Es mochte lange im Sand gelegen haben und vom Meer zermahlen, von Wind und Sandkörnern geschliffen worden sein, doch auf seiner Oberfläche war immer noch eine eingeritzte Rune zu erkennen, ein Schriftzeichen, das er nie zuvor gesehen hatte. Sanft und mit größter Vorsicht hob er den seltsamen Gegenstand auf und hielt ihn vor die Augen.
In diesem Augenblick brach die Sonne wieder durch den Dunst. Ein Lichtstrahl fiel auf das Glas und erhellte jede winzige Furche. Der Gegenstand blitzte auf und strahlte eine Helligkeit aus, die den Mann beinahe blind gemacht hätte. Strahl um Strahl eines vielfarbigen Lichts wogte über die blassviolette Oberfläche, ergoss sich in gleißenden Strömen über den dünnen, ausgefransten Rand und blendete seine Augen.
Und als das Licht weiterkroch, wurde der Gegenstand wieder dunkel und violett. Er spürte nicht den Schmerz in seinen blutigen Fingern oder den Sand in den Augen oder die wachsende Hitze der Sonne, die sie auf dem Weg in den Himmel abstrahlte. Alles, was er spürte, war die Magie, die in seine Hände sickerte, und das Schlagen seines Herzens, das mit dem Ticken einer unsichtbaren, allgegenwärtigen Uhr im Einklang war, sowie ein melodisches Summen im Kopf, das ihm ohne Worte sagte, sein Leben werde nie wieder gewöhnlich sein.
Von diesem Augenblick an versuchte er fieberhaft, den Ursprung des Gegenstandes herauszufinden. Er heuerte als Schiffskoch auf Reisen nach Manosse und dem Hintervold an, nahm eine Stellung als Messdiener in Terreanfor an der gewaltigen Kathedrale des Großen Herrn und Königs der Erde, der sorboldischen Basilika aus Lebendigem Gestein -, diente Gelehrten, Priestern und filidischen Waldhütern – alles umsonst. Weder in ihren Bibliotheken noch in ihren Erinnerungen, noch in den überlieferten Sagen fand er einen Hinweis auf einen solchen Gegenstand, und natürlich konnte er niemanden direkt danach fragen und erst recht nicht ihn jemandem zeigen.
Als die Jahre vergingen, wurde er immer enttäuschter. Er suchte nach einem Hinweis und einer Erklärung, fand aber nicht einmal ein weiteres Beispiel für jene Schrift, aus der die Rune auf der Oberfläche des Objektes stammte.
Doch eines Tages stieß er zufällig auf das cymrische Museum, jenes kleine Refugium staubiger Überreste, das nur selten geöffnet hatte und noch seltener besucht wurde und sich in einer Festung namens Haguefort in der orlandischen Provinz Navarne befand.
Der Hüter des Museums war ein freundlicher junger Mann namens Stephen Navarne. Er war der Herzog jener Provinz und ein unerschrockener Anhänger der cymrischen Geschichte und Überlieferung. Die Stellung des cymrischen Historikers hatte er von seinem Vater geerbt, der wie andere Historiker vor ihm die Artefakte und Berichte aus dieser Zeit verschlossen gehalten hatte, da er sich seiner Abstammung von diesem Volk geschämt hatte. Die Cymrer waren einst als Flüchtlinge einer Katastrophe in dieses Land gekommen, hatten es erobert und dann in einem Krieg vernichtet. Alle, die von dieser Linie abstammten, redeten selten darüber und gaben ihre eigene beschämende Geschichte sowie die Scheußlichkeiten und die zerstörerische Überheblichkeit dieses Volkes fast nie zu.
Aber Stephen Navarne war anders. Er wusste um die Errungenschaften vor dem Ausbruch des Großen Krieges, um die Straßen und Städte, Häfen und Leuchttürme, Schlösser und Kathedralen und hatte daher beschlossen, stolz auf seine Herkunft zu sein, wenn auch auf vorsichtige Weise. Mit großer Liebe hatte er ein kleines, unauffälliges Museum für die historischen Schätze aus jener Zeit gebaut, damit sie erhalten und in einer angenehmen Mischung aus Stolz, Bescheidenheit und Gelehrsamkeit ausgestellt werden konnten. Er war immer überaus bereit, seine Zeit denjenigen zu schenken, die mehr über jene Ära und jenes Volk wissen wollten – diese uneinheitliche Gruppe von Menschen, die dem vulkanischen Feuer des Schlafenden Kindes entkommen war, das ihre Heimat verschlungen hatte, nur um den Spieß umzudrehen und die Vernichtung dem Land ihrer Gastgeber zu bringen, wonach sie im Dunkel der Geschichte verschwand ...
Dort, in diesem winzigen Museum, inmitten der sorgfältig ausgestellten Stücke, hatte der Mann, der nun eingehüllt in den Nebel der Skelettküste unter der sorboldischen Sonne stand, die zerfetzten, durchnässten Seiten eines Buchfragmentes entdeckt, das aus jenen Schiffsskeletten gerettet worden war und einige der Antworten barg, nach denen er so lange gesucht hatte.
Dem Anschein seiner Überreste nach war das Buch einmal ein dicker Band gewesen, in Leder gebunden und sorgfältig in der peinlich genauen Handschrift eines Gelehrten kalligraphiert. Es existierte nur noch in Bruchstücken, in zerfallenden Seiten und verschmierter Tinte, sorgfältig unter Glas konserviert. Einige Abschnitte waren unversehrt, doch der größte Teil stellte sich als unlesbar, zerrissen oder verschmiert heraus.
Was überlebt hatte, war der Titel, der in den zerfetzten Ledereinband eingeprägt war. Dort stand: Das Buch allen menschlichen Wissens.
Dem Mann war ein großer Teil der Erläuterungen entgangen, die der Herzog von Navarne ihm über das Buch mitgeteilt hatte. Er hatte die Erregung zurückhalten müssen, die in seinen Ohren gerauscht und ihm Schweißausbrüche verschafft hatte. Damals war es ihm wichtig gewesen, ruhig und nicht sonderlich interessiert zu erscheinen. Es war das erste Mal gewesen, dass er seinen Gesprächspartner völlig getäuscht und seine Absichten meisterhaft verborgen hatte, wie er es in der Folge noch oft tun sollte.
Das Wenige, das ihm damals erzählt worden war, hatte er inzwischen fast völlig vergessen; es war ein unaufhörliches Gerede über einen Nain-Entdecker aus der alten Welt namens Ven Polypheme gewesen, der alle Überlieferungen und Lehren gesammelt hatte, die ihm bei seinen Reisen um die Welt zugetragen worden waren. Damit Herzog Stephen nicht gemerkt hatte, woran ihm wirklich gelegen war, hatte er sich nach einigen anderen Einträgen in dem Buch erkundigt. Und so hatten sich in seiner Erinnerung eine große Menge historischer Tatsachen vermischt.
Doch einige herausragende Fakten hatte er nicht vergessen.
Der Gegenstand, den er gefunden hatte, war ein Spiel gewesen – ein Wahrsagemittel, das der Nain-Forscher als »Spiel« beschrieben hatte. Es hatte einer alten serenischen Seherin namens Sharra gehört, und an einer Stelle bezog sich Ven Polypheme darauf als »Sharras Spiel«. Dem Forscher zufolge war die Seherin in der Lage gewesen, Elementarkräfte herabzuziehen und mit ihnen die Karten zu manipulieren, damit sie bedeutsame Ereignisse zeigten, aber was das für eine Kraft war oder wozu diese Manipulationen geführt hatten, war in Zeit und Meer verloren gegangen.
Die Symbole einiger Karten waren in dem Buch grob aufgezeichnet. Wenn er das Thronsymbol auf einer der besser erhaltenen Seiten nicht erkannt hätte, wäre ihm der Zusammenhang wohl völlig entgangen. Doch wunderbarerweise war diese Zeichnung unversehrt und die Unterschrift deutlich zu entziffern.
Er hatte um Haltung gerungen, als er zerstreut auf die Runen unter der Zeichnung des Thrones gedeutet hatte. Diese Runen hatten sich in seine Erinnerung eingebrannt, auch wenn er sie nicht lesen konnte.
»Was für eine Sprache ist das?«, hatte er den jungen Herzog beiläufig gefragt.
»Alt-Serenne«, hatte Stephen erwidert. In seinen blau-grünen Augen hatte Aufregung geleuchtet. »Es ist eher ein magischer Code oder eine Notenschrift als eine Sprache. Hier habe ich ein kleines Buch, das so etwas wie ein Lehrbuch des Alt-Serenne ist, falls Ihr es sehen möchtet.«
Er hatte den kleinen Band fieberhaft durchgeblättert und die Worte und Symbole mit zitternder Hand abgeschrieben, bis ein einzelner Begriff ihn angestarrt hatte: die Übersetzung der Runen, die er seit so vielen Jahren zu entziffern versucht hatte.
Der Neubeginn, hatte da gestanden.
Die einzige andere bedeutsame Information, die er in den spärlichen Überresten des Buches allen menschlichen Wissens über das Kartenspiel gefunden hatte, bestand darin, dass Ven Polypheme glaubte, die Karten seien aus Drachenschuppen gebildet, auch wenn er zugeben musste, ähnliche Schuppen an keinem der vielen Drachen gesehen zu haben, denen zu begegnen er anscheinend im Verlauf seiner Reisen die Ehre gehabt hatte.