»Es macht irgendwas«, beharrte Shaene. »Scheint eine unglaubliche Menge an Schwierigkeiten für einen kurzen Spaß zu sein.«
»Ja, es macht irgendetwas«, sagte Omet und berührte es wieder. »Es geht nämlich in den Abstellraum. Los, helft mir, das Rad aus der Führung zu nehmen.« Er schaute hoch zur offenen Decke des Turms, wo das Sonnenlicht auf dem Metallrahmen glitzerte, in den das farbige Glas eingelassen werden sollte, dann sah er Shaene und Rhur an. »Erzählt niemandem davon, was immer ihr auch tut.«
Grunthor hob die Hand und gab das Zeichen, mit dem Bohren aufzuhören. Er wischte sich den Schweiß von der breiten Stirn, als das unbarmherzige Donnern des Antriebs und das Stampfen des Bohrers zuerst leiser wurden und dann ganz verstummten.
Er beobachtete die Männer für eine Weile. Sie alle troffen vor Schweiß, und ihre üblicherweise dunkle Haut war in der Hitze blass und fahl geworden. Da sie an die kühlen Tiefen der Erde gewöhnt waren, hatten bereits zwei Firbolg-Arbeiter und ein Soldat nach einem Kreislaufzusammenbruch aufgeben müssen und wurden nun im Gerichtsgebäude gepflegt.
»Das ist lächerlich«, murmelte der Sergeant. »Wir haben schon den Wasservorrat für heute verbraucht. Bringt uns Karsrick nun die versprochenen zusätzlichen Rationen oder nich?«
»Wir haben nach den Shanouin gerufen, Herr«, sagte der Gehilfe des Herzogs zu Achmed, der in dem heißen Zelt auf und ab schritt. »Ihnen wurde befohlen, jeden Morgen drei zusätzliche Fässer zu liefern. Würdet Ihr bitte Euren Soldaten sagen, dass sie sie durch die Absperrung hindurchlassen? Sie sind schon zwei Mal fortgeschickt worden.«
»Das mag passiert sein, weil meine Soldaten kein Orlandisch sprechen«, sagte Achmed und umrundete die wachsenden Haufen aus rotem Ton sowie die klaffenden Löcher im Boden. Er zog die Zeltklappe beiseite. »Komm mit!«
Einen Moment später fand am äußeren Ring, wo die yarimesischen Soldaten Wacht hielten, eine Unterredung statt. Die Soldaten, denen man befohlen hatte, außer den Befehlshabenden Offizieren, dem Herzog, dem Herrn und der Herrin der Cymrer und den Bolg selbst niemanden durchzulassen, wurden angewiesen, auch den Wasserträgern, aber niemandem sonst Zugang zur Arbeitsstelle zu verschaffen, damit sie ihre Fässer abliefern konnten, doch dabei sollten sie streng bewacht werden. Nachdem er dem äußeren Ring die Anweisungen erteilt hatte, begab sich Achmed mit dem Gehilfen zum inneren Ring, der von den Firbolg-Soldaten bewacht wurde, und redete sie auf Bolgisch an.
»Eine Stunde vor jedem Schichtwechsel werden an der ersten Wachlinie Wasserträger durchgelassen. Überprüft alle Fässer ohne Ausnahme, lasst sie öffnen und stoßt ein Schwert in das Wasser. Vergewissert euch, dass sich nichts und niemand in ihnen versteckt. Eskortiert dann die Wasserträger zurück zur ersten Wachlinie. Wenn jemand versuchen sollte, euch zu entkommen oder das Zelt zu betreten, überwältigt ihn. Versucht nicht, ihm den Kopf auf dem Straßenpflaster einzuschlagen, aber falls es zufällig doch passiert, fällt das Blut zwischen den Ziegeln wenigstens nicht auf.« Die Bolg-Soldaten nickten zustimmend, und der schrille Lärm des Bohrers setzte wieder ein.
»Falls jemand die Wachlinie durchbricht, tötet ihn und esst ihn; die Reihenfolge sei euch überlassen«, sagte Achmed laut auf Orlandisch, damit die Yarimesen ihn verstehen konnten.
Als die Turmglocken den Mittag verkündeten, näherten sich sehr besorgt aussehende Frauen in blassblauen Ghodins – die Priesterinnen des Shanouin-Klans – unter Bewachung dem Bauplatz und trugen drei große Wasserbehälter. Die Bolg-Soldaten, die das Zelt umringten, machten ihnen widerwillig Platz und erlaubten ihnen so, durch den zweiten Ring bis kurz vor die Zelte zu gehen. Dort setzten sie ihre Lasten rasch ab und eilten zurück durch die Firbolg-Linie in den Schutz ihrer menschlichen Beschützer.
Als sich die Zeltklappe öffnete, warf eine der Frauen einen flüchtigen Blick über die Schulter und begegnete dem Blick von Achmeds verschiedenfarbigen Augen, der sie aus dem Zelt heraus anstarrte. Er war ganz in Schwarz gekleidet und stand vor einer großen Pumpe, die wie die Verdammten ächzte und kreischte. In diesem Bruchteil einer Sekunde glaubte die Frau, direkt in die Unterwelt zu schauen. Die Shanouin-Frau wirbelte herum und bemühte sich, mit ihrer Schwesterpriesterin Schritt zu halten. Hinter den kühlen Marmorwänden der Bibliothek im Gerichtsgebäude beobachteten Ihrman Karsrick und sein Gardehauptmann den Bauplatz, sahen aber nichts außer dem gelegentlichen Hervorkommen einer Gestalt aus den gewaltigen Zelten. Seit drei Tagen arbeiteten die Bolg in Schichten; sie betraten und verließen das Zelt zu den festgesetzten Stunden mit derselben Pünktlichkeit wie die Wachablösung vor einem königlichen Palast und wurden von den Zuschauern nicht mehr belästigt. Ein Klopfen an der Bibliothekstür schreckte ihn auf; es war sein Kammerherr.
»Ja?«
Der Mann kam herein und schloss die Doppeltür hinter sich.
»Der Hierarch der Handwerkergilde schickt Euch eine Botschaft, mein Gebieter.«
»Worum handelt es sich?« Karsrick fürchtete sich vor der Antwort und sehnte sie gleichzeitig herbei.
»›Bei aller Hochachtung und mit großem Bedauern müssen wir feststellen, dass niemand in unseren Reihen geeignet, verfügbar, qualifiziert oder bereit ist, das großzügige Angebot des Bolg-Königs anzunehmen. Wir entschuldigen uns und wünschen das Allerbeste.‹«
»Welch eine Überraschung«, murmelte Karsrick. »Was soll ich jetzt tun?«
»Es gibt noch einen anderen Weg, noch eine andere Quelle, mein Gebieter«, erbot sich der Hauptmann der Garde.
»Was für eine Quelle? Wo?«, wollte der Herzog wissen.
»Die Rabengilde auf dem Markt der Diebe.«
»Bist du von Sinnen?«, rief Karsrick. »Du schlägst vor, ich soll mich mit Dieben und Mördern gemein machen und einen von ihnen nach Ylorc schicken?«
Der Hauptmann zuckte die Achseln. »Ihr und der Firbolg-König habt nicht viel füreinander übrig. Falls Ihr ihm einen Kunsthandwerker schickt, der zugleich ein Mörder ist...«
Karsricks Hand fuhr durch die Luft und schnitt ihm das Wort ab.
»Ich lasse mich nicht zur Ermordung von Staatsoberhäuptern herab, wie sehr ich ihnen auch misstrauen mag, danke. Hast du eine Vorstellung davon, was die Herrscherin der Cymrer, vom Herrscher ganz zu schweigen, tun würde, wenn ich mich zu einem solchen Kniff entschließen sollte, besonders wenn es zum Tod ihres Freundes, des Bolg-Königs, oder seines Sergeanten führte? Sie würde mir das Fleisch mit einer scheußlichen Tontortur von innen herausschmelzen oder etwas dergleichen. Nein.«
»Mein Gebieter, die Rabengilde besteht nicht nur aus Dieben und Mördern. Im Gegenteil, wie Ihr wisst, betreiben ihre Mitglieder die angesehensten und geachtetsten Ziegeleien, Glasereien und Metallverarbeitungen in Roland. Wenn man in Yarim überhaupt einen solchen Kunsthandwerker auftreiben kann, der bereit wäre, seine Kunst unter solch scheußlichen Umständen zu...«
»Nein!«, stellte Karsrick erneut und diesmal noch deutlicher klar. »Das werde ich nicht tun. Ich ziehe es eher vor, den König um Entschuldigung zu bitten und auf sein Verständnis zu hoffen, als diesen
Weg zu gehen, ist das klar? Hast du mich endlich verstanden?«
»Ja, mein Herr. Es war nur ein Vorschlag.«
»Ein sehr schlechter Vorschlag.« Karsrick stützte sich schwer auf dem reich verzierten Metallgeländer ab, das vor dem Fenster entlanglief. Plötzlich fühlte er sich müde. »Unsere Worte dürfen diesen Raum nicht verlassen, Hauptmann. Das Letzte, was ich gebrauchen kann, ist, dass Esten davon erfährt.« Er drehte sich um und schaute den Hauptmann der Garde an. Dieser erwiderte den Blick und nickte. In seinem Blick lag das eindeutige Geständnis, dass es Esten zweifellos schon wusste.
Wie leicht es ist, im hellen Tageslicht übersehen zu. werden, dachte der Mann im Schatten der Gasse. Er beobachtete, wie die Bettler der Stadt vor der Hitze eines weiteren kochend heißen Sommermittags Zuflucht suchten und die Vorbeigehenden auf den großen Straßen der Hauptstadt um Wasser oder Münzen baten. Die Bewohner bemerkten sie gar nicht, sondern gingen an ihnen vorbei, ohne ihre Gespräche zu unterbrechen oder die Bettler auch nur eines Blickes zu würdigen. Als ob sie unsichtbar wären.