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»Tja, dann gehöre ich ja wohl nicht dazu«, meinte Jo und erhob sich. »Ich komme aus Navarne, und meinetwegen können hier alle die Pocken kriegen. Ich geh jetzt schlafen. Tu, was du nicht lassen kannst, Rhaps, du weißt ja, dass du auf meine Hilfe zählen kannst.«

»Danke, Jo«, sagte Rhapsody und warf ihr eine Kusshand zu, als sie das Zimmer verließ. Langwierige politische Streitgespräche waren nicht Jos Sache.

Wie Rhapsody etliche Stunden später eingestehen musste, war Jos Entscheidung klug gewesen. Sie argumentierten und debattierten endlos und ohne Erfolg. Achmed misstraute Llauron noch mehr als Ashe. Grunthor kam nicht mit der Vorstellung zurecht, dass der Rakshas und Ashe zwei getrennte Wesen waren.

»Du sagst also, dass er nicht dieses Ding ist, sondern dass dieses Ding nur aussieht wie er, stimmt’s?«

»Richtig.«

»Und hast du sie jemals zusammen gesehen?«

»Nein«, gab sie zu. »Ich denke, wenn der Rakshas Ashe gefunden hätte, wäre er tot, oder noch schlimmer seine Seele würde ganz dem F’dor gehören. So mächtig, wie Ashe ist, würde er bei der Konfrontation mit dem Rakshas gegen seine eigene Seele kämpfen. In beiden Fällen ist er verdammt, ob er gewinnt oder verliert. Das ist der Hauptgrund, warum er sich in seinem Nebelumhang verbirgt, denke ich.«

»Hat Ashe dir das erzählt?«, erkundigte sich Grunthor argwöhnisch.

»Nein«, gestand Rhapsody widerwillig. »Ich habe es mir aus meinen eigenen Beobachtungen und aus dem, was Elynsynos und Oelendra gesagt haben, zusammengereimt. Und natürlich aus meinen Visionen.«

»Wenn du sie nich zusammen gesehen hast, wie willste dann wissen, dass es nich einfach ein und derselbe ist, der sich nur anders benimmt?«

»Ich weiß es natürlich nicht mit Sicherheit«, räumte Rhapsody ein. »Aber ich habe sie beide gesehen und beim Kämpfen beobachtet, und da sind sie wirklich sehr verschieden.«

»Nee, das reicht mir nicht. Ich denk, es ist ein und derselbe. Vielleicht weiß Ashe es selbst nich mal, aber der Rakshas ist bestimmt einfach seine eigene böse Seite.«

»Noch mal eins nach dem anderen«, schlug Rhapsody vor und bemühte sich, nicht ungeduldig zu werden. »Es gibt also zwei Möglichkeiten. Die erste ist, dass Ashe und der Rakshas ein und derselbe sind, dass Gwydion gestorben ist, der F’dor ihn irgendwie wieder beleben konnte und als seinen Sklaven benutzt.«

»Ja, das würde ich annehmen, Gnädigste.«

»Und wenn das stimmt, dann bin ich unversehrt mit ihm durch den größten Teil des Kontinents gereist, ohne dass er auch nur einmal den Versuch unternommen hat, mir ein Leid zuzufügen.« Die Stimme blieb ihr im Halse stecken, als sie daran dachte, wie er sein Schwert gegen sie gezogen hatte. »Nun, vielleicht ein Mal, aber da hat er mir nicht wirklich etwas getan.«

Grunthors Bernsteinaugen wurden schmal. »Was soll das denn jetzt heißen?«

»Nichts. Es war ein Missverständnis. Und es ist ja wohl offensichtlich, dass er das gehalten hat, was er versprochen hatte er hat mich dorthin gebracht, wo ich hinwollte, und ist dann gegangen. Wenn er der Diener des F’dor wäre, warum hat er mich dann nicht getötet, als er die Gelegenheit dazu hatte, und die Prophezeiung zunichte gemacht?«

»Vielleicht ist er dir gefolgt, um sich ein Bild von deiner Mission zu verschaffen«, meinte der Riese. »Er könnte doch für den F’dor spionieren.«

Rhapsody schluckte ihre Frustration hinunter. »Die zweite Möglichkeit die ich für zutreffend halte ist die, dass Ashe und der Rakshas zwei verschiedene Wesen sind. Ashe ist Gwydion, und trotz allem, was Oelendra und Stephen glauben, ist er noch am Leben; er hat den Angriff des F’dor überlebt. Allein und unter Schmerzen wandert er durch die Welt und versucht, sich vor dem Dämon zu verstecken, der ihm den Rest seiner Seele rauben will. Der Rakshas existiert getrennt von ihm, ist aber sozusagen um den Teil herum geschaffen worden, den der F’dor sich angeeignet hat. Er ist gemacht aus Eis, Erde, dem Blut des F’dor und wahrscheinlich einem wilden Tier. So hat die Drachin es mir erklärt.«

»Aber sie hat nicht ausdrücklich gesagt, dass Ashe und der Rakshas nicht derselbe sind, oder, Fräuleinchen?«

»Nein.«

»Dann denke ich, wir können davon ausgehen, dass sie es sind.«

»Nun, was soll ich dann deiner Meinung nach tun?«, fragte Rhapsody aufgebracht.

»Ich würd sagen, wir töten ihn. Und wenn wir uns geirrt haben und ein anderer taucht auf, dann töten wir den auch.«

Rhapsody erbleichte; ihr war klar, dass der Bolg-Riese seinen Vorschlag ernst meinte. »Du kannst nicht einfach rumlaufen und irgendwelche Leute töten, ohne sicher zu sein, ob das richtig ist.«

»Und warum nicht? Das hat bei uns doch immer funktioniert. Mal im Ernst, Euer Liebden, das Risiko is einfach zu groß, wenn du es nich sicher weißt.«

»Das ist lächerlich, Grunthor.«

»Nein, keineswegs«, mischte sich nun Achmed ein. Er hatte den größten Teil des Abends geschwiegen, hatte Argumente gesammelt und gegeneinander abgewogen, während Rhapsody und Grunthor aufeinander losgegangen waren. »Lächerlich ist höchstens dein unersättliches Bedürfnis, die Welt, die du verloren hast, wiederherzustellen.

Deine Familie ist tot, Rhapsody, und jetzt sind wir Grunthor und Jo und ich an ihre Stelle getreten. Deine Stadt gibt es nicht mehr; jetzt lebst du hier, bei den Bolg. Der König, den deine Familie verehrt hat, ist seit zweitausend Jahren tot, und die hiesigen Fürsten können ihm und seiner Regentschaft nicht das Wasser reichen. Er hat eine ganze Generation in den Tod geführt wegen eines Ehekrachs. Diejenigen, die aus Serendair hierher kamen, waren miserable Vertreter unserer Kultur. Sie verdienen keine zweite Chance. Und was Ashe angeht warum willst du deine schlechte Beziehung zu einem verqueren Irren denn unbedingt wiederholen? Vermisst du den Wind des Todes wirklich so sehr?«

Vor Verblüffung blieb Rhapsody der Mund offen stehen. »Wie kannst du nur so etwas sagen?«, stammelte sie. »Ashe hat mir nie wehgetan oder mich auf irgendeine Art kompromittiert. Er ist ein Gejagter, Achmed ich würde denken, dass gerade du mit seinem Schicksal mitfühlst. Ein Stück seiner Seele ist die Quelle, aus welcher der Rakshas seine Macht bezieht; es befindet sich in den Händen eines anscheinend sehr mächtigen F’dor, was Verdammnis in Leben und Tod bedeutet. Die Wunde, die der Dämon ihm zufügte, als er das Stück Seele aus seiner Brust riss, ist nie verheilt; er leidet unaussprechliche Schmerzen. Trotz allem aber hat er mich nie um etwas gebeten, außer darum, dass ich mir überlege, ob ich seine Verbündete sein möchte. Wie kommst du nur auf die widersinnige Idee, ihn mit Michael zu vergleichen? Michael war ein Bastard der niedrigsten Sorte und ein Lügner obendrein.«

»Und genau das ist das Problem, das ich mit den Cymrern habe, Ashe inbegriffen. Sie sind Lügner, allesamt. In der alten Welt wusste man wenigstens, wer die bösen Götter verehrte, weil sich die Betreffenden dazu bekannten. Hier in diesem neuen, verdrehten Land sind sogar die angeblich Guten nur auf ihren eigenen Vorteil bedacht. Die Bösen von früher haben nie so viel Verheerung angerichtet, wie ein angeblich guter cymrischer Herrscher und seine Herrscherin es ganz nebenbei geschafft haben. Und du möchtest dich dem womöglich schlimmsten Lügner von allen auf einem Silbertablett servieren.«

Jetzt war Rhapsodys Geduld am Ende. »Nun, wenn ich das tue, dann ist es meine Entscheidung. Ich werde das Risiko auf mich nehmen und nach meinem eigenen freien Willen leben oder sterben.«

»Ganz falsch.« Langsam erhob sich Achmed, und an seinen steifen, betont gelassenen Bewegungen war deutlich zu erkennen, wie wütend er war. »Wir alle werden vielleicht dieses Schicksal erleiden müssen, weil du nicht nur dich selbst in Gefahr bringst du wirfst unsere Neutralität mit in den Topf, und wenn du zu viel riskierst, haben wir alle verloren.«