»Ich entschuldige mich zutiefst, Euer Majestät«, sagte der Herzog, verneigte sich tief und bemühte sich, ausreichend zerknirscht zu wirken. »Wir konnten die Neugier der Bewohner von Yarim Paar wegen der Ankunft ihrer... Nachbarn aus dem Südosten nicht vorhersehen. Bitte vergebt uns die Grobheit unseres Willkommens; das war nicht beabsichtigt. Sagt mir, wie ich es wieder gutmachen kann.«
Der Gesichtsausdruck des Firbolg-Königs wechselte in dem schwachen Schein der Fackeln, die vor den Zelten standen. Das Licht in seinen verschiedenfarbigen Augen veränderte sich. Er stand lange in unangenehmem Schweigen vor dem Herzog, und als er schließlich sprach, war seine Stimme ganz ruhig.
»Ihr könnt einen verbrieften Glasmeister für mich auftreiben, der bereit ist, für eine außergewöhnlich hohe Summe Geldes an einem Projekt in Ylorc mitzuarbeiten.« Er wandte sich von dem Herzog ab, machte einige Schritte auf die Versammlung der Bolg zu und schaute über die Schulter. »Keine Gimpel. Von denen hatte ich heute schon genug.«
Der Herzog von Yarim seufzte auf und schaute zweifelnd drein. »Ich werde Euren Wunsch an die Gilden weiterleiten, Euer Ehren, aber ich kann nicht dafür garantieren, dass sich jemand melden wird.«
Achmed ging hinüber zu Grunthor. »Wie möchtest du vorgehen?«, fragte er den Sergeanten. Der riesige Bolg dachte kurz nach. »Zuerst das Zelt von allem Überflüssigen säubern, dann will ich mir die Quelle mal genau ansehn.«
Achmed ging zurück zu dem königlichen Paar und dem Herzog. »Schafft alle hier raus«, sagte er barsch, »außer euch selbst.«
Ashe nickte und erstickte damit die Entgegnung, die bereits auf den Lippen des Herzogs brodelte. Er wandte sich an die yarimesischen Soldaten, die sich im Zelt versammelt hatten.
»Geht bitte. Vielen Dank.«
Als der Bolg-Sergeant vor dem Obelisken stand, war es ihm, als ob alle anderen Leute, die unter der gespannten Leinwand auf dem Platz warteten, in graue Düsternis des Vergessens fielen und im ganzen Universum nur noch er und die Entudenin existierten.
Selbst in diesem Zustand des Verfalls und der Versteinerung war der Geysir – wie er selbst – noch immer ein Kind der Erde, das eine geboren aus Feuer, das andere aus Wasser, und beide waren einzigartige Schöpfungen, welche die Magie kannten, mit der Mutter Erde sie berührt hatte. Als er sie voller Staunen umrundete, verspürte er sofort ein überwältigendes Gefühl des Verlustes. Wie wunderbar musste sie gewesen sein, als sie noch lebendig gewesen war: eine hoch aufragende Säule, doppelt so groß wie er, die Spitze westwärts in Richtung der untergehenden Sonne gewölbt und dem tausend Meilen entfernten Ozean zugeneigt. Grunthor konnte beinahe sehen, wie sie sich gebildet und früher ausgesehen hatte: Lage auf Lage vielfarbiger Ringe und Streifen in satten Tönungen von Zinnober und Rosenrot, tiefem Rostbraun, Schwefelgelb und Aquamarin. Die Mineralablagerungen waren mit fortschreitender Zeit immer größer geworden, bis ihre Höhe alles auf der flachen, trockenen Ebene überragte, so weit das Auge reichte.
Nun stand der Obelisk leblos, aber ungebeugt da, ausgedörrt und mit gebranntem rotem Lehm überzogen, wie alles andere in Yarim.
Grunthor trat über die geborstenen Steine des Beckens an der Basis und näherte sich der Entudenin langsam, fast ehrerbietig. Er fragte sich, was eine solch starke, stetig wachsende Quelle Leben spendenden Wassers inmitten der kalten Wüste dazu gebracht haben mochte, plötzlich zu versiegen und auf diese Weise zu verwittern. Er streckte die Hand aus und berührte ihre eingesunkene Oberfläche.
Unter den Fingerspitzen fühlte sich der ausgetrocknete Lehm erstaunlich warm und geschmeidig an. Grunthor runzelte die Stirn. Seine Augen sagten ihm, dass der Geysir tot und der früher einmal feuchte Lehm nun hart und starr geworden war, doch ein tieferer Teil von ihm, der mit der Erde unauflöslich verbunden war, übernahm nun seine Sinne.
Tief aus ihrem Innern hörte er die Stimme der Erde, das langsame, melodische Lied, das sich in sein Unterbewusstsein gestohlen und jede Faser seines Seins durchdrungen hatte, als er, Achmed und Rhapsody auf der Flucht vor ihren Jägern durch die Tiefen der Welt gekrochen waren und sich an den spinnenartigen Wurzeln der Sagia, des Weltenbaumes, entlanggehangelt hatten, bis sie in dieses neue Land gekommen waren. Das Lied wand sich um sein Herz, flüsterte unsichtbar in seinen Ohren und erzählte ihm die Geschichte der Entudenin.
Das Lied berichtete von der Geburt der Region, die in der Sprache der Menschen als Yarim bekannt war. Es war ein von den Passatwinden vergessener Ort im Schatten der Berge, am Fuß eines Gletschers auf einer Kontinentalscheide gelegen, dessen Boden unfruchtbar war, doch die Erde barg tiefe, versteckte Schätze: Adern von Kupfer und Mangan, Eisen und Rysin, dem blauen Metall, das bei den Bolg so beliebt zur Stahlerzeugung war. Heilende Mineralquellen, Opale und kostbare Salze lagen unter dem dicken roten Ton verborgen, doch ohne regelmäßige starke Seewinde und ohne kühle Brisen aus den Bergen hatte sich der Boden gehärtet und weigerte sich, seine Schätze preiszugeben. Grunthor stand wie gebannt da. Die Geschichte erschuf Bilder, die er in seinem Kopf sehen konnte, als das Lied noch melodischer und fließender wurde. Sie wandte sich nun dem Erim Rus, dem Blutfluss zu, einem schlammigen roten Wasserlauf, der durch den Morast der manganroten Berge gefärbt wurde. Der Erim Rus ergoss sich in einen Nebenstrom des mächtigen Tar’afel, und ihr Zusammenfluss hatte eine wunderbare Oase geschaffen. Aus diesem Zusammenfluss war die Entudenin hervorgegangen.
Der Tar’afel hatte wie alle großen, den Kontinent teilenden Ströme ein ganzes Netz unterirdischer Zuflüsse, die sein Bett und die umgebenden Überschwemmungsgebiete durchzogen; manche waren viele Meilen vom Ufer entfernt. Eine dieser Adern lag außerordentlich glücklich. Sie war durch das große, spinnenartige Netz unterirdischer Quellen mit einem starken Wasserlauf verbunden, der durch eine vulkanische Höhle an der Nordküste des eisigen Hintervold unmittelbar vom Meer gespeist wurde. Diese Höhle befand sich genau an der Stelle im Fels, wo die Nördliche See in das offene Meer überging und so eine besonders starke Strömung hervorrief, die tausend Meilen ins Landesinnere zurückfloss.
Dieser Rückstrom war die Lebensader der Entudenin.
Auf dem Weg nach Osten gelangte das Meerwasser durch die Gletscherfelder des Hintervold, wo es vom Eiswasser gesüßt wurde und etwas von seinem Salz verlor. Dann floss es unter den grünen Feldern Canderres her, durch den fruchtbaren Lehm und die Torfmoore, die der Provinz zu ihrem Reichtum verhalfen, bis es schließlich den sandigen, mineralhaltigen roten Ton von Yarim erreichte, wo es sich entschied anzuhalten. Diese Entscheidung wurde durch die tiefen, schweren Schichten aus undurchdringlichem Ton und Fels erzwungen, die von der Auffaltung der Berge im Osten übrig geblieben waren. Das Wasser, das durch Eis, Sand und Zeit gefiltert und inzwischen gänzlich süß geworden war, strömte gegen die unterirdische Barriere und fand keinen anderen Weg als den nach oben.
Und so stieg es hoch.
Bei ihrer Geburt war die Entudenin kaum mehr als eine Pfütze gewesen, die sich mit einem Gurgeln bildete und dann mit einem großen, schlammigen Schmatzen ausbreitete. Wenn ein menschliches Auge jenes erste Austreten hätte beobachten können, wäre es kaum bemerkt worden, doch die Region würde erst in mehreren tausend Jahren besiedelt werden. Es war kein großartiger Beginn, aber ein wichtiger. Das Siegel der Erde über dem Wasser war erbrochen.
Von nun an war es nur eine Frage der Zeit und der Gezeiten, die von den Mondphasen vorgegeben wurden. Wenn der Strom ruhte, ruhte auch die Entudenin, und ihre Quelle versiegte zu einem Tröpfeln, das sich in den Feldern Canderres sammelte und gar nicht bis in das Reich des roten Tons kam. Doch wenn die Flut zurückkehrte und der Mond in voller Pracht stand, floss das Meerwasser herbei und strömte durch das unterirdische Bett, bis es mit einem freudigen Ruf aus dem Geysir schoss und glitzernde Tropfen in die Luft warf, die sich mit dem Sonnenlicht vermischten. Da dies jahrtausendelang geschah, wurden die Mineralien, die an der Öffnung zurückblieben, immer härter und dicker und durch den Druck nach oben getrieben, bis sich der Obelisk, als der sich die Entudenin in ihrer glanzvollen Zeit darstellte, bis zu den zahllosen Sternen des unendlichen Wüstenhimmels reckte und beinahe den Mond zu berühren schien.