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Tief in den Schächten, nahe der Hand, bei den Ambossen, in den Herbergen und Höhlen, in denen sie hausten, verspürten die Finder den Ruf gleich einem silbernen Blitz, der ihnen bis in die Knochen fuhr. Wie ein Mann legten die Bastardkinder der cymrischen Linie ihre Werkzeuge oder ihr Essen beiseite, wandten sich von ihren Arbeiten ab und machten sich auf den Weg ins Sonnenlicht des Vorgebirges. Wie blinde Fische blinzelten sie und schützten die Augen vor der Helligkeit.

Stunden nachdem sie das Hörn geblasen und das Große Siegel eröffnet hatte, befand sich Rhapsody immer noch in Verzückung und folgte dem Ruf. Achmed war wieder zu sich gekommen. Er hatte sich vom Zwang des Hörnerschalls befreit, war jedoch noch empfindsam genug für dessen Macht, um das Vakuum, das es als Zeichen für die Cymrer hinterlassen hatte, schmerzhaft in den Ohren zu spüren.

Grunthor war von der Lautstärke des Instruments überrascht, bemerkte aber kaum etwas Unangenehmes, bis die gerufenen Cymrer allmählich antworteten. So tief war ihre Schuld, so überwältigend ihr Eid, dass selbst die treuen Toten dem Ruf folgten. Überall auf und in der Ebene und den Bergen kratzten, zitterten und regten sich die Knochen. In der gewaltigen, windstillen und reglosen Stille erstreckte sich das Gefühl des Riesen wie die Aussicht auf ein endloses, schweigendes Meer, in dem eine einzelne Flosse wie ein Mast über die Oberfläche ragt. Grunthors Aufmerksamkeit war ungeheuerlich geschärft. Tausend kleine Kräuselungen vertrockneter Knochen verbreiteten sich durch die Särge und Massenbegräbnisse oder schwammen wie Treibholz unter Sanddünen und Erdhügeln hindurch. Zum ersten Mal begriff er das Ausmaß des Todes, welcher die Hinterlassenschaft der Cymrer darstellte. Als seine Sinne ihm wieder die wirkliche Stille über der Erde vermittelten, da eine Auferstehung jenseits der Macht des Horns lag, erhaschte er aus den Augenwinkeln einen Blick auf Bewegungen über den Felsklippen. Er starrte nach Osten in das blendende Morgenlicht.

»He, Dank und abermals Dank, Euer Hoheit, hast mir grade grässliche Kopfschmerzen gemacht.«

Rhapsody sah ihn zärtlich an, als die Strahlen der aufsteigenden Sonne seinen Kopf berührten. Er erglühte in dem Licht wie eine mythische Firbolg-Gottheit. »Tut mir Leid, Grunthor. Sie werden bald vergehen.«

»Wie bald?«

Sie sah sich um, während zuerst das Bild des fernen Ufers von Manosse aus dem Blickfeld ihres inneren Auges schwand und dann die Küste von Avonderre sowie die Neutrale Zone, Tyrian und Gwynwald, die orlandische Ebene und Sorbold folgten und schließlich nur noch der Ausblick zu ihren Füßen übrig blieb. Sie zuckte die Achseln und legte das Hörn auf der Steinkanzel ab.

»Ich schätze, in zwei Monaten.«

Bei dem Klang des Hornes, das über die Bolglande schallte, rannten die Einwohner des einstigen Canrif verängstigt umher, versteckten sich in ihren Hütten und Grotten und fürchteten, das Zeitalter des Todes sei zurückgekehrt. Die Bolg hasteten in großer Sorge umher und machten sich bereit, wieder in die Tiefen der Berge zurückzuweichen, wo sie sich in den Jahrhunderten vor der Ankunft von Achmed und Grunthor verborgen hatten. Sie warteten auf die Heere der Menschen, die ihre Dörfer ein weiteres Mal verwüsten und die lange erwartete Rache für den Sieg über die rolandischen Legionen üben würden.

Von ihrem hoch gelegenen Aussichtspunkt über der Senke und den Bolg-Landen schaute Rhapsody ihnen traurig zu. Sie beobachtete die Panik der Firbolg, die sich über die ganze Heide zerstreuten und ängstlich in den Höhlen der Zahnfelsen Unterschlupf suchten. Mit ihrem Herzen war sie bei ihnen. Das Letzte, das sie mit dem Hörnerschall hervorrufen wollte, war Furcht.

Doch einige Momente, nachdem der Klang verebbt war, sah sie Schatten aus den Höhlen hervorkriechen und wie verzaubert in das helle Sonnenlicht treten. Es waren höchstens einige hundert, die der Ruf des Hornes hervorgelockt hatte. Sie sahen sich um, als hätten sie sich verirrt. Schließlich wandten sich alle der Senke des Gerichtshofes zu und begaben sich dorthin. Sie versuchten, das Bedürfnis zu stillen, das in ihnen aufgestiegen war.

»Was ist da los?«, fragte Rhapsody Achmed, der auf seine Untertanen herunterschaute. Ein Schimmern trat in die Augen des Fir-Bolg-Königs, und ein Lächeln kroch über sein Gesicht.

»Ich glaube, deine geladenen Gäste sind eingetroffen. Hier sind die ersten Cymrer, die deinem Ruf gefolgt sind.« Er schaute hinüber zu Rhapsody. Ihre Blicke trafen sich. Sie lächelten. Grunthor hatte sich bereits an den Abstieg vom Sims gemacht. Die beiden anderen folgten ihm langsam und vorsichtig, denn sie wollten keinen Stein auf dieser Klippe aus dem Gleichgewicht bringen. Als sie den Boden der Senke erreicht hatten,, wartete Rhapsody, während der König und der Sergeant-Major die benommenen Firbolg befragten, warum sie den Ruf als zwingend empfunden hatten. Es gab keinerlei Aufzeichnungen über Bolg, die aus Serendair angereist waren; daher war es sehr unwahrscheinlich, dass sie Abkömmlinge einer der Flotten waren.

Schließlich kehrten Achmed und Grunthor zurück. Rhapsody eilte auf sie zu, um zu erfahren, was sie herausgefunden hatten.

»Also? Woher sind sie gekommen?«

Achmed sah verärgert aus. »Ich habe dir doch schon gesagt, dass es Cymrer oder wenigstens deren Abkömmlinge sind. Als die Bolg in Canrif eindrangen, gab es immer noch einige Hartnäckige, die Gwylliams Festung und die Ländereien, um die sie sieben Jahrhunderte lang gekämpft hatten, nicht aufgeben wollten. Falls du es nicht schon erraten hast: Sie haben gegen die Bolg verloren. Es sind Abkömmlinge der Cymrer, die von den Bolg versklavt wurden. Ich nehme an, die Gefangenen haben nicht mehr lange gelebt, nachdem sie den Ahnen dieser wenigen Versprengten das Leben geschenkt hatten.« Rhapsody nickte.

»Sie nennen sich die Finder, weil sie einer uralten Weisung unterstehen. Als Gwylliam hinter einer verschlossenen Tür, die niemand aufbrechen konnte, auf dem Boden der Bibliothek lag und das Leben aus ihm strömte, waren die Sprachröhren geöffnet, die zur Unterwerfung dieses Berges benutzt wurden. Die Bolg mit cymrischem Blut wussten, dass seine Stimme einen Befehl aussprach, dem sie sich nicht verweigern konnten. Ihre Vorfahren hatten vor Jahrhunderten geschworen, dem König in Zeiten der Not bedingungslos beizustehen. Aber sie konnten ihn nicht finden und begriffen nicht, was er wollte, denn das Hörn lag in der Bibliothek neben ihm. Seit all den Jahren, seit all den Generationen warten sie darauf, dass die Stimme wieder ertönt und ihnen sagt, was sie tun sollen. Außerdem haben sie die Neigung, cymrische Überbleibsel zu suchen, denn sie hoffen bei jeder neuen Entdeckung, dass es das ist, um was die Stimme gebeten hatte.«

»Wenn sie Firbolg und Cymrer sind, sollte man sie vielleicht zur Ehrenwache verpflichten. Wäre das für dich in Ordnung, Grunthor?«

»Wäre bestimmt ’ne Ehre für sie, Euer Liebden. Werd ihnen aber trotzdem meine ›EinfalscherSchrittundihrseidheuteAbendmeinNachtisch‹Rede halten.«

»Sie sollten fürs Erste die einzigen sichtbaren Bolg sein, wenn die Cymrer eintreffen«, bemerkte Achmed. »Was müssen wir als Nächstes tun?«

»Wir warten. Ich werde unsere ersten Gäste begrüßen.«

Der König nickte. »Ich möchte einen Vorschlag machen.«

Rhapsody hatte bereits einige Schritte auf die Bolg zugemacht. Sie blieb stehen und drehte sich um. »Ja?«

Er sah sie von oben bis unten an. Sie steckte in ihrer üblichen Arbeitskleidung, einem weißen, langärmligen Batisthemd, einer weichen, lohfarbenen Wildlederweste sowie einer braunen Hose. »Du hast dich beschwert, dass das Leben in den Bolg-Landen dir nie die Gelegenheit gibt, eines deiner teuren, extravaganten Kleider zu tragen. Du hast meine Staatskasse ihretwegen um viel Geld erleichtert. Jetzt wäre ein guter Zeitpunkt, eines davon anzuziehen.«