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»Nein«, sagte er.

Gwydion Navarne verfiel wieder in Schweigen. Er wandte sich von den cymrischen Soldaten ab und schoss auf die Vogelscheuche, die in einer Entfernung von einhundertfünfzig Schritten an einem Pfahl hing. Die Strohpuppe zuckte unter der Macht des Aufpralls zurück, schwang dann hin und her und entlockte den beiden Männern zustimmende Rufe.

Der junge zukünftige Herzog hatte den Eindruck, dass er den schlechten Eindruck von vorhin wettgemacht hatte, und drehte sich wieder zu den beiden Männern um.

»Vielleicht war der Ruf von einem anderen Blutsverwandten beantwortet worden«, gab er zu bedenken.

»Das bezweifle ich«, brummte Anborn. »In dem alten Land waren Blutsverwandte selten, aber in diesem sind sie kaum mehr anzutreffen. Mir sind in den letzten siebenhundert Jahren nur zwei begegnet. Die eine war Oelendra, die lirinische Meisterin, welche die erste Flüchtlingsflotte von der Insel geführt hat und nach der königlichen Hochzeit aus dem Leben geschieden ist. Die andere ...« Er verstummte und lächelte in sich hinein.

»Wer, Marschall?« Gwydion Navarne konnte seine Neugier nicht verbergen. »Wer war die andere?«

Die beiden Soldaten tauschten einen raschen Blick, und Anborns Lächeln wurde breiter.

»Vielleicht solltest du deine ›Großmutter‹ danach fragen«, meinte er.

»Rhapsody?« Gwydion Navarne zog ungläubig die Brauen zusammen. »Rhapsody ist eine Blutsverwandte!«

»Vielleicht habe ich vergessen zu erwähnen, dass Blutsverwandte in allen Gestalten und Größen erscheinen, Junge«, sagte er und gebrauchte dabei dieselben Worte wie sie ihm gegenüber, als er genauso ungläubig gewesen war. »Sie sind auf allen Wegen des Lebens anzutreffen – und einige von ihnen sind sogar Sänger und Benenner.«

»Frauen können Blutsverwandte sein?«

»Beide Blutsverwandte, die ich soeben erwähnt habe, sind Frauen. Glaubst du, nur Männer sind bereit, für eine große Sache ein Opfer zu bringen?«

»Ich hätte gern alle paar Stunden ein Opfer, ein paar Kratzer an ihren Knien und morgen früh einen sauren Geschmack auf ihrer Zunge für die große Sache meiner Befriedigung«, murmelte Dorndreher.

»Bist du hier fertig, Anborn?«

Gwydion Navarne fuhr sich mit der Hand durch das mahagonifarbene Haar. »Das war ein seltsamer Tag«, brummte er. Er sah Anborns Begleiter an. »Bist du auch ein Blutsverwandter, Dorndreher?«

Der ältere Cymrer schnaubte. »Wenn du einmal selbst einer bist, darfst du mich das fragen«, schnappte er. »Vorher nicht.«

»Entschuldigung«, sagte Gwydion. Anborn nickte bereits in Richtung des schwarzen Hengstes. Dorndreher war offensichtlich erleichtert, dass das Gespräch beendet war. Er rollte den Stuhl rasch zu dem Pferd hinüber, nahm Anborns Gehstöcke und schnallte sie am Sattel fest.

»Du solltest wirklich über einen Langbogen nachdenken, Junge«, sagte Anborn, als Dorndreher ihn zum Aufsitzen fertig machte. »Eine Armbrust dringt allerdings besser durch alles hindurch und ist im Krieg wendiger.«

»Ja, aber wir haben Frieden, und zwar, seit der Herrscher und die Herrscherin den Thron bestiegen haben«, erwiderte Gwydion und senkte den Blick, als Dorndreher den alten General mit der Schulter aus dem Rollstuhl hob und ihn wie ein Kind in den Sattel hievte. »Ich erwarte in naher Zukunft keinen Krieg mehr, Marschall. Als Bogenschütze muss ich nur gut genug sein, um eine Vogelscheuche zu durchdringen.«

Der General hielt beim Aufsitzen inne und schaute auf ihn herunter. »Nur ein Narr denkt so, Junge«, sagte er knapp. »Der Friede ist nur für eines gut: zur Verbesserung der eigenen Kampfgeschicklichkeit bis zum nächsten Krieg. Dein Vater wusste das; du erkennst es an der Mauer, die er gebaut hat. Wehe deiner Provinz, wenn du das nicht auch weißt.«

Als der Marschall wieder auf seinem Pferd saß, bedeutete er Gwydion Navarne, ihm den Langbogen zu bringen. Der Junge entsprach der Bitte sofort und sah fasziniert zu, wie der cymrische General die Augen schloss, den Bogen mit großer Leichtigkeit bis weit hinter seine Ohren spannte und schoss. Gwydion hatte noch nie beobachtet, dass ein Bogen so weit gespannt wurde.

Der Pfeil pfiff an ihm vorbei; der Wind, auf dem er flog, zauste ihm die Haare und blies ihm in die Augen. Er sah, wie der Pfeil das Heuziel in der Mitte traf. Es schwankte heftig in Wellen, die er trotz der Entfernung von einhundertsechzig Schritten bis in die Zähne spürte.

Anborn öffnete die Augen.

»Hast du ihn gehört?«, wollte er wissen.

»Den Wind? Ja. Er hat wie ein Teekessel gepfiffen.«

Der General warf ihm den Bogen ungeduldig zu.

»Das war der Pfeil«, sagte er barsch. »Hast du den Wind gehört?«

Gwydion Navarne dachte nach und schüttelte dann den Kopf.

»Nein.«

Anborn stieß scharf die Luft aus. »Schade«, sagte er, während er die Zügel hob und Dorndreher auf sein eigenes Pferd stieg. »Vielleicht bist du nicht dazu bestimmt.«

»Warum habt Ihr mir all das erzählt?«, rief Gwydion Navarne ihm zu.

Anborn brachte sein Pferd neben dem jungen Mann zum Stehen und beugte sich so weit herunter, wie es sein zerschmetterter Rücken erlaubte, wobei er sich an der hohen Lehne des Sattels abstützte.

»Weil es bald keine Blutsverwandten mehr geben wird«, sagte er ruhig. »Die Bruderschaft verschwand beinahe ganz, als die Insel vom Meer verschlungen wurde. MacQuieth, der möglicherweise der größte aller Blutsverwandten war, ist kurz darauf gestorben. Er hat die Zweite Flotte sicher nach Manosse geführt, ist ins Meer gewatet und hielt Totenwache für die Insel. Als die Sintflut kam, hat er sich in die Wellen gestürzt und ist ertrunken. Die wenigen, die es hier noch gab -

Oelendra, Talumnan -, sind inzwischen alle aus dem Leben geschieden. Eines Tages werden die legendären Blutsverwandten nicht mehr als das sein: eine Legende. Ich war der Ansicht, du wolltest die Geschichte hören, solange noch jemand da ist, der sie aus eigener Erfahrung erzählen kann, Junge.« Er ergriff die Zügel. »Es tut mir Leid, falls ich mich geirrt habe. Und falls ich mich wirklich geirrt habe, sollte es dir auch Leid tun.«

»Ich fühle mich geehrt, dass Ihr sie gerade mir erzählt habt, Marschall«, sagte Gwydion hastig, als Anborn Dorndreher zunickte und sich zur Abreise fertig machte. »Aber was ist mit Rhapsody? Sie ist eine Cymrerin der ersten Generation und sollte daher vom Verstreichen der Zeit unberührt sein. Wird es nicht immer Blutsverwandte geben, solange sie lebt?«

Anborn seufzte. »Anscheinend begreifst du nicht die Bedeutung dieses Wortes«, sagte er mit einer Spur Wehmut in der Stimme. »Allein kann man kein Blutsverwandter mehr sein.«

Er gab seinem Hengst ein klickendes Zeichen und preschte über die glänzenden Wiesen, deren Gras sich vor der Sonne des späten Nachmittags demütig beugte.

***

8

Haguefort — Navarne

Rhapsody hob die Hand zum Gesicht, um die Augen vor dem Glanz der ersten Sonnenstrahlen abzuschirmen. Der Wind blies selbst zur Morgendämmerung schon in heißen Böen. Es war ein Vorzeichen für einen weiteren sengenden Tag.

Die grünen Felder von Navarne lagen still; nur der Wind fuhr hinter der transorlandischen Verbindungsstraße durch das schwankende Gras. Diese alte Straße durchmaß ganz Roland von Avonderre bis zu den Manteiden. Die stillen Berge wirkten unter den Windstößen wie das grüngoldene Meer. Sie erinnerten Rhapsody an frühere Tage, andere Wiesen, eine lange untergegangene Welt, und mitten in ihrer Freude über die bevorstehende Reise bohrte sich kurz ein Stachel der Wehmut in ihre Seele.

Friede herrschte im cymrischen Bündnis bereits seit drei Jahren. Es war eine zerbrechliche und zugleich starke Einigkeit. Manchmal brachen Streitigkeiten und Meinungsverschiedenheiten aus, doch insgesamt überwog der Einklang. Sie sah ihn in den Gesichtern der Leute auf dem Kontinent von den Lirin der westlichen Wälder bis zu den Delegierten aus Bethe Corbair, der letzten orlandischen Provinz vor den Bolglanden; es war wie eine Zeit der Entspannung nach sehr langer Wachsamkeit. Selbst Ashe schien das Ende der Feindseligkeiten zu genießen, die das Land jahrzehntelang im Griff gehalten hatten. Dieser früher so gejagte Mann, der zwanzig Jahre in einsamen Verstecken verbracht hatte, ging nun offen und glücklich durch die Welt und hielt das Gesicht der Sonne entgegen. Dass das Drachenblut, das bekannt für seine Paranoia war, ihm dies erlaubte, war sicherlich ein gutes Zeichen für die Welt.