»Seine Gesandte? Komm schon, Tristan, das kannst du besser.«
»Na gut, für Rhapsody. Bist du jetzt zufrieden? Ich möchte, dass du Rhapsody persönlich die Einladung überbringst und ihre Reaktion beobachtest. Wenn sie offen dafür scheint, versuche sie zu überreden, dass sie mit dir nach Bethania kommt, oder zumindest bald nachkommt, damit ich mich wenigstens einmal allein mit ihr treffen kann, ehe ich das Biest von Canderre heirate.«
»Zu welchem Zweck willst du dich mit ihr treffen, Tristan?«, fragte Prudence leise, ohne die Spur eines Vorwurfs in der Stimme. »Was versprichst du dir davon?«
Wieder seufzte er. »Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass ich, wenn ich es nicht tue, den Rest meines Lebens Qualen leiden und mich fragen werde, was sie wohl gesagt hätte. Und darüber nachgrübeln werde, ob es nicht vielleicht doch eine Chance gegeben hätte.«
Prudence setzte sich auf und zog ihm den Arm von den Augen.
»Eine Chance worauf? Liebst du sie, Tristan?« Ihre dunkelbraunen Augen suchten in seinem Gesicht, voller Anteilnahme, aber ansonsten ausdruckslos.
Er sah weg. »Ich weiß es nicht. Ich glaube nicht. Es ist eher ... eher ...« »Verlangen?«
»Etwas in der Art, ja. Eine überwältigende, unerklärliche Sehnsucht. Als wäre sie ein wärmendes Freudenfeuer mitten im Winter. Es ist, als wanderte ich ohne Hemd durch den Schnee, seit ich sie zum ersten Mal gesehen habe. Du hattest die ganze Zeit über Recht damit, dass ich mich zu ihr hingezogen fühle. Ich habe den Kopf verloren und eine ganze Brigade meiner eigenen Soldaten in einen grausigen Tod geschickt, weil ich sie nicht fortziehen lassen wollte. Und ob du das nun glaubst oder nicht, sie hat keine Ahnung das hat jedenfalls der Firbolg-König behauptet.
Natürlich wusstest du es besser, Pru, aber ich durfte dir nicht glauben. Der arme Rosentharn hatte Anweisung, sie mit dem Heer zurückzubringen, wenn Firbolg besiegt war.« Er blinzelte heftig bei der Erinnerung an den Firbolg-Kriegsherrn, der, die Krone von Roland wie ein Kinderspielzeug in den Händen haltend, auf eben dieser Bettkante gesessen und ihm ganz ruhig davon berichtet hatte, dass Tristans Heer abgeschlachtet worden war.
Keine Sorge, hatte das in seinen Umhang gehüllte Ungeheuer mit der kratzigen, heiseren Stimme gesagt, die vom Tod flüsterte. Sie ahnt nicht, dass sie es war, die den Anstoß für dieses Massaker unter deinen Leuten gegeben hat. Dass es durch sie dazu kommen musste, war mir natürlich klar. Weshalb hätte ich sie sonst wohl zu dir geschickt? Du bist ein Mann freien Willens. Wenn es dir aufrichtig um Frieden gegangen wäre, hättest du meine Abgesandte gewiss mit offenen Armen begrüßt und mein Angebot angenommen. Ein Mann, der einer anderen Frau gegenüber nicht ausschließlich ehrenvolle Absichten hegt insbesondere dann, wenn er verlobt ist, ist auch als Nachbar nicht besonders vertrauenswürdig. Dass du, um ihre Aufmerksamkeit zu erregen, das Leben von zweitausend Männern aufs Spiel gesetzt hast, wird dir hoffentlich eine Lehre gewesen sein. Lass es nicht noch einmal so weit kommen.
Dann hatte sich der Schatten leise vom Stuhl erhoben, und der Firbolg-König hatte sich zum Gehen gewandt.
Ich lasse dich allein. Du wirst doch sicherlich für deine Männer eine Mahnwache abhalten wollen. Der Herrscher von Roland hatte genauso wenig vom Abschied des Ungeheuers gesehen wie von seiner Ankunft.
Zwölf Stunden hatte es gedauert, bis Tristan wieder hatte sprechen können, noch einmal sechs, ehe er wieder einen einigermaßen sinnvollen Satz zusammengebracht hatte. Ein ätzender Geschmack hatte seine Kehle und seinen Mund verbrannt, und er konnte ihn sogar jetzt, Monate später, immer noch heraufbeschwören. Der Tod seines Heers hatte ihn voller Angst und Entsetzen zurückgelassen.
Aber offensichtlich nicht entsetzt genug, um das Bild dieser Frau abschütteln zu können es suchte ihn immer noch heim. Tristan ließ sich auf die Kissen zurücksinken und stieß erneut einen abgrundtiefen Seufzer aus.
»Ich weiß nicht, was es ist, womit sie mich so in ihren Bann geschlagen hat«, gestand er. Er schloss die Augen und verscheuchte das Bild seiner dritten Infanterie, der berittenen Bogenschützen und all der anderen unglücklichen Seelen, die an jenem Morgen keine dringenderen Pflichten zu erfüllen gehabt hatten und deren Leichen nie gefunden worden waren. Gerüchte besagten, sie hätten ein grausiges Festmahl für die Ungeheuer abgegeben, welche sie besiegt hatten. »Es ist mehr als körperliche Anziehung, aber ich glaube nicht, dass es um Liebe geht. Ich denke, ein Teil dessen, was mich so unruhig macht, ist ja genau der Drang herauszufinden, was es eigentlich ist.«
Prudence betrachtete sein Gesicht noch einen Augenblick länger, dann nickte sie.
»In Ordnung, Tristan, ich gehe. Dieses Feuer breitet sich anscheinend aus, denn jetzt verspüre auch ich schon eine unerklärliche Sehnsucht nach dieser Frau. Meine Neugier wird erst befriedigt sein, wenn ich dieses Wesen selbst in Augenschein genommen habe.«
Er umfasste ihr Gesicht, zog sie an sich und küsste sie voller Dankbarkeit. »Danke, Pru.«
»Wie immer, mein Herr, tu ich alles für Euch.« Prudence entwand sich seinem Griff, stand auf und ging zum Frisiertisch, wo sie ihre Sachen abgelegt hatte. Sein schockiertes Gesicht ignorierte sie geflissentlich. »Wohin gehst du?«, stammelte er. Prudence zog ihr Kleid über die Schultern und drehte sich dann zu ihm um.
»Ich will meine Vorbereitungen für die Reise zum Objekt deiner Erregung treffen. Was sonst?«
»Das kann warten. Komm zurück ins Bett.« Er breitete die Arme aus.
»Nein.« Prudence schlüpfte in ihre Unterwäsche, stellte sich vor den Spiegel und fuhr sich mit den Fingern durch die zerzausten Locken.
»Ich meine es ernst, Prudence, bitte komm zurück. Ich will dich.«
Prudence lächelte. »Nun, ist dir schon mal in den Sinn gekommen, dass dieses Gefühl vielleicht nicht auf Gegenseitigkeit beruht, mein Herr? Und wenn dich meine Zurückweisung tödlich beleidigt, solltest du vielleicht in Erwägung ziehen, mich zu enthaupten und Evans mit ins Bett zu nehmen.«
Damit verließ sie den Raum und machte die Tür fest hinter sich zu, während Tristan mit verblüfftem Gesicht sitzen blieb.
Rhapsody schlief unter den feinen Schatten, die der Mond durch das Blattwerk einer scheckigen Erle warf, dem höchsten Baum des Dickichts, in dem sie für die Nacht Zuflucht gesucht hatte. Gelegentlich raschelte der Wind in den Blättern, aber ansonsten herrschte Stille am Westrand der Krevensfelder.
Die süße Luft klärte ihre Träume und machte sie in der Sommerhitze noch eindringlicher. Rhapsody drehte sich auf die Seite und atmete tief den Duft des Klees und der grünen Erde ein. An diesen Geruch erinnerte sie sich aus ihrer Kindheit, wenn sie und ihre Verwandten in solchen Nächten auf den Wiesen unter einem mit Sternen übersäten Himmel eingeschlafen waren.
Sie seufzte im Schlaf und wünschte sich, ihre Erinnerung möge ihr Träume von ihrer Mutter bringen, aber schon seit vor der Zeit, als Ashe zum Berg gekommen war, hatte Rhapsody ihr Bild nicht mehr heraufbeschwören können. Damals war ihre Mutter, wie es schien, ein letztes Mal zu ihr gekommen und hatte ihr eine Vision ihres Geburtssternes, der Aria gezeigt, des Sterns, der den Namen Seren trug.
Jetzt durchlebte sie den Traum von neuem, aber ohne die tröstliche Stimme ihrer Mutter. Im Schlaf erhob sie sich und starrte durch die schlanken Bäume auf die hinter ihnen liegende Ebene. In der Dunkelheit der Wiese sah sie einen Tisch oder eine Art Altar, auf dem der Körper eines Mannes ruhte. Die Gestalt war ganz in Dunkelheit gehüllt, und Rhapsody konnte nur ihre Umrisse erkennen.
Über ihr blinkte der Stern Seren, groß und hell, wie er einst auf der anderen Seite der Welt am Firmament gestanden hatte. Dann brach ein winziges Stück von dem Stern ab und fiel auf die liegende Gestalt. Einen Moment war sie blendend hell, dann verblasste das Licht zu einem schwachen Glimmen.