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Ihre Aufmerksamkeit war auf den Nebenraum gerichtet, aus dem Rufe und lautes Gepolter nach draußen drangen. Schnell hatte sie ihre Position in der Tür eingenommen. Wenig später flog die Tür auf. Zwei mit Speeren bewaffnete Männer rannten in den Saal und sahen sich plötzlich von Achmed und seiner Cwellan gestellt.

Rhapsody hörte das ihr inzwischen schon vertraute Zischen der Scheibengeschosse und sah sie als silberne Blitze durch den Türausschnitt schnellen.

Er schießt auf Leute im Nebenraum, dachte sie und staunte wieder einmal über die Geschicklichkeit und Schnelligkeit, mit der er die Waffe nachlud. Inzwischen konnte sie sogar mit den Augen halbwegs nachvollziehen, was ihr früher nur wie ein flüchtiges Huschen von Schatten vorgekommen war. Als der Wachposten zu ihrer Linken Achmed anvisierte, wuchtete sie ihm die glühende Schneide der Tagessternfanfare in den Rücken. Der Mann stürzte zuckend zu Boden und löste sich dabei von der tief in den Brustkorb eingedrungenen Klinge. Grunthors mit beiden Händen geführter Hieb folgte unmittelbar darauf und trennte der anderen Wache den Kopf vom Rumpf. Rhapsody musste an sich halten; sie glaubte schlecht zu träumen und kam sich vor wie der Zuschauer eines schauerlichen Kampfes.

Achmed stieß die Tür auf. »Geht«, befahl er. Weil sie gemeinsam lospreschten, wären Rhapsody und Grunthor beinahe in der Tür zusammengeprallt, doch schaffte sie es im letzten Augenblick, dem Riesen auszuweichen.

Im Raum nebenan hatte es ebenfalls ein Gemetzel gegeben, doch das schien auf deren eigene Rechnung zu gehen. Auf dem Boden verstreut lagen sechs Tote. Dazwischen stand eine in Weiß gekleidete Frau. Sie rang die Hände und brüllte einer Hand voll Männern Befehle zu, die aus anderer Richtung über eine breite steinerne Treppe herbeigeeilt waren. Die Wände des Raums waren aus massivem Felsgestein gemauert. Davor standen hohe Regale voller Bücher und Schriftrollen. Mehrere Sessel und ein paar große Tische vervollständigten die Ausstattung dieses offenbar als Bibliothek genutzten Raumes.

Rhapsody und Grunthor stürmten durch die Tür und sahen zu, dass sie nicht in Achmeds Schussbahn gerieten. Mit nur fünf Schritten hatte Grunthor die Mitte des Raums erreicht. Sein Anblick und das Gebrüll, das er erhob, ließen die Soldaten vor Entsetzen erstarren.

Rhapsody eilte auf die Frau zu. Die löste ihren Blick von Grunthor und starrte ihr aus hasserfüllten Augen entgegen.

Anscheinend trug sie nur eine Waffe bei sich, einen langen Dolch mit einer Klinge aus Obsidian. Den hielt sie mit der Rechten gepackt und zeigte sich zum Kampf bereit. Rhapsody erkannte in dieser Waffe ein Opferwerkzeug, das gewöhnlich bei schwarzen Riten Anwendung fand. Sie blickte nicht weniger wütend und verächtlich drein, als ihr bewusst wurde, dass offenbar diese Frau es war, die die Kinder im Hof getötet hatte.

Rhapsody schwang ihr Schwert mit der ganzen Wucht ihrer und trug einen Angriff vor, auf den Grunthor durchaus stolz sein konnte. Die Frau sprang zur Seite und griff ihrerseits mit dem Dolch an.

Von dem eigenen Schwerthieb aus dem Gleichgewicht gebracht, konnte Rhapsody nicht mehr rechtzeitig ausweichen und spürte die Spitze des Dolches über die linke Schulter schrammen. So heiß war der Schmerz, dass sie unwillkürlich nach Luft schnappte. Doch umso kräftiger schlug sie nun ein zweites Mal zu. Ihre Gegnerin hatte nicht einmal mehr Zeit, einen Schrei auszustoßen. Die Schwertspitze drang ihr mitten ins Herz, und wieder verbreitete sich der scharfe Geruch brennenden Fleisches in der Luft. Blut floss jedoch keines. Noch ehe sie ihr Leben ausgehaucht hatte, war die Wunde auch schon vernarbt.

Rhapsody hielt sich dicht hinter Grunthor, der zur Seite auswich, als weitere Scheibengeschosse durch die Luft sirrten, so dicht, dass ihr bange wurde. Sie mied den Blick auf die Frau am Boden und sah sich stattdessen im Raum um. Von den Soldaten ging keine Gefahr mehr aus. Es war keiner mehr am Leben.

Zwei Tote, die auf dem Treppenabsatz lagen, waren allem Anschein nach von Grunthor niedergemacht worden. Die anderen zeigten bis auf die tödlichen Schusswunden keinerlei Verletzungen. Rhapsody zählte schnell nach und kam auf fünfzehn. Ob noch mit weiteren Wachen zu rechnen war, blieb offen. Grunthor stand am Fuß der Treppe und spähte nach oben in Erwartung Nachstoßender Wachposten. Er hatte inzwischen eine Axt zu Hand genommen, eine schwere Waffe, mit der er sich auch, wie sich Rhapsody erinnerte, dem Gewürm auf der Wurzel zur Wehr gesetzt hatte.

»Die können wir nicht mehr verhören«, sagte Achmed mit Blick auf die tote Frau in Weiß. Rhapsody lief rot an im Gesicht. »Tut mir Leid«, sagte sie.

»Was soll’s?«, entgegnete Achmed ärgerlich. »Dir blieb gar keine andere Wahl. Es wäre allerdings ganz gut gewesen, wenn wir ein paar Antworten aus ihr hätten herausprügeln können. Aber manchmal muss man sich eben den Umständen fügen. Ist es schlimm?«

»Was?«, fragte Rhapsody irritiert.

»Deine Schulter ... wie tief ist die Wunde?

»Hmmm? Ach, kaum der Rede wert.« Rhapsody warf einen Blick auf die Schulter. »Darum kümmere ich mich später.«

»Und wenn sie die Klinge vergiftet hat?« Achmed trat einen Schritt näher und schnupperte an der Wunde.

»Das glaube ich nicht.«

»Na schön, dann sollten wir jetzt mal nachsehen, ob’s noch mehr Gesellschaft gibt.« Achmed schob den Querbalken, der an der Wand lehnte, vor die Tür, ehe er sich der Treppe zuwandte. »Falls noch jemand kommen sollte, muss er erst mal anklopfen.«

Sie stiegen über die Treppe nach oben und suchten jeden Winkel des Turms ab. Doch da war niemand mehr. In den oberen Räumen hatten die erschlagenen Soldaten ihr Quartier gehabt; die Zimmerflucht ganz zuoberst war allem Anschein nach von der Frau in Weiß bewohnt gewesen, und es deutete so manches darauf hin, dass dort ein Mann mit ihr gelebt hatte.

Unter anderem fanden sie in dieser Wohnung eine kleine, fest verschlossene Truhe, die sie mit nach unten schleppten, um sie aufzubrechen, sobald sie den Rest des Hauses der Erinnerung durchsucht haben würden. Es zeigte sich, dass alle anderen Räume, die wie Zellen eines Klosters aussahen, leer standen. Außerdem gab es eine Küche, in der noch jüngst gekocht worden war.

Rhapsody machte sich auf die Suche nach einem Schlüssel, um den Kindern die Handschellen abnehmen zu können, und entdeckte schließlich einen solchen, der der toten Frau an einer Kette um den Hals hing. Damit eilte Rhapsody zu den gefangenen Kindern, befreite sie von den Fesseln und redete mit beruhigenden, tröstenden Worten auf sie ein.

In Abwesenheit der beiden Bolg fassten die Kinder schnell Zutrauen. Nur das Mädchen mit dem Namen Jo blieb noch eine Weile misstrauisch, ließ sich dann aber ebenfalls von Rhapsody beruhigen. Zwischenzeitlich hatte Achmed das Schloss der in der Turmwohnung gefundenen Truhe aufgebrochen. Darin fand sich allerhand Flitterkram – den Grunthor zur Aufbewahrung bekam, denn er verwaltete das Geld und alle Wertsachen – sowie ein kleines Notizbuch, eine versiegelte Schriftrolle und ein großer Messingschlüssel mit einem eigentümlichen, vierteiligen Bart.

Behutsam rollte er das Pergament auseinander und stellte fest, dass es mit alten Schriftzeichen beschrieben war, die ihm nichts sagten, obwohl sie ihm dem Bild nach irgendwie vertraut vorkamen. Offenbar handelte es sich bei diesem Schriftstück um einen Vertrag. Er rief Rhapsody zu sich. Sie hatte alle Kinder im Schlepp, als sie die Bibliothek betrat. Es waren insgesamt fünfzehn an der Zahl, und die meisten schienen jünger als zwölf Jahre zu sein. Das jüngste versteckte sich hinter Rhapsody aus Angst vor den beiden unheimlichen Männern, denen die Kinder ihre Rettung verdankten.

»Keine Angst, Feldin«, sagte Jo zu dem Lirin-Jungen, der um die sieben Jahre alt war. »Die sehen zwar schrecklich hässlich aus, haben uns aber gerettet und werden bestimmt nichts Schlimmeres mit uns anstellen als das, was uns bevorgestanden hat.«