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»Lass den Speer fallen!«, befahl sie, die Stimme voller Angst und Wut.

Der Mann warf sich ihr entgegen, doch sein Speer war alles andere als gut geführt. Rhapsody trat zur Seite, wie sie es von Grunthor gelernt hatte, und schlug ihm das Schwert vor die Brust, die nur wenig Widerstand bot.

Mit weit aufgerissenen Augen und aufgesperrtem Mund, dem nur mehr ein gurgelndes Röcheln entfuhr, knickte der Mann in den Knien ein.

Rhapsody packte ihn und bremste seinen Fall. Schmerz und Verwirrung verzerrten sein Gesicht, als er ihr wie aus einer anderen Welt entgegenstarrte und mit seiner Miene zu fragen schien: Was ist eigentlich passiert?

Über dieselbe Frage zerbrach sich Rhapsody den Kopf. Der Mann war schon erschlafft, als er mit schmauchender Wunde auf dem Boden auftraf. Erst jetzt wurde ihr das Zischeln bewusst, mit dem das von der Klinge getroffene Fleisch verbrannte. Entsetzt ließ sie die Waffe fallen, obwohl sich das Heft angenehm kühl in der Hand angefühlt hatte. Sie starrte auf die Leiche am Boden, und wieder drehte sich für sie alles im Kreis.

»Was ist los?«, flüsterte Achmed von hinten. Sie hatte ihn nicht kommen hören. Als sie sich umdrehte, sah sie auch Grunthor an seiner Seite. Die beiden schauten sich im Garten um.

»Er ist tot«, antwortete Rhapsody mit wackliger Stimme.

»Ja, deine Schwerthiebe werden immer besser.«

»Ich habe noch nie jemanden getötet.«

»Jetzt hast du’s«, entgegnete Achmed. »Komm, wir haben noch was vor.«

Rhapsody stieß einen Schwall Luft aus und nickte. Lass dich nicht hängen, schärfte sie sich ein und richtete ihren Blick erneut auf die makabere Szene im Garten. Achmed bedeutete ihr, das Schwert vom Boden aufzuheben.

»Hast du sonst noch jemanden gesehen?«

»Nein, aber es werden angeblich Besucher erwartet«, antwortete sie. Sie berührte die kühle Stahlklinge, an der keine Spur von Blut zu erkennen war, und steckte sie erschaudernd in die steinerne Scheide zurück.

»Dem lässt sich ’n Riegel vorschieben«, sagte Grunthor. Er machte das Eingangstor zu und legte einen schweren Querbalken davor. »Tja, mein Guter, es dürfte wohl klar sein, wieso sich dein Blutgespür wieder gemeldet hat.«

»Lasst uns nachsehen, wer sonst noch hier ist«, schlug Achmed vor. Er wandte sich der Tür zur Rechten zu und forderte die Gefährten mit einer Handbewegung auf vorzugehen.

Rhapsody nahm rücklings auf der einen, Grunthor auf der anderen Seite Stellung. Auf ein Zeichen von Achmed hin rammte Grunthor die flache Hand gegen das Türblatt, das splitternd und krachend aus den Angeln fiel. Sie blickten in einen leeren Raum.

Es war ein lang gezogener Saal mit poliertem Mobiliar, das in sehr organisch anmutenden Formen getischlert war. Mitten auf dem Boden lag ein großer gewebter Teppich, der an einer Ecke durch einen dunklen Fleck verunstaltet war. Eine lange Fensterreihe öffnete den Blick in den Innenhof mit seiner rosa verfärbten, schmelzenden Schneedecke.

Achmed trat an den Rand des Teppichs, bückte sich und berührte den Fleck mit der Hand. Es war zweifelsfrei Blut, das sich da über den Teppich ergossen hatte, und zwar vor langer Zeit, vor Jahren vielleicht, denn es war längst ausgetrocknet. Hier schien jemand niedergestochen worden und verblutet zu sein.

Grunthor stand noch bei der Tür. Er hätte gern sein Stangenbeil in der Hand gehalten, doch weil für dessen Gebrauch in geschlossenen Räumen zu wenig Platz blieb, nahm er mit dem Langdolch Vorlieb. Obwohl ihn so schnell nichts aus der Fassung bringen konnte, spürte er angesichts der ekelhaften Szene vor den Fenstern, wie sich ihm der Magen zuschnürte.

Rhapsody schlich bis zur nächsten Tür und lauschte. Wenig später schüttelte sie den Kopf.

»Nichts. Und nun?«

»Weiter«, drängte Achmed. Sie nahmen die gleiche Stellung auf wie zuvor und wiederholten die Prozedur.

Die Tür führte in einen großen Saal, der sich bis zur Turmmauer erstreckte. An der einen Längs wand waren eine Reihe großer Fenster eingelassen, die wiederum in den Hof hinausblickten. Die Wand gegenüber hing voller Wandteppiche, die ausgeblichen und mit Dreck beschmiert waren.

Die ferne Stirnwand war Teil des Turms, der früher einmal als Teil der Verteidigungsanlage ausgebaut gewesen sein mochte, jetzt aber über einen offenen Torbogen frei zugänglich war.

Vor der mit Gobelins geschmückten Wand stand ein aus Knochen zusammengesetzter Thron.

Oberschenkelknochen, Rippen, Wirbel waren zu einem schaurig aussehenden Stuhl verdrahtet und verschraubt worden. Die hohe Lehne krönte eine Reihe aus sieben Schädeln. Auf dem Sitz lag ein weiches rotes Samtkissen.

In der Mitte des Saales kauerten, hockten und lagen etliche Kinder, die mit schreckerfülltem Blick den drei Eindringlingen entgegenstarrten. Im spärlichen Licht funkelten ihre Augen wie die einer Meute ausgehungerter, geprügelter Wölfe.

Sie waren halb Mensch, halb Lirin, unterschiedlichen Alters, in Lumpen gekleidet und mittels eiserner Handschellen aneinander gekettet.

Die Gesichter und Körper waren übel zugerichtet und voller Blutergüsse und Wunden. Sie zitterten in der kalten Winterluft, die durch die geöffneten Türen drang und die langen Vorhänge aufbauschen ließ. Keines der Kinder gab einen Laut von sich. Ihre Blicke huschten zwischen Rhapsody und den beiden Männern hin und her. Die Kinder von Navarne.

33

Tränen traten in Rhapsodys Augen beim Anblick der kleinen gefrorenen Gesichter, die zwischen Angst und Hoffnung schwebten. Wie Espenlaub hatten sie zu zittern angefangen, als die drei in ihr Gefängnis eingedrungen waren.

Von ihren Zitterbewegungen abgesehen, verharrten die Kinder reglos am Boden – mit einer Ausnahme, einem Mädchen, das etwas älter zu sein schien als die anderen und vielleicht um die sechzehn Jahre alt war. Sie hockte mitten in der Gruppe und zerrte an ihren Fesseln, sah sich Hilfe suchend um, schien dann aber wohl einzusehen, dass sie dem Geschehen wehrlos ausgeliefert war.

»Keine Angst, wir sind hier, um euch zu helfen«, sagte Rhapsody mit ihrem freundlichsten Lächeln, während Grunthor und Achmed durch den Raum bis zum Einstieg in den Turm eilten. »Wir holen euch hier heraus und bringen euch nach Hause.« Die Kinder starrten ihr entgegen.

Rhapsody wandte sich Achmed zu. »Hatten die Wachposten irgendwelche Schlüssel bei sich?«

»Dafür haben wir jetzt keine Zeit. Wir sollten schleunigst herausfinden, wer für all das hier verantwortlich ist.«

»Es sind mindestens neun.« Der Hinweis kam von einem der gefangenen Kinder in der Mitte des Raums, dem Mädchen. Seine Stimme bebte.

»Weißt du, wo sie jetzt sind?«, fragte Rhapsody.

»Nein«, antwortete das Mädchen. »Aber sie sind da durch gekommen.« Es zeigte mit den gefesselten Händen auf eine Tür, die die drei bislang außer Acht gelassen hatten. Grunthor packte den schweren Langdolch. Die beiden Bolg näherten sich der Tür.

»Vielen Dank und keine Sorge«, sagte Rhapsody. »Gleich werdet ihr wieder frei sein.« Sie lächelte der ganzen Gruppe aufmunternd zu.

»Wenn man euch fängt, sagt nicht, wer euch den Hinweis gegeben hat«, flüsterte das Mädchen. Rhapsody nickte den beiden Gefährten zu. »Dazu wird es nicht kommen. Wie ist dein Name, Kleines?«

»Wir sind so weit«, rief Achmed von der Tür.

»Jedenfalls nicht Kleines«, antwortete das Mädchen trotzig.

»Sie heißt Jo!«, rief ein Mädchen, das nicht älter war als sechs. »Das hat sie denen verraten, als die damit angefangen haben, ihr die Zehen umzudrehen. Ich bin Lizette.«

Jo warf der Kleinen zornige Blicke zu, doch die nahm keine Notiz davon. Sie hatte nur noch Augen für Rhapsody und machte kein Hehl aus ihrer Bewunderung für die lirinsche Sängerin.

»Bist du endlich so weit?«, fragte Achmed.

»Wir kommen zurück«, versprach Rhapsody den Kindern mit all der Überzeugungskraft als einer zur Wahrheit verpflichteten Benennerin. Und tatsächlich schienen die Kinder Vertrauen zu fassen. Rhapsody lächelte ihnen noch einmal zu und eilte dann zur Tür. Das ältere Mädchen murmelte noch etwas, was Rhapsody aber schon nicht mehr hörte.