Dort ist der Splitter hingeraten, Kind, auf Gedeih oder Verderb, hatte ihre Mutter in dem Traum gesagt. Wenn du deinen Leitstern findest, wirst du nie verloren sein. Andere Stimmen erfüllten ihren Kopf. Sie hörte Oelendra sprechen, die Worte von Traurigkeit durchdrungen.
Als nichts helfen wollte und Gwydion weiter Todesqualen litt, nahm ich schließlich einen Sternsplitter vom Heft meines Schwerts und gab ihn der Fürstin. Weißt du, im Griff der Tages Sternfanfare war ein Stück von Seren, dem Namensstern unserer Heimat. Das war meine Verbindung zu dem Schwert, ein reines Fragment des Ätherelements; ich wusste, dass nichts sonst in meinem Besitz solche Macht besaß wie dieses Stück außer dem Schwert selbst natürlich. Ich überließ es ihnen in der Hoffnung, dass sie mit diesem Sternensplitter einen letzten Versuch unternehmen würden, Gwydion zu retten, aber sie konnten nichts mehr für ihn tun. Es war eine Verzweiflungstat, den Stern um Gwydions willen aufzugeben, und es war umsonst; trotzdem bereue ich nicht, es versucht zu haben.
»Oelendra, ist es das, was ich sehe?«, murmelte sie im Schlaf. »War es der Versuch, Gwydions Leben zu retten?«
Dort ist der Splitter hingeraten, Kind, auf Gedeih oder Verderb. Über dem Bild des aufgebahrten Mannes erschienen Hände, körperlose Hände, die sie schon in einer Vision im Haus der Erinnerungen gesehen hatte. Sie falteten sich wie zum Gebet und öffneten sich dann, als wollten sie einen Segen spenden. Blut strömte aus ihnen in die leblose Gestalt und färbte sie mit roten Flecken.
Kind meines Blutes.
Die mehrtönige Stimme des Drachen sprach in ihr anderes Ohr, das dem Wind zugewandt war.
Ein Rakshas hat immer das Aussehen der Seele, die ihm Kraft gibt. Er besteht aus Blut, dem Blut des Dämons, und manchmal auch aus dem anderer Kreaturen. Für gewöhnlich sind es unschuldige Wesen oder wilde Tiere. Sein Körper ist aus einem Element wie Eis oder Erde gebildet; ich glaube, derjenige im Haus der Erinnerungen besteht aus gefrorener Erde.
Das Blut schenkt ihm Leben und Kraft. Ein Rakshas, der allein aus Blut besteht, ist kurzlebig und geistlos. Aber wenn der Dämon eine Seele besitzt, ganz gleich, ob sie menschlichen Ursprungs ist oder nicht, kann er sich diese einverleiben und nimmt schließlich die Form des Eigentümers der Seele an, wobei dieser natürlich tot ist. Damit verfügt er auch über einen Teil von dessen Wissen und kann all das tun, was dieser zu tun vermochte. Eine entstellte, böse Kreatur, vor der du dich in Acht nehmen musst, Hübsche. Mit einem heftigen Schauder erwachte Rhapsody und setzte sich auf. Sie war noch immer in dem Dickicht, ihre Stute neben sich, allein und unbemerkt, abgesehen von der Berührung des Nachtwinds. Sie fröstelte und rieb sich mit den Händen über die Arme in dem Versuch, sich aufzuwärmen. »Was bist du, Ashe?«, fragte sie laut. »Was bist du wirklich?« Die einzige Antwort war der warme Atem des Windes. Sie konnte nicht verstehen, was er ihr zu sagen versuchte.
Fast dreihundert Meilen westlich blies der Wind warm durch die offenen Tore in den alten Steinmauern des Hauses der Erinnerungen, raschelte in den Blättern des Baums, der in der Mitte des Hofes stand. Eine Gestalt in einem schweren grauen Umhang, die Kapuze tief ins Gesicht gezogen, stand am Fuß des Baums und blickte nachdenklich in seine Zweige hinauf. Auf Augenhöhe, in einer Astgabel direkt über der ersten Höhle im Stamm, steckte ein kleines Musikinstrument, das einer Harfe ähnelte. Sie spielte einen Rundtanz, anders als alle anderen, die er je gehört hatte, eine einfache Weise, die den ganzen Hof erfüllte und durch die uralten Steine summte. Der Mann streckte den Arm aus, um das Instrument zu berühren, wobei der Umhang seine Hand entblößte, deren neu geformter Daumen nur leichte Anzeichen von roter, heilender Haut aufwies. Einen Augenblick schwebten die Finger über den Saiten, dann zogen sie sich rasch wieder zurück.
Es würde nichts nützen, wenn er versuchte, das Instrument zu entfernen, entschied der Rakshas. Es war zu einem Teil des Baums geworden, spielte sein Namenslied, eine sich immer wiederholende Melodie, die von dem Leben, das in ihm wohnte, genährt wurde. Der Wille des Schösslings war jetzt mit derselben Quelle verbunden, mit der auch seine Mutter Sagia verbunden gewesen war, die verkümmerten Wurzeln tief in die Erde gesenkt, doch unentwirrbar mit der Axis Mundi verschlungen. Das Lied der Harfe hatte den jungen Baum aus dem Griff seines Meisters befreit und ihn von seiner Entweihung geheilt. Der Mann hatte keinen Zweifel daran, wer die Harfe hier zurückgelassen hatte. Langsam strich er die Kapuze zurück und ließ den Wind durch sein leuchtend rotgoldenes Haar wehen, während er über seinen nächsten Schritt nachdachte. Sein Meister, der auch sein Vater war, hatte überaus deutlich gemacht, dass die Drei überwacht und in Schach gehalten werden mussten, aber noch nicht vernichtet werden durften, keinesfalls vor der entscheidenden Begegnung in Sepulvarta. Nun aber hatte das dortige Debakel bewiesen, wie gründlich falsch sie die Situation eingeschätzt hatten, als sie angenommen hatten, dass die Drei zum Zeitpunkt des Attentats anderweitig beschäftigt sein würden. Der Misserfolg war ein ernster Rückschlag gewesen, noch schlimmer als die Niederlage hier im Haus der Erinnerungen.
Der Rakshas wandte sich von dem Baum ab und überquerte gemessenen Schrittes den Hof, während er sich bemühte, seine begrenzten Verstandeskräfte zu konzentrieren. Irgendetwas ließ ihm keine Ruhe, vielleicht etwas aus der Zeit vor seiner Wiedergeburt, etwas, was er erlebt hatte, als er noch Gwydion gewesen war. Doch er schaffte es nicht, den Gedankenfaden in einen Zusammenhang zu verweben, und so kehrte er zu der Stelle zurück, wo damals seine Wiedergeburt stattgefunden hatte.
Am Westrand des Gartens stand ein langer, flacher Tisch aus Marmor, der Altar, auf dem er zum ersten Mal das Bewusstsein erlangt hatte. Er schloss die Augen und rief sich die ersten Worte ins Gedächtnis, die er seinen Vater hatte beten hören.
Kind meines Blutes.
Das pulsierende Licht, der Schmerz der Wiedergeburt.
Jetzt wird die Prophezeiung durchbrochen. Aus diesem Kind werden meine Kinder hervorgehen.
Der Rakshas schloss die kristallblauen Augen wie damals vor dem blendenden Licht der Erinnerung. Als er sie wieder öffnete, glänzten sie mit demselben Licht, aber nun war es das Licht der Inspiration.
Rasch duckte er sich und nahm die Haltung eines wilden Tieres an, wie der Wolf, dessen Blut zu dem seines Vaters hinzugefügt worden war, um ihn zu formen, und scharrte in der Erde unter dem Altar. Er grub eine Weile, bis er schließlich fand, was er suchte, eine Wurzel des Baums, die noch die fleckigen Narben der ursprünglichen Verunreinigung trug. Die Retterin des Baums hatte nicht alle Wurzeln gefunden unter dem Altar hatte sie wahrscheinlich nicht einmal nachgesehen, als sie den Baum mit ihren seltsamen Mitteln zu heilen versucht hatte. Der Rakshas warf den Kopf in den Nacken und lachte böse.
Eine war noch da, eine Wurzel war immer noch entweiht.
Das sollte reichen.
Rasch schaute er sich um und verzog das Gesicht. Stephen Navarnes Männer hatten die Gegenstände, die sie zum Schlachten benötigt hatten, zum größten Teil zerstört auch die Bottiche, die so sorgfältig aufgestellt worden waren, um das Blut der Kinder aufzufangen. Der Kinder, die er geraubt hatte. Dieses Blut hatte den Baum damals genährt und ihn nach den Launen seines Vaters verformt. Hier gab es nichts mehr davon zu holen, alles war weg. Sein Meister hatte einen großen Teil seiner Lebensessenz gegeben, um ihn ins Leben zu rufen. Auch der Dämon hatte ein Blutopfer gebracht, und noch mehr eine Übertragung kostbarer Macht hatte stattgefunden, die dem Rakshas leicht wieder abhanden kommen konnte, wenn er sie nicht eifersüchtig hütete. Von Natur aus waren die F’dor bloß Rauch, flüchtige Geister, die sich an einen menschlichen Körper klammerten. Je mehr Macht, je mehr Willenskraft sie übertrugen, desto heikler wurde diese Verbindung. Mit seinen begrenzten geistigen Fähigkeiten fühlte sich der Rakshas geehrt, weil sein Meister dieses Opfer gebracht hatte, um ihn ins Leben zu rufen. Das Kind der Erde, das nach uralter Dämonenlegende unter den Bergen der Zahnfelsen schlief, war eins der beiden Werkzeuge, die für den Plan seines Meisters unabdingbar waren. Die Wurzel des Schösslings hatte den Zugang für den F’dor eröffnen sollen, genährt vom Blut Unschuldiger, verbunden mit der Macht der Axis Mundi, der Mittellinie der Erde selbst, die mit einer alten Magie von unermesslicher Kraft pulsierte. Dieses Wurzelsystem zog sich durch die ganze Welt, bis ins Urgestein der unangreifbaren Berge. Und es ließ sich manipulieren, jedenfalls glaubte das der Meister. Um die Kontrolle über die Wurzeln des Baumes Zurückzugewinnen, lohnte es sich gewiss, noch mehr von seiner eigenen Lebensessenz und der seines Meisters einzusetzen.