Als die Flammen aufloderten, verließ er das Haus und ging zum Boot, ohne zurückzusehen. Als er sich schließlich in einiger Entfernung vom Ufer befand, drehte er sich nach Rhapsody um, die ihn von dem Bogenfenster aus beobachtete. Er streckte eine Hand in die Luft und hielt die Wasserkerze hoch. Sie winkte ihm zu, als die Dunkelheit der Kaverne ihn allmählich schluckte. Er atmete flach und konzentrierte sich darauf, seine Wut unter Kontrolle zu halten, bis er die andere Seite des unterirdischen Sees erreicht hatte.
Später in der Nacht erglühte der Himmel über der sorboldischen Ebene in blutigem Licht; es war wie die Ruhe vor einem Sturm. Donner rollte durch das Firmament, und die Bolg, die vom Rand der Zahnfelsen aus zuschauten, suchten hastig Unterschlupf, als das Feuer aus dem Himmel regnete, das Land versengte und die Luft in beißenden Staub verwandelte. Im fernen Wald, in der Bettkammer seiner neuen Behausung, erwachte der Fürbitter Khaddyr schweißgebadet aus einem Traum beruhigender Dunkelheit. Er fühlte die Verheerung des Landes unter dem Atem des Drachens. Der Baum spürte jede knisternde Flamme, die sich auf die Erde stürzte und alles in Brand setzte. Und in seinem Herzen wusste Khaddyr, dass der Drache ihn suchte.
53
Als Rhapsody die alte Bibliothek betrat, war sich Grunthor einen Augenblick lang sicher, dass sie ein Geist war.
Er widerstand dem dummen Drang, sie wild zu umarmen, und stieß stattdessen nur hörbar die Luft aus, schob den Teller mit dem Schinken beiseite, an dem er genascht hatte, und kam still zu ihr herüber. Im Abstand einer Armeslänge hielt er vor ihr inne.
»Willkommen daheim, Gräfin. Hatte schon gedacht, du hättest den Heimweg vergessen.«
Sie schüttelte den Kopf. Ihr Gesicht war dünner geworden, seit sie vor vielen Monaten fortgegangen war. Tiefe Ringe lagen unter ihren Augen, doch die dramatischste Veränderung lag in den Augen selbst. Sie waren klar, wie sie immer gewesen waren, doch etwas lag in ihren Tiefen. In der Hand trug sie eine Kapuze aus ungefärbter Wolle wie jene, welche die filidischen Priester trugen. Sie hatte einen braunroten Fleck.
»Ich habe Blut von jemandem, der möglicherweise der Wirt des Dämons ist; vielleicht steht er auch nur unter seinem Bann«, sagte sie ohne weitere Umschweife. »Es tut mir Leid, dass es so lange gedauert hat, es herzubringen.«
Achmed stand von dem Tisch neben dem Sprech- und Lauschapparat auf, dessen Pfeifen sich durch die Berge wanden und durch die er soeben neue Wehrverpflichtungen bekannt gemacht hatte. Bei ihren Worten summte seine Haut genau so stark wie damals, als sie ihm die Blutsteinphiole gegeben hatte. Sein Herz hämmerte. Der tiefe und feste Hass in seinem Blut loderte mit mörderischer Wut auf, doch er war nicht sicher, ob der Grund dafür seine Gier nach dem F’dor oder Rhapsodys unglaubliche Erschöpfung und Müdigkeit war, wo sie doch noch vor kurzem so gesund und zufrieden gewirkt hatte. Still verfluchte er sich dafür, dass er sie allein nach Bethania hatte gehen lassen.
»Was ist auf der Hochzeit geschehen?«, wollte er wissen.
»Tristan und Madeleine wurden verheiratet.«
»Verärgere mich nicht. Was hast du in Erfahrung gebracht?«
Rhapsody gab ihm die Kapuze, wandte sich um und wollte gehen. »Nichts über die Bolg oder irgendwelche Angriffspläne. Es tut mir Leid, dass ich in dieser Mission versagt habe. Aber es ist gut, wieder zu Hause zu sein. Übrigens sind die Leichname, die am Griwen hängen, ein entzückender Schmuck. Musstest du sie wirklich so drapieren, dass es aussieht, als würden sie miteinander Sodomie treiben?«
Der Sergeant und der König tauschten einen kurzen Blick. Während Achmed fort gewesen war, hatte Grunthor die Bolg-Soldaten dabei überrascht, wie sie den Haufen mit den aussortierten Waffen durchsucht hatten.
»Aber klar doch«, meinte Grunthor. »Hätte noch schlimmer kommen können. Wird’s auch werden, wenn ich mehr von denen fange. Wird ’ne richtige Party da oben aufm Gipfel werden.«
»Wunderbar. Wenn wir hier fertig sind, gehe ich zurück nach Elysian. Kommt zu mir, wenn es Zeit ist, den Dämon zu jagen.« Sie ging auf die Tür zu.
»Warte ’nen Augenblick, Herzchen«, sagte Grunthor streng. »Wo willst du hin? Du bist den ganzen Winter weg gewesen und willst jetzt einfach so wieder abhaun? Das glaub ich kaum.«
»Ich fürchte, ich bin im Augenblick keine gute Gesellschafterin, Grunthor«, antwortete sie mit gesenktem Blick. »Ich will nicht die Atmosphäre dämpfen und dir dein Abendessen verderben.«
»Noch einen Schritt, und du bist mein Abendessen«, erwiderte Grunthor. »Und ehrlich gesagt bist du nie ’ne gute Gesellschafterin beim Essen gewesen. Hast immer auf deinen feinen Lirin-Manieren bestanden, wie keine Knochen auf n Boden werfen und mit Besteck essen. Setz dich, Herzchen. Ich will aufm Tisch sitzen und dich ansehn und dann entscheiden, ob ich’n Dessert will oder nich.« Er breitete die Arme aus. Rhapsody drehte sich um und warf sich in seine mächtige Umarmung. Sie blieb lange in seinem Griff und lauschte dem hämmernden Schlag von Grunthors Herzen; es war ein Rhythmus, den sie aus der Zeit gut kannte, als sie während ihrer endlosen Reise auf seiner Brust geschlafen hatte. Plötzlich wurden ihre Ohren von dem Spruch erfüllt, den Gwylliam einst dem Eroberer Merithyn und allen Flüchtlingen aus Serendair gegeben hatte und mit dem sie die Leute in der neuen Welt begrüßen sollten.
Cyme we inne frið, fram the grip of deaþ to lif inne ðis smylte land.
Kommen wir in friedlicher Absicht, den Klauen des Todes entronnen, um in diesem schönen Land zu leben.
Sie schüttelte den Kopf über den seltsamen Zeitpunkt, zu dem ihr dieser Gedanke gekommen war. Wie all jene, welche die Insel verlassen hatten, waren auch sie, Grunthor und Achmed der Umklammerung des Todes entronnen. Ob dieses neue Land ein neues Leben für sie oder etwas Schlimmeres als das bereithielt, was sie zurückgelassen hatten, wusste sie noch immer nicht zu sagen.
Endlich ließ der Sergeant sie los, und sie setzte sich in einen Sessel auf der anderen Seite des Tisches, wobei sie den Teller mit dem Schinken zu sich zog. Kurz durchlief sie ein Zittern. Die Stelle, an der sie saß, war genau die, wo sie Gwylliams mumifizierten Leichnam gefunden hatten; seine leeren Augenhöhlen hatten zur hohen Decke gestarrt. Sie schüttelte den Gedanken ab und richtete ihre Aufmerksamkeit auf den Schinken.
Achmed hielt das Stück Tuch hoch, das sie mitgebracht hatte. »Wem gehört das?«
»Khaddyr.«
Der Bolg schnaubte. »Das bezweifle ich. Er ist ein zu großer Weichling. Aber man kann nie wissen.«
»Nein, man kann nie wissen. Wärest du so freundlich, mir zu erklären, was seit meiner Abreise in Ylorc geschehen ist?«, fragte sie, zog ein Messer aus dem Stiefel und schnitt ein Stück Schinken ab. »Draußen sieht es schrecklich aus; ich habe einen Moment lang geglaubt, ich wäre beim falschen Berg angekommen, als ich den aufgegebenen Außenposten beim Grivven gesehen habe. Ich hatte mir bereits Sorgen gemacht, bis ich an den Barrikaden vorbei war und die Musterung mitbekommen habe. Es müssen hundertmal so viele Wachen durch die Gänge patrouillieren wie bei meiner Abreise. Ich bin fünfmal angehalten worden. Woher kommen all diese Soldaten? Was ist mit den Schulen und der Landwirtschaft passiert?«
»Wir sind wieder zu Ungeheuern geworden.«
»Warum?«
Achmed lehnte sich zurück und sah zu dem großen Drachenfresko an der Decke.
»Ungeheuer werden den sich abzeichnenden Angriff besser überleben.«
Rhapsody hörte auf zu kauen. »Von welcher Seite?«
Der Bolg-König zuckte die Achseln. »Ich weiß es nicht. Aber du hast es selbst vorhergesehen.« Er fuhr mit der Hand durch einen Stapel mit Pergamenten und zog ein Stück Ölpapier hervor, das er ihr zuwarf. »Das habe ich von Llauron durch einen Vogelboten erhalten, während du weg warst.«