Ashes Lächeln schwand ein wenig.
»Ich weiß nicht, ob du damit Recht hast, Aria«, sagte er. »Ich glaube, Achmed ist geduldiger, als wir uns vorstellen können. Es hängt bloß davon ab, worauf er wartet.«
Rhapsody legte ihre Hand auf seine, die noch immer ihr Gesicht liebkoste.
»Was willst du mir damit sagen, Sam?«, fragte sie leise.
Ashe schlang seine Finger um ihre. »Falls du einverstanden bist, mit mir einen Neuanfang zu wagen, können wir dein Geburtstagsgeschenk heute Nacht in Auftrag geben.«
Rhapsody lehnte sich so nah an ihn, dass ihre Lippen nur einen Hauch von seinen entfernt waren.
»Und was willst du mir zum Geburtstag schenken?«
Ashe schaute ihr tief in die Augen. Die Liebe in seinem Blick brannte so hell wie die Kerzenflammen.
»Jemanden, dem du deine Morgenaubade und deine Abendvesper beibringen kannst«, sagte er. Alle Sorgen und Ängste, die sie beide über die Jahre geplagt hatten, waren wie durch die Hand eines unsichtbaren Wächters aus dem Raum verbannt. Es blieben nur das sanfte, flackernde Licht der Kerzen, der Duft der Hyazinthen, das Knistern des Kaminfeuers, das Plätschern des Springbrunnens und sie beide zurück.
Doch da war auch eine verwirrende Erregung, eine Vorahnung, die sie schon einmal verspürt hatten, vor so langer Zeit, auf der anderen Seite der Zeit.
Das Gefühl der guten Vorahnung, das Rhapsody auf dem Balkon verspürt hatte, kam mit der Abendbrise herein und breitete sich im Schlafgemach aus. Eine beinahe mit Händen zu greifende Fröhlichkeit trieb alle Zweifel aus dem Raum, und jede dunkle Vorahnung war verschwunden. Nur noch einmal wollte Rhapsody etwas sagen.
»Warum...?«
»Psst, meine Liebe«, meinte Ashe und legte ihr den Finger auf die Lippen, bevor er ihn durch seine eigenen Lippen ersetzte. »Frag heute Nacht nicht nach dem Warum. Das kann bis zum Morgen warten.«
Sie gab seinen Kuss ohne jedes Zögern zurück.
Das Laternenlicht innerhalb des feurigen Zylinders, das auf das fallende Wasser des Springbrunnens schien, spiegelte ihre Bewegungen wider. Es war ein langsamer, sanfter Tanz gegensätzlicher, miteinander verschmelzender Elemente, undenkbar in ihrer Anziehung, doch wundervoll in ihrer Vereinigung.
Die Bande elementarer Kraft, die um ihre Seelen geschlungen waren, fingen tief in ihnen zu singen an. Die knisternde Leidenschaft des Feuers, das in ihr loderte, und die ruhige Unbarmherzigkeit der Meereswellen, die in ihm wogten, schimmerten, türmten sich in der Vereinigung auf, gewärmt vom reinen, gleißenden Feuer, und bildeten ein neues Element, das vor Hitze brannte, mit den Gezeiten des Meeres floss, treu und endlos blieb wie ihre Liebe füreinander.
Das Element der Zeit.
In einem flüchtigen Augenblick bewussten Denkens inmitten des segensreichen Vergessens ihres Liebestaumels spürte Rhapsody einen Ton in ihr, einen melodischen Ton, der sich von ela, ihrem eigenen Namenston, und auch von sol, dem Ton, auf den Ashe gestimmt war, unterschied. Dieser neue Ton hallte ihr durch Körper und Geist und verschwand, doch er hinterließ ein Zeichen, das sie weiterhin, wenn auch wie aus großer Ferne spürte.
Es war der schönste Klang, den sie je gehört hatte.
Das Wasser in dem Zimmerspringbrunnen hüpfte vor Freude; das Feuer in der Laterne brannte hell, bis es keine Kraft mehr hatte. Dann sank es zu einem sanften Glimmen herab, das sich im Wasser des Beckens spiegelte, welches inzwischen so glatt wie Glas war.
Der Mond kroch über den Rand des Horizonts, badete den roten Ton Yarims in weißem Licht und ließ die Stadt wie in einem Traum erglänzen. Die stillen Ziegelgebäude und die leeren Marktbuden strahlten auf.
Das Licht schlich durch Öffnungen, hinter denen Kinder schliefen, deckte sie mit seiner Weiße zu und leuchtete bis in ihre Träume.
Es kroch um das traurige, leblose Überbleibsel herum, das in der Mitte eines aufgebrochenen Beckens stand, und erhellte es so stark, dass die kleinen Glimmerflocken an der Oberfläche das Licht spiegelten.
Aus der Tiefe des nun frei geräumten unterirdischen Wasserweges erklang ein Wispern, dann ein Gurgeln und schließlich ein Seufzen.
Ein besonders heller Mondstrahl fing den ersten Sprühnebel um die Spitze des Quellfelsens ein. Er glitzerte im Dunst und badete sie in ätherischem Glanz.
Und als die trockene, müde Stadt im kalten Wind der ansonsten warmen Sommernacht schlief, ergoss sich das Leben spendende Wasser erneut aus der Entudenin.
18
Der Morgen brach im Läuten der Glocken aus dem Turm des Gerichtsgebäudes herein, und aus den noch dunklen Gassen tief unten schwoll ein Rufen und Lärmen an.
Benommen setzte sich Ashe auf. Er war noch vom Drachenschlaf benebelt, und der Kopf brummte ihm unangenehm unter dem Aufruhr draußen. Er murmelte einen unhörbaren Fluch und rieb sich die Augen mit der einen Hand, während er sich mit der anderen aufrichtete. Die gesegnete Freude der vergangenen Nacht schwand.
Seine Drachensinne erwachten zuerst. Das Feuer im Zimmer war erloschen, und die Hitze des Tages hatte die Kühle der Morgendämmerung noch nicht zerstreut. Er spürte, wie das Wasser ein paar Straßenecken entfernt aus der Entudenin spritzte, und hörte die frohe Kunde durch rufende Stimmen, Glockengeläut, Topfschlagen und Trommelwirbel sich verbreiten, als das erwachende Yarim das Wunder bemerkte. Die Einzelheiten waren gigantisch; seine Drachennatur zählte jede Person auf dem Marktplatz – vierhundertdreiundzwanzig, vierhundertvierundzwanzig -, jeden der dreihundertsieben, nein, dreihundertneun Lärmmacher, jeden der hundertelf Funken im Kamin, jeden Tropfen des frisch fließenden Wassers – siebenhundert Millionen, vierhundert siebenundsechzigtausend dreihundertsechsunddreißig, siebenunddreißig, achtunddreißig. Der sich daraus ergebende Aufruhr bereitete ihm Schmerzen in der Brust. Er kämpfte darum, sein angeborenes Bewusstsein zu unterdrücken, es vor den Einflüssen abzuschirmen, damit es nicht in einem gewaltigen Kopfschmerz endete.
Rhapsody schlief unruhig neben ihm. Sie war blass und flüsterte sich selbst etwas zu. Nach einer halben Nacht im Tiefschlaf war sie rastlos geworden, drehte sich auf dem Bett von einer Seite zur anderen und war in Träumen gefangen, die er nicht für sie vertreiben konnte. Daher war er selbst kaum zur Ruhe gekommen, genauso wenig wie sie, wenn er nach den Zuckungen ihres Körpers und der Alabasterfarbe auf ihrem Gesicht urteilte.
Er beugte sich zu ihr hinüber und küsste ihren Nacken. Seine Lippen waren warm auf ihrer kalten Haut. Sie war schweißfeucht. Er legte die Hand auf ihre Seite und schüttelte sie sanft.
»Rhapsody? Die Morgendämmerung ist schon fast da. Willst du nicht aufstehen und deine Aubade singen?«
Zur Antwort jammerte sie, zog die Knie an und rollte sich zu einer Kugel zusammen. Besorgnis überfiel ihn. Ashe richtete sich auf, schüttelte das Zittern der nackten Angst ab und nahm seine Frau in die Arme. Sie atmete flach, ihr Gesicht war schweißgebadet.
»Rhapsody?«
Mit matten Bewegungen drückte sie sich fort von ihm und rollte auf die Seite. Dann zog sie sich bis zum Rand des Bettes. Taumelnd stand sie auf, eilte zum Abort und schlug die Tür hinter sich zu. Die Angst, die ihn gepackt hatte, wich dem Begreifen, als er hinter der Badezimmertür die Laute des Erbrechens hörte.
Er stand rasch auf, zog sich an und wartete auf ihre Rückkehr. Nachdem einige Minuten vergangen waren, ging er zum Badezimmer hinüber und blieb vor der Tür stehen.
»Rhapsody? Ist alles in Ordnung mit dir?«
Ihre Antwort klang schwach. »Bitte geh fort.«
»Kann ich dir etwas bringen?«
»Nein. Geh weg.«