»Nein. Wir müssen uns anhören, was sie zu sagen hat, und sie nach ihrer letzten Prophezeiung fragen, denn sonst wird uns das, was eigentlich eine wunderbare und aufregende Sache in unserem Leben sein sollte, nur Sorgen und Angst bereiten«, sagte sie. »Es tut mir Leid, dass ich ein solcher Feigling bin. Gehen wir weiter.«
Ashe drückte ihre Hand, und gemeinsam traten sie tiefer in das innere Heiligtum ein. Der Raum hinter der Zederntür war gewaltig und wurde von einer Reihe kleiner Fenster in der Kuppel der Rotunde sowie von zahllosen Kerzen erhellt. Im Mittelpunkt des Raumes hing ein Thronsessel gefährlich über dem großen, offenen Abgrund eines randlosen Schachtes.
Wie immer, wenn sie sich in ihrem Tempel befand, saß Manwyn mitten auf dem riesigen hängenden Sessel. Sie war groß und dünn, hatte eine Haut aus Gold und Rosen und feurig rotes, mit Silbersträhnen durchzogenes Haar. Ihr Gesicht war wie das einer nicht mehr ganz jungen, aber noch nicht alten Frau. In der linken Hand hielt sie einen verzierten Sextanten, und wie Ashe erwartet hatte, war sie in eine zerrissene Robe aus grüner Seide gekleidet. Es musste einmal ein wundervolles Gewand gewesen sein, doch das Alter hatte es brüchig und fadenscheinig gemacht. Die Augen der Seherin waren vollkommene Spiegel ohne Pupillen, Iris oder Netzhaut. Als Rhapsody sie zum ersten Mal gesehen hatte, war es ihr gewesen, als ertränke sie in diesen Augen, in diesen tiefen, spiegelnden Teichen aus Quecksilber, die hinter die Gegenwart in das Reich dessen blickten, was noch kommen würde.
Mit der Zeit hatte sie gelernt, wie gefährlich es war, sich mit vollem Bewusstsein dem Blick eines Drachen oder eines verwandten Wesens auszusetzen. Daher senkte sie den Blick ehrerbietig und wartete darauf, dass die Seherin sie ansprach.
Zuerst beachtete Manwyn sie gar nicht. Ihre langen Finger waren damit beschäftigt, an dem Rad des Sextanten zu drehen, während sie sich dabei ein unmelodisches Lied vorsang. Der Herrscher und die Herrscherin standen schweigend da, während sie spielte, und schauten sich bisweilen an, sagten aber nichts.
Als habe sie den Geruch von Feuer im Wind aufgeschnappt, schreckte Manwyn plötzlich hoch und schnüffelte. Ihre Augen aus flüssigem Silber blickten wild umher und richteten sich schließlich auf die Besucher. Sie streckte sich und deutete auf das große dunkle Loch, das im Boden klaffte.
»Schau in den Schacht«, befahl sie mit derselben rauen Stimme, die Rhapsody bei ihrem letzten Besuch hier vernommen hatte. Es war ein heiseres Krächzen, das an Rhapsodys Schädelknochen schabte.
Gegen ihren Willen zitterte sie wieder. Manwyn hatte an dem ersten cymrischen Konzil und ihrer Hochzeit teilgenommen und war dort gar nicht einschüchternd oder beängstigend, sondern nur entrückt und verwirrt erschienen. Doch hier in ihrem Tempel war sie entsetzlich und lächelte mit einem Selbstvertrauen, das an grausame Belustigung grenzte.
»Möge der All-Gott meinem Großneffen und seiner Frau einen guten Tag schenken«, sagte die Prophetin und verneigte sich tief. Es war die traditionelle Anrede auf der Insel Serendair gewesen. »Und das wird er wirklich. Es wird ein sehr bemerkenswerter Tag für euch werden.«
»Vielen Dank, Tante«, erwiderte Ashe und gab ihre Verneigung zurück. »Ich hoffe, das ist nicht die ganze Prophezeiung. Ich habe den Eintritt teuer bezahlt.«
Die Seherin kicherte. »Du wirst immer mein bevorzugter Großneffe sein, Gwydion von Manosse. Und deine liebliche Braut ist wirklich eine Zierde. Eine Zierde! Eine Zierde!« Sie gluckste und grinste breit.
Rhapsody verneigte sich zum Gruß und warf einen raschen Seitenblick auf Ashe, der die Schultern zuckte.
»Stellt endlich eure Frage«, befahl Manwyn. Ihr feierlicher Gesichtsausdruck kehrte zurück. Der Herr und die Herrin der Cymrer tauschten einen kurzen Blick und erinnerten sich an das, was sie sagen wollten.
»Ich begehre eine Klarstellung zweier einander widersprechender Prophezeiungen, die du uns vor einigen Jahren gegeben hast«, sagte Ashe.
Verwirrung glitt wie eine Wolke über das Gesicht der Seherin. »Prophezeiungen?«
»Ja«, sagte Rhapsody rasch. »Zu mir hast du gesagt: ›Ich sehe ein widernatürliches Kind, geboren aus einem widernatürlichen Akt. Rhapsody, du solltest dich vor der Geburt hüten: Die Mutter wird sterben, aber das Kind wird leben.‹«
»Und mir, ihrem Gemahl, hast du gesagt: ›Gwydion ap Llauron, deine Mutter starb bei deiner Geburt, aber die Mutter deiner Kinder wird bei deren Geburt nicht sterben‹«, fügte Ashe hinzu. »Wir wollen wissen, was du gemeint hast, Tante.«
Die Verwirrung auf Manwyns Gesicht verstärkte sich zu Bestürzung. Sie fuhr sich mit der Hand über den Kopf und durch das Gewirr aus verfilzten Haarsträhnen, zog nervös wie ein Kind daran und schüttelte dann lebhaft den Kopf.
»Ihr fragt nach der Vergangenheit«, sagte sie gereizt. »Ich werde nie in der Lage sein, die Vergangenheit zu sehen. Ich weiß nichts von dem, was ihr von mir verlangt.«
Rhapsody schnürte es die Kehle ab. »Natürlich weiß sie das nicht«, flüsterte sie Ashe zu. »Wie dumm von mir, die Frage so zu stellen.«
Verwirrung und Besorgnis verschwanden plötzlich aus dem spiegelnden Blick der Seherin. Sie richtete sich auf und drehte sich langsam in Rhapsodys Richtung – wie ein Jäger, der sich an seine Beute anschleicht. Sie rutschte auf den Bauch, wobei die Plattform über dem Abgrund wie verrückt schaukelte, und richtete ihren silbernen Blick auf die Herrscherin der Cymrer.
»Man sollte sich vor der Vergangenheit in Acht nehmen, Herrin«, sagte sie mit eiserner Stimme, obwohl sie lächelte. »Die Vergangenheit kann eine gnadenlose Jägerin sein, eine unerschütterliche Beschützerin oder eine rachsüchtige Feindin. Sie trachtet danach, dich zu bekommen; sie trachtet danach, dir zu helfen.« Sie bewegte sich noch weiter nach vorn, bis ihr Oberkörper über dem Brunnen hing, und flüsterte: »So wie die Zukunft beständig versucht, mich zu vernichten.«
»Beantworte mir diese Frage«, befahl Ashe, den der Blick der Seherin verwirrte, weil er Angst in den von Rhapsody legte. »Falls Rhapsody und ich ein Kind zeugen sollten, wird sie oder das Kind daran Schaden leiden? Ich verlange eine direkte Antwort, Manwyn. Ich habe das Spiel satt.«
Die Seherin starrte ihn einen Moment lang an, als ob sie verblüfft sei, dann deutete sie ruhig mit dem Sextanten zu der geborstenen Kuppeldecke über ihr und spähte hindurch. Rhapsody drängte sich enger an Ashe, als ein dunkler Wind aus dem Abgrund im Boden fuhr. Die unzähligen Kerzenflammen wurden schwächer und schwärzten den Raum. Die Kuppel über ihren Köpfen war zum Nachthimmel geworden und mit Sternen gesprenkelt, zwischen denen vereinzelte Wolken gemächlich schwammen. Eine kalte Brise wogte den beiden Herrschern über den Rücken und blähte den Stoff des Ghodin wie ein Segel auf hoher See.
Schließlich, nach einer scheinbaren Ewigkeit, senkte Manwyn das Instrument und richtete den Blick auf Ashe. Ihr Gesicht hatte einen nüchternen Ausdruck angenommen. Sie hob den goldenen Sextanten, das Navigationsinstrument, das den Erforscher Merithyn, ihren Vater und Ashes Urgroßvater, über das Meer an den Strand der Drachin Elynsynos geführt hatte. Ashe verstand diese Geste. Manwyn erinnerte ihn daran, dass sie aus dieser Vereinigung hervorgegangen war, genau wie er selbst, auch wenn sie die Vergangenheit, in der sich dies ereignet hatte, nicht bewusst wahrnehmen konnte. Ihr gemeinsames Drachenblut und die alten Überlieferungen waren für sie sowohl Fluch als auch Segen.
»Du wirst immer dein eigenes Blut fürchten, Gwydion«, sagte sie ruhig. Keinerlei Wildheit lag mehr in ihrer Stimme. »Aber du brauchst es nicht. Deine Frau wird nicht sterben, wenn sie deine Kinder zur Welt bringt.«
Ashe deutete anklagend auf sie. »Rhapsody«, meinte er streng. »Sage, dass Rhapsody nicht sterben wird.«
»Rhapsody wird nicht sterben, wenn sie deine Kinder zur Welt bringt.«
»Und sie wird dabei auch nicht verletzt werden oder krank? Winde dich nicht um eine Antwort herum, Tante.«
Manwyn zuckte die Schultern. »Die Schwangerschaft wird nicht leicht, aber sie wird Rhapsody weder umbringen noch sie verletzen. Nein.«