Ashe lächelte. »Ich habe um keine gebeten.«
Dorndreher schloss die Augen. »Dann bist du ein Narr und verdienst keine.« Schmerz blitzte in seinem zerfurchten Gesicht auf. »Ich muss den All-Gott stärker beleidigt haben, als ich es mir vorgestellt habe, wenn er mich dazu verdammt hat, die letzten Stunden in der Gesellschaft eines Feiglings zu verbringen, der sein Gesicht und seinen Namen vor mir verbirgt.« Er fiel wieder in erschöpftes Schweigen.
Die winterliche Luft wurde trocken, als der Drache sich unter dieser Beleidigung sträubte. Ashe holte tief Luft und stieß sie langsam wieder aus. Er bemühte sich, ruhig zu bleiben, während sein Gesicht unter der Kapuze des geschmähten Nebelumhangs heiß erglühte. Die Worte des Cymrers hatten ihn tief getroffen. Er wusste, dass alle, die unter den Händen des F’dor gelitten hatten, jeden ablehnten, der seine Identität zu verbergen schien, denn das war das Rüstzeug des Dämons. Mehr noch von jemandem Feigling genannt zu werden, der Zeuge des Kataklysmus geworden war und den Krieg überlebt hatte, klang berechtigter, als er ertragen konnte.
Nun war er wieder eine Einheit. Selbst wenn Dorndreher der Wirt des Dämons sein sollte, gab es keinen Grund mehr, sich zu verstecken. Er hob die Hände und schob die Kapuze zurück. Die kupfergolden leuchtenden Locken seines Haars warfen einen Glanz auf das Gesicht des alten Mannes. Dorndreher spürte das Licht und öffnete wieder die zerrissenen Augen. Das mit Grauen gemischte Erstaunen in ihnen strahlte zurück zu Ashe.
»Unmöglich«, murmelte Dorndreher. Sein Gesicht wurde noch blasser.
Ashe lächelte und griff in die Tasche seines Umhangs. Er zog eine Börse hervor, löste den Strick, mit dem sie verzurrt war, und schüttelte sich etwas Kleines auf die Handfläche. Es fing das Licht des Feuers in derselben Weise ein, wie es auch sein Haar getan hatte. Es war eine dreizehnseitige Kupfermünze von äußerst seltsamem Aussehen.
»Erinnerst du dich daran?«, fragte er. »Du hast sie mir vor vielen Jahren gegeben, als ich noch ein Knabe war, weil du mir an einem Versammlungstag die Langeweile vertreiben wolltest.«
Der alte Mann reckte unter großen Anstrengungen den Hals und sackte dann wieder gegen den Baumstamm. »Ich erinnere mich.« Mit zitternden Fingern zog er sich die grobe Decke über die Schultern. »Ich erinnere mich an jede unserer Begegnungen, Gwydion, weil sie mir endlose Freude bereitet haben. Immer wenn ich dich angesehen habe, habe ich deinen Großvater Gwylliam in seiner ganzen Pracht und deine Großmutter Anwyn in ihrer ganzen Weisheit gesehen. Du warst unsere Hoffnung, Gwydion das Versprechen einer helleren Zukunft für ein vom Krieg zerrissenes Volk. Unser Trost. Dein Tod war das Ende aller Hoffnungen für mich und für alle Cymrer.« Die Anstrengung des Sprechens überwältigte ihn. Dorndreher hustete und verstummte.
»Vergib mir, Großvater«, sagte Ashe sanft. »Ich bin mir der Verletzungen bewusst, die meine Familie und meine Freunde durch meinen Betrug erlitten haben. Ich bedauere auch alle Schmerzen, die ich dir zugefügt habe.«
Dorndreher hustete erneut; diesmal war es heftiger. »Also warum?«
»Erst einmal war es nicht meine eigene Tat. Außerdem ist es notwendig gewesen. Darüber hinaus kann ich es nicht erklären. Aber du hast Recht. Es ist feige, mich weiterhin zu verstecken; ich werde es nicht mehr tun.«
Dorndreher lächelte schwach. »Hast du also vor, den Schild von deinem Gesicht zu entfernen?«
Nun lächelte Ashe und legte die Oberarme auf die Knie. »Sobald es mir passt.«
»Passt es dir jetzt?«
Ashe lachte. »Kannst du mich sehen?«
Der alte Mann schnaubte vor Verärgerung und Schmerz. »Es ist gemein von dir, in meinen letzten Minuten mit mir zu spielen. Bist du bereit, den Anblick der Zeit zu ertragen und deinen Namen in den Wind zu schicken oder nicht?«
Ashes Gesicht nahm einen ernsten Ausdruck an; seine Drachenhaften Pupillen verengten sich.
»Ja«, sagte er.
Dorndreher drückte sich etwas höher gegen den Stamm und lächelte.
»Dann kann ich dir schließlich doch noch eine Belohnung anbieten, Gwydion.«
19
Die Nacht schien sich um das kleine Feuer zu verdichten. Dorndrehers Augen glitzerten heller; es war, als hätte er das Licht aus der Luft in sich hineingesogen. Nun saß er vor den Flammen und hatte sich in seinen eigenen Gedanken verloren.
Ashe wartete schweigend und beobachtete ihn eingehend. Obwohl neues Leben in die verletzten Augen des alten Mannes gekommen war, wurde seine Haut immer fahler.
Der Drache in Ashes Blut spürte, wie Dorndrehers Körper allmählich schwächer wurde, wie sein Leben langsam verebbte, auch wenn seine Seele im Schein des hellen Feuers erstarkte. Als der Wind schließlich erstorben und die Nacht so still geworden war, dass man hören konnte, wie der Schnee in sanftem Gewisper auf den Boden fiel, sprach Dorndreher.
»Mein Schwert«, sagte er ruhig. »Ist es noch hier?«
Ashe stand auf und ging zu dem Wallach, der etwa zwanzig Schritte in einem Wäldchen stand und vom treibenden Schnee halb verborgen war. Er band das Krummschwert von der Satteltasche los und gab es Dorndreher zurück, indem er es ihm vorsichtig in die Hände legte. Als der alte Mann es berührte, schlug sein Herz schneller.
»Den Göttern sei Dank«, murmelte er. Mit großer Anstrengung zog er die Waffe aus der Scheide und hielt sie vor seine Augen. Es war eine alte Klinge von bescheidener Handwerkskunst und ohne Verzierungen, alt und beschädigt wie ihr Träger. Ashe erkannte die Krümmung; es war der Säbel eines Seemanns, in derselben Weise gekürzt wie die Schwerter auf den cymrischen Schiffen, die in den staubigen Schaukästen in Stephens Museum lagen. Dorndreher betrachtete noch eine Weile die Widerspiegelung des Feuers in dem dunklen Stahl und wandte sich dann wieder Ashe zu.
»Hör gut zu, Sohn Llaurons, und ich werde dir deine Freundlichkeit vergelten.
Ich habe deinen Großvater, König Gwylliam, an dem... Tag... getroffen, als das letzte Schiff der Dritten Flotte die Segel setzte. Ich war Bootsmann auf der Serelinda, dem Schiff, das den ... König für alle Zeiten von der Insel fortbrachte.« Dorndreher lehnte sich gegen den verfaulten Baumstamm und schloss die Augen. Die Anstrengungen des Redens hatten ihn erschöpft.
»Ruhe dich aus, Großvater«, sagte Ashe sanft. »Ich bin sicher, dass wir noch Zeit zum Reden haben werden, bevor wir eine Unterkunft erreichen und dich ein wenig pflegen. Sicherlich wird Anborn mich nicht sofort hinauswerfen. Du kannst mir deine Geschichte erzählen, wenn es dir besser geht.«
Dorndreher riss die Augen auf; in ihnen loderte Feuer. »Du bist ein größerer Narr, als ich dachte, Gwydion ap Llauron«, murmelte er. »Was weißt du schon von Zeit?« Er kämpfte sich in eine aufrechtere Lage und blitzte ihn an. »Ich bin der Herr der letzten Augenblicke, der Wächter dessen, was niemand wieder sehen soll. Diesen Namen hat mir dein eigener Großvater verliehen. Willst du behaupten, dass es nichts solches in deiner eigenen Vergangenheit gibt? Würdest du nichts dafür geben, deine eigene ... Seele wieder zu sehen, und sei es nur ein einziges Mal?«
Ashes seltsame blaue Augen blinzelten unter dem Schock über diese harsche Antwort.
»Nein«, sagte er nach einer kurzen Pause, »das würde ich nicht so sagen. Es gibt vieles, was ich sehr gern ändern würde, wenn ich es könnte.« Er wandte den Blick vom Feuer ab und schaute hinaus in die Finsternis, die nur von den Wellen des Kristallschnees durchbrochen wurde.
Dorndreher schnaubte verächtlich. »Ich habe nichts von ändern gesagt«, murmelte er und atmete noch heftiger. »Ich kann die Zeit für dich nicht ändern, Gwydion genauso wenig, wie ich es für deinen Großvater konnte.« Er stützte sich auf einen Ellbogen und wischte sich den Schnee vom Kopf. »Willst du jetzt meine Geschichte hören oder nicht?«
»Vergib mir meine Grobheit. Ich höre zu.«