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»Macht weiter«, sagte er mit leiser, tödlich kalter Stimme.

Der Kapitän wandte sich sofort an den Lotsen.

»Kurs halten!«, rief er. Die Mannschaft, die noch vor einem Augenblick wie betäubt gewesen war, wurde allmählich wieder aufmerksam und kehrte rasch auf ihre Posten zurück.

Fergus trocknete sich die stechenden Hände, die wegen der Hitze des Seneschalls Blasen geworfen hatten, an der Hose ab und ging über das Deck zu den beiden Armbrustschützen, die noch immer vor lauter Übelkeit auf den Planken lagen.

»Steht auf«, sagte er mit barscher Stimme. »Geht unter Deck, bis ihr gebraucht werdet.«

Der Maat blieb stehen, als er auf dem Weg zum Achterdeck an dem Kapitän vorbeikam, und beugte sich zu ihm, damit niemand ihn belauschen konnte. Er begriff nicht, dass der Wind alles hörte.

»Was haben wir da an Bord genommen, Käpt’n?«, fragte er nervös.

Der Kapitän zeigte keine Regung.

»Kann ich nicht sagen«, antwortete er und beobachtete, wie sich der Seneschall in sein Quartier unter Deck begab. »Aber gewiss ist unsere Reise gesegnet. Wie dürften wir um mehr bitten, wenn der Wind selbst bei uns ist?«

9

An der Skelettkuste — Sorbold

Mit dem Morgen kam der Sturm.

Der Mann stand mit dem Rücken zur aufgehenden Sonne, hielt das Gesicht nach Westen gewandt und beobachtete den wogenden Nebel knapp hinter der Brandung, die sich am schwarzen Sand des Strandes brach.

Überall schlummerten hoch aufragende Schiffwracks. Ihr altes Holz stach aus dem Sand hervor wie die gebrochenen Knochen von riesigen mythischen Tieren und waren in dichte Laken aus Nebel gehüllt.

Heute Morgen sieht die See ruhig aus, dachte er und beobachtete das sanfte Steigen und Fallen der Wellen, die schäumend den dunklen, glitzernden Sand Hochliefen und sich dann wieder scheu zurückzogen. Er wusste, dass all das nur Täuschung war. Die Brandung einige Fuß vor dem Strand war trügerisch und gnadenlos und der felsige Boden unter den vulkanischen Sandschichten so zerklüftet wie ein zerbrochenes Glas. Hier an der Windabgewandten Seite der Skelettküste war der Friede nur eine Maske vor einer tieferen, tödlichen Bedrohung.

Dieser Gedanke belustigte ihn.

An der Wetterseite der Küste machten die Wellen keinen Versuch, ihre Wut zu verbergen. Sie rollten in hohen, weißen Brechern dahin und prügelten den Strand mit unnachgiebiger Wut, sie schlugen gegen die Felsen und schleuderten ihre Gischt heftig in die Luft, bis sie zurück in den Schlund des Meeres gesogen wurden, nur um wenig später beharrlich wiederzukehren, immer wieder, endlos.

In diesem unbeschönigten Meerestosen, in der frei eingestandenen Feindseligkeit, die nicht das Bedürfnis hatte, sich zu verstecken und passiv zu erscheinen, lag für ihn etwas überaus Ansprechendes. Es war eine Wut, die auch er verspürte, ein Zorn, der tief in ihm lauerte und zum Zwecke der Zusammenarbeit verhüllt, gemäßigt und in ein freundliches Gesicht, ein angenehmes Äußeres gekleidet werden musste. Wie der Wind auf der Leeseite.

Bis jetzt.

Ein goldener Strahl brach durch den allgegenwärtigen Dunst und erleuchtete den bewölkten Himmel. Seine dunkle Haut schimmerte kupferfarben; es war die Farbe der Erde unter dem Sonnenlicht. Sorboldische Haut, poliert vom Wüstenwind und der unbarmherzigen Sonne. In seinem Volk lag eine Schönheit, die bei anderen Linien der menschlichen Rasse auf dem Kontinent nicht existierte. Es war eine überlegene Anlage, die der gnadenlosen Sonne trotzte, den peitschenden Wüstenwinden, dem harten Klima, der grausamen Kultur, und auf der anderen Seite nur umso stärker und geschliffener wieder hervorkam, wie ein Lehmtopf, der im Feuer gebrannt wurde.

Bald würde er auf die Probe gestellt werden.

Ein kreischendes Pfeifen unterbrach seine Gedanken, ein Seufzen, das man von Zeit zu Zeit an der Skelettküste hören konnte. Es war nur der Wind, der sich um die zerbrochenen Masten der alten Schiffe legte, über die Reste der Schiffskörper peitschte und das Holz blank fegte. Die toten Schiffe waren aus einem seltsamen Holz erbaut, aus einer Baumart, die es auf dieser Seite der Welt nicht gab. Das Holz war auch nach tausendvierhundert Jahren noch nicht verrottet. Der Wind schien die Wracks zärtlich zu umspielen und sie in den Dunst des Morgens zu hüllen, wobei er sein klagendes Lied sang. Der Mann schaute auf und richtete die Gedanken wieder auf das Ziel, das unmittelbar vor ihm lag. Er hatte den Strand im grauen Licht der Vordämmerung abgesucht, wie am ersten Tag, als er hier einen Schatz gefunden hatte, und wie er es seitdem endlose Male getan hatte, aber umsonst. Es würde nur noch wenige Augenblicke dauern, bevor die Sonne ganz aufgegangen war und der neblige Strand weiß und wolkenverhüllt und der Dunst undurchdringlich wurde und jedes Glimmern von Magie unterdrückte. Rasch sah er sich ein weiteres Mal um. Sein Blick suchte die schäumenden Wogen und den schwarzen Sand ab.

Er sah nichts Ungewöhnliches – wie immer, seit er suchte, mit Ausnahme des ersten Mals. Der Mann stieß einen tiefen Seufzer aus, in dem große Resignation lag. Das Scheitern kam nicht unerwartet, denn wie oft in einem Leben erhält man den Schlüssel zur Zeit?

Niedergedrückt grub er unter dem Bug des Schiffsskeletts, das er schon durchstöbert hatte, und versuchte alles zu sichten, das die See noch nicht für sich beansprucht hatte, jedes Glimmern und noch so winzige Glitzern wie das, welches er an jenem Tag gesehen hatte; doch es war umsonst. Der Bogen aus Rot und Orange, der bei Tagesbeginn den Horizont aufgebrochen hatte, schwoll zu einer vollständigen Kugel an, welche die schwere, dunstige Luft mit Stumpfheit erfüllte. Er seufzte tief und erinnerte sich froh an den Augenblick seiner Entdeckung... Damals war er noch viel jünger – ein Mann mit den wirklichkeitsfremden Träumen der Jugend und dem drängenden Verlangen, sie in die Tat umzusetzen. Doch dieses Verlangen nahm mit jedem Jahr ab, und die Träume verblassten. Er hatte sich bereits in der mürrischen Billigung der Tatsache eingerichtet, dass sein Leben völlig durchschnittlich verlaufen werde, als er bei einer ungestümen Wanderung über den schwarzen Sandstrand auf ein verheißungsvolles Glimmern stieß. Er hätte es beinahe übersehen und nahm es nur aus den Augenwinkeln wie eine ferne Bewegung wahr; doch es versetzte sein Herz sogleich in pochende, schmerzhafte Aufregung. Der Legende nach streiften die grauen Löwen, die lebenden Geister von Raubtieren, an der Skelettküste umher und verschmolzen mit dem Nebel zur Unsichtbarkeit, bis sie bereits über ihrer unglücklichen Beute waren. Er sah genügend menschliche Knochen zwischen den Schiffs Skeletten, um diese Geschichten zu glauben. Das purpurne Glimmern am Rande seines Blickfelds erschrak ihn. Er blieb wie versteinert stehen und betete zum All-Gott, er möge ihn eins mit dem Nebel werden lassen, damit er den Fängen der Geisterlöwen entkommen konnte.

Als ihn nach einigen Minuten noch immer nichts aus dem Nebel angesprungen hatte, setzte er den Weg durch die dunklen Knochen des Schiffes fort, dessen Umrisse aus zersplittertem Holz zuerst schattenhaft, dann grau und schließlich schwarz wurden, bis er im Innern des ehemaligen Rumpfes stand. Er grub vorsichtig im Sand und fegte die Körner sanft von der feuchten Oberfläche, wobei er nicht das Blut bemerkte, das ihm durch die Finger rann. Seine Haut wurde von den vulkanischen Scherben in dünne Streifen zerschnitten.

Etwa knöcheltief, verborgen im Windschatten einer gesplitterten Planke, fand er es. Zuerst glaubte er, es sei eine Muschel oder vielleicht ein Stück Perlmutt. Es war von violetter, ungleichmäßiger Färbung, flach wie ein Flüstern, asymmetrisch oval und hatte einen eingekerbten Rand. Es dauerte mehrere Augenblicke, bevor er den Mut fand, es zu berühren, denn er befürchtete, es könne eine giftige Koralle oder eine Meerespflanze sein, die ihm bisher noch nie begegnet war. Als er es schließlich anfasste, war es glatt wie Glas, aber von feinen Furchen durchzogen, als wäre es aus zahllosen winzigen, vollkommenen Fliesen zusammengesetzt.