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»Ja, Gildenmeisterin.« Dranth verschwand in der Dunkelheit der Gildenhalle und kehrte wenig später zurück. »Es ist angeordnet.«

»Gut. Vielen Dank für die Information, Tabithe. Ich bin sicher, Euer Gemahl wird Euch für Eure Bemühungen dankbar sein, wenn man bedenkt, wie viel Wert Eure Familie auf die Beerdigung ihrer Angehörigen legt.«

»Ja, Gildenmeisterin«, sagte die Priesterin.

»Es ist Unsinn, wenn Ihr mich fragt«, fügte Esten hinzu. »Ich weiß, dass der Klan, in den Ihr eingeheiratet habt, ein abergläubischer Haufen ist, aber sogar Eure eigenen Leute haben die gleichen dummen Angewohnheiten. Ich kann einfach nicht aufhören, mich über einen Stamm wie die Shanouin zu wundern, die in der Erde graben und dabei unzählige Leichen beiseite räumen müssen, und doch glaubt Ihr immer noch an ein Leben nach dem Tod. Das ist alles Narretei. Aber genießt ruhig Eure kleinen Rituale, wenn sie es Euch leichter machen, die Unausweichlichkeit des Sterbens zu ertragen.«

Die Priesterin verneigte sich ehrerbietig und folgte den Händen, die ihr aus der Dunkelheit zuwinkten und auf die Gasse deuteten.

Als die Tür hinter Tabithe geschlossen wurde, wandte sich Esten wieder dem Feuer zu.

»Dranth, hast du dich vergewissert, dass für die Zustellung ein breiter Wagen genommen wird?«

»Ja, Gildenmeisterin.« Er hatte diese Frage vorhergesehen.

»Gut. Bitte sage dem Fahrer, er soll die doppelte Gebühr kassieren, wenn er die beiden Leichen abliefert. Und noch einen Zuschlag für das Leinen – vielleicht solltest du als Zeichen der Freundlichkeit Tabithe in blaues wickeln.«

»Dafür wird bereits gesorgt, während wir hier miteinander sprechen.«

Die Gildenmeisterin trat mit der Stiefelspitze einen brennenden Scheit, der aus dem Kamin gesprungen war, zurück ins Feuer. »Sage dem Obergesellen in der Ziegelei, er soll die Pläne ändern, damit Slith und Bonnard ersetzt werden können. Ich will mit den Aufträgen nicht in Verzug geraten.«

»Bonnard auch? Er weiß nichts. Es wäre eine Schande, einen so fähigen Keramiker zu verlieren.«

Esten drehte sich um und richtete den Blick auf Dranth. Ihre Stimme war leise, und in ihren Worten lag eine doppelte Bedeutung.

»Was weißt du, Dranth?«

Dranth schluckte. In seinem Blick lag Verstehen.

»Habt Ihr gesehen, dass sie schwanger ist?«, fragte er zögernd.

»Tabithe? Wirklich?«

»Ja. Es war unter den Falten ihres Ghodin verborgen.«

»Aha.« Ihr Blick kehrte zum Feuer zurück, während sie über diese Neuigkeit nachdachte. Schließlich verschränkte sie die Arme.

»Ihre Information war nützlich.«

»Ja, Gildenmeisterin.«

»Vielleicht sollten wir Milde walten lassen.«

»Wie Ihr wollt, Gildenmeisterin.«

»Also gut. Keine zusätzliche Zustellgebühr für das Kind.«

14

Hafen von Avonderre — Port Fallon ausserhalb des Schleusenkanals

Port Fallon in Avonderre war der größte und geschäftigste Hafen in ganz Roland. Außer ihm gab es keinen, der gleichzeitig für die Marine und für die zivile Seefahrt ausgebaut war. Weiter südlich an der Küste lagen Tallono, der große und geschützte Hafen, der von den Gorllewinolo-Lirin vor tausenden von Jahren mit Hilfe der Drachin Elynsynos erbaut worden war, und die beiden großen westlichen Seehäfen Minsyth und Immerrein in dem von niemandem beanspruchten Gebiet, das allgemein als die Neutrale Zone bekannt war. Doch keiner dieser Häfen hatte die Größe von Port Fallon oder war so leicht zugänglich. Tallono war ausschließlich den lirinischen Schiffen vorbehalten, während Minsyth und Immerrein vor dem gewaltigen Binnenhafen Ghant in Sorbold klein erschienen, der im Osten oberhalb der Skelettküste lag. Alle vier zusammen waren noch immer nicht so groß wie Port Fallon.

Auf dem Höhepunkt des cymrischen Reiches hatte man einen einhundert Fuß hohen Leuchtturm am Hafeneingang errichtet, wo sich die südlichen Strömungen der Nördlichen See von den östlichen des offenen Meeres trennten. Es hieß, man könne das Licht des Turms an klaren Nächten noch auf den Schiffen sehen, die im äußeren Archipel östlich von Gaematria segelten, der mystischen Insel der See-Weisen, die beiderseits des Nullmeridians lag. Eines der anspruchsvollsten Bauvorhaben der cymrischen Ära war der gewaltige Schleusenkanal gewesen, ein Fluttor, in welches die natürliche Krümmung der Küstenlinie einbezogen worden war und das verhindern sollte, dass die Tide den Schiffen im Hafen Schaden zufügte. Man hatte genommen, was die Natur an Avonderres Küste bereits geschaffen hatte, und einen neuen Damm errichtet, der den Hafen zu einer riesigen, vor den Elementen geschützten Lagune gemacht hatte, die vom äußeren Ortsrand aus gemessen einen Durchmesser von acht Meilen hatte. In den schlimmsten Stürmen und dem härtesten Winterwetter, ja selbst bei einer Sturmflut, welche nördlich des Gwynwald-Riffs auf die Küste getroffen war und viele Orte in der Umgebung zerstört hatte, war das geschäftige Port Fallon durch seine geschützte Lage unbeschädigt geblieben.

Die Schleuse machte eine Überwachung des Hafens möglich. Der Hafenmeister verfügte über Vorposten, welche den Kanaleingang zu Port Fallon flankierten, von dem aus seine große Flotte aus Lotsenbooten, Rettungs- und Sperrschiffen ablegen konnte. So wurden die Schiffe, die in den Hafen einliefen, sowohl von der Natur als auch vom Gesetz vor den Unbilden der See geschützt. Die bevorzugte geographische Lage, die von Gwylliams Architekten noch verbessert worden war, hatte schon viele Schiffe vor dem Untergang im Sturm bewahrt, während die Patrouillen des Hafenmeisters und seiner Männer eine noch grausamere Geißel abwehrten: die Piraten.

Die Patrouillenschiffe waren andauernd unterwegs, um den Handel aufrechtzuerhalten. Sie kümmerten sich um jedes Schiff, das unerwartet den Hafen verließ oder einfuhr. Die Landungsstege befanden sich an den Seiten des Hafeneingangs, sodass das Auslaufen sehr einfach war, und die See am Kanal war glatt wie Glas. Es war sicherlich unmöglich, jedes Schiff zu untersuchen und jede Ladung in Augenschein zu nehmen, oder auch nur jeden Akt von Piraterie zu unterbinden, doch nach und nach hatten die Schutzleute für Ordnung im Hafen gesorgt, und Avonderre galt seit geraumer Zeit als eines der sichersten und gedeihlichsten Gebiete auf den Schifffahrtslinien der ganzen Welt.

Avonderres Kaianlagen erstreckten sich nördlich und südlich entlang der Küstenlinie, so weit das Auge reichte. Ihr Scheitelpunkt befand sich beim Leuchtturm; von dort aus verliefen sie durch den eigentlichen Hafen, wo an der gewaltigen Landungsbrücke hundert Kaufmannsschiffe gleichzeitig in einer peinlich genau eingehaltenen Choreographie von Hafenarbeitern, Matrosen, Fässern, Kisten, Pferden und Wagen entladen werden konnten, die Schätze aus der ganzen Welt mit der Präzision eines Ameisenhaufens hervorholten und die Schiffe dann in der gleichen Weise wieder beluden und auf den Rückweg schickten.

Es war dieses gewaltige Gewühl, dessentwegen der Seneschall es riskiert hatte, Port Fallon in einem unregistrierten Schiff und ohne die entsprechenden Papiere anzusteuern. Im Verlauf eines gewöhnlichen Tages passierten tausend oder mehr Schiffe die Schleuse. Wie wahrscheinlich war es da, dass eine bescheidene kleine Fregatte wie die Basquela, die am äußeren Ende des Hafens schaukelte und höflich darauf wartete, dass sie an der Reihe war, vom Hafenmeister aufgebracht wurde?

Allzu wahrscheinlich, wie es nun schien.

Der Seneschall fluchte erneut beim Anblick des Segelkutters, der rasch durch die sanften Wellen auf sie zuglitt und ihnen mit der Inspektionsflagge des Hafenmeisters ein Signal gab. Er schaute sich rasch um und vergewisserte sich, dass keine anderen Schiffe in Sichtweite waren. Dann gab er seinem Vogt ein Zeichen, der wiederum Clomyn und Caius zunickte. Die Schützenzwillinge stellten sich an der Reling in Position und balancierten ihre allzeit gegenwärtigen Waffen lässig auf einem Arm aus. Der Kapitän signalisierte dem Kutter, man könne zur Inspektion an Bord kommen. Ein Drei-Mann-Boot wurde fertig gemacht. Zwei Ruderer und der Abgesandte des Hafenmeisters kletterten hinein, während die anderen drei Mannschaftsmitglieder auf dem Kutter es zu Wasser ließen. Der Seneschall hörte im Wind, wie sie einander zuriefen.