»Alles in Ordnung«, sagte Achmed zu dem Sergeanten. »Es muss bis zum Ende durchlaufen.«
»Das Ende ist der Tod«, knurrte Grunthor. »Na los, Herzchen, komm zu dir, sofort.«
Ich schaue in die Gruft der Unterwelt, flüsterte die raue Stimme. Aber es ist eine Gruft, die ... ich selbst erschaffen habe. Das Große ... Siegel. Anwyn ... vergib mir. Mein Volk ... vergib mir. Das Siegel...
»Rhapsody...«
Wir kommen in ... friedlicher Absicht ... den Klauen des Todes ... entronnen ... um in diesem ... schönen Land ...zu leben...
Mit einem heftigen Keuchen erschlaffte Rhapsody in Achmeds Armen. Sie wurde ganz still. Dann kniff sie die Augen zusammen, und ihr Blick wurde klarer. Als sie in die angstverzerrten Gesichter ihrer Freunde blickte, seufzte sie tief auf.
»Ich sollte mir wirklich eine andere Freizeitbeschäftigung zulegen«, sagte sie. Achmed schaute finster drein, schüttelte sie noch einmal kräftig durch, ließ sie dann los und nahm die Phiole in die Hand. »Was sollte dieser Unsinn über das Große Siegel bedeuten?«
Rhapsody schüttelte den Kopf. »Ich weiß es nicht. Er hatte Angst; das ist alles, was ich gefühlt habe. Mit jedem Herzschlag floss das Blut aus ihm; er spürte, wie er stückweise starb. Welch eine schreckliche Empfindung. Ich hoffe, ich werde einmal rasch gehen.« Sie dachte über ihre Bitte nach, die sie an Fürst Rowan gerichtet hatte, und an sein Versprechen, ihr zu helfen, soweit es ihm möglich war. Diese Erinnerung beruhigte sie. »Jetzt kenne ich die letzten Worte des cymrischen Herrschers.«
Achmed nickte. »Sie könnten sich eines Tages als nützlich erweisen.«
Grunthor schloss sie in die Arme. »Bist du sicher, dass alles in Ordnung ist mit dir?« Als sie nickte, sah er sie ernst an. »Na, das sollte dir so einiges über deinen Stand als Benennerin klar gemacht haben. Wünschte, du hättest Recht und’s war vorbei, aber nee, du willst mich wohl weiterhin mit diesen verdammten Anfällen zu Tode erschrecken.«
»Glaubst du, dass er mit dem Großen Siegel das königliche Wappen gemeint hat?«, fragte Rhapsody Achmed. »Wenn ja, welches ist es? Es gibt zwei in den Schlafgemächern: das Wappen des serenischen Königshauses, das sich auch auf den Rückseiten der Münzen in der alten Welt befunden hat, und das über Anwyns Bett der Drache am Rande der Welt.«
»Keine Ahnung«, erwiderte er und ging auf die Tür zu. »Ich habe jetzt Wichtigeres zu tun. Wenn du nach Tyrian gehen solltest, wünsche ich dir eine gute Reise. Gib Bescheid, wenn du den Rat einberufst. Wir behalten das Hörn hier, bis du zurückkommst. Falls du vorhast, hier zu bleiben, halt dich außer Sicht weite. Ich will, dass jeder, der den Berg einnehmen will, nichts als einen Kadaver, eine Hülle sieht. Wenn er närrisch genug ist, einen Angriff zu wagen, soll er die Freuden, die ihm bei der Entdeckung des Inneren blühen, bis zur Neige auskosten.«
Tief im Innern des Berges hatten die Bolg sorgfältig den Ankündigungen des Königs gelauscht und den Wechsel in den Einberufungen und anderen Befehlen bemerkt, die nun täglich zusammen mit anderen militärischen Anweisungen ergingen.
Als die in bolgischer Sprache erteilten Anweisungen beendet waren, begaben sie sich wieder an ihre Arbeit und beachteten nicht die fernen Gespräche, die in menschlicher Sprache durch die Korridore drangen. Es war eine Sprache, die sie nicht verstanden. König Achmed besaß die Macht, den Berg zum Reden zu bringen, doch er tat es nicht immer in ihrer Sprache. Die Bolg wussten nichts von den Sprachröhren oder dem Horchapparat. Sie nahmen an, der König sei die Stimme des Berges und dessen Ohren. Er hatte die Herrschaft über die Erde unter ihren Füßen und die sie umgebende Luft angetreten. Mit der Zeit hatten sie sich daran gewöhnt, von einem Gott beherrscht zu werden.
Deshalb hörten die meisten Bolg nicht weiter auf das Gespräch zwischen dem König, dem Sergeant-Major und der Ersten Frau, das im Lärm der Schmieden und marschierenden Füße unterging.
Doch die Finder lauschten ihm.
Jedes Mitglied der geheimen Gesellschaft, jeder Bolg, der von einem unerklärlichen inneren Drang auf die Suche nach Willum-Dingen mit dem Siegel darauf getrieben wurde, stand wie verzaubert da, als die Stimme zum ersten Mal seit mehr Generationen sprach, als sie zählen konnten. Wie ihre Vorväter kannten sie sie nur aus alten Erzählungen, doch sie spürten in ihren Seelen einen Widerhall, in ihrem Blut einen Befehl, bis in die Knochen tief, schmerzlich in seiner Beharrlichkeit, unverständlich und unwiderstehlich.
Bringt mir das Hörn.
54
Der schwache Moder einer unterirdischen Behausung, der Geruch von Keimen, Sex und Urin, lag schwach über dem dünnen Staub. Grunthor hatte endlich die Angst vor den Tunneln überwunden, nachdem die Flamme den ganzen Weg bis zum Haus der Erinnerung ausgebrannt hatte. Er war daran gewöhnt, durch die Wüste zu streifen und mit seinem Gewicht und seinen Waffen gegen jeden Feind zu kämpfen. In den Tunneln aber war er nur selten ohne Begleitung wie heute.
An diesem Ort, dem Zeigefinger der Hand, welche die Verknüpfung fünf alter cymrischer Tunnel darstellte, hatte die Erde etwas Todgeweihtes an sich. Er befand sich so tief im Innern des Berges, so weit entfernt von den Gebieten, in denen die Restaurierungsarbeiten vor sich gingen, dass es Jahre dauern konnte, bevor jemand an diesen Ort gelangte. Grunthor wäre niemals hierher gekommen, wenn er nicht das suchen würde, vor dem das Erdenkind Achmed gewarnt hatte. Sehr wahrscheinlich waren die Tunnel nichts anderes als die Kanäle des Abwassersystems, das in den tieferen Bereichen des cymrischen Labyrinths noch nicht in Stand war.
Er war stundenlang blind umhergestolpert und hatte nach etwas gesucht, nach irgendetwas, doch er war auf nichts gestoßen, nicht einmal auf einen Hinweis dafür, dass jemand diese Tunnel benutzt hatte. Sogar die Fußabdrücke, die man im Schmutz auf dem Boden hätte sehen können, waren sorgfältig verwischt worden, falls sie überhaupt je da gewesen waren. Schließlich hatte er am Ende des Zeigefingertunnels eine trockene Zisterne passiert, eine von vielen an diesem Ort.
Seine Haut summte leicht, als er an ihr vorüber ging. Er nahm den Schirm von seiner Laterne und hielt sie vor die bernsteinfarbenen Augen.
Auf der Wand, inmitten von zerfallenden Flechten, befand sich der Abdruck einer Hand. Grunthor grinste breit und entblößte dabei seine makellos gepflegten Hauer.
»Vielen Dank, Kleines«, sagte er.
Er beugte sich tiefer über die trockene Zisterne. Ihre Zugvorrichtung war verstopft, unrettbar überwuchert von alter Vegetation und blockiert von allerlei anderen Hindernissen. Grunthor setzte die Laterne ab, packte den zerbröckelnden Stein auf der Zisterne und drückte ihn mit großer Kraft zur Seite. Er bewegte sich leicht so leicht, dass Grunthor beinahe gestolpert wäre und die schwere Steinplatte fallen gelassen hätte.
Unter der Abdeckung der Zisterne befand sich ein weiterer dunkler und freier Tunnel. Der Sergeant packte den Griff der Laterne und kletterte hinein.
Es war ein enger Gang, doch nach seiner Reise entlang der Wurzel war er an solche Schwierigkeiten gewöhnt. Grunthor kroch aus der Röhre, hielt die Laterne vor sich und trat hinaus in einen gewaltigen Hohlraum, der zweifellos einmal der Haupttank der Zisterne gewesen war.
Das Laternenlicht enthüllte einen Hort von sowohl kostbaren als auch wertlosen Dingen, einen Schatz von Reliquien und Abfall aus Gwylliams Zeit. Haufen von Münzen aus Gold, Silber, Platin, Kupfer und Zinn waren genauso nachlässig zusammengekehrt wie verfaulte Blätter, während auf behelfsmäßigen Regalen Uhren, zerbrochene Schwertgriffe, Bettwärmsteine, sorgfältig zusammengerollte, trocken gehaltene Kleiderfetzen mit polierten Knöpfen, Essbestecke, Bürsten ohne Borsten, Medaillen, Ringe, Rangabzeichen, Tintenfässchen aus schwarzem Ton, goldene Trinkbecher, Bucheinbände, Töpferwarenscherben und unzählige andere Dinge standen; einige gehörten zum Kriegshandwerk, einige in den häuslichen Bereich, doch alle hatten etwas gemeinsam. Sie alle trugen das königliche Wappen von Serendair.