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Dieser aus Meer und Erde geformte Obelisk, der wertvolle Mineralien, Erze, Salz, Eis und die Essenz der Zeit enthielt, nahm so etwas wie ein Eigenleben an. Er war ein Kind der reinen Erde und ein Weltwunder: süßes Wasser inmitten eines trockenen Landes. Der glitzernde Glimmer, der die Wände durchzog, gleißte wie die Sterne und war ein stummes Zeichen seiner Magie.

Und so war es tausend oder mehr Jahre geblieben. Schließlich entdeckten die Menschen diese Leben spendende Quelle und nutzten sie. Sie beteten sie beinahe an; um sie kümmerten sich die Priesterinnen des Klans der Shanouin, einer riesigen Menschenfamilie, die einen Mythlin zum Stammvater hatte. Die Mythlin waren eine der fünf alten Rassen, die zu Beginn der Zeit aus dem Element des Wassers gebildet wurden; daher besaßen die Shanouin die Gabe, es sogar unter dem Wüstensand aufzuspüren. Sie waren begabte Quellensucher und wurden aus diesem Grund als die geeigneten Wächter für die Entudenin angesehen.

Die Shanouin verwalteten den Zyklus des Quellfelsens, wie die Entudenin in der Sprache Yarims bald hieß. Sie hielten diejenigen, die das Wasser ernten wollten, für einen ganzen Tag nach dem zyklischen Erwachen fern, wenn unter tiefem Rumpeln und einem frohen Ruf der Rückstrom mit so großer Kraft austrat, dass er einem Mann den Rücken zerschmettern konnte. Die Shanouin behielten die Aufsicht über das Einsammeln des Wassers auch während der folgenden Woche des Überflusses, wenn es genug für alle gab. Dann folgte eine Woche der Ruhe, wenn der ergiebige Strahl zu einem sanften, blubbernden Strom wurde. Bei abnehmender Strömung im Meer wurde das Wasser der Entudenin zu einem ruhigen Rinnsal, bekannt als die Woche des Verlustes. Während dieser Woche wurde es nur denjenigen, die Schwerkranke in ihrem Haushalt hatten, sowie den Alten und Gebrechlichen erlaubt, das Wasser aus der Quelle zu sammeln. Schließlich glitt bei Neumond die Entudenin in die Woche des Schlafes, in dem sie auf den wieder scheinenden Mond und den Wechsel der Gezeiten wartete. Und so war es Jahr für Jahr, Jahrhunderte und Jahrtausende lang, bis zum Tag der Veränderung. Grunthors Kopf zuckte zurück, als er den Wechsel in der Stimme der Erde hörte. Bisher hatte sie einen fröhlichen Rundgesang gewebt, der ihm ein Gefühl des Friedens vermittelt hatte, doch nun wechselte die Melodie plötzlich und wurde zu einem kreischenden Crescendo, bis sie unvermittelt verstummte. Unter den Bildern in seinem Kopf flüsterte die Erde traurig.

Viele Meilen westlich der Entudenin, an der Grenze zu Canderre, lag eines der großen Opalfelder Yarims namens Zbekaglou, was in der Sprache der Eingeborenen so viel bedeutete wie »Ende des Regenbogens« oder »wo die Himmelsfarben die Erde berühren«. Zbekaglou war seit Jahrhunderten wegen seiner Schätze umgegraben worden; man hatte große Furchen in die Erde gerissen, die weichen, farbenprächtigen Steine ausgegraben und die Löcher einfach offen gelassen. Dort, wo Minen durch die Erde getrieben worden waren, war der Boden auch unter dem Grundwasserpegel nicht mehr fest. Eine starke Vibration, ein normales Ereignis, ausgelöst durch den Herzschlag der Erde, hatte eine Scholle aufgewühlten Tons unter der Erdoberfläche gelöst und den Wasserlauf vollständig verstopft. Da dies mitten in der Woche des Schlummers geschehen war, kehrte das Wasser einfach nicht mehr zurück. Die Entudenin trocknete über Nacht aus und stieß nie wieder einen Freudenruf bei ihrem Erwachen aus.

Während Rhapsody ihm die Überlieferungen der Menschen aus Yarim erzählt und dargelegt hatte, wie sie zuerst mit Entsetzen, dann mit Schuldzuweisungen und schließlich mit Hoffnungslosigkeit auf die Ereignisse reagiert hatten und ihr Juwel von einer Stadt fortan in der Sonne dahinsiechte, sie aber trotzdem hier weiterlebten, berichtete ihm die Erde in ruhigen Tönen das Ende der Geschichte dessen, was mit der Entudenin geschehen war.

Es war ein langsamer, schmerzhafter Tod gewesen.

Wie die großen Bäume der Erde oder die gewaltigen Schluchten, welche die Flüsse im Lauf der Zeit geschaffen hatten, oder wie die stampfende See selbst oder alle anderen Orte, in denen sich Erdmagie verkörperte, hatte auch die Entudenin so etwas wie eine Seele. Zu ihrer Zeit war sie ein kraftvolles Geschöpf gewesen, eine natürliche Formation mit beinahe menschlichen Stimmungen, die beim Erwachen vor Freude gebrüllt und fröhlich gelacht hatte, wenn das Wasser reichlich geflossen war und die Gefäße, Brunnen und Kanäle von Yarim Paar gefüllt hatte. In der Woche des Verlustes war sie in nüchternen Gedanken versunken und hatte über die Sterblichkeit der Welt nachgesonnen. Im Schlaf hatte sie geschwiegen, doch wenn sie erwacht war, hatte der wunderbare Kreislauf von neuem begonnen. Nie war sie dessen müde geworden.

Der wunderbare, der Gabe des Wassers plötzlich beraubte Obelisk hatte zum Zeitpunkt des Versiegens etwas verspürt, das man nach menschlichen Begriffen Verblüffung nennen konnte. Die Entudenin hörte die Gebete der Menschen, die sich um sie kümmerten, und spürte ihre Schwingungen, auch wenn sie sie nicht verstand, doch ihre Verzweiflung teilte sich mit, überbrückte die verschiedenen Arten des Bewusstseins und wurde so zur eigenen Verzweiflung der Entudenin. Als die Zeit verging und das Wasser nicht zurückkehrte, sehnte sich der Quellfels nach Erlösung und betete demütig auf die ihm eigene Weise zu seiner Mutter, doch die Erde konnte nicht richten, was der Mensch zerstört hatte.

Schließlich ergab sich der Obelisk trauernd in das Unvermeidliche. Er stand weiterhin unter der Sonne und spürte mit jedem vergehenden Tag, mit jedem vergehenden Jahr und Jahrhundert deutlicher, wie alle Feuchtigkeit aus ihm wich. Er buk in der Sonne und verwitterte. Er verlor ein wenig von seiner Größe und viel von seinem Umfang sowie all seine unzähligen Farben. Mit der Zeit wechselte er von der Schönheit eines Kindes zur Hässlichkeit einer alten Vettel. Jeder Tropfen, der unter Yarims versengender Sonne verdampfte, war eine Träne der Entudenin.

Aber sie weigerte sich zusammenzufallen.

Unentwegt klammerten sich die winzigen Überreste der Seele, die in dem Quellfels verkörpert war, aneinander und standen aufrecht unter den Sternen, und der Glimmer, der auf der Oberfläche verblieben war, glänzte bei Gelegenheit noch immer in ihrem Licht.

Grunthor war schwindlig geworden. Er warf den Kopf zurück, als das Erdenlied plötzlich endete. Ihm drehte sich der Magen um. Er spürte, wie die Verbindung zu der Wärme, die durch seine Adern kreiste und sich den Weg zu den Kammern seines gewaltigen Herzens suchte, unvermittelt abbrach. Es war ein innerlicher Schlag, so stark, dass er in die Knie ging. Er fiel zu Boden, stützte sich mit den Händen auf der Erde ab und versuchte die Verbindung wiederherzustellen, doch die Erde war verstummt.

Einen Moment später fühlte er Hände auf beiden Schultern. Er schüttelte sie ab und bekämpfte die Übelkeit, die ihm bis in den Mund stieg. Er versuchte sie herunterzuschlucken. Dann setzte er sich mit großer Anstrengung auf und wartete darauf, dass sich sein Verstand aufklarte. Als es schließlich so weit war, legte sich ein Schleier über seine bernsteinfarbenen Augen, während die Welt um ihn herum wieder Gestalt annahm und die Bilder verschwanden, die das Lied der Erde in ihm hervorgerufen hatte. Er schaute auf und sah Rhapsody und Achmed über ihm stehen und Ashe an Rhapsodys Seite. Die Bolg im Zelt flüsterten beim Anblick ihres gestürzten Sergeant-Majors furchtsam miteinander.