Выбрать главу

Erneut schüttelte er Achmeds Hand ab und stand auf. Zuerst war er etwas wacklig auf den Beinen, doch dann holte er mit seiner großen Nase tief Luft. Kurz darauf wandte er sich dem König zu und nickte einmal. Der Anblick der inneren Windungen des Obelisken und seiner Zuflussläufe war ihm ins Gehirn eingebrannt.

»Richtig. Hier der Plan: Wir nehmen diesen angewinkelten Arm ab. Der ist sowieso so verwittert, dass er nicht mehr fest ist. Zu brüchig, um dem Wasserdruck standzuhalten.«

»Den Arm abnehmen?«, warf Ihrman Karsrick besorgt ein. »Das könnt Ihr nicht machen. Es ist eine heilige Reliquie.«

»Es ist eine heilige Reliquie, die keine Bedeutung mehr hat«, meinte Achmed. Er stand mit dem Rücken zu Karsrick und schaute weiterhin Grunthor an, der bei der Unterbrechung durch den höherrangigen Offizier verstummt war. »Wollt Ihr eine tote Verzierung beibehalten oder Wasser haben?«

Der Herzog dachte einen Moment lang nach und legte dann dem Bolg-König die Hand auf die Schulter. »Könnt Ihr garantieren, dass das Wasser wieder fließen wird, wenn ich Euch erlaube, den Arm des Obelisken abzunehmen?«, fragte er zögernd.

»Nein, aber ich kann garantieren, dass Blut fließen wird, wenn ich Euren abnehme«, erwiderte der Bolg-König und starrte auf Karsricks Hand.

»Achmed«, tadelte Rhapsody ihn. »Etwas mehr Höflichkeit, bitte.«

Der Bolg-König seufzte auf, als der Herzog rasch die Hand wegzog. »Ich kann nur für sehr wenig im Leben garantieren, Karsrick. Ich kann nicht versprechen, dass das Wasser zurückkommt. Aber ich kann versprechen, dass es nicht zurückkommt, wenn Ihr nichts unternehmt. Wenn Grunthor sagt, dass der Arm abgenommen werden muss, dann muss er es eben. Und nun seid bitte still und erlaubt uns, den Rest seiner Anweisungen zu hören.«

Der Herzog räusperte sich und nickte Grunthor zu.

»Wir werden zuerst den Obelisken selbst aufbohren und dann etwa dreißig Schritt darunter graben«, meinte der Sergeant und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Seine Haut hatte wieder die gewöhnliche Färbung angenommen die Tönung alter Prellungen. »Das hilft ihr, dem Wasser standzuhalten, wenn’s kommt. So wie sie jetzt ist, würd sie zerspringen.« Er schaute an dem trockenen roten Geysir hoch. »Der Weg dahinter ist frei. Die eigentliche Verstopfung ist viel weiter weg, fast an der Grenze zu Canderre. Damit komm ich schon klar. Nicht nötig, die Männer dahin zu schicken. Sobald sie hier fertig sind, kannst du sie wieder mit nach Ylorc nehmen, Achmed. Ich reite dann zur Grenze, räum die Hindernisse weg und komm dann nach Hause.«

»Brauchst du Ausrüstung?«, fragte Achmed.

Der Riese grinste breit und wühlte kurz in seinem Gepäck herum. Er holte einen kleinen, zerbeulten und abgenutzten Handspaten hervor und hielt ihn hoch, damit Rhapsody ihn auch sehen konnte. Es war Graba, das Werkzeug, das er benutzt hatte, um vor vier Jahren den dreien nach ihrer Reise durch den Bauch der Erde einen Weg an die Oberfläche zu graben. Rhapsody lachte.

»Das ist alles, was ich brauch«, sagte er.

»In Ordnung«, meinte Achmed. Er wandte sich an die versammelten Bolg-Arbeiter. »Packt den Rest der Ausrüstung aus, damit wir anfangen können.«

Draußen vor den Zelten wurde der Ring aus yarimesischen Soldaten allmählich immer größer und drückte die Menge sanft, aber unnachgiebig zwei Straßenecken weit entfernt von dem zentralen Platz der Stadt fort. Von dort aus enthüllten die flackernden Kerzen, die vor den Zelten standen, nicht mehr, was im Innern vorging.

Am Rand der Absperrung wartete auch Esten und bemühte sich wie alle anderen Einwohner, näher an das Geschehen heranzukommen und einen deutlicheren Blick zu erhaschen. Sie wollte soeben gehen, weil sie nichts hatte sehen können, als Dranth sie am Ellbogen berührte und den Kopf schüttelte. Damit deutete er an, dass es bisher keinem der Spione gelungen war, bis zu den Arbeitern durchzudringen. Esten seufzte tief und bahnte sich einen Weg durch die Schaulustigen zu den leeren Straßen hinter ihnen.

»In dieser Angelegenheit habe ich keine Geduld«, sagte sie zu ihrem Kronprinzen. »Karsrick zieht seinen Vorteil aus all der Arbeit, die ich vor der Katastrophe gemacht habe. Wenn die Bolg die Entudenin wieder in Gang setzen, wird er das Wasser haben, das eigentlich mir gehören sollte. Warum ist niemand hineingekommen? Die Wachen sind doch immer einfach zu bestechen oder einzuschüchtern gewesen.«

»Die yarimesischen Wachen schon, Meisterin«, erwiderte Dranth düster. »Aber die Bolg stehen ebenfalls Wache. Ihr König hat seine eigene Sicherheitsgarde mitgebracht, und sie ist standhaft und bis jetzt völlig unzugänglich.«

Die schwarzen Augen der Gildenmeisterin funkelten wütend.

»Ich will wissen, was in diesem Zelt vor sich geht«, sagte sie mit leiser, tödlich harter Stimme.

»Jemand muss hineingelangen, um den Diebstahl meines Wassers zu verhindern. Bevor morgen die Nacht anbricht, muss es geschehen sein, oder Blut wird wie Wasser aus der Entudenin fließen.«

12

Innerhalb von drei Tagen war Achmeds Vorhersage eingetroffen. Die Bolg folgten einem regelmäßigen Zeitplan für den Schichtwechsel und arbeiteten still in der Hitze unter den Zelten, die den Bauplatz umgaben; die Bewohner von Yarim Paar kamen an der Absperrung zwei Straßen entfernt zusammen, um sie die Zelte und die Stadt betreten und verlassen zu sehen. Die Massen, die sich während der ersten Tage versammelt hatten, wurden spärlicher, und obwohl noch beachtliche Neugier an den primitiven Männern bestand, von denen die cymrische Herrscherin sagte, sie seien die Hoffnung auf die Wiederbelebung der Entudenin, kehrte die große Mehrheit an ihre Arbeit und zur täglichen Routine zurück und traf sich höchstens zu den festgesetzten Zeiten, um die Bolg aus den Zelten auf die wartende Eskorte zueilen zu sehen. Es war nicht erlaubt, mit ihnen in Kontakt zu treten, und da die Bolg keinerlei Neigung zeigten, jemanden aus der Bevölkerung anzusprechen oder gar zu berühren, wurde den Leuten dumpf bewusst, dass nicht sie vor den Firbolg geschützt wurden, sondern diese vor ihnen, was die Stimmung von ängstlicher und verärgerter Neugier zu peinlich berührtem Wohlwollen veränderte.

Die Leinenzelte, die zu Beginn der Arbeiten so weiß wie Schnee gewesen waren, nahmen rasch die bräunlich rote Färbung des Tonstaubs an, der durch das Bohren in die Luft stieg. Große Holzbalken wurden auf den Versorgungswagen der Bolg herbeigebracht, zusammengebunden und mit großen Stampfern und Hebeln in die Erde geklopft. Es handelte sich um geistreiche Maschinen, die vor vielen Jahrhunderten von Gwylliam erfunden worden waren, um die Tunnel Canrifs auszuhöhlen. Den Bewohnern von Yarim Paar waren nur die Grabtechniken der Shanouin bekannt; sie wunderten sich über den Anblick und die Geräusche der Werkzeuge, welche die Bolg benutzten, wobei die meisten kleineren Ausrüstungsgegenstände und auch die Handwerker selbst vor ihren Augen verborgen blieben.

Der Arm der Entudenin wurde als Erstes entfernt und in einer stillen Zeremonie in die Hauptrotunde des Gerichtsgebäudes unter die berühmten Minarette des Palastes verbracht. Dort wurde er ausgestellt, denn Yarim besaß keinen Elementartempel; sein Volk betete unter der Schutzherrschaft Ian Stewards, des Segners von Canderre-Yarim, der hundert Meilen entfernt seine Gottesdienste in der Feuer-Basilika von Bethania abhielt. Am ersten Ausstellungstag kamen viertausend Menschen und betrachteten den Arm ehrerbietig; es waren zehnmal mehr als bei der Beerdigung von Ihrman Karsricks Vater, dessen Leichnam vor vielen Jahren in derselben Rotunde aufgebahrt gewesen war. Ashe beobachtete vom Turmbalkon in den westlich des Hauptpalastes gelegenen Gastgemächern aus, wie die Menge in die Rotunde strömte, und musste kichern, als er Rhapsodys Blick sah.

»Was ist denn nun los, meine Liebe?«, fragte er spöttisch. »Du scheinst geradezu erstaunt zu sein.«

»Ich bin erstaunt«, sagte Rhapsody und starrte über das Geländer auf die Menschenschlange, die sich die Straßen hinunter bis beinahe zur Marktstraße zog. »Dieses verdammte Ding stand viele hundert Jahre unbemerkt und unbeachtet im Zentrum ihrer Stadt. Praktisch jeder Kaufmann und jeder Händler, der in der Innenstadt zu tun hat, ist Tag für Tag daran vorbeigelaufen, und keiner hat ihm auch nur die geringste Aufmerksamkeit geschenkt außer ein paar Pilgern und einem kleinen Jungen, der – wie ich beobachten konnte – einmal davor stehen blieb und den Arm anpinkelte. Und jetzt ist er eine heilige Reliquie von ungeheurem Wert für dieselben Leute, denen noch vor drei Tagen gar nicht mehr bewusst war, dass er existiert. Das ist erstaunlich.«