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Rechts von ihm erzitterte der Boden, und Grunthor erschien auf seinem Pferd Felssturz neben ihm.

»Glaube, wir sind zur Abreise bereit«, sagte der Riese.

Achmed nickte und wandte sich an Rhur, dessen Besorgnis ihm in dem grauen Licht deutlich anzusehen war. Da die bolgischen Gesichter für gewöhnlich kaum einen erkennbaren Ausdruck zeigten, war dies besonders beunruhigend.

»Wie befohlen, wende dich in Dingen, die den Gurgus angehen, an Omet, und in Verwaltungsangelegenheiten an Hagraith«, sagte er. »Wenn du dir bei einer Sache unsicher bist, warte meine Rückkehr ab.« Der Bolg-Künstler nickte.

Achmed ergriff die Zügel, gab dem Quartiermeister ein Zeichen und trieb sein Pferd vorwärts, bis er sich an die Spitze der Versorgungskolonne gesetzt hatte. Er räusperte sich.

»Fertig?«

Die zottigen Köpfe mit den dunklen Gesichtern nickten schweigend.

»Also gut. Wir werden schnell wieder zu Hause sein und diese Leute nicht länger ertragen, als es unbedingt nötig ist. Los geht’s.«

Unter dem mahlenden Kreischen von Holz, dem Lärm der Tiere und den Spiegelungen der blitzenden Sommersonne auf der Bohreinheit, die bereits einen Augenblick später in Leinwand gewickelt wurde, reisten die Bolg-Ingenieure zum roten Lehm von Yarim.

Auf See, bei der Überquerung des Nullmeridians

Der Seneschall hörte trotz des brausenden Seewindes, wie die Seeleute im Takelwerk der Basquela einander zuriefen: »Ab jetzt Umkehr unmöglich, Käpt’n!«

»Umkehr unmöglich! Alle Hände an die Segel!«

Der Ruf wurde zuerst von einem Dutzend Stimmen aufgenommen, dann von immer weiteren und lief über das Deck wie die Warnung vor einem Buschfeuer oder einer Flut.

Fergus, der Vogt des Seneschalls, erhob sich von der Truhe, auf der er gesessen hatte, und bedeutete den bewaffneten Männern, die der Seneschall aus Argaut mitgebracht hatte, sich am Hauptmast zu versammeln. Fergus war kein Mann vieler Worte. Er teilte sich hauptsächlich durch eine ganze Liste von Grunzen, Schnauben und Brummen mit, doch im aufkommenden Sturm nahm er Zuflucht zu Gesten und einem schwarzen Blick.

Der Seneschall griff nach einem Stag in der Nähe. Der Nullmeridian, die unsichtbare Linie, die das Meer in zwei Hälften trennte und angeblich der Ort war, wo die Zeit ihren Anfang genommen hatte, war der sagenhafte Punkt, hinter dem es keine Rückkehr mehr gab, wo ein Schiff entweder still und ohne Zwischenfall weitersegelte oder von einer abgeirrten Strömung gepackt und versenkt wurde. Schlimmer noch: Manchmal erstarb der Wind, und das Schiff lag reglos auf der offenen See. Es war der Ort, vor dem sich die Seeleute fürchteten, den sie aber unter allen Umständen meistern mussten. Das Metall in seiner Hand war schlüpfrig und kalt von der Salzgischt und der steifen Brise.

»Langsam!«, rief der Lotse dem Steuermann zu. »Wir müssen sie hart vor den Wind bringen.«

Clomyn und Caius, die verlässlichen Armbrustschützen des Seneschalls, taumelten auf die Beine und sahen sich nach einem Platz um, wo sie sich festhalten und die Überquerung des Meridians hinter sich bringen konnten. Sie waren Zwillinge, deren Herzen in vollkommenem Einklang schlugen und deren Geschick mit der Waffe in ganz Argaut unübertroffen war. Den Brüdern war seit dem Ablegen unwohl, und nun erblassten sie, als ihnen der Mageninhalt hochstieg.

»Haltet euch fest, Kumpels«, rief der Kapitän und richtete sich auf. »Schwere See heute, scheint fast lebendig zu sein. Müssen das Schiff verholen, oder wir gehen alle unter.«

Die Besatzung, die schon seit langem daran gewöhnt war, diese Stelle hinter sich zu bringen, ging auf die Posten und bereitete sich auf einen harten Ritt auf den Wellen vor. Die Dünung war stark; hohe Wellen schwappten an beiden Seiten über das Deck und durchnässten die Soldaten unter der Führung des Seneschalls.

Der Seneschall selbst, den das Stampfen des Schiffes beunruhigte, hielt sich an dem Stag fest und rang nach Luft, als ihm die Gischt einer überschlagenden Welle den Mund füllte. Er rief nach Fergus, und der Vogt kam über den glitschigen Boden auf ihn zu.

»Sichere mich«, befahl er ihm. Der Vogt nickte, klammerte sich mit einer Hand selbst irgendwo fest und packte mit der anderen den Arm des Seneschalls.

»Windseite! Nach Lee, Mann!«, rief der Lotse dem Steuermann zu.

Der Seneschall spürte, wie das schwarze Feuer in seiner Seele angesichts seiner Hilflosigkeit vor Wut brüllte. Das Schiff schlingerte wild, die Seeleute torkelten umher; nur wenige Augenblicke zuvor waren sie vor einem angenehmen Wind gesegelt und gut vorangekommen. Dass seine Reise und damit auch die Erreichung seines Ziels in Gefahr geraten war, erzürnte sowohl den Mann als auch den Dämon.

»Steuer fest!«, rief der Kapitän.

»Halt mich fest«, sagte der Seneschall zu Fergus, der verständnisvoll nickte. Der Seneschall kämpfte gegen den Sturm, packte den Griff an seiner Seite und zog Tysterisk. Ein Schauer winzigster Funken ergoss sich aus der Scheide und war nur einen Augenblick lang sichtbar.

Für jeden anderen, der nicht so nahe wie Fergus neben dem Seneschall stand, sah es nur so aus, als ob der Seneschall einen Griff aus schwarzem Stahl in der Hand hätte. Doch Fergus befand sich so dicht neben ihm, dass er für den Bruchteil einer Sekunde einen Blick auf die Klinge erhaschen konnte. Sie war kaum mehr als ein schwacher, schwarzer Umriss, zwischen dessen Rändern winzige Strömungen flössen, die unsichtbar gewesen wären, wenn sie nicht kleine Wassertropfen aus der Gischt eingefangen und in sich umhergewirbelt hätten.

Und in diesem Bruchteil einer Sekunde sah der Vogt die winzigen, ungeschlachten Gesichter der Geister. Es waren augenlose Wesen mit dunklen Mündern, die in heulender Raserei offen standen und in der unsichtbaren Klinge umherwirbelten. In diesem Moment erkannte er die Macht und Bedeutung der Waffe und spürte das Knistern der Luft in ihrer Nähe.

Die Macht floss unmittelbar durch den Seneschall. Sein Körper versteifte sich, und eine Welle der Kraft brandete durch ihn, die Fergus unter seinem Griff deutlich fühlte. Die Haut unter der Robe des Seneschalls wurde warm, warf Blasen, war zu heiß für jede Berührung. Mit einem kehligen Schmerzenslaut ließ Fergus den Arm seines Herrn los.

Nun war es nicht mehr nötig, ihn zu stützen.

Blitze zischten im Wind, der über das Deck und die Segel fuhr.

Wie die Schwertklinge, so schien auch der schlanke Kör per des Seneschalls größeres Gewicht zu bekommen, eine sehnige, muskulöse Kraft, welche von der Gewalt der Waffe herrührte. Er warf den Kopf zurück und lachte, dann rief er in den Wind: »Verneige dich vor mir!«

Die Zwillinge, die flach auf dem Deck gelegen hatten, sahen durch verklebte Haare inmitten von Pfützen aus Erbrochenem auf und beobachteten die Verwandlung.

Sie sahen zu, wie ihr Meister dem Wind befahl.

»Ich bin dein Herr!«, brüllte der Seneschall in den Sturm, der an seinen Kleidern zerrte. Seine Stimme klang tief und durchschnitt das Kreischen des Windes wie eine Klinge, die durch Schnee fährt.

»Verneige dich vor mir, ich befehle es dir!«

Zur Antwort knisterte der donnernde Sturm vor elektrischen Entladungen und peitschte in einer wirbelsturmartigen Spirale himmelwärts.

Einen Augenblick später erstarb der Wind. Die Wellen, die nun nicht mehr von ihm gepeitscht wurden, beruhigten sich wieder; die Segel, die eben noch durch die Kraft des Windes gegen die Masten gedrückt worden waren, wurden schlaff und füllten sich erneut, als eine leichtere Brise in sie fuhr.

Die Mannschaft stand stocksteif da; alle Augen waren auf den Seneschall gerichtet. Der Seneschall schloss die Augen; auf seinen Lippen lag ein breites, triumphierendes Lächeln. Er hob das Gesicht zur Sonne, die sich nun, da die Wolken fortgeblasen waren, wieder zeigte. Eine Weile stand er so da und genoss den ruhmreichen Sieg über den Sturm; dann, als sei er wieder zu sich gekommen, öffnete er die Augen und schenkte der Mannschaft einen Blick der Missbilligung. Die Brise um den Griff in seiner Hand löste Funken wie von einem Lagerfeuer und hob sie in die Luft.