»Du kommst nicht an mir vorbei«, wiederholte sie atemlos. Sie spürte, wie die Wut ihrer beiden Gegner sich verstärkte. Ein Blick auf ihre Schwingungssignaturen zeigte ihr, dass sie mit einer dunkelroten Flamme pulsierten, schwarz brennend vor Zorn. Offenbar störte es die Gestalt im Hintergrund ganz besonders, dass die Auseinandersetzung inzwischen nicht mehr im Verborgenen stattfand; unruhig blickte der Vermummte sich in der Basilika um und lauschte auf die Geräusche, die von draußen hereindrangen. Alarmglocken und Rufe erschallten immer lauter von der Stadt herauf. Doch die Wut ihres Gegners zielte nicht direkt auf sie. In seinen Augen erkannte sie eine zornige Verwirrung, als hätte er ihre Stärke falsch eingeschätzt. Doch das erschien ihr wiederum äußerst unwahrscheinlich, denn Ashe war lange genug bei ihr gewesen und hatte oft an ihrer Seite gekämpft, um sie beurteilen zu können. Und er wusste doch auch, dass sie bei Oelendra gelernt hatte. Wodurch seine Verwirrung indes ausgelöst worden sein mochte, sie ging vorüber. Hass verdunkelte sein Gesicht, und er stürzte sich auf Rhapsody, sprang durch die Luft mit einer unnatürlichen wölfischen Anmut und riss sie zu Boden, sodass sie unter ihm zum Liegen kam.
Offensichtlich war er zu dem Schluss gekommen, dass sie die bessere Waffe besaß, und setzte nun auf seine körperliche Überlegenheit. Mit der unverletzten Hand ließ er ihren Kopf auf die Marmorstufe aufschlagen. Rhapsody wehrte sich mit dem Schwert, das jedoch abprallte; aber ihr freier Handballen stieß von unten gegen seine Nase, sodass sie zu bluten anfing. Doch es war gar nicht Blut, was da zum Vorschein kam, sondern vielmehr eine Art Lauge, die ihr in den Augen und auf der Haut brannte. Das Zeug zischte und sandte einen stechenden Schmerz durch ihren ganzen Körper.
Aneinander geklammert, rollten sie über den Boden der Basilika. Rhapsody landete auf dem Rücken und versuchte aufzustehen, aber eine behandschuhte Hand legte sich auf ihre Kehle und drückte so heftig zu, dass sie wiederum auf dem Stein aufschlug. Einen Herzschlag lang wurde die Welt um sie herum dunkel, und sie bekam keine Luft mehr. Mit Bauch und Beinen presste er sie zu Boden und richtete sich dann keuchend über ihr auf. Blut füllte ein Auge und tropfte aus seiner Nase, sein Gesicht war vor Wut und Bosheit grotesk verzerrt.
Rhapsodys Arme fielen kraftlos zur Seite. Ihr ganzer Körper tat weh, und von dem widerlichen Gestank, der vom Blut ihres Gegners aufstieg und die Luft wie eine Giftwolke verpestete, wurde ihr übel. Doch sie zwang sich zur Ruhe und bewegte langsam und unmerklich die Arme nach oben, bis sie direkt über ihrem Kopf lagen; zwar gab sie sich damit eine Blöße auf Bauch und Brust, aber dort schützte sie ja der Panzer aus Drachenschuppen. Sein Griff um ihre Kehle verstärkte sich; jetzt hatte er sich fast zu einer sitzenden Position erhoben und umklammerte ihren Hals mit beiden Händen, die Beine gespreizt, die Genitalien jedoch zu ihrem Bedauern außer Reichweite ihrer Knie.
»Wie schade«, keuchte er und setzte sich hart auf ihren Bauch. »Schon seit langem hatte ich vor, dich flachzulegen, aber ich glaube, meinen ursprünglichen Plan hätten wir beide etwas mehr genossen.« Die Worte kamen nur mühsam aus seinem Mund, er atmete flach. »Aber egal. Ich denke, ich nehme deinen Körper einfach mit und vergnüge mich trotzdem noch ein bisschen damit. Wahrscheinlich habe ich dann sogar mehr Spaß mit ihm als in lebendigem Zustand, weil du nicht mehr ständig plapperst. Obwohl deine Schreie wären Musik für meine Ohren gewesen. Nun ja.«
Rhapsody konzentrierte sich auf seinen Helm. Immer wieder schwand ihr für einen Augenblick das Bewusstsein, aber schließlich glaubte sie die Naht seiner Rüstung am Hals ausfindig gemacht zu haben. Mit unendlicher Geduld drehte sie das Heft der Tagessternfanfare in der Schwerthand und bewegte langsam die Hände aufeinander zu. Dann nahm sie all ihre eigene und die Kraft des Schwertes zusammen, und als sie spürte, dass sie harmonierten, atmete sie aus, wurde schlaff in der Umklammerung ihres Feindes und ließ das Schwert aus ihren Händen auf den Boden der Basilika fallen.
Er würgte sie noch einmal mit brutaler Heftigkeit, lockerte schließlich aber den Griff, fasste sich mit beiden Händen an sein blutendes Gesicht und wollte dann, auf ein Knie gestützt, die Tagessternfanfare ergreifen. In diesem Augenblick rief Rhapsody in Gedanken ihr Schwert. Sofort sprang die Tagessternfanfare zurück in ihre Hände. Rhapsody warf sich nach vorn und stach mit der spitzen Klinge in den Schlitz im Harnisch ihres Gegners. Sie traf das angepeilte Ziel mit solcher Genauigkeit, dass er nach hinten geschleudert wurde. Die Tagessternfanfare jedoch steckte fest in seinem Hals.
Ein hässliches, ersticktes Japsen entrang sich seinem Mund, seine Augen weiteten sich vor Überraschung und Schmerz. Rhapsody nahm am Rande wahr, dass die Pupille des unversehrten Auges groß und rund geworden war. Mit einem heftigen Ruck zog sie das Schwert wieder aus seinem Hals und hieb es ihm gegen die Knie. Er stürzte, versuchte aber, auf, allen vieren sein eigenes Schwert zu ergattern. Doch Rhapsody schleuderte es mit einem mächtigen Schwung der Tagessternfanfare in den Gang, wo er es nicht mehr erreichen konnte.
»Tut mir Leid, dass ich dich enttäuschen muss«, sagte sie und folgte ihm, als er sich kriechend zurückzog. »Wenn du dich so nach mir sehnst, werde ich gern zu Diensten sein. Roll dich mal ein bisschen auf die Seite.« Drohend schwang sie das Schwert gegen ihn, dann spürte sie plötzlich, dass etwas die harmonischen Schwingungen der Tagessternfanfare störte. Beschämt begriff sie den Grund dafür: In ihrer Wut hatte sie ihren wehrlosen Feind verspottet, und das war einer Sippschaftlerin und der Iliachenva’ar nicht würdig.
»Halt still, dann beschere ich dir ein schnelles Ende«, sagte sie freundlicher, hob das Schwert und richtete es auf seinen Hals.
Auf einmal ertönte ein Höllenlärm aus dem hinteren Teil der Kirche. Rhapsody konnte gerade noch der Feuerwand ausweichen, die ohne jede Vorwarnung aus dem Boden zwischen ihr und ihrem blutenden Feind in die Höhe schoss, eine schwarze Feuersbrunst, die denselben Gestank verbreitete wie sein Blut. Die Wand aus Hitze und Flammen stieg bis auf die Höhe des Altars empor und umringte Rhapsody von allen Seiten und sie konnte sie nicht durchbrechen. Doch es war kein natürliches Feuer; es zischte und fauchte, und seine Bosheit war greifbar. Auf der anderen Seite der Flammen sah Rhapsody hastige Bewegungen. Sie sammelte all ihr Wissen um sich wie einen Umhang und bereitete sich darauf vor, durchs Feuer zu gehen, als es plötzlich verschwunden war. Auch die beiden Attentäter waren nirgends mehr zu sehen. Der Patriarch sang noch immer mit leiser, unsicherer Stimme, war inzwischen aber fast am Ende des Rituals angekommen.
Keuchend und völlig ausgelaugt, wartete Rhapsody, bis der Priester fertig war. Erst als er sich vom Altar abwandte und die Stufen zu ihr hinabstieg, setzte sie sich hin und strich sich mit den Fingern über ihre malträtierte Kehle. Ihr Kopf dröhnte, und in ihrem Körper wuchsen die Schmerzen.
Mit vor Schreck bebender Stimme rief der Patriarch: »Kind! Mein Kind! Seid Ihr unversehrt?« Er zitterte so heftig, dass Rhapsody schon Angst bekam, er könne die Altartreppe hinunterfallen.
»Ja, Euer Gnaden, es geht mir gut«, antwortete sie, erhob sich mühsam und streckte dem gebrechlichen alten Mann beide Hände entgegen. Seine Augen waren voller Besorgnis, aber er schien wenigstens keine Angst mehr zu haben.
»Lasst mich Euren Hals ansehen«, bat er, zog den Kragen ihrer Weste beiseite und untersuchte die anschwellenden purpurnen Flecke. »Ihr seht furchtbar aus.«