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»So etwas zu sagen ist wirklich hässlich und unter deiner Würde, Tristan, selbst wenn du einen Monat mit der mürrischen Madeleine verbracht hast und demzufolge selbst mürrisch geworden bist. Lydia wurde bei einem nicht geklärten feindlichen Überfall getötet, wie so viele andere im Lauf der Jahre. Das könnte jedem passieren, und es gibt ja auch ständig solche Vorkommnisse. Anzudeuten, dass Stephen in irgendeiner Weise daran schuld sein könnte ...«

»Ich sage ja nur, dass es für eine Gräfin lächerlich ist, mit einem so kleinen Kontingent zu reisen, und das auch noch auf der Jagd nach einem Paar Kinderschuhen für Lady Melisande. Ich habe nie gesagt, dass Stephen dafür verantwortlich ist. Ich finde nur, dass er sich besser um seine Familie hätte kümmern können, vor allem um die Frau, die er geliebt hat.«

»Hmmm. Nun, was ist mit der Prophetin in Hintervold wie hieß sie noch mal? Hjroda?«

Tristan ließ den zweiten Stiefel auf den Boden fallen und band seine Hose auf. »Die ist keine Cymrerin.«

»Na und? Ich dachte, es reicht, dass eure Verlobten adelig sind. In Hintervold ist der Prophet von Adel. Welchen Unterschied macht es dann, ob seine Tochter cymrisch ist oder nicht? Es könnte sogar ein Vorteil sein, wenn man sich anschaut, was der größte Teil der Bevölkerung von den Cymrern hält ohne dir damit zu nahe treten zu wollen.«

Tristan stand auf und schlüpfte aus der Hose, dann wandte er sich ihr zu. Sie saß an die zierlichen weißen Kissen gelehnt, unter den königsblauen Samtvorhängen seines Betts. Die rotblonden Locken fielen ihr über die Schultern, die knochiger geworden waren das Alter hatte ihre Haut gedehnt und das Fleisch anders verteilt, sodass ihre Formen nicht mehr die eines jungen Mädchens waren, sondern die einer Frau im mittleren Alter. Ihr Anblick schnürte ihm jedes Mal die Kehle zusammen, und alle möglichen Gefühle überfluteten ihn, keines davon angenehmer Natur. Er blickte aus dem Fenster.

»Madeleine ist die Tochter des Herzogs von Canderre und die Cousine des Herzogs von Bethe Corbair«, sagte er, während er auf die Felder hinter dem Hof starrte, die in der Sommerhitze grün und reif dalagen. »Stephen Navarne und ich sind Vettern. Wenn ich mit Madeleine verheiratet bin, habe ich familiäre Bindungen zu jeder Provinz in Roland außer Avonderre.«

»Und? Warum ist das wichtig? Du bist jetzt schon Prinzregent, auch ohne all das.«

»Ich möchte vorbereitet sein, falls eines Tages der Aufruf zur Wiedervereinigung der Provinzen von Roland unter einem Cymrer-Herrscher ergeht. Es gibt Menschen, die der Ansicht sind, dass dies eine Möglichkeit wäre, die Gewalt zu beenden, unter der das Reich von der Küste bis ins Bolg-Gebiet und auch in Tyrian und Sorbold zu leiden hat. Vielleicht wird es irgendwann dazu kommen.«

Prudence verdrehte die Augen und seufzte. »Vielleicht wird irgendwann auch danach verlangt, dass jemand den Himmel gelb streichen lässt, Tristan, aber ich würde mir an deiner Stelle trotzdem keine Frau aufbürden, die dir schon Albträume bereitet, wenn du nur an ihre Gegenwart denkst.«

Gegen seinen Willen musste der Herrscher von Roland lächeln. Er zog seine lange Tunika aus und warf sie auf den Kleiderhaufen, der sich auf dem Boden angesammelt hatte. »So schlimm ist Madeleine nun auch wieder nicht, Pru.«

»Sie ist kalt wie die Titten einer alten Kriegshexe und doppelt so hässlich. Das weißt du genau. Mach die Augen auf, Tristan. Sieh dir genau an, auf was du dich da einlässt und zu welchem Zweck. Wer auch immer dich heiratet, wird cymrisch, schon allein dadurch, dass sie deine Frau ist möge der Allgott ihr beistehen. Eure Linie ist sowieso nicht rein. Heirate eine Frau, mit der du glücklich wirst, oder wenigstens eine, die dir nicht das Leben zur Hölle macht. Wenn du das Glück hast, Herrscher der Cymrer oder König oder was auch immer zu werden, dann kümmert es ohnehin keinen mehr, wer diese Frau jetzt ist.«

Ihre Worte waren so klar und deutlich, dass sich die Muskeln in Tristans Stirn lockerten, die seit der Nachricht über Madeleines Ankunft angespannt gewesen waren. Und wie immer lag eine Menge Weisheit in ihnen.

Rasch entledigte er sich seiner knielangen Unterhosen, warf die Decke mitsamt des seidenen Überwurfs beiseite und schloss Pru in die Arme. Ihre warme Haut an seiner Brust fühlte sich tröstlich an. Er hatte sie im letzten Monat schrecklich vermisst.

»Ich glaube, ich sollte Evans enthaupten lassen und lieber dich zu meinem persönlichen Berater und Botschafter ernennen«, meinte er, während seine Hände über ihren Rücken glitten und ihr Hinterteil umfassten. »Du bist klüger als er. Und viel schöner.«

Prudence schauderte in gespieltem Entsetzen. »Das will ich doch sehr hoffen. Evans ist mindestens siebzig.«

»Stimmt. Und er hat auch nicht so wunderschöne goldene Haare.« Der Herrscher von Roland vergrub seine Hände in ihren Locken.

Prudence machte sich aus seiner Umarmung frei, setzte sich auf und zog die Decke über ihre Brüste.

»Ich auch nicht, Tristan.«

»Doch, natürlich«, stammelte er. Plötzlich war ihm schwindlig, und ihm wurde kalt im Magen. »Rotblond habe ich gemeint. Das ist auch eine Art Gold.«

»Verschone mich«, entgegnete sie und sah aus dem Fenster. »Du hast wieder an sie gedacht.«

»Nein, das habe ich nicht...«

»Sei lieber still, Tristan. Wage es nicht, mich anzulügen. Ich lasse mich nicht für dumm verkaufen. Ich weiß, an wen du denkst und ich bin es nicht.« Prudence strich die Decke über ihren Beinen glatt. »Es macht mir übrigens nichts aus. Ich möchte nur, dass du ehrlich bist.«

Tristan seufzte. Lange sah er Prudence an, und auf seinem Gesicht verwandelte sich der schuldbewusste Ausdruck in Staunen darüber, wie schnell sie immer bereit war, ihm seine Missetaten zu verzeihen. In seinem ganzen Leben würde es nie wieder einen Menschen geben, der ihn so bedingungslos akzeptierte und ihn im vollen Bewusstsein seiner Fehler dennoch liebte.

Als er in ihren Augen endlich die Spur eines Lächelns ausmachen konnte, zog er die Decke wieder herunter, diesmal allerdings sehr behutsam, und glitt neben sie. Sanft nahm er sie in die Arme und drückte ihren Kopf an seine Schulter.

»Ich verdiene dich wirklich nicht, weißt du«, sagte er, und seine Stimme klang fast demütig.

»Ja, ich weiß«, erwiderte sie, das Gesicht an seiner Brust vergraben. Diese Brust war glatt und muskulös, strotzend vor Jugend und Vitalität, die Tristans cymrisches Erbe ihm verliehen, zusammen mit einer immensen Lebenserwartung, in deren Genuss Prudence selbst nie kommen würde.

»Ich möchte, dass du etwas für mich tust.«

Prudence seufzte und legte sich aufs Kissen zurück. »Was denn?«

Auch der Herrscher von Roland legte sich zurück und starrte an die Decke. Es war so viel leichter bei Nacht, nachdem sie sich geliebt hatten; sonst hatten sie sich für gewöhnlich über seine an Besessenheit grenzenden Gefühle für Rhapsody unterhalten, wenn Dunkelheit den Raum verhüllte, hinter den Bettvorhängen. Anstand und Schamgefühl waren dann weit weg, und er konnte so offen sein wie einem Beichtvater gegenüber wäre er fähig dazu, sich einem zu offenbaren. Aber seine königliche Stellung verschaffte ihm nicht nur Privilegien, sie war auch ein Fluch. Der einzige Kirchenmann, der in der Position gewesen wäre, sich seine Verbrechen anzuhören und seine Bitte um Absolution an den Patriarchen weiterzuleiten, war neben dem Patriarchen selbst ausgerechnet Tristans Bruder Ian Steward, der Segner von Canderre-Yarim. Nun wurde es aber zunehmend wahrscheinlich, dass Ian, ungeachtet Madeleines anders lautenden Wünschen, das Eheschließungsritual vollziehen würde, und so blieb Tristan niemand, dem er seine ehebrecherischen Gedanken gestehen konnte, als die Prostituierte in seinem Bett, die von Kindheit an seine Freundin und auch seine erste Geliebte gewesen war. Die einzige Person auf der ganzen Welt, von der er sicher war, dass er sie liebte. Er legte den Arm über die Augen, was ihm, wenn es schon nicht Nacht war, wenigstens ein wenig Dunkelheit bescherte.

»Ich möchte, dass du nach Canrif gehst ich meine natürlich nach Ylorc, wie die Firbolg es nennen.« Neben ihm stieß Prudence hörbar den Atem aus, aber sie sagte nichts. »Ich möchte, dass du die Hochzeitseinladung für den Firbolg-König überbringst und auch die für seine Gesandte.«