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So stand sie in der dunklen Basilika, die Tagessternfanfare griffbereit in der Scheide, den Blick aufmerksam in die weitläufige, menschenleere Kirche gerichtet. Sie stand im Kreis des Redners, einem auf den Marmorboden gemalten, vergoldeten Bild des Sterns, der die Turmzinne der Stadt krönte, am Ende der riesigen Marmortreppe, die von der Vorderseite der Basilika zum Altar führte. Der Altar selbst war ein einfacher, mit Platin eingefasster steinerner Tisch, der auf der zylindrischen Erhebung des Allerheiligsten genau in der Mitte der Basilika stand. So konnten alle Gläubigen ihn sehen, und Rhapsody hatte als Wächterin von ihrem Platz aus einen guten Überblick.

Die Basilika war dunkel bis auf die Lichtspiegelungen des Sterns auf dem gigantischen Turm, den Rhapsody tags zuvor gesehen hatte. Obgleich er auf der anderen Seite der Stadt aufragte, erhellte er die Basilika durch die Öffnungen in der Kuppel über dem Altar, tauchte ihr Inneres in ein gespenstisches Halblicht und ließ das Gesicht des Patriarchen schlohweiß erscheinen, während er den Altar für das Ritual vorbereitete. Schließlich trat der alte Mann langsam und mit zittrigen Schritten zu ihr an die Treppe.

»Ich bin bereit, Liebes.«

Rhapsody nickte. »Sehr gut, Euer Gnaden. So beginnt mit dem Ritual. Falls etwas passiert, versucht einfach weiterzumachen. Ich stehe Wache.« Damit lächelte sie dem gebrechlichen alten Mann zu, der in den voluminösen Gewändern seines Ordens gleichzeitig verloren und frappierend erhaben wirkte. Sie zog ihr Schwert, und er segnete sie. Dann kehrte er langsam zum Altar zurück und starrte in den einsamen Lichtstrahl, der aus der Kuppel herabfiel. Als er zu psalmodieren anhob, schloss Rhapsody die Augen und konzentrierte sich auf die Töne seiner heiligen Melodie. Sie entsprach dem Muster eines Schutzliedes; das erschien ihr sinnvoll, denn der Ritus selbst war ja eine Bitte um Schutz für die Gläubigen im kommenden Jahr. Sie richtete die Tagessternfanfare auf den Patriarchen und hielt die Klinge ruhig, bis sie einen der Töne auffangen konnte. Behutsam zog sie diesen in einem Kreis um den Altar, sodass er über dem Kirchenmann schwebte.

Wie ein in der Luft hängender Lichtkreis zirkulierte der Schutzring nun über dem Altar und dem Patriarchen und verstärkte den Lichtkegel aus der Kuppel so, dass er um den heiligen Mann herum fast zum Greifen wirkte. Auch die Stimme des Alten wurde ein wenig stärker, als der Kreis die einzelnen Töne seines Gesangs aufnahm und in einem sich drehenden Ring festhielt. Rhapsody steckte ihr Schwert in die Scheide zurück und nahm eine respektvolle Haltung an, ehrfürchtig in dem Bewusstsein, dass nur wenige andere jemals Augenzeuge dieses Rituals geworden waren.

Während Rhapsody so stand und schaute, spürte sie plötzlich hinter sich ein Prickeln, und ihre Nackenhaare stellten sich auf. Langsam drehte sie sich um und sah zwei Gestalten durch die Türen der Basilika eintreten und auf ihre Mitte zustreben. Eine der beiden blieb unter dem Torbogen stehen, der ins Hauptschiff führte. Rhapsody konnte kaum Einzelheiten erkennen, nur dass die Gestalt einen großen schwarzen Umhang und einen ebenfalls schwarzen, gehörnten Helm trug. Undeutlich sah sie, dass um ihren Hals ein rundes Symbol hing, in dessen Mitte sich ein Stein zu befinden schien; seine Farbe konnte sie im Dunkeln allerdings nicht ausmachen.

Auch der zweite Eindringling war in einen schwarzen Umhang gehüllt, aber dieser war zurückgeschlagen und enthüllte eine silbern schimmernde Rüstung. Mit frechem Selbstvertrauen, hinter dem eine finstere, entschlossene Drohung lag, schritt er den langen Mittelgang entlang. Rhapsody hörte, wie der Gesang des Patriarchen zu einem disharmonischen Ende kam; der alte Mann wich mit angstvoll aufgerissenen Augen vom Altar zurück. Rasch trat sie zu ihm hinüber, stellte sich so gut es ging vor ihn und hoffte, er werde hinter dem Altar bleiben, der jetzt zwischen ihnen stand; aber stattdessen stolperte er nach vorn und stellte sich nun direkt hinter sie.

Als die zweite Gestalt in der Mitte der Kirche angekommen war, warf sie die Kapuze zurück. Rhapsody stockte der Atem. Heller als die Rüstung glänzte rotgoldenes Haar, schimmernd wie blank poliertes Kupfer, wenn auch nicht ganz so metallisch wie damals im Sonnenlicht des versteckten Tals hinter dem Wasserfall. Das hübsche, haarlose Gesicht, das sie zuletzt unter einem Stoppelbart gesehen hatte, grinste breit, und ihr Herz zog sich zusammen, als ihr einfiel, wie sie ihn ans Rasieren erinnert hatte. Selbst aus dieser Entfernung sah sie seine blauen Augen, die sie hell und klar fixierten. An der ersten Bankreihe blieb er stehen.

»Hallo, meine Liebe. Es ist lange her, seit wir uns das letzte Mal gesehen haben. Ich habe dich vermisst.« Seine Worte hallten in der weitläufigen Basilika wider. Ungläubig starrte Rhapsody ihn an. Auf ihren Lippen formte sich ein einziges Wort.

»Ashe.«

»Oh, dann weißt du also noch, wer ich bin? Ich fühle mich geschmeichelt.«

Mit leiser, fester Stimme entgegnete sie: »Geh jetzt, dann wird dir nichts geschehen.«

Ein hässliches Lachen war die Antwort. »Wie großzügig von dir. Ich fürchte, ich kann deiner Aufforderung nicht entsprechen, aber ich möchte dir das gleiche Angebot machen.« Langsam ließ er seinen Umhang auf den Marmorboden gleiten und trat einen Schritt auf Rhapsody zu. Auf einmal spürte Rhapsody die knochige Hand des Patriarchen auf ihrer Schulter. »Geh jetzt lieber, mein Kind. Ich kann nicht von dir verlangen, dass du dieses Opfer bringst.«

Rhapsody ließ das anziehende Gesicht, das sie jetzt genau so anlächelte, wie es das in ihren Träumen getan hatte, keine Sekunde aus den Augen. So freundlich er in der Vergangenheit auch gewesen sein mochte, jetzt war er ihr Gegner, und sein Verrat drehte ihr den Magen um. Ohne sich umzusehen, antwortete sie dem Patriarchen: »Ihr habt nichts von mir verlangt. Ich bin freiwillig gekommen, erinnert Ihr Euch?«