nähe zu den Transportwegen und dem Reichtum der Provinzen in seinem Bistum. Nielash Mousa, der Segner von Sorbold, ist das religiöse Oberhaupt eines ganzen Landes, nicht nur einer orlandischen Provinz, und stammt nicht aus einem traditionellen cymrischen Geschlecht, was in Roland ja mehr und mehr in Ungnade fällt. Ich fürchte, die beiden hassen einander, und obgleich ich in der Vergangenheit versucht habe, ihre Streitereien zu schlichten, fürchte ich doch, dass es zu einem Machtkampf kommen wird, wenn ich nicht mehr da bin. Ich bin nicht sicher, ob einer von ihnen es verdient, Patriarch zu werden, vor allem, wenn das Jahr nicht gesichert ist.« Er biss sich auf die Lippe, und Rhapsody merkte, dass sein Zittern stärker geworden war.

»Sagt mir, was ich tun kann, um Euch zu helfen«, bat Rhapsody und drückte seine Hand.

»Was immer es sein mag, auf mich könnt Ihr Euch verlassen.«

Als wollte er ihre Seele prüfen, blickte der Patriarch sie durchdringend an. Rhapsody hielt seinem Blick stand und ließ seine Augen über ihr offenes Gesicht wandern. Schließlich sah der alte Mann auf ihre ineinander verflochtenen Hände hinunter.

»Ja, das glaube ich«, meinte er dann, mehr zu sich selbst als an sie gewandt. Er zog einen Ring vom Finger, den sie zuvor kaum bemerkt hatte. Es war ein klarer, glatter Stein in einer einfachen Platinfassung. Behutsam öffnete er ihre Finger und legte den Ring auf ihre ausgestreckte Handfläche.

Nun nahm Rhapsody ihn genauer in Augenschein. Auf der Innenseite des Steins, wie von innen eingraviert, waren zwei Symbole zu sehen. Sie sahen aus wie ein Plus und ein Minuszeichen. Fragend blickte sie den Patriarchen an.

Er berührte den Stein und sprach auf Altcymrisch das Wort für Einschließen. Rhapsodys Augen wurden groß. Wieder griff er auf die Methode des Benennens zurück. »Hier«, sagte er dann mit einem zufriedenen Lächeln auf dem Gesicht. »Kind, nun haltet Ihr das Amt des Patriarchen in Eurer Hand. So lange dieses Amt morgen Abend mit mir in der Basilika ist, werde ich offiziell immer noch der Patriarch sein, um das Ritual durchführen zu können. Danach spielt es keine Rolle mehr, ob es einen offiziellen Patriarchen gibt, denn ich habe keine weiteren Feierlichkeiten abzuhalten. Innerhalb des nächsten Jahres werde ich auf jeden Fall sterben. Bewahrt den Ring für mich auf, ja? Er enthält die Weisheit meines Amtes und die tiefe Macht des Heilens, die damit einhergeht.«

»Wie kann Euer Amt sich in diesem Ring befinden? Ist es Euch nicht eingeboren, Euer Gnaden?«

Der Patriarch lächelte. »Oftmals, mein Kind, sind Königskronen und Ringe oder auch die Stäbe der heiligen Männer Behältnisse für die Weisheit ihres Amtes; sonst würde diese Weisheit ja womöglich mit der Person sterben, die das Amt innehat. Deshalb wird eine Krone oder ein Ring von König zu König weitergegeben, von Patriarch zu Patriarch; Krone und Ring enthalten die Weisheit vieler Könige, vieler Patriarchen, nicht nur die des gegenwärtigen Trägers. Sie sind nicht nur Symbole, sie bewahren das Amt und seine Macht, sie sorgen für Sicherheit. Die kollektive Weisheit gibt jedem König, jedem Patriarchen die zusätzliche Weisheit, die er benötigt, um zu regieren und die ihm Anvertrauten zu führen. So braucht er sich nicht allein auf seine eigene Klugheit zu verlassen.« Mit zitternder Hand drückte er die ihre. »Ich weiß, du wirst ihn beschützen.«