Und da die Drachen aus dem Element der Erde gebildet waren, hegte er den Verdacht, dass er wusste, was der Schuppe zu neuer Macht verhelfen konnte ...
Die Zeit war beinahe gekommen, diese Theorie zu überprüfen.
Er hatte bereits die notwendigen Schritte unternommen. Die Waage von Yarim hatte zu seinen Gunsten ausgeschlagen. Seit er das Totem aus Lebendigem Gestein auf die eine Schale und die violette Schuppe auf die andere gelegt hatte und sie ins Gleichgewicht gekommen waren, hatte er es gespürt. Es war eine das Blut durchdringende Kraft in den Venen, ein Anspruch, der alle anderen überstieg.
Als die Sonne am Firmament höher stieg und der dichte Nebel der Skelettküste ihn wieder verschluckte, wusste der Mann, dass er bald herausfinden würde, ob er diese Kraft einsetzen konnte.
10
Die angenehme Morgenluft war vom Klang eines strahlenden Basses erfüllt, der von den weit entfernten Zahnfelsen widerhallte.
Etwa ein Dutzend raue bolgische Stimmen nahmen den Refrain auf:
Achmed hörte Grunthor und seinen Truppen nur mit halbem Ohr zu, als sie die bevorzugte Bettgespielin des Sergeanten im Lied priesen. Er hielt Ausschau nach den yarimesischen Wachen, denn er vermutete, dass Ihrman Karsrick, diese paranoide alte Ziege von Herzog, alles zu tun gedachte, um die Anwesenheit der Bolg in seiner Provinz auf die absolut notwendigen Orte zu beschränken und sie wohl widerstrebend in die Arbeitszone eskortieren würde, vielleicht im Schutz der Dunkelheit, um seine Untertanen nicht den ›Kannibalen‹ preiszugeben, wie die Bolg immer noch von den Menschen genannt wurden. Er brauchte nicht lange zu warten, bis seine Vermutung bestätigt wurde.
Als der Bolg-Chor mit seinem Lied gerade bei der Stelle angelangt war, in welcher der Nasenring von Grunthors Favoritin freundlich mit dem eines örtlichen Preisbullen verglichen wurde, erschien in der Ferne eine dünne Reiterformation.
Die Melodie erstarb in erstaunlichem Gleichklang.
»Ah, da kommt das Begrüßungskomitee«, sagte der Sergeant und grinste. »Hab mich schon gefragt, wann die königliche Bewirtung anfängt.« Er wandte sich an das Dutzend Firbolg-Arbeiter und gab der Karawane das Signal, die Geschwindigkeit um die Hälfte zu verringern. »Denkt daran, die Servietten und Fingerschälchen zu benutzen, wie ich’s euch beigebracht hab. Und jetzt los.«
Die Bolgwache, die als Eskorte ritt und ein Dutzend Soldaten zählte, zielte mit den Armbrüsten lässig auf die Vorderbeine der yarimesischen Reittiere, während der Sergeant und der Bolg-König langsam auf die Soldaten Yarims zuritten.
Ein einzelner Reiter, ein dunkelhaariger Mann mit hellen Augen, scherte ebenfalls aus dem Kontingent aus und trieb sein Pferd sanft voran.
»Gut abgepasst, meine Herren«, begrüßte der yarimesische Offizier, als er in Hörweite war, die Bolg in orlandischer Sprache. »Willkommen in Yarim. Ich bin Tariz und werde während Eures Aufenthalts in der Provinz Euer Führer und Eure Eskorte sein.«
Achmed würdigte den Mann keines Blickes. »Dann führe uns.«
Der Soldat wendete sein Pferd und ritt zurück zum yarimesischen Kontingent. Seine Schultern zuckten, als erwarte er jeden Augenblick einen Armbrustpfeil im Rücken.
Außer im Sommer war Yarim Paar zu allen Jahreszeiten ein kalter, trockener Ort, eine flache Wüste zwischen den fruchtbaren Feldern von Canderre im Westen und den steil aufragenden Zahnfelsen im Osten. Die Stadt war älter als die meisten auf dem Kontinent, und sie war die älteste aller Provinzhauptstädte, denn sie war mehr als tausend Jahre vor dem cymrischen Zeitalter erbaut worden. Wie alt sie genau war, wusste nur der Wind, der den roten Tonstaub in wirbelnden Wolken über die weiten, unfruchtbaren Ebenen blies.
Nun war Sommer, und der trockene, rote Lehm durchsetzte die Luft und machte in der Hitze das Atmen schwer. Der ausgetrocknete Boden war an der Oberfläche gedörrt und aufgebrochen und spuckte bei jedem Huftritt Spiralen aus rotem Staub aus, der zusammen mit der gleißenden Sonne in die Augen stach.
Achmed hatte die weißen Arbeiterzelte um die Entudenin lange vor dem Rest der verfallenden Gebäude im Innern der Hauptstadt erspäht. In der großen Masse dessen, was früher einmal das Juwel der kalten Wüste gewesen war, leuchtete die Leinwand vor dem Hintergrund des blutroten Lehms. Er deutete mit dem Kopf in diese Richtung, und Grunthor nickte.
Tariz bemerkte ihre stumme Zwiesprache. Nervös nahm er die Zügel in die rechte Hand und wies mit der linken auf die Zelte.
»Das ist die Stelle«, sagte er unbeholfen.
»Warum reiten wir dann davon fort?«, fragte Achmed, doch er kannte die Antwort bereits. Es war ein Gefühl wie bei einer Katze, die mit einem Vogel spielt, den sie gefangen hat. Das Spiel bereitete ihm Kopfschmerzen und ärgerte ihn.
»Äh, wir ... ja, also ... ich habe besondere Anweisungen vom Herzog von Yarim, Euch und Euer Kontingent erst einmal in den Kasernenkomplex zu bringen, der für Euch im Nordosten vor der Stadt errichtet wurde. Wir haben Unterkünfte für die Männer und Pferde sowie Platz für die Maschinen geschaffen.«
»Auch für die Männer?«, fragte Grunthor in gespielter Verwunderung. »Klasse! Heißt das, wir müssen nicht zwischen den Felsen bei den Schlangen schlafen? Ihr seid wirklich ein Ehrenmann, mein Herr.«
»Der Herzog wird sich um all Eure Bedürfnisse kümmern, solange Ihr seine Gäste seid«, stammelte der Führer.
»Ich vermute, das schließt unser Bedürfnis nach einem Führer während der ganzen Zeit mit ein«, sagte Achmed.
»Ja, ja, natürlich.« Tariz wirkte erleichtert.
Der Bolg-König brachte sein Pferd zum Stehen und bedeutete dem Führer, ebenfalls anzuhalten. Er beugte sich ihm entgegen und fing seinen Blick auf.
»Eine Sache will ich von Anfang an klarstellen, Tariz«, sagte er gelassen. »Wie immer deine Befehle aussehen mögen – meine Männer und ich sind nicht deine Gefangenen. Ich werde deine Gegenwart und deine nutzlose Wachsamkeit während unserer Arbeit ertragen, solange es sachdienlich ist und mir passt. Aber bedenke, dass es nicht die von deinem Herzog angeheuerten Bolg-Handwerker sind, die du bewachst und gegen die du die Waffen erhebst, sondern die dummen Narren aus deiner eigenen Provinz. Ihre Neugier ist beleidigend. Wenn ich auch nur für einen Augenblick spüre, dass dir dieses Verständnis abhanden kommt, wenn einer meiner Arbeiter belästigt werden oder sich nicht mehr als der Fachmann fühlen sollte, der hergekommen ist, um deine Provinz vor dem Verdursten zu retten, werden wir fort sein, bevor du Luft holen kannst, und euch in der Sonne austrocknen lassen. Habe ich mich klar genug ausgedrückt?« Der yarimesische Soldat nickte. Seine Augen leuchteten in dem sandigen Wind.
»Gut. Dann sollten wir schneller reiten. Die Männer haben sich einen Schutz vor dieser Hitze verdient. Bei Einbruch der Nacht werden wir mit den Arbeiten beginnen.«
Von dem schimmernden Marmorbalkon ihres Gastzimmers im Gerichtsgebäude, das gleichzeitig der Palast des Herzogs von Yarim war, beobachtete Rhapsody den Zug der Wagen und Pferde, der nach Osten abbog. Das Kleid aus grüner yarimesischer Seide, das sie trug, leuchtete auf, als die Sonnenstrahlen darüber strichen, während sie sich drehte, um mit dem Blick der Karawane zu folgen.