Ihr Gegner kam näher. »Hör lieber auf Seine Gnaden, mein Schatz. Das hier ist nicht dein Kampf. Geh zurück nach Hause, ins Firbolg-Land, geh und mach dem Fürsten der Ungeheuer eine Freude. Das ist etwas, was ich nie verstehen konnte so eine schöne Frau und so ein hässliches Schicksal.«
»Bleibt in Eurem Kreis, Euer Gnaden«, rief Rhapsody und befreite sich mit einem Schulterzucken sanft von der zittern den Hand, während sie ihren Gegner auf sich zukommen sah. »Vollzieht Euer Ritual und lasst Euch nicht beunruhigen. Konzentriert Euch auf Eure Zeremonie.«
Aus den kristallblauen Augen verschwand das unverschämte Blitzen. »Ich habe dieses Spiel satt«, sagte er, und seine Stimme wurde gemein. »Je länger du mich dazu bringst, es zu spielen, desto mehr werde ich mit dir spielen, nachdem ich den Alten dort getötet habe. Ich habe lange darauf gewartet, dich endlich zu besitzen.«
Zorn ließ Rhapsodys Gesicht hart werden. »Dann komm«, sagte sie, während ihre Augen schmal wurden, mit tödlich ruhiger Stimme. »Ich werde mich bemühen, dieses Erlebnis für dich unvergesslich zu machen.« Ihre Hand legte sich auf das Heft der Tagessternfanfare.
»Versprochen?«, fragte er anzüglich und trat langsam zur Seite, die Hand geöffnet und bereit.
»Ich kann es kaum erwarten.« Damit zog er das Schwert, ein Schwert, das sie noch nie gesehen hatte. Es war aus schwarzem gehärtetem Stahl, und die Luft um ihn herum zischte, als er es vor sich hob.
Rhapsody fühlte ihr Schwert in der Scheide und veränderte ihren Griff minimal, wie Achmed es sie gelehrt hatte, während sie ihre Aufmerksamkeit zuerst auf sich richtete. Sie war stark, sie war gut vorbereitet, sie stand auf heiligem Boden. Ihr Gefühl, das sie seit uralten Tagen und auch schon in jenem scheinbar anderen Leben durchströmt hatte, sagte ihr, dass sie unter dem Schutz der Basilika stand. Es sagte ihr, dass dieser Boden sie nicht verletzen würde, selbst wenn sie stürzte. Rhapsody schloss die Augen und konzentrierte sich, wie Oelendra es ihr beigebracht hatte.
Auf der Schwelle ihres Bewusstseins befanden sich die drei nun näher kommenden anderen Gestalten. Der vertraute Singsang des Patriarchen floss durch den Ring. Das am weitesten entfernte Wesen erschien als fremdes Glühen am Rande ihres Blickfelds. Ihr unmittelbarer Gegner, der Mann, den sie Ashe genannt hatte, drang direkt von vorn auf sie ein. Rhapsody untersuchte sein Abbild nach Blut nahe der Oberfläche, irgendeinem Zeichen von Schwäche oder Verletzung. Zwar fand sie nichts, aber sie erkannte, dass es nicht die gleiche Schwingungssignatur trug wie die Gestalt im hinteren Teil der Basilika. Seltsamerweise erschien Ashe nicht als Mann auf dem Schwingungsraster in ihrem Kopf, sondern als ein Ding, ein Geist oder eine Maschine, die dabei war, sie anzugreifen. Er war nicht lebendiger als sein Schwert, was bedeutete, dass sie nicht wusste, ob sie ihn töten konnte.
Ein Rakshas hat immer das Aussehen der Seele, die ihm Kraft gibt. Elynsynos’ Worte hallten in ihrem Gedächtnis wider. Rhapsody öffnete die Augen und warf einen kurzen Blick auf die Gestalt im Hintergrund, dankbar, in dieser, der heiligsten Nacht des Jahres, auf geweihtem Boden zu stehen; denn sicher war es der Wirt des F’dor selbst, der sich hinter dem Schutz des gehörnten Helms verbarg. Sie hätte gern Einzelheiten erkannt, irgendwelche Hinweise auf seine Identität, aber stattdessen wurde ihre Aufmerksamkeit nun ganz von dem Gegner in Anspruch genommen, der sich ihr unaufhaltsam näherte. Langsam stieg sie die schillernden Marmorstufen hinunter und vergrößerte den Bogen des musikalischen Zylinders, der über und um den Patriarchen schwebte, als sie auf der untersten Stufe Halt machte. Vom Altar hinter ihr intonierte der alte Kirchenmann mit schwacher Stimme aufs Neue die feierlichen Worte, die seine letzte Zeremonie des Hochheiligen Tages besiegelten.
Im Hintergrund des Kirchenschiffs gestikulierte die Gestalt mit dem gehörnten Helm voller Ungeduld. Der Mann, dem sie vertraut hatte, mit dem sie gereist war, neben dem sie gekämpft und geschlafen hatte, war inzwischen seines Umhangs ledig und stürzte sich mit Mordlust in den Augen auf sie.
In den Sekunden vor dem Zusammenprall senkte sich Frieden auf Rhapsody herab. Es war die kalkulierte Ruhe, mit der sie in gefährlichen Situationen stets gesegnet war, gestählt von ihrer Ausbildung, geschliffen von ihrem Schwert, als verstriche die Zeit auf einmal viel langsamer; alle Winkel, alle Funktionen, jede Ebene und jede Kurve waren ihr klar, und sie war bereit, ihre Position einzunehmen. Auf ihrem Gesicht lag eine tödliche Heiterkeit; sie holte tief Atem und verstärkte ihre Konzentration auf die Schwingungen des Musikkreises und auf den rasch näher kommenden Mann, der jetzt nichts weiter war als eine Vielzahl mathematischer Berechnungen und Vektoren. Für sie war er kein Bekannter mehr, sondern nur noch der Feind, und jede Faser ihres Wesens und des Wesens ihres Schwerts war auf seine Vernichtung ausgerichtet.
»An mir kommst du nicht vorbei«, sagte sie mit der vollen Autorität einer Benennerin. In dem Sekundenbruchteil, bevor er zuschlug, sah Rhapsody sein Gesicht, verzerrt vor Wut, gärend vor Hass. Die Augen, von denen sie geträumt hatte, spieen Feuer, die Pupillen waren winzige Punkte eines flammenden blauen Lichts, die vertikalen Schlitze verschwunden. Sie schätzte seine Kraft und seine Körpermasse auf etwa das Doppelte ihrer eigenen, doch sie glaubte, dass sie schneller und ihm technisch überlegen war, obgleich sie seine Waffe nicht kannte. Seine Wut war größer; ob sich das als Vorteil für sie oder für ihn herausstellte, musste sich zeigen.
Sie hatte ihn schon im Kampf erlebt, aber niemals so wie heute. Er bewegte sich mit der Schnelligkeit und Behändigkeit eines Wolfs, und sein grässliches Knurren klang eher nach einem wilden Tier als nach einem Menschen. In einem einzigen Moment hatte er die Entfernung zu ihr überwunden und sich, das Schwert aus dem Handgelenk schwingend, auf sie gestürzt.
Sie war wie angewurzelt stehen geblieben und ließ sich gerade genug Zeit, um die Tagessternfanfare zu ziehen, sodass der Blitz, den das Schwert hervorrufen würde, wenn es aus der dunklen Scheide führe, mit dem Gipfelpunkt des musikalischen Kreises über ihr zusammentreffen würde. Als die Klinge ihres Feindes auf ihre Kehle zusauste, um sie zu enthaupten, hörte sie das Geräusch, von dem Oelendra gesprochen hatte, das Wispern im Wind; und sie wusste, dass sie, tot oder lebendig, durch ihre Wächterrolle den Rang eines Sippschaftlers erhalten hatte.
Ohne einen Laut, mit einer Schnelligkeit, wie nur die Erfahrung sie schenkt, zog Rhapsody die Tagessternfanfare aus der Scheide, in einem Winkel, der den Schlag ihres Gegners aufhielt und parierte. Als das Schwert vorschoss, gab es einen fürchterlichen Lichtblitz, den der summende Kreis über Rhapsody in alle Richtungen durch die Basilika verteilte. Ein metallisches Dröhnen, das an das Schmettern einer Silbertrompete gemahnte, zerriss die Luft. Wie Hammer auf Amboss, so prallte das Schwert gegen die schwarze Waffe, und das Echo des Knalls wurde von den Glocken der Basilika zurückgeworfen. Die mächtige Schallwelle brachte den Turm zum Erzittern, fegte übers Land und ließ die ganze Zinne beben.
Rhapsody wendete die Kraft und Größe ihres Gegners gegen ihn selbst, um den Schlag auf den Boden zu lenken. Sie zog ihr Schwert über seine Seite, und wo es durch seine Rüstung drang, versengte es ihn. Rasch wirbelte sie in ihre Ausgangsstellung zwischen ihm und den Altarstufen zurück, wobei sie schon fast erwartete, ihn auf dem Boden zu sehen. Doch er war noch da und ging, ohne auf seine verwundete Seite zu achten, erneut auf sie los. Wieder musste sie ihn abwehren, aber dieses Mal zielte sie bei ihrem Gegenschlag auf seine Augen. Obgleich sie fühlte, dass sie ihn getroffen hatte, drang er mit dem Schwertarm weiter auf sie ein, während er den anderen Arm hob, um sein Gesicht zu schützen. Rhapsody duckte sich unter seinem Zugriff hindurch, warf sich herum und versuchte, von ihm loszukommen, aber er war zu dicht bei ihr. Mit einer abrupten Bewegung packte sie die Tagessternfanfare mit beiden Händen und hackte ihrem Angreifer den Daumen vom Heft seines schwarzen Schwertes. Die Waffe fiel klirrend zu Boden, gefolgt von dem blutenden Finger, während sie ihren Feind mit den Ellbogen von der Treppe drängte. Dann sprang sie selbst wieder zwei Stufen hinauf, um sich einen Überblick über die Lage zu verschaffen.