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Ashe legte den Arm um sie. »In der Tat. Glaubst du, es könnte mir gelingen, deine Aufmerksamkeit für eine Weile von diesem erstaunlichen Anblick abzulenken?«

»Auf alle Fälle«, sagte sie lächelnd. »Was hast du vor?«

»Wir sollten verkleidet in die Stadt gehen. Du könntest dir einen Ghodin anziehen, und ich werde mir einen Schleier umlegen, wie ihn Pilger oder die Shanouin-Gräber tragen.«

Sie lachte erfreut. »Wie damals, als du dein Gesicht verstecken musstest? Nun, als ich das letzte Mal mit Achmed hier war, habe ich tatsächlich einen Ghodin getragen, um nicht erkannt zu werden. Es gibt in Yarim nicht allzu viele Blondschöpfe. Man hätte mich neugierig angeschaut, und da wir hier waren, um die Sklavenjungen aus der Ziegelbrennerei zu befreien, wäre das nicht förderlich gewesen. Ich kann gern wieder einen tragen; außerdem schützt das weiße, fließende Leinen vor der Hitze. Wohin gehen wir? Es wäre vielleicht eine gute Zeit, auf dem Markt einzukaufen. Sämtliche Einwohner sind im Gerichtsgebäude und verneigen sich vor der toten Gesteinsformation. Also sollte es kein allzu großes Gedränge geben.«

»Das ist nicht ganz das, was ich vorhatte.«

»Ach?«

»Ich dachte, wir besuchen Manwyns Tempel.«

Das Lachen in Rhapsodys Augen machte einem klaren, nüchternen Ausdruck Platz.

»Bist du sicher, dass du das wirklich tun willst, Sam?«, fragte sie sanft.

»Ja«, antwortete er, ergriff ihre Hand und führte seine Frau zurück in die Turmgemächer. »Wir sollten zumindest versuchen, eine Antwort auf unsere Fragen zu bekommen, auch wenn wir möglicherweise nur unsinniges Gebrabbel aus ihr herausbringen. Danach machen wir uns einen schönen Nachmittag. Das Mittagessen nehmen wir in irgendeiner Taverne oder an einer der Garküchen unter offenem Himmel ein, und danach suchen wir auf dem Markt ein nettes Mitbringsel für Gwydion und Melly aus.«

Rhapsody verneigte sich tief vor ihrem Gemahl. »Übernehmt die Führung, mein Herrscher.«

Manwyns Tempel stand am westlichen Rand der Stadt. Er war der Mittelpunkt eines Gebietes, das zu der Zeit, als die Entudenin noch ihre flüssigen Gaben hervorgebracht hatte, ein gut gedeihender Wassergarten gewesen war, doch nun war er wüst und leer. Trockene Vertiefungen, die früher einmal große Teiche gewesen waren, säumten die zerfallenden Straßen, und zerbrochene Statuen von Meeresnymphen schütteten leere Gefäße in staubige Brunnen.

Der Tempel des Orakels war wie ganz Yarim Paar majestätisch groß, litt aber unter Vernachlässigung. Er war aus Marmor erbaut, der damals großartig ausgesehen haben musste, und bestand aus einem zentralen Gebäude mit zwei angebauten Flügeln am Ende der Hauptachse. Das alles zerfiel allmählich. Geborstene Marmorstufen führten zu einem geräumigen Innenhof mit uneben gewordenem Mosaikboden, auf dem sich acht gewaltige, von Flechten befallene Säulen erhoben. Das Hauptgebäude war eine große Rotunde mit einer kreisrunden Kuppel, in der zwei breite Risse zu sehen waren. Ein hohes, dünnes Minarett krönte dieses Hauptgebäude und funkelte wie ein Leuchtturm in der Sonne.

Rhapsody blieb am Fuß der großen Treppe stehen.

»Bist du sicher, dass du das tun willst?«, fragte sie Ashe noch einmal. »Es war sehr beunruhigend, als ihr beiden euch beim letzten Mal hier begegnet seid. Wenn möglich, will ich dieses Erlebnis nicht wiederholen.«

»Genießt du es nicht, im Mittelpunkt eines nur mit dem Willen geführten Drachenkampfes in einem mottenzerfressenen Tempel zu sein?«, entgegnete Ashe und schaute ihr in die grünen Augen, die das einzig Sichtbare unter dem Ghodin waren. »Am Rande des tiefen Abgrundes zu stehen, während der Boden erzittert, und herabstürzenden Teilen der Kuppeldecke auszuweichen?«

»Du sagst es.«

»Ich werde mein Bestes tun, um mich zu benehmen«, versprach er. »Komm, Aria.«

Rhapsodys grüne Augen wirkten besorgt. »Erinnerst du dich noch an die Formulierungen, auf die wir uns geeinigt haben?«

Ashe streichelte beruhigend ihre Hand. »Ja. Komm.«

Sie stiegen die breite Treppe hoch und gingen durch das große, offene Portal, das als Eingang diente. Im Innern des Tempels war es dunkel; er wurde nur von kleinen Fackeln und Kerzen erhellt, wodurch der Eingangsbereich in ewigem Zwielicht blieb.

Innen war der Tempel – im Gegensatz zum Gebäude selbst -in gutem Zustand. Im Mittelpunkt des riesigen Raumes stieß eine große Fontäne einen dünnen Wasserstrom zwanzig Fuß in die Höhe, von wo aus er sich in ein Becken ergoss, das mit schimmerndem Lapislazuli eingefasst war. Der Boden bestand aus poliertem Marmor, die Wände waren mit Kacheln in verschlungenen Mustern verziert, und die Kerzenhalter bestanden aus leuchtendem Messing.

Zu beiden Seiten dieses Raumes lagen kleine Vorzimmer, in denen Manwyns Wachen standen. Sie trugen die in Yarim üblichen gehörnten Helme und waren mit langen, dünnen Schwertern bewaffnet. Eine große Tür aus reich beschnitztem Zedernholz befand sich ihnen gegenüber hinter der Fontäne und dem Becken und wurde ebenfalls bewacht.

Rhapsody blieb plötzlich wieder stehen und packte Ashe am Arm.

»Oh ... Warte! Als wir beim letzten Mal wegen einer Prophezeiung herkamen, war Manwyn sehr wütend, weil du das Gesicht verborgen hattest. Vielleicht wäre es besser, jetzt den Ghodin und die Schleier auszuziehen. Ich will sie nicht noch einmal reizen.«

»Gut, das werden wir tun, sobald wir drinnen sind.«

Ashe schob ihre Finger von seinem Arm, ergriff erneut ihre Hand und führte sie um die Fontäne herum. Sie hielten vor den Wachen bei der großen Tür inne.

»Zehn Goldkronen, um das Orakel zu sehen, für den Unterhalt der Seherin«, sagte einer der Männer mechanisch.

Ashe griff in seine Geldbörse und holte den Betrag hervor, den der Wächter verlangt hatte.

»Wenn das wirklich zum Unterhalt des Orakels verwendet wird, konnte sie sich wohl seit unserem letzten Treffen ein neues Kleid kaufen«, sagte er und steckte die Münzen in das Opferkästchen. »Sie sah dünn und etwas verwahrlost aus, aber ich bemerke, dass du gut und gesund aussiehst, Soldat. Ich bin sicher, du würdest niemals für dich selbst etwas von den Almosen nehmen, die dem Orakel zustehen, oder?«

Der Wächter spuckte auf den Boden, öffnete die prachtvolle Zederntür und bedeutete den beiden mit einer wütenden Handbewegung einzutreten.

»Du benimmst dich bereits ausgezeichnet«, meinte Rhapsody trocken, während sie das innere Heiligtum betraten.

»Ich bin ein Drache. Es ist meine Pflicht, Leute zu ärgern.«

»Das sehe ich.«

»Wenn wir unsere Gesichter enthüllen wollen, um Manwyn nicht durcheinander zu bringen, sollten wir es jetzt tun.« Ashe zog sich den Schleier vom Gesicht und ergriff dann sanft das Kopfteil ihres Ghodin. Er blinzelte. Rhapsodys Gesicht war beinahe so blass wie die weiße Robe, die sie trug – geistergleich im Glanz der Kerzen.

»Aria? Ist mit dir alles in Ordnung?«

Sie nickte wortlos.

Ashe nahm ihre Hand. Sie war kalt und zitterte leicht.

»Rhapsody, wenn du das hier nicht tun willst, können wir jetzt ohne Schwierigkeiten noch gehen.«

Sie schüttelte den Kopf, auch wenn ihr Griff etwas fester wurde.

»Es sind nur die Erinnerungen«, sagte sie nervös. »Ich hatte vergessen, wie einschüchternd dieser Ort ist. Manwyn macht mir Angst.«

»Dann sollten wir zurück zum Basar gehen.« Ashe drehte sich um und wollte gerade mit den Knöcheln gegen die Zederntür klopfen, als Rhapsody ihn zurückhielt.