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Sie schüttelte den Kopf, um das Bild zu vertreiben. »Nun gut. Zeige es mir.« Mit einer Handbewegung entließ sie die yarimesischen Wachen. Sie sahen einander hilflos an und nahmen Ruhestellung ein. Achmed erkundete kurz die Lage, dann ergriff er Rhapsodys Ellbogen und führte sie zu einem geschützten Platz an der Windabgewandten Seite einer etwa zehn Fuß hohen Felsformation, wo ein kleines Zelt errichtet worden war. Er führte sie hinein, zog dann einen seiner äußeren Schleier fort, der als Mantel diente, und warf ihn vor ihren Füßen auf den Boden.

»Setz dich.«

Rhapsody gehorchte und beachtete nicht den Lehmstaub, der sich in die Falten ihres Seidenkleids legte.

Der Bolg-König warf mit einer Schulterbewegung den Rucksack ab, den er auf dem Rücken getragen hatte, und holte daraus ein Stahlkästchen hervor. Die Ränder waren mit Bienenwachs versiegelt. Achmed fuhr mit dem Finger an ihnen entlang, schmolz das Wachs und öffnete das Schloss mit einem kleinen Draht. Mit größtmöglicher Vorsicht holte er den Inhalt des Kästchens hervor, der in einige Lagen Öltuch eingeschlossen war. Das Tuch enthielt einige Bogen brüchiges Pergament. Es handelte sich um ein Manuskript, von dem Rhapsody annahm, dass es aus Gwylliams Bibliothek in Canrif stammte.

Er übergab ihr die Zeichnungen mit äußerster Vorsicht. Sie nahm sie ebenso achtsam entgegen. Die Zeichnungen waren mit der sorgfältigen Genauigkeit ausgeführt, die sie auch bei anderen Beispielen von Gwylliams Aufzeichnungen gesehen hatte. Es war die feine Arbeit eines Architekten, denn das war der cymrische König von Beruf gewesen, bevor er sein Volk von der dem Untergang geweihten Insel Serendair geführt hatte.

Die Zeichnung stellte so etwas wie einen Turm dar, der von Balken oder Stangen gestützt wurde. Die fächerförmige Decke bestand aus Scheiben von farbigem Glas, die wie die Farben des Regenbogens angeordnet waren. Der Schlüssel für die einzelnen Farben war in Alt-Cymrisch verfasst, der Umgangssprache auf der Insel, die sie, Grunthor und Achmed gesprochen hatten, als sie noch dort gelebt hatten; nun aber wurde sie von den Menschen dieses Landes, die Orlandisch, die Sprache der Provinzen von Roland, oder ihren jeweiligen Heimatdialekt redeten, als tote Sprache angesehen. Eine andere Zeichnung beschrieb eine Art von Rad, in das ebenfalls Glasscheiben eingesetzt waren, allerdings keine farbigen, sondern klare. Rhapsody deutete auf eine Reihe von Anmerkungen am Ende der Seite. »Gurgus«, las sie. »Ist das nicht der Berggipfel im zentralen Korridor der Zahnfelsen, der durch Anwyns Streitkräfte bei der Belagerung von Canrif zu einem recht frühen Zeitpunkt zerstört wurde?«

»Ja.«

»Hmm.« Rhapsody drehte das Blatt leicht, um es besser gegen das schwache Licht halten zu können, das durch die Zeltleinwand hereindrang. »Das ist bemerkenswert, aber warum zeigst du es mir? Du kannst es bestimmt selbst lesen.«

»Diesen Teil ja«, stimmte Achmed ihr zu. Er fuhr mit dem stets behandschuhten Finger über den Rand der ersten Seite. »Die Seite dahinter kann ich leider nicht lesen. Ich hoffe, du bist dazu in der Lage.«

»Was ist das für ein Apparat? Kennst du ihn?« Bevor der Bolg-König antworten konnte, gab Rhapsody ihm rasch das Pergament zurück und legte den Finger vor die Lippen. »Warte einen Augenblick, Achmed.«

Sie erhob sich von dem staubigen Zeltboden, schob die Eingangsklappe zur Seite und trat wieder hinaus in das blendende Licht des Mittags. Der Wind fegte ihr heiß über das Gesicht und trieb ihr die Haare vor die Augen. Sie drehte sich um und stellte sich in den Wind, damit er die Strähnen wieder fortblies. Dann zog sie ihr Schwert.

Die Tagessternfanfare, das vor Jahrtausenden geschmiedete Schwert des elementaren Feuers und Sternenlichts, kam mit einem wispernden Klingen aus der Scheide hervor. Es war ein ruhiger Klang wie von einem gedämpften Kriegshorn. Wenn man sie friedlich zog, wie Rhapsody es getan hatte, verursachte es lediglich diesen Klang und schwang sanft im Sanddurchsetzten Wind, doch wenn es in der Schlacht gezogen wurde, hörte man den Ruf des Schwertes über Kontinente hinweg, und es vermochte die Grundfesten der Berge zu erschüttern.

Rhapsody hielt das Schwert in der heißen Brise hoch und richtete ihre ganze Aufmerksamkeit auf das metaphysische Band, das zwischen ihr und der Waffe bestand. Sie spürte es in ihr schwingen und in demselben Ton summen. Es pulsierte im Gleichklang mit ihrem Herzschlag und dem Atem des elementaren Feuers in ihr. Rasch zog sie in der Luft einen Kreis um das Zelt, einen dünnen Ring aus Licht, der auch dann noch im Wind schwebte, als das Schwert wieder in der Scheide steckte. Es war ein Schutzkreis, ein Ton, der die Windströmungen ablenkte und das, was innerhalb des Kreises gesprochen wurde, vor dem Hinausdringen in den Wind schützte.

Der silberne Kreis wallte in der Luft, dehnte sich unter den Windstößen aus und zog sich wieder zusammen, doch er blieb beständig – dehnbar, aber unzerstörbar. Zufrieden kehrte Rhapsody in das Zelt zurück.

»Ich habe seit kurzem das unangenehme Gefühl, dass jemand mich beobachtet. Ich weiß nicht, ob es mit unserer Arbeit hier in Yarim zu tun hat, aber ich glaube, es ist das Beste, vorsichtig zu sein. Was wir jetzt sagen, kann niemand mithören«, meinte sie, während sie sich wieder neben ihren Freund setzte.

Er schaute die Seiten an; seine Gedanken waren eindeutig nicht auf der windigen Ebene Yarims. Sie bemerkte den fernen Blick in seinen Augen und fragte sich, wie viel von seiner zweiten Natur, der dhrakischen Abstammung, sich in diesem Augenblick zeigte. Statt der schweren, groben Steifheit der Bolg-Gestalt, die überwog, wenn er mit Grunthor und seinen Firbolg-Untertanen zusammen war, erkannte sie nun die dünnen, feinen Venen, welche seine Haut dicht unter der Oberfläche durchzogen, und die langen, sehnigen Muskeln und dunklen Augen der Rasse seiner Mutter. Sie wusste, dass er nun ganz fern war, in Gedanken verloren, wahrscheinlich auf der anderen Seite der Zeit; also wartete sie schweigend, bis er wieder zu reden bereit war.

Als sich schließlich sein Blick aufklarte, sah er Rhapsody kurz an und wandte sich dann erneut dem Manuskript zu.

»So etwas habe ich schon einmal gesehen«, sagte er. Seine Stimme klang so sandig wie der yarimesische Wind. »Es ist lange her, in einem anderen Leben, lange bevor wir beide uns in Ostend getroffen haben.« Er verfiel wieder in Schweigen.

Rhapsody zog sich die grünen Seidenfalten ihres staubigen Rocks um die Knie und wartete.

»Jemand, für den ich einmal als Wachmann gearbeitet habe – ein seltsames magisches Wesen – besaß einen Apparat, der ziemlich genau wie dieser hier aussah. Ich habe ihn nur einmal gesehen, aber es ist unmöglich, so etwas zu vergessen. Wie dieses Gerät hier war es auch in einen Turm eingelassen, der sich in einem Kloster auf dem Kamm eines Hügels befand. Es war kein richtiger Berg. Gwylliam war größenwahnsinnig und glaubte am Ende sogar, er könne die Erde nach seinem Willen formen. In der Sprache seines Eigentümers wurde der Apparat Lichtfänger genannt.«

»Wozu diente er?«

Achmed schüttelte den Kopf. In seinem Blick lag schwer die Erinnerung. »Ich bin mir nicht sicher. Ich erinnere mich aber daran, dass die Schwerverletzten, die von den Priestern und Mönchen nicht mehr geheilt werden konnten, zum Lichtfänger gebracht wurden. Viele von ihnen kehrten gesund zurück. Wenn es um die Suche nach Wissen ging, fragten die Priester oft...« Er verstummte; seine olivgrüne Haut schimmerte noch dunkler. »Demjenigen, dem die Maschine gehörte, wurden andauernd Fragen gestellt, die einen Blick in die Zukunft, über große Entfernungen hinweg oder an verborgene Orte verlangten, und all diese Fragen wurden beantwortet. Und der Lichtfänger brachte noch andere Dinge hervor, die sich einer Erklärung entzogen. Es war ein Instrument von großer Macht. Wie es arbeitete und welche Fähigkeiten es besaß, weiß ich nicht. Ich habe versucht, Gwylliams Anweisungen bei der Wiedererrichtung der Maschine zu folgen, die er einst gebaut hatte, aber es gelingt mir nicht, das farbige Glas in der richtigen Dicke und Durchlässigkeit herzustellen.«