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Rhapsody zuckte zusammen, als seine Finger ihren Hals berührten. »Ja, aber er sieht noch schlimmer aus, und darauf kommt es an.«

»Wo ist er geblieben?«, fragte der Patriarch und sah sich in der Basilika um. Rhapsody beugte sich vor und versuchte, möglichst tief und ruhig zu atmen, um die Schmerzen zu bewältigen. »Ich weiß es nicht. Er hat wohl den Schwanz eingeklemmt und ist weggelaufen, mit Hilfe seines hässlichen Freundes.«

»Er hatte Hilfe?«

»Ja, da war noch einer, mit einem gehörnten Helm. Ich bin ziemlich sicher, dass er es war, der das Feuer herbeigerufen hat.«

»Das Feuer? Ich kann nicht glauben, dass ich nichts davon mitbekommen habe. Einmal habe ich einen großen Lärm gehört, aber als ich den Ritus vollzogen hatte, wart nur noch Ihr in der Kirche. Offenbar musstet Ihr teuer dafür bezahlen, dass Ihr mich beschützt habt. Es hätte Euch das Leben kosten können.«

Gerührt nahm Rhapsody seine Betroffenheit zur Kenntnis und lächelte ihn aufmunternd an.

»Gut, dass Ihr Euch nicht habt ablenken lassen, Euer Gnaden, so soll es sein. Wir sind beide unserer Pflicht nachgegangen. Konntet Ihr das Ritual erfolgreich beenden?«

»O ja. Die Zeremonie des Hochheiligen Tages ist vollständig, das Jahr gesichert, und mit Hilfe des Allgottes wird nächstes Jahr ein anderer meinen Platz einnehmen. Jetzt kann ich in Frieden Abschied nehmen. Danke, meine Liebe, danke. Wärt Ihr nicht gewesen, hätte ich ...«

Er starrte zu Boden, und sein Mund öffnete und schloss sich leise, ohne dass Worte herauskamen.

Rhapsody streichelte seine Hand. »Es war mir eine Ehre, Euch als Beschützerin zu dienen.«

In diesem Augenblick flog die Tür der Basilika auf, aufgeregter Lärm erhob sich, und Wachen, Soldaten, Novizen und Stadtbewohner strömten in die Kirche, um nach dem Patriarchen zu sehen. Rhapsody steckte ihr Schwert in die Scheide und kniete vor dem Priester nieder.

»Ich werde Euer Amt in dem Ring für Euch bewahren, Euer Gnaden, bis ein anderer an Eure Stelle rückt. Betet für mich, dass ich meine Aufgabe mit Weisheit erfülle.«

»Daran zweifle ich nicht«, erwiderte der alte Mann und lächelte auf sie herab. Dann legte er die Hand auf ihren Kopf und erbat auf Altcymrisch, der heiligen Sprache seiner Religion, einen Segen. Rhapsody verbarg ihr Lächeln, als ihr einfiel, wann sie diese Sprache im alten Land zum letzten Mal gehört hatte. Was jetzt mystische heilige Worte waren, gehörte damals zum Jargon fluchender Wachsoldaten; Prostituierte hatten in dieser Sprache ihre Kunden geworben, Fischweiber hatten sie gekeift, Betrunkene gelallt. Doch jetzt wurde das Cymrische feierlich und mit Ehrfurcht gesprochen, so bedeutungsvoll wie ein Lirin-Lied. Der letzte Teil des Segens war ein einfacher Spruch, den sie schon als Kind gehört und den man den alten Seren zugeschrieben hatte.

»Vor allem aber mögest du Freude finden.«

»Danke«, antwortete sie mit einem Lächeln. Dann erhob sie sich, wenn auch etwas mühselig, verbeugte sich und machte sich zum Abschied bereit. Doch als sie sich zum Gehen wandte, berührte der Patriarch sie an der Schulter.

»Mein Kind?«

»Ja, Euer Ehren?«

»Wenn die Zeit kommt, würdet Ihr dann vielleicht in Erwägung ziehen ...« Seine Stimme erstarb, und er schwieg verlegen.

»Ich werde da sein, wenn ich irgend kann, Euer Ehren«, sagte sie leise. »Und ich bringe meine Harfe mit.«

28

Madeleine Canderre, Herzog Cedric Canderres Tochter, gehörte zu den Frauen, die man gemeinhin als hübsch bezeichnete. Ihr Gesicht war angenehm, die Züge ebenmäßig, was ihr jenen aristokratischen Ausdruck verlieh, den nur Jahrhunderte ausgewählter Eheschließungen hervorbrachten. Ihre Gesichtshaut war frisch und modisch blass, die Augen haselnussbraun; diese Farbe war eine zulässige Abweichung vom traditionellen Azurblau oder Aquamarin der cymrischen Königs und Adelsgeschlechter.

Nun war die Augenfarbe zwar durchaus anziehend, ihre Form und der für sie typische Ausdruck aber nicht unbedingt. Madeleines Augen waren klein, lagen eng beieinander und schienen beständig Unzufriedenheit auszustrahlen. Vielleicht lag das einfach daran, dass sie meistens wirklich unzufrieden war.

Als sie an diesem Morgen in ihrem Wagen saß und sich für die Rückreise ins Land ihres Vaters fertig machte, war diese Unzufriedenheit geradezu greifbar. Tristan Steward seufzte. Vor einer Stunde war er gekommen, um sich von ihr zu verabschieden, und nun war sie immer noch da und führte ein Problem nach dem anderen an, das noch gelöst werden musste, ehe sich in wenigen Monaten unerbittlich und endgültig ihr Leben mit seinem verbinden würde. Bei dieser Vorstellung wurde die Übelkeit in seinem Magen von Minute zu Minute schlimmer.

»Ich verstehe immer noch nicht, warum du nicht nach Sepulvarta gehst und selbst den Patriarchen besuchst«, nörgelte Madeleine, während sie in ihren Notizen blätterte. »Er würde bestimmt eine Ausnahme machen und uns verheiraten; schließlich bist du ja der einzige Prinz des höchsten Geschlechts in ganz Roland. Was könnte denn wichtiger sein, Tristan?«

»Ich glaube, der Mann liegt im Sterben, Liebste«, erwiderte Tristan so geduldig er konnte. Ich wollte, ich könnte etwas anderes sagen, dachte er bitter.

»Unsinn. Man hört doch überall, dass er am Hochheiligen Tag einen Attentatsversuch in der Basilika überlebt hat. Wenn er einen Mordanschlag übersteht, dann kann er sich wohl auch vor den Altar stellen, das Vereinigungsritual vollziehen und die wichtigste Hochzeit im Land segnen.«

Tristan versuchte, seinen Ärger hinunterzuschlucken. Natürlich kannte er die Neuigkeiten, aber aus einer anderen Quelle und aus anderen Gründen. Den Gerüchten zufolge, die unter den Prostituierten kursierten, war der Patriarch von einer kleinen, zierlichen Frau gerettet worden jedenfalls hatte Prudence das behauptet. Von einer Frau mit dem Gesicht eines Engels, mit der Wärme eines wilden Feuers in den grünen Augen. Er zweifelte keinen Augenblick daran, um wen es sich dabei handelte, es gab nur eine einzige Möglichkeit.

»Ich werde es mir durch den Kopf gehen lassen, Madeleine«, meinte er schroff und ließ die Wagentür endlich ins Schloss fallen. Dann beugte er sich durchs offene Fenster und drückte seiner Verlobten einen schnellen Kuss auf die Wange. »Gib die Liste dem Kammerherrn, er wird sich sicherlich auch um deine anderen Sorgen kümmern. Nun gute Reise. Wir wollen deinen Vater nicht warten lassen; du weißt doch, wie besorgt er immer ist.«

Damit wandte Tristan sich ab, allerdings nicht schnell genug, dass ihm das schockierte Gesicht seiner Verlobten entgangen wäre. Er winkte dem Quartiermeister, der seinerseits dem Kutscher zupfiff. Ruckend fuhr die Kutsche an und verschwand kurz darauf um die nächste Ecke.

»Ich dachte schon, du würdest nie mehr kommen.«

»Prophetische Worte, ohne Zweifel. Wenn ich erst einmal verheiratet bin, werde ich nie mehr kommen, jedenfalls nicht so wie bei dir, das kannst du mir glauben.«

Prudence warf ein Kissen auf den Prinzen, das ihn mitten auf die Brust traf. »Es ist noch nicht zu spät«, meinte sie lächelnd. »Noch steckt kein Ring an Madeleines Finger. Du könntest ihr einfach den Hals umdrehen.«

»Führ mich nicht in Versuchung.«

Das Lächeln verschwand aus Prudences Gesicht. »Hör auf zu jammern, Tristan. Wenn du den Gedanken nicht ertragen kannst, dass du den Rest deines Lebens mit dieser ... dieser Frau verbringst, dann zeig ein bisschen Rückgrat und löse die Verlobung auf. Du bist immerhin der Herrscher von Roland. Niemand kann dich zwingen, Madeleine zu heiraten.«

Tristan ließ sich schwer auf die Kante des massiven Betts fallen und zog seine Stiefel aus. »Es ist nicht so einfach, Pru«, erwiderte er. »Meine Heiratsmöglichkeiten sind äußerst begrenzt. Lydia von Yarim machte einen ziemlich viel versprechenden Eindruck, aber sie erlag leider einer Geschmacksverirrung, verliebte sich in meinen Cousin Stephen Navarne und heiratete ihn sogar; dabei musste sie dann auch noch ihr Leben lassen.«

Ein stechender Schmerz fuhr seine Wirbelsäule empor, als Prudences Fuß seinen Rücken traf.