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»Wo gehen sie hin?«, wollte sie wissen und schirmte die Augen vor der Helligkeit ab, die vom Balkongitter zurückgeworfen wurde, in das wertvolle Opale und Lapislazuli eingelassen waren – die wundervoll farbigen Erzeugnisse der berühmten yarimesischen Minenlager.

Ihrman Karsrick räusperte sich. »Ich habe dafür gesorgt, dass sie im Bissaltal ein paar Meilen außerhalb der Stadt lagern«, sagte er sanft. »Dort sollte es einfacher sein, sie zu beschützen.«

»Das ist doch nichts als eine Sandschüssel«, meinte Ashe und verschränkte die Arme vor der Brust.

»Habt Ihr dort vor kurzem eine Festung gebaut, Ihrman?«

»Nein, mein Herrscher, keine dauerhafte, aber wir haben ein vollständiges Lager aufgeschlagen, mit einem Ring aus Wachen darum.«

Rhapsody wandte sich an den Herzog. »Mal sehen, ob ich das richtig verstanden habe. Ihr habt König Achmed in Eure Provinz eingeladen, weil Ihr sein Fachwissen nutzen wollt, damit Ihr Euer Volk vor dem Verhungern und Euren Staatsschatz vor der völligen Plünderung bewahren könnt. Dabei erwartet Ihr, dass er Quartier außerhalb der Stadt bezieht und auf einem Feldbett unter einem Zelt mitten in der Wüste schläft, unter andauernder Bewachung, genau so, wie Ihr früher die Mörder aus dem Markt der Diebe untergebracht habt?«

»Keineswegs, Herrin«, erwiderte Karsrick und biss die Zähne vor Verärgerung zusammen. »Die Mörder vom Markt der Diebe haben keine Feldbetten, sondern nur Schlafsäcke bekommen. Wo sollte ich die Bolg denn Eurer Meinung nach unterbringen?«

Die Herrin der Cymrer drehte sich um und ging wütend zur Tür. »Ihr hättet sie dort unterbringen sollen, wo Ihr die anderen Gäste Eurer Provinz beherbergt, Ihrman, und es ist mir vor allem für Euch peinlich, dass Ihr nicht selbst auf diesen Gedanken gekommen seid. Was den Bolg-König angeht, der ein Staatsoberhaupt und Mitglied des cymrischen Bündnisses ist, so hatte ich erwartet, dass Ihr ihm Eure eigenen Schlafgemächer zuweist, falls es nötig ist, und selbst mit Eurem fetten Hintern eher vor dem Feuer auf dem Küchenboden schlafen würdet, als uns beide auf diese Weise zu entehren.«

Als sich der Herzog rot vor Wut nach Rhapsodys Gemahl umdrehte, zuckte der Herrscher der Cymrer nur mit den Schultern.

»Wie Ihr wisst, müssen Benenner die Wahrheit sagen, Ihrman«, meinte er und folgte seiner Frau zur Tür. »Wenn sie etwas anderes als die Wahrheit sagen, schwächt es ihre Kräfte. Vielleicht wäre es diplomatischer von mir gewesen, wenn ich selbst Euch darauf angesprochen hätte, anstatt es Rhapsody zu überlassen, und Euch zu sagen, was für ein schamloser und ungezogener Narr Ihr seid.« Er ergriff ihren Arm, bevor sie durch die Tür schritt.

»Du hast natürlich Recht, Aria«, sagte er ruhig. »Aber glaubst du nicht, die Bolg würden sich hier im Gerichtsgebäude unwohl fühlen? Hätten sie nicht dieselbe Art der Unterbringung gewählt, wenn sie vorher gefragt worden wären?«

»Zweifellos«, erwiderte seine Frau und küsste ihn auf die Wange. »Aber sie wurden nicht gefragt. Manchmal liegt der richtige Umgangston nicht in der Antwort, sondern in der Frage. Ich werde vor dem Abendessen zurückkommen.«

Ashe streichelte zärtlich ihr Gesicht und kehrte dann zu dem Balkon zurück. Schweigend hörte er mit Karsrick zu, wie die Palastwachen Rhapsodys Befehl wiederholten, ihr das Pferd zu bringen und das Tor zu öffnen.

»Sorgt dafür, dass sie auf ihrem Weg zum Bissaltal begleitet und beschützt wird«, sagte der Herr der Cymrer zu Karsrick, der wütend nickte, aus dem Raum ging und Ashe allein auf dem Balkon zurückließ. Er schaute zu, wie seine Frau davonritt, um die beiden anderen zu treffen, die sie durch die Zeit und den Bauch der Erde geführt und sie damit unbewusst in sein Leben und seine Welt zurückgebracht hatten.

Er schluckte und zwang sich, Gefühle der Dankbarkeit zu empfinden.

»Na, sieh dir das mal an.«

Grunthor lachte laut bei dem Anblick dessen, was sich da dem Lager näherte. Im Westen stieg eine wogende Wolke aus Staub auf, vor der ein lirinscher Rotschimmel in vollem Galopp zu sehen war. Auf dem Pferd saß eine Frau in grüner Seidenkleidung und mit bloßen Unterschenkeln. Die Röcke flatterten genauso hinter ihr her wie die blonden Locken, und an ihrer Seite hüpfte ein Schwert auf und ab. Hinter ihr bemühte sich ein kleines Gefolge von Wachen, mit ihr Schritt zu halten.

»Sieht aus, als wollte sie die anderen abschütteln, nicht wahr? Glaubst du, sie ist froh, uns zu sehn?«

Achmed lächelte hinter seinen Schleiern. Er hatte gewusst, dass sie bald kommen würde, denn fast während des ganzen Morgens hatte er ihren Herzschlag gespürt. Er war genauso schnell wie die galoppierende Stute.

»Ja, das glaube ich«, sagte er.

Als sie die Erhebung überquert hatte, hinter der sie lagerten, wurde der Apfelschimmel langsamer und blieb schließlich inmitten eines Wirbels aus rotem Staub auf anmutige Weise stehen. Rhapsody sprang vom Rücken des Pferdes und rannte barfuss und lächelnd auf die beiden zu.

Zuerst warf sie sich in die ausgebreiteten Arme des Riesen und ließ es zu, dass er sie ein wenig vom Boden hochhob und wie ein Kind herumwirbelte.

»Grunthor! Ich bin so froh, dich zu sehen. Vielen Dank dafür, dass ihr gekommen seid!«

»Die Freude ist ganz auf meiner Seite«, meinte der Sergeant und erwiderte ihr Lächeln. »Ist schon so lange her.«

»Das stimmt«, sagte sie, während er sie sanft auf dem Boden absetzte. Sie wandte sich dem Bolg-König zu und umarmte ihn. »Hallo, Achmed.«

»Selber hallo«, entgegnete Achmed. »Das war ein schönes Schauspieclass="underline" die cymrische Herrscherin mit wehenden Röcken auf dem Pferd. Falls du dich entscheiden solltest, dein königliches Leben aufzugeben und zu deinem früheren Beruf zurückzukehren, wäre das eine gute Möglichkeit der Werbung.«

»Vielen Dank, ich bin auch froh, dich zu sehen«, sagte sie und ließ seine Bemerkung unbeachtet. Stattdessen ergriff sie seinen Arm, dann den von Grunthor. »Ich bin hier, um euch beide zum Gerichtsgebäude von Yarim Paar zu eskortieren.«

»Warum?«, fragte Grunthor.

»Dort ist es viel bequemer als mitten in der Wüste.«

»Ach nee, ist schon in Ordnung. Den Truppen geht’s hier wirklich besser, hier glotzen weniger Menschen sie an. Sie kriegen ihre Ruhe und ’n gutes Essen und sind heut Abend einsatzbereit. Und ich würd gern bei ihnen bleiben, wenn du nichts dagegen hast.«

»Und was ist mit dir, Achmed? Möchtest du ebenfalls hier bleiben?«

»Hat dich dein Gatte nach Yarim begleitet?«

»Ja.«

»Dann werde ich mir erlauben, deine Einladung auszuschlagen«, sagte der Bolg-König. Rhapsody machte ein enttäuschtes Gesicht, sodass er rasch hinzufügte: »Es ist besser, wenn ich bei meinen ›Männern‹ bleibe, wie du sie so gern nennst.« Er stellte sich auf eine sandige Erhebung und sah zu, wie die yarimesischen Wachen um das Lager in Gefechtsstellung gingen. »Aber da du nun einmal hier bist, möchte ich, dass du dir etwas ansiehst.«

Rhapsody schaute sich im Bissaltal um. Weit im Osten sah sie am Horizont die Schatten der Zahnfelsen. Ihre vielfarbigen Gipfel verblassten in der Ferne zu einem gedämpften Grau und waren von Wolken umringt. Es regnete dort; zweifellos füllten sich ihre Flüsse nun wieder mit Leben spendendem Wasser, welches die Natur der weiten Provinz Yarim verweigerte.

Nördlich und westlich des Tals waren große Gesteinsformationen über den Wüstenboden verteilt; einige waren über hundert Schritt hoch. Ihre Krümmungen und Höhlen kündeten von einer Zeit, da sie geschmeidiger Ton gewesen waren, der nun im Ofen der Sonne und des Windes zu harten, trockenen Skeletten gebrannt worden war und mit dem restlichen Yarim in der Hitze buk.

Der Ort hatte für sie etwas Beängstigendes. Dieses von toten Felsen und yarimesischen Wachen umringte Stück Land wirkte, als habe es Augen, die sie und alle anderen beobachteten und sich an einem Ort befanden, der nicht auf natürliche Weise dem Blick entzogen war.