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»Ich fühle mich von Eurem Vertrauen geehrt, Euer Gnaden«, erwiderte Rhapsody zögernd.

»Aber wäre der Ring nicht besser bei einem Mitglied Eures Ordens aufgehoben?«

»Nein, das glaube ich nicht«, meinte der Patriarch lächelnd. »Meine Weisheit, die ich unter anderem aus dem Ring beziehe, sagt mir, dass Ihr diejenige seid, der ich ihn anvertrauen soll; Ihr werdet wissen, was damit zu tun ist. Er ist ein altes Überbleibsel von der Verlorenen Insel, das die Cymrer mitbrachten, als sie hierher kamen. Er verwahrt in sich viele Geheimnisse, zu denen ich nie Zugang gefunden habe; vielleicht wird das Euch vergönnt sein oder demjenigen, an den Ihr ihn weitergebt. Wenn nach meinem Tod für die Nachfolge eine friedliche und gerechte Lösung gefunden ist, werdet Ihr nach Sepulvarta kommen, um bei der Amtseinsetzung des neuen Patriarchen zu helfen, nicht wahr?«

»Ja.«

»Ich dachte mir, dass Ihr dazu bereit seid. Das ist gut, denn ohne den Ring wäre das auch nicht möglich.« Er lachte verschwörerisch.

»Lasst mich morgen bei Euch sein, Euer Gnaden«, sagte Rhapsody ernst. »Wenn meine Vision Euren Tod durch die Hand eines Attentäters und nicht durch den Ratschluss des Allgottes voraussagt, dann sollte ich Euch als Eure Kämpferin verteidigen. Wenn das Ritual vollzogen und das Jahr gesichert ist, werdet Ihr leicht und friedlich weiterleben, bis der Allgott Euch zu sich ruft.«

»Ich hatte gehofft, dass Ihr das vorschlagen würdet«, flüsterte er hocherfreut. »Nur einen benannten Kämpfer darf der Patriarch während des Rituals als Eskorte bei sich haben. Ich vermute, Ihr werdet es recht eintönig finden, aber es wird gut tun, Euch in meiner Nähe zu haben.«

»Seid Ihr sicher, Euer Gnaden? Ich kann auch vor der Basilika warten und den Eingang bewachen, wenn Ihr das wünscht. Da ich nicht Eurer Religion angehöre, möchte ich auf keinen Fall...«

»Glaubt Ihr an Gott?«

»Ja, von ganzem Herzen.«

»Dann sehe ich keine Schwierigkeit.« Der alte Mann bewegte sich unruhig in seinem Bett.

»Mein Kind, werdet Ihr mir etwas sagen?«

»Aber sicher.«

»Was glaubt Ihr denn, wenn Ihr Euch nicht unserer Religion zugehörig fühlt? Seid Ihr eine Anhängerin von Llauron?«

»Nein«, antwortete Rhapsody, »obgleich ich ein wenig bei ihm studiert habe. Seine Deutung kommt dem, was ich glaube, ein bisschen näher als die Eure, wenn ich das sagen darf, aber sie ist auch nicht meine.«

Die Augen des Patriarchen leuchteten voller Neugierde auf. »Bitte erklärt mir, woran Ihr glaubt.«

Einen Augenblick schwieg Rhapsody und dachte nach. »Ich weiß nicht, ob ich es in Worte fassen kann. Was für Euch der ›Allgott‹ ist, ist für die Lirin der ›Eine Gott‹, aber die Vorstellung dahinter ist die gleiche. Ich glaube, dass Gott die Kombination aller Dinge ist, dass jedes Ding, jede Person ein Teil Gottes ist, nicht nur etwas, was Gott erschaffen hat, sondern wirklich ein Teil von ihm. Ich glaube, der Grund, warum Menschen sich zum Gottesdienst versammeln, ist, dass dann mehr Teile von Gott anwesend sind und damit seine Gegenwart leichter gefühlt und gefeiert werden kann.«

»Das ähnelt stark einer unserer Vorstellungen. In unserer Religion glaubt man, dass alle Menschen dem Allgott gehören und dass sich ihre Gebete vereinen, um ihn zu erreichen.«

»Aber wenn Euer Gott der Gott für alle ist, warum dürft dann nur Ihr zu ihm beten?«

Der Patriarch blinzelte. »Ich bin sozusagen der Kanal für ihre Gebete. Jeder kann beten.«

»Ja, aber sie beten zu Euch. Für mich ist ein Gebet, das bei uns meist die Form eines Liedes hat, meine Art, direkt mit Gott in Verbindung zu treten. Das brauche ich, um mich ihm nahe zu fühlen.«

»Glaubt Ihr denn nicht, dass der Allgott so viele Gebete wie möglich zusammengeführt wissen möchte, um den Ruhm und die Ehre, die wir ihm erweisen, umso größer zu machen?«

»Ich weiß es nicht. Wenn ich ein Gott für viele wäre, dann würde ich mir wünschen, dass mir jeder Einzelne davon möglichst nahe wäre. Was für einen Sinn gäbe es sonst? Ich glaube nicht, dass er uns erschaffen hat, damit wir ihm Ehre entgegenbringen, ich glaube, er hat uns erschaffen, weil er uns liebt. Ich kann mir nicht vorstellen, dass er von uns er wartet, ihm diese Liebe durch einen Kanal zurückzugeben. Grundsätzlich sehe ich Gott als Leben. Dieser Vorstellung kann man sich leicht anschließen, aber es ist schwer, nach ihr zu leben.«

»Warum?«

Wieder dachte sie nach, ehe sie antwortete. »Die Liringlas haben einen Ausdruck, der lautet ›Ryle hira: Das Leben ist, was es ist.‹ Ich dachte früher, das wäre ein dummer Spruch, eine nutzlose Plattitüde. Doch als ich ein bisschen älter wurde, begann ich die Weisheit dieser Worte zu verstehen. Die Lirin sehen Gott auch als das ganze Leben, sie glauben, jeder Einzelne, jedes Ding im Universum sei ein winziger Teil Gottes. Deshalb muss man das Leben, ganz gleich, was es einem bringt, ehren, denn es ist so, wie es sein soll, selbst wenn man es vielleicht gerade nicht versteht. Vermutlich kommt diese Überzeugung unter anderem daher, dass die Lirin so lange gelebt und so vieles haben kommen und gehen sehen. Wahrscheinlich liegt der Grund, warum es mir so schwer fällt, es anzunehmen, darin, dass ich nur eine Halb-Lirin bin und deshalb nicht von Natur aus den Blickwinkel dieses langen Lebens teile.

So versuche ich zu akzeptieren, dass alle Dinge Teil Gottes sind, selbst diejenigen, die ich nicht begreife. Und ich denke, meine Aufgabe als Teil des Ganzen besteht darin, dieses Leben auf jede erdenkliche, mir mögliche Art besser zu machen, auch wenn mir natürlich klar ist, dass mein Beitrag äußerst gering ist, weil ich ja nur ein winziges Teilchen bin. Ich gebe keine sehr gute Lirin ab, wenn es hart auf hart geht. Vielleicht sehe ich aus wie meine Mutter, aber ich vermute, dass ich eigentlich eher die Tochter meines Vaters bin.«

»Ihr habt von beiden Weisheit mitbekommen«, meinte der Patriarch voller Zuneigung. »Hätte ich eine Tochter, würde ich mir wünschen, sie wäre genau so dickköpfig und ungeduldig und wunderbar wie Ihr.« Auf einmal wirkte sein Gesicht ein wenig blasser.

»Wollt Ihr Euch nicht ein wenig hinlegen?«, schlug Rhapsody vor und nahm seinen Arm, um ihm zu helfen. »Ich habe Euch viel zu sehr ermüdet. Ruht Euch aus, ich werde mich einstweilen um die anderen kümmern. Ich habe Medizin bei mir und kann singen oder Musik machen, ganz wie es vonnöten ist. Wenn Ihr wieder wach seid, könnt Ihr mir mehr darüber sagen, was ich morgen Nacht tun muss.«

Der alte Mann nickte. Rhapsody stand auf und ging zur Tür, aber gerade als sie sie öffnen wollte, rief er ihr etwas nach.

»Ihr werdet doch zurückkommen?«

»Aber ja.«

»Und morgen?«

»Morgen werde ich Euch zur Seite stehen, Euer Gnaden«, antwortete sie. »Es wird mir eine Ehre sein.«

27

Die große Basilika von Sepulvarta war das augenfälligste Bauwerk der Stadt, mit hoch aufragenden Mauern aus poliertem Marmor und einer Kuppel, die größer war als alle anderen in der bekannten Welt. Für tausende von Trost suchenden Seelen war in diesen Mauern Raum, doch in der heutigen, der heiligsten Nacht, war das Gotteshaus vollkommen leer. Am Nachmittag hatte man Rhapsody in der Basilika herumgeführt, und sie hatte sich an der Schönheit des Gebäudes von Herzen erfreut. Die vielfältigen Farben und Muster der Mosaiken, die Boden und Decke zierten, trugen ebenso zu seiner Pracht bei wie die kostbaren Vergoldungen auf den mit Fresken geschmückten Wänden und den farbigen Glasfenstern. Doch allein schon die Höhe und Breite des Bauwerks raubte ihr den Atem. Sogar in Ostend, der größten Stadt der Insel Serendair, hatte es nichts auch nur annähernd Vergleichbares gegeben; die Basilika dort hatte um die dreihundert Besucher gefasst und war insofern einzigartig gewesen, als sie ein paar Bänke ihr Eigen genannt hatte, auf denen die Reichsten unter den Gläubigen sich während des Gottesdienstes niedergelassen hatten. Der Grund für diesen Unterschied war neben der Tatsache, dass Sepulvarta um einiges wohlhabender war, dass Serendair seit Jahrhunderten dem Glauben an viele Götter zugleich angehangen hatte und zahlreiche Tempel von den Anhängern mehrerer verschiedener Glaubensrichtungen aufgesucht wurden. Zu der Zeit, als Rhapsody die Insel verlassen hatte, war der König und mit ihm sein Land eben erst zu dem Glauben an einen Gott übergetreten, und der Wechsel war in vielen Gegenden noch immer auf Widerstand gestoßen. Allein der Gebrauch des Wortes ›Götter‹ war für Monotheisten wie Rhapsodys Familie ein banaler Fluch gewesen und hatte schon zu Schlägereien auf der Straße geführt. Doch während sich die Bevölkerung mit der Vorstellung von einem einzigen wahren Gott angefreundet hatte, hatten immer mehr Tempel leer gestanden. An diesem Abend war es in Sepulvarta ebenso, wenn auch aus ganz anderen Gründen. Wie der Patriarch Rhapsody erklärt hatte, wurden die Feierlichkeiten des Hochheiligen Tages von ihm allein durchgeführt, ohne dass jemand anderes zugegen war ganz im Sinne der vorherrschenden Religion, die den Patriarchen als direkten Kanal zu Gott ansah. Punkt Mitternacht würde der alte Priester am Altar mit den rituellen Handlungen beginnen, würde psalmodieren und Opfer für den Schutz der Gläubigen fürs nächste Jahr darbringen. Dieser Akt der Erneuerung des Gottesbundes machte Rhapsody neugierig, denn er war den filidischen Jahreszeitenritualen sehr ähnlich. Vielleicht waren die beiden Religionen doch nicht ganz so gegensätzlich, wie ihre jeweiligen Anhänger glaubten. Für diese Nacht hatte der Patriarch zuvor eine einfache Zeremonie vollzogen, in der er Rhapsody als seine Kämpferin benannt hatte. Der Name, den er ihr verliehen hatte, lautete Geweihte Rächerin, und sie hatte während des nüchternen Rituals der Namensgebung ständig gegen das Lachen ankämpfen müssen. Als sie aber begriffen hatte, was die Bezeichnung ›Rächerin‹ beinhaltete, war sie ernst geworden: Wenn sie in ihrer Beschützerrolle scheiterte, wäre sie gezwungen, im Namen der Gläubigen Rache zu üben. Doch eine solche Verpflichtung war ihr nicht geheuer, und sie wollte sich lieber darauf konzentrieren, dass dem Patriarchen in dieser Nacht nichts geschah.