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Rhapsody sagte: »Wir werden euch nach Hause bringen, das ist alles.« Sie strahlte übers ganze Gesicht, und die Kinder glaubten ihr.

»Sieh dir das mal an«, sagte Achmed und kam auf Rhapsody zu. Hastig wichen die Kinder vor ihm zur Seite aus.

Rhapsody nahm die Schriftrolle zur Hand und studierte, was darauf zu lesen stand. Ein Schatten ging über ihr Gesicht, war aber bald wieder verschwunden. »Das ist Alt-Serennisch. Merkwürdig, nicht wahr? Die Sprache, die ich auf Llaurons Wunsch hin lernen soll. Ich hab darauf verzichtet, ihm zu sagen, dass ich schon ein bisschen davon verstehe. Es ist eine tote Sprache. Ich meine, sie war schon tot, als viele die Insel verlassen haben. Sie war die Sprache der Erstgeborenen, der alten Seren, also der Ureinwohner der Insel. Doch seht euch diese Rolle an. So alt ist dieses Pergament doch gar nicht.«

»Kannst du lesen, was darauf steht?«, fragte Achmed.

»Ich denke schon«, antwortete Rhapsody. »Mein Mentor hat mir die Grundzüge der Sprache beigebracht... Augenblick mal. Nein, der erste Eindruck war wohl doch nicht ganz richtig. Die Schriftzeichen sind in der Tat sehr alt, doch der Text scheint in der Alltagssprache der Bewohner dieser Region verfasst zu sein. Lass mir einen Augenblick Zeit. Ich will erst einmal alles lesen.«

Sie ging an einen der Schreibtische, setzte sich und legte zwei Bücher zur Beschwerung auf die Ränder des ausgerollten Pergaments. Dann nahm sie das Gepäck vom Rücken, holte daraus ein Stück grobes Papier hervor und fing an, sich Notizen zu machen.

Die Kinder hingen wie eine Traube an ihr. Nur Jo stand abseits und beobachtete Grunthor dabei, wie er die toten Wachen in eine Ecke bugsierte und dort zusammenlegte. Rhapsody dachte daran, mit den Kindern in ein anderes Zimmer zu gehen, doch dann fiel ihr ein, dass ihnen nur hier in der Bibliothek der Anblick der geschlachteten Kinder im Hof erspart bliebe.

Am Vortag erst hatte sie die Kinder des Herzogs über den Verlust ihrer Mutter hinwegtrösten müssen. Jetzt galt es, Kindern zu helfen, die ein unvorstellbares Trauma erlitten hatten, und sie fürchtete, dieser Aufgabe nicht gerecht werden zu können.

Achmed blätterte durch das kleine Notizbuch. Die darin enthaltenen Aufzeichnungen schienen in der landesüblichen Schrift verfasst zu sein. Die Briefe waren ganz ähnlich geschrieben, und so konnte er, wenn auch mit Mühe, einiges daraus in Erfahrung bringen.

Was er da in der Hand hielt, war allem Anschein nach ein Tagebuch, wie es von gebildeten Leuten geführt wurde. Es ging darin, wie er entziffern zu können glaubte, unter anderem um eine verlorene Stadt. Mehr als der Text interessierte ihn aber die in dem Buch skizzierte Landkarte und der Hinweis auf den Messingschlüssel.

Ein Lächeln stahl sich in sein Gesicht, als er den Namen Gwylliam erkannte und auf der Karte ein besonders markiertes Gebiet entdeckte, das als Firbolg-Länder ausgewiesen war. Canrif. Sie hatten jetzt tatsächlich eine Karte zur verlässlichen Orientierung!

»Achmed, Grunthor, ich bin so weit«, sagte Rhapsody und hielt ihre Übersetzung in die Höhe. »Es handelt sich um einen Vertrag. Er wurde in der ersten Stunde der Tagundnachtgleiche im Jahre 1396 nach Ankunft der Flotte unterzeichnet. Wahrscheinlich ist die Flotte der ersten Auswandererwelle gemeint. Die Vertragspartner sind Cifiona – ich schätze, das ist die Frau mit dem großen Dolch – und eine Person namens Rakshas, die aber nur als Mittelsmann für einen Herrn in Erscheinung tritt, dessen Name interessanterweise unerwähnt bleibt. Der Frau wird für gewisse Dienste, die sie zu leisten hat, ›ein Leben ohne Ende‹ zugesichert, was wohl Unsterblichkeit heißen soll.« Rhapsody warf einen Blick auf die Freunde und sah ihnen an, dass sie an das Gleiche dachten wie sie. Der Charakter des Vertrags und seiner Urheber wurde allmählich klar. »Sie verpflichtet sich, dem nicht genannten Meister treu ergeben zu sein. Vielleicht sind die beiden eine Art Heiratsvertrag eingegangen.«

»Das bezweifle ich«, sagte Achmed, der selbst einmal unfreiwillig an einen ähnlichen Vertrag gebunden gewesen war.

Grunthor wurde ungeduldig, als er die angewiderte Miene Rhapsodys zu deuten versuchte. »Na los, was steht denn sonst noch da?«

»›Zu diesen Pflichten gehört der Vollzug der Blutopferung von dreiunddreißig unschuldigen Herzen und unberührten Körpern menschlicher Abstammung sowie von Lirin oder Halb-Lirin in gleicher Zahl‹«, las Rhapsody vor. Sie blickte zu Achmed auf. »Ich habe drei im Hof gesehen. Glaubst du, es gab noch andere?«

»Nein, das glaube ich nicht«, antwortete er. »Alle Spuren deuten daraufhin, dass die Einrichtung ziemlich neu ist. Wahrscheinlich war das der Anfang überhaupt.«

Rhapsody zeigte sich erleichtert und wandte sich wieder dem Vertragstext zu, ohne von Grunthors skeptischer Miene Notiz nehmen.

»Da ist noch von einem bestimmten Vorhaben die Rede, auf das aber nicht näher eingegangen wird. Es hat anscheinend mit der Frage zu tun, wie das geopferte Blut verwendet werden soll. Ich glaube, das Wort ›Nahrung‹ ist hier entscheidend. Darüber hinaus sind die verlangten Dienste befristet, und zwar auf den Zeitpunkt der Patriarchenfeier im Folgejahr. Als Erfüllungsort ist das Haus der Erinnerung eingetragen, das offenbar diesem Rakshas untersteht. Kaum zu fassen. Ich frage mich, was die erste Cymrer-Generation davon gehalten hätte.«

»Tja, als Cymrer, der ich selbst einer bin, kann ich nicht behaupten, besonders angetan davon zu sein.«

»Und hier ist unterschrieben, mit Cifiona Soundso – den Namen kann ich nicht entziffern. Und dann steht da noch schlicht und einfach ›Rakshas‹. Dazu gehören diese Symbole.«

Rhapsody machte auf zwei Zeichen aufmerksam; das eine sah aus wie ein Buchstabe aus einer anderen Sprache, die aber weder Achmed noch Grunthor kannten.

»Dieses meine ich schon einmal gesehen zu haben«, sagte Rhapsody und zeigte auf einen Kreis, der aus einer Spirallinie gezeichnet war.

»Wo?«, fragte Achmed in einem plötzlich so wütenden Tonfall, dass sie vor Schreck zusammenfuhr.

»Über der Eingangstür zu Llaurons Haus. Es ist dieses Hexenzeichen.«

Der Anblick des Symbols hatte Achmed merklich verstört. Er nahm das Pergament und legte es in die kleine Truhe zurück. Rhapsody warf ihre Übersetzung mit hinein.

»Gehen wir«, sagte Achmed.

»Wartet kurz, ich habe noch was zu erledigen«, sagte Rhapsody und holte ihre Higen und einen kleinen Beutel, den sie von Llauron hatte, aus ihrem Gepäck.

»Was? Willst du etwa ein Lied komponieren über die herrlichen Dinge, die wir heute gesehen haben?«

»Nein«, antwortete Rhapsody ungehalten. »Ich will versuchen, diesen Baum zu heilen.«

»Warum?«, wunderte sich Achmed.

»Weil er eine sagianische Eiche ist. Hast du das nicht gesehen? Für mich ist er heilig. Stephen sagte, dass er als Setzling von den Cymrern aus Serendair mitgebracht worden sei. Damit wäre er ein Ableger der Sagia. Obwohl es mir Leid tut, die Insel verlassen zu haben, bin ich dem Baum doch dankbar, dass er uns hat fliehen lassen, ehe sie untergegangen ist. Seinem Kind zu helfen ist das Wenigste, was ich tun kann.«

»Ich will nich despektierlich sein, Herzchen, aber das ist doch kein Kind, sondern nur ein Baum.«

»Nein«, sagte Achmed und schaute in den Garten hinaus. »Geh vor.«

»Danke«, antwortete Rhapsody, überrascht von seiner Zuvorkommenheit. »Ich bin gleich wieder zurück; kümmert euch inzwischen um die Kinder.«

»Wie bitte?«

»Nun, ich kann sie doch nicht mit in den Garten nehmen, oder?«, flüsterte Rhapsody. »Mir schaudert selbst davor, die toten Kinder...«

»Ist recht, Herzchen, wir werden uns um sie kümmern.«

Achmed warf Grunthor einen empörten Blick zu, sagte aber nichts. Als Rhapsody den Raum verließ, setzte er sich auf den Rand eines der Tische und blätterte wieder in dem kleinen schwarzen Notizbuch. Grunthor durchsuchte die Toten nach Wertgegenständen und legte sie in der Ecke zu einem Haufen aufeinander. Bis auf das älteste Mädchen standen die Kinder eng beieinander und starrten auf die Tür, durch die die Sängerin verschwunden war.