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»Was stimmt nicht?«

»Nichts«, antwortete Rhapsody und nippte an dem Glühwein. »Kennst du Anborn ap Gwylliam besser als nur vom Hörensagen?«

»Ja«, sagte Oelendra und setzte sich in einen der Sessel vor dem Kamin »Von Anwyns und Gwylliams drei Söhnen ist er der Einzige, den ich wirklich kenne. Als sie noch Kinder waren, habe ich an all ihren Namensgebungsfeiern teilgenommen, aber als der Krieg begann, waren sie schon junge Männer.

Ich habe sie als Kinder gelegentlich gesehen, doch nach dem Krieg hat Llauron viel Zeit im Kreis mit der Pflege des Baumes und der Leitung der Filiden verbracht, und Edwyn Griffyth bin ich noch vor dem Krieg nicht mehr begegnet. Ich habe gehört, dass er in den Schmieden seines Vaters gelernt hat und dann zur See gefahren ist. Anborn aber war schon als Kind immer begierig darauf, den Schwertkampf zu erlernen. Deshalb hat ihn seine Mutter zu mir geschickt. Ich habe Anborn ausgebildet und kenne ihn daher recht gut. Warum fragst du?«

Rhapsody setzte sich in den Sessel ihr gegenüber und nahm noch einen Schluck. »Ich überlege, ob ich ihn heiraten soll. Übrigens soll ich dich ganz herzlich von ihm grüßen.«

Oelendra sah sie kurz von oben bis unten an. »Warum?«

»Vermutlich weil er dich mag.«

Oelendra schnaubte verächtlich. »Warum willst du ihn heiraten?«

»Um diese aufdringlichen, dämlichen Freier loszuwerden und den Bedrohungen, die sie darstellen, ein Ende zu setzen. Aus all den Gründen, die wir schon besprochen haben, Oelendra. Warum nicht? Stimmt mit Anborn etwas nicht?«

Oelendra stellte ihren Becher ab, beugte sich vor und sah Rhapsody ernst an. »Ich glaube, es gibt einen sehr deutlichen Grund.«

»Ich sehe keinen.«

»Sei doch nicht so zimperlich, Rhapsody, das passt nicht zu dir«, gab Oelendra zurück; ihr Ton wurde hart.

Rhapsody sagte im gleichen Tonfalclass="underline" »Ich bin nicht zimperlich«, und sah Oelendra mit einem Blick an, den die Kriegerin noch nicht kannte. »Wenn du mir keinen Grund angeben kannst, den ich unbedingt berücksichtigen sollte, werde ich nach dem cymrischen Konzil die entsprechenden Vorbereitungen treffen.«

Oelendra sah sie weiterhin an, wandte dann den Blick ab, trank ihren Becher leer und stellte ihn fort, während sie die Königin erneut anschaute. »Was ist mit Gwydion?«, fragte sie schließlich widerwillig, weil sie nun als Erste nachgegeben hatte.

Rhapsody erwiderte Oelendras Blick. »Was soll mit ihm sein, Oelendra? Er ist verheiratet. Bedeutet das für dich nichts? Für mich schon.«

»Und deine Antwort darauf lautet, seinen Onkel zu heiraten? Wie sinnig. Gwydion ist mir egal«, entgegnete Oelendra und versuchte, die Schärfe aus ihrer Stimme zu nehmen. »Um dich mache ich mir Sorgen. Du bist noch so, wie du warst, als du zum ersten Mal hierher gekommen bist: ohne Kummer und Tränen. Du trägst ihn in deinem Herzen, Rhapsody. Noch ist da kein Platz für jemand anderen, vor allem nicht für Anborn.«

»Und so wird es für den Rest meiner Tage bleiben. Was soll es also? Anborn versteht, welchen Platz er in meinem Leben einnehmen soll und ich in seinem. Vermutlich wird er mein Recht, sich nicht um ihn zu kümmern, noch mehr respektieren als du. Es handelt sich um eine Vernunftehe, und wir beide wissen das. Was willst du also von mir? Soll ich mein ganzes Leben lang trauern, unverheiratet bleiben und zusehen, wie unsere Soldaten aufeinander losrennen und ihr Blut und Leben für die Forderung nach einer Verbindung mit mir einsetzen? Wie kannst du glauben, dass ich so selbstsüchtig bin, Oelendra? Ich war der Meinung, von allen würdest du mich am besten verstehen.« Ihr versagte die Stimme. Sie schwieg und schaute ihre Lehrerin an.

Oelendra stand auf, ging zu ihr und hockte sich vor Rhapsody, wie sie es bei Kindern tat. Sie streichelte Rhapsodys Gesicht.

»Ich verstehe dich vermutlich besser als du selbst, mein Liebes«, sagte sie sanft. »Du bist verwundet und hast Schmerzen, und du suchst nach einem Zufluchtsort. Komm zu mir, Rhapsody. Ich kann dich beschützen, bis du wieder gesund bist.«

Rhapsody schob ihre Hand fort. »Nein, Oelendra, ich kann auf mich selbst aufpassen. Wenn ich das immer noch nicht könnte, sollte ich meine Sachen packen und zurück nach Ylorc gehen. Außerdem weißt du genauso gut wie ich, dass dieser Unsinn erst dann aufhört, wenn etwas geschieht.«

Oelendra versuchte es auf einem anderen Weg. »Es ist also eine Vernunftheirat, und Anborn ist damit einverstanden?«

»Ja.«

»Dann wollt ihr wirklich als Mann und Frau leben? Auch Vernunftehen sind erst dann gültig, wenn sie vollzogen werden.« Sie suchte in Rhapsodys Gesicht nach Anzeichen des Errötens, wie es gewöhnlich der Fall, war, wenn sie geschlechtliche Dinge zur Sprache brachte, doch sie sah keine.

»Natürlich«, erwiderte Rhapsody bloß. »Ich habe Anborn die Wahl gelassen, und er war damit einverstanden.«

»Überrascht dich das?«

»Eigentlich nicht.«

»Und das hältst du für richtig? Du wirst es zulassen, dass er mit dir schläft?«

»Ja. Das gehört zu unserer Abmachung.«

Oelendra schüttelte traurig den Kopf. »Ich bin schon zu alt. Ich hätte es nie für möglich gehalten, dass du einmal so sprichst. Rhapsody, bitte überleg dir gut, was du sagst. Du willst dich an einen Mann verkaufen, den du nicht liebst, und dich über die wahren Gefühle deines Herzens hinwegsetzen.« Sie hielt inne. Der Ausdruck auf Rhapsodys Gesicht ängstigte sie. Die Königin zitterte vor Wut; ihre Augen brannten in grünem Feuer. »Ich hasse es, dich zu enttäuschen, Oelendra, aber es wäre nicht das erste Mal. Jedenfalls habe ich diesmal einen guten Grund. Ich verkaufe mich nicht, weil ich selbst überleben will, sondern damit die lirinschen Soldaten überleben. Glaubst du nicht auch, dass das ein guter Tausch ist? Ich habe dir die ganze Zeit gesagt, dass ich die Ansprüche, die an meine Position gestellt werden, nicht erfüllen kann, aber du wolltest mir ja nicht glauben. Daher sollte es dich nicht wundern, wenn ich jetzt wieder die alten Wege gehe und die Hurerei als den Weg des geringsten Widerstandes ansehe. Das ist der einzige Weg, den ich kenne, Oelendra. Das bin ich nun einmal. Du kannst eine Schlampe mit alten Diademen krönen und sie in so viele seidene Gewänder stecken, wie du willst, doch das wahre Wesen zeigt sich immer. Sie wird eher auf dem Rücken liegen, als aufstehen und kämpfen. Und wage es bloß nicht, mir mit Ashe zu kommen. Wenigstens er versteht mich. Er weiß, wer ich war, und er akzeptiert es. Er hat mich nicht zu einer Respektsperson oder Anführerin stilisiert. Er hat in mir jemanden gefunden, der einen eigenen Wert hat. Er hat sich mir gegenüber wie ein König verhalten, und dafür respektiere ich ihn. Also quäle mich bitte nicht. Hilf mir, Oelendra. Es ist schon hart genug für mich, auch wenn du dich nicht als meine Mutter aufspielst. Dem Schicksal sei Dank, dass es sie zu sich genommen hat, bevor sie die armseligste Führerin sehen musste, die die Lirin je hatten. Dem Schicksal sei Dank, dass sie gestorben ist, ohne in mir die Hure sehen zu müssen, die ich bin.«

Bevor sie die letzten Worte ausgesprochen hatte, wurde Rhapsodys Kopf herumgerissen. Eine klatschende Ohrfeige hatte sie mitten ins Gesicht getroffen. Sie zuckte zusammen und versuchte, den körperlichen und geistigen Schock zu verarbeiten. Blut quoll unter der Haut hervor. Sie sah in Oelendras silberne Augen und erkannte den Zorn unter der ruhigen Oberfläche.

»Du hast gerade die Ehre meiner Königin und, schlimmer noch, meiner Freundin beleidigt«, sagte Oelendra mit kalter, leiser Stimme. »Wenn du jemand anders wärest, hätte ich dich dafür an Ort und Stelle getötet.«

Schwaches Mitgefühl dämpfte allmählich ihre Wut. »Du bist vielleicht eine Meisterin des Schwertes, Rhapsody, aber du vergisst bereits die wichtigsten Lektionen, die du hier gelernt hast. Mir ist egal, was du warst oder wie du überlebt hast. Wir alle tun, was wir tun müssen, wenn wir mit dem Rücken zur Wand stehen. Ich liebe dich für das, was du bist und für das, was noch aus dir werden kann.«