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Er versuchte sich zu konzentrieren, versuchte, seinen beschränkten Geist dazu zu zwingen, die richtige Antwort hervorzubringen. Doch die sich ständig wiederholende Musik der kleinen Harfe verwirrte ihn und machte es ihm unmöglich, seine Gedanken auf den Punkt zu bringen. Ärgerlich beäugte er das Instrument, doch dann breitete sich ein Lächeln auf seinem Gesicht aus, wie die Morgendämmerung, die das Tal durchstreift, und erhellte jeden seiner Züge, bis es die Augen erreichte. Er hatte seine Antwort gefunden.

Mit einem lässigen Schnippen des Handgelenks erschien ein Dolch in seiner nunmehr unversehrten Hand. Gezielt schnitt er sich zweimal in den Unterarm, sodass tiefrote Streifen auf der Haut erschienen; dann drehte er den Arm um, damit das Blut auf die frei liegende Wurzel tropfen konnte. Er spürte keinen richtigen Schmerz; eine so geringfügige Verletzung war nichts gegen die Qual, die sein Leben ohnehin in jeder wachen Minute bestimmte. Wo das Blut auf den Boden tropfte, stieg Rauch in die Luft, wand sich, scharlachrot und schwarz vor dem Nachthimmel, zu einer Ranke und schließlich zu einer spiralförmigen Säule, die den Wind einfing.

Der Boden glomm und fing schließlich zu brennen an. Der Rakshas schloss die Augen und lauschte auf die tiefen Stimmen, die erst flüsterten und dann in einen dunklen, unheimlichen Singsang übergingen, obszöne Losungsworte sprachen, schmerzlich murmelten. Die Qual nahm zu, wütete in seinem Körper wie ein heißer Blitz; er fühlte ein Knistern im Kopf, so heftig war die Empfindung. Der Gestank brennenden Fleisches drang in seine Nase, und er ballte die Fäuste, denn er wusste, dass das Blut, das er vergoss, etwas von der Macht seines Meisters mit in die Erde nahm.

Blutiges Licht erfüllte die Dunkelheit und tanzte wild zu den singenden Stimmen der in der tiefen Gruft gefangenen F’dor-Geister drunten in der Erde. In den Wogen der Macht, die aus seinem klopfenden Herzen strömten wie das Blut aus der geöffneten Arterie, hielt sich der Rakshas mühsam aufrecht. Ich bin nur das Gefäß, dachte er zufrieden, als der Boden unter seinen zitternden Füßen sich blutrot färbte. Aber ich bin ein gutes Gefäß. Schließlich jedoch verlor er den Kampf gegen die Schwerkraft und fiel vornüber, sodass er in seinem eigenen, brennenden Blut kniete.

Als die Erde um die Wurzel herum sich in roten Schlamm verwandelt hatte, atmete der Rakshas erschöpft aus und drückte dann seine Wunde zusammen, um sie wieder zu schließen. Sorgfältig grub er die Wurzel ein und flüsterte dabei die ermutigenden Worte, die er immer über dem Baum gesprochen hatte, als er in diesem Haus noch der Meister gewesen war.

»Merlus«, wisperte er. Wachse. »Sumat.« Nähre dich. »Fynchalt dearth kynvelt.« Suche das Erdenkind.

Langsam richtete er sich auf und beobachtete voller Freude, wie die Wurzel anschwoll, gesättigt mit verderbtem Blut, und dann welkte, dunkel und rebenartig, ehe sie tiefer in die Erde schlüpfte und dort verschwand. Er setzte die Kapuze auf, warf einen letzten Blick auf den alten cymrischen Außenposten und machte sich auf den Weg, den zu treffen, der bereits auf ihn wartete.

29

»Grunthor, schleich bitte nicht so um mich herum. Es geht mir gut. Jo, sorg dafür, dass er damit aufhört.«

Jo gab dem Riesen einen spielerischen Klaps. »Sie sagt, es geht ihr gut. Also lass sie in Ruhe.«

»Ich bin ja nich taub«, erwiderte der Bolg entrüstet, »und ich kann auch ihren Hals sehen, vielen Dank, meine Dame. Du siehst aus, als hättest du eine Runde ›Dachs im Sack‹ verloren, Gräfin. Hast wohl ’nen Tritt in deinen bezaubernden kleinen Arsch gekriegt, was?«

»Ich bitte um Entschuldigung«, entgegnete Rhapsody in gespielt beleidigtem Ton. »Ich möchte feststellen, dass er mir keinen Tropfen Blut abgenommen hat, keinen Tropfen.«

»Jedenfalls nicht auf der Hautoberfläche«, schmunzelte Achmed. »Was glaubst du denn, woher blaue Flecken kommen?«

»Ja, schon gut, aber ihr hättet ihn sehen sollen, als es vorbei war«, meinte Rhapsody und schaffte sich den Riesen wieder vom Hals. »Willst du mich wohl in Frieden lassen?«

»Wenn der Patriarch doch so ’n guter Heiler is, warum hat er dann nich deinen Hals gerichtet, Fräuleinchen? Was is das denn für einer? Also wenn du mich verteidigt und mir meinen haarigen Arsch gerettet hättest, dann hätt ich dir wenigstens was gegen die Schmerzen gegeben.«

Rhapsody lächelte ihren Freund an, ehrlich gerührt von seiner Fürsorge. »Ich habe ihm keine Gelegenheit gegeben, Grunthor. Ich wollte nur so schnell wie möglich nach Hause. Außerdem sind die Blutergüsse schon viel besser. Ein Zehntagesritt ohne Zwischenfall wirkt Wunder bei kleinen Verletzungen.«

»Und ich sag trotzdem, es gefällt mir nich. Wir sind Kumpel, du und ich. Von jetzt ab will ich nich mehr, dass du allein losziehst. Kapiert?«

»Mal sehen. Ich habe nicht vor, in nächster Zeit irgendwohin zu gehen, aber ich habe etwas auf dem Herzen, was ich mit euch allen besprechen muss.«

Achmed nickte; Rhapsody hatte ihn gründlich über das in Kenntnis gesetzt, was sie auf ihrer Reise erfahren hatte, über ihre Einschätzung der Situation in Roland, die feindlichen Übergriffe und die zukünftige Wiedervereinigung der cymrischen Staaten. Schnell brachte er Grunthor aufs Laufende, während Jo die Geschenke auspackte, die Rhapsody mitgebracht hatte. Als sie schließlich alle zu dem massiven Tisch zurückkehrten, holte Rhapsody tief Atem und verschränkte die Arme.

»Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass ich Ashe helfen möchte«, verkündete sie. Jo lächelte, während Grunthor und Achmed sich anblickten.

»Wobei willste dem denn helfen?«

»Ich will ihm helfen, seine Seele zurückzubekommen. Den Dämon töten, der sie ihm gestohlen hat. Ich will ihm helfen, gesund zu werden. Ich will ihm helfen, König der Cymrer zu werden und das cymrische Volk zu vereinen.«

»Halt«, rief Achmed. »Und warum willst du das alles?«

»Ich hatte zehn Tage Zeit, darüber nachzudenken und die Fakten in meinem Kopf zu ordnen. Nachdem ich so lange mit ihm zusammen war, nachdem ich im Land herumgekommen bin, glaube ich, dass es das Richtige wäre.«

»Vögelst du mit ihm?«

»Du bist ein Ferkel«, gab Rhapsody zurück und hielt Jo schnell die Hände über die Ohren.

»Zu spät, ich hab’s schon gehört«, sagte Jo. »Und, tust du’s?«

»Nein«, antwortete Rhapsody verärgert. »Was ist denn los mit euch? Ich habe euch allen irgendwann mal geholfen, und ich teile mit keinem von euch das Lager.« . »Na ja, an mir liegt das aber bestimmt nich, ich hab’s immer wieder bei dir versucht.«

»Ach, halt du am besten den Mund. Früher oder später wird der Rakshas hinter uns her sein, davon gehe ich fest aus, nach dem, was im Haus der Erinnerungen und nun noch in der Basilika geschehen ist. Und ich kann nicht glauben, dass du nicht den Wunsch hast, den F’dor zu jagen und zu töten, Achmed. Ich dachte, das liegt deiner Rasse im Blut.« Der Firbolg-König schwieg. »Und was die Wiedervereinigung der Cymrer angeht, denke ich, dass es sich als durchaus sinnvoll erweisen könnte, wenn wir uns um die Leute kümmern, die aus dem gleichen Land stammen wie wir.«