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Rhapsody drohte sich der Magen umzustülpen, als sie durch den Garten auf den Baum zuging, der in der Mitte stand. Obwohl verwelkt und in einem erbärmlichen Zustand, war seine silbrig weiße Rinde unverkennbar. Tränen stiegen ihr in die Augen, als sie an das eine und einzige Mal zurückdachte, dass sie die Sagia, die Mutter dieses Baumes, gesehen hatte.

Vor der großen Eiche angelangt, untersuchte sie ihre Rinde und die Zweigspitzen. Schnell war ihr klar, dass in dem Baum noch Leben steckte. Summend stimmte sie ein Lied an, das mit den melodischen Klängen harmonierte, die – wenn auch ganz leise aus seinem kranken Herzen tönten. Es war die gleiche, vertraute Melodie, die ihr während der gesamten Reise über die Wurzel im Ohr geklungen hatte. Sie öffnete den Beutel, den man ihr in Gwynwald gegeben hatte, holte eine winzige Salbentube daraus hervor und machte sich ans Werk.

Sobald sie die drei Hauptwurzeln gefunden hatte, folgte sie einer durch den halben Garten bis hin zu ihrem fein verästelten Ausläufer. Dabei musste sie schwer an sich halten, um den schauderhaften Anblick der geopferten Kinder zu meiden. Als sie das Wurzelende erreichte, bestrich sie das haarfeine Geflecht sowie das Erdreich ringsum mit der Salbe aus der Tube. Während sie Gleiches auch an den anderen Wurzelrändern wiederholte, wurde ihr Lied immer rhythmischer und melodiöser. Schließlich sang sie mit kräftiger Stimme und in einer Sprache, die eine Mischung war zwischen dem Alt-Cymrischen, ihrer Muttersprache, und jenem Idiom, das hier und jetzt gesprochen wurde.

Devli protar hin elenin, Hoffnung ist ein sicherer Anker, Lang währte die Reise auf See Vidsuol hin yl gornit marbeth, Zeit heilt wie nichts anderes, Und auch du wirst wieder gesunden. Calenda o skidoaun, Calenda o verdig, Ein Jahr voll Schnee, ein Jahr der Fülle, Du littest Kälte und Düsternis Ovidae tullhin kaf san; ni wyn bael faerborn, Manchmal bleibt der Sommer aus, doch immer wird es Frühling werden, Und im Frühling wirst du wieder blühen. A fynno daelik, gernal federant, Wer gesund ist, der sei fröhlich, Drum bewahr dies Lied in deiner Seele Yl airen er iachäd daelikint, Dies Lied der frohgemuten Heilung, Sing es, bis du wieder ganz gesundest.

Es war das erste Mal, dass Rhapsody ein Heillied aus dem Stegreif sang, und sie wand sich innerlich, so ungehobelt kamen ihr die eigenen Verse vor. Sie waren im Wesentlichen aus Sprichwörtern zusammengesetzt, Sprichwörter, die noch aus der alten Welt stammten und zum Teil immer noch verwendet wurden und Gültigkeit hatten. Das Lied schien durch die Wurzeln zu fließen, im Stamm aufzusteigen und bis in die unbelaubten Zweige vorzudringen.

Rhapsody griff nun zur Higen und fuhr mit den Fingerkuppen über den geschwungenen Holzrahmen. Die Higen war ihr größter Schatz, das erste Instrument, das sie zu spielen gelernt hatte, und es hatte ihr beim Studium der Namensgebung geholfen. Sein Holz stammte noch, wie auch der Baum, aus der alten Welt.

Rhapsody begleitete ihr Lied nun auf der Higen. Die Melodie blieb einfach und klar und entsprang den zupfenden Fingern wie selbstverständlich. Und dann zeigte der Baum tatsächlich erste Reaktionen. Sie konnte buchstäblich spüren, wie die Säfte in Bewegung kamen und Leben in die Äste brachten, die abzusterben drohten. Auch die kleinsten Zweige resonierten mit dem Lied, das winzige grüne Knospen als Vorboten von Frühlingslaub entstehen ließ.

Rhapsody langte mit der Hand so hoch wie nur möglich und stellte ihre Higen in eine Astgabel. Das Instrument spielte von sich aus weiter, zum Schwingen gebracht vom Lied des Baumes, der wieder erweckt geworden war. Lächelnd kehrte Rhapsody zu den Freunden und Kindern zurück.

Auf halbem Weg kam sie an einem langen, flachen Tisch vorbei, der, von Schnee bedeckt, kaum auszumachen war. Als sie zum Baum hin geeilt war, hatte sie ihn für eine Art Gartenbank gehalten. Jetzt fühlte sie sich gedrängt, etwas genauer hinzusehen, und als sie davor stehen blieb, wurde ihr plötzlich angst und bange.

Sie zitterte am ganzen Körper, als in ihrer Vorstellung der Schnee schmolz und eine schwarze Tischplatte darunter zum Vorschein kam, die im Licht eines Vollmonds auf schaurige Weise glänzte. Auf dem Tisch lag ein Mann, so reglos, als wäre er tot; der Körper schien aus Eis geformt zu sein, das sich aus dem Schmelzwasser des Schnees gebildet hatte. Einzelheiten waren nicht zu erkennen. Rhapsody wusste nicht einmal mit Bestimmtheit zu sagen, ob es sich tatsächlich um einen menschlichen Leichnam handelte.

Im dunklen Luftraum über der starren Gestalt glaubte sie plötzlich eine Bewegung ausmachen zu können und versuchte sich mit aller Macht auf ihre traumähnliche Vision zu konzentrieren. Geisterhafte Hände, deren Besitzer nicht zu sehen waren, schwirrten in der Luft umeinander und schienen eine weihevolle Handlung auszuführen. Dann falteten sie sich wie zum Gebet, um schließlich wieder zu einer Gebärde des Segnens auseinander zu gehen. Blut tropfte von ihnen herab auf die leblose Gestalt, die sich rot verfärbte.

Und wie von fern drangen stimmlose Worte an ihr Ohr.

Kind aus meinem Blut.

In ihrer Trance völlig entrückt, sah Rhapsody zu, wie ein kleiner glühender Gegenstand in den Händen auftauchte und ein Stern zu blinken begann. Er leuchtete so hell, dass sie genötigt war, die geblendeten Augen abzuschirmen.

Vorsichtig legten die Hände den glänzenden Gegenstand in die blutige Form auf dem Tisch. Der Körper fing zu glühen an, leuchtete dann hell und immer heller, bis die Hände, die darüber schwebten, nicht mehr zusehen waren.

Jetzt wird sich die Prophezeiung erfüllen. Aus diesem Kind werden meine Kinder hervorgehen. Das Licht wurde weniger, und während es allmählich verlosch, nahm die Gestalt eine feste, eigene Form an.

Das Donnern von Pferdehufen zerschlug die Trance. Rhapsodys Beine gaben unter ihr nach; sie fiel auf die Knie, in den rosafarbenden Schnee, und schluchzte über den Verlust der Vision. Mit wild pochendem Herzen raffte sie sich auf, eilte zur Gartenmauer und blickte nach unten in den Hof. Achmed merkte kurz auf, als aus dem Garten Musik an sein Ohr drang. Doch dann widmete er sich wieder der Lektüre des Notizbuches, das sich als sehr aufschlussreich erwies.

Dem mit großer Sorgfalt geschriebenen Text zufolge, war Canrif, die von Gwylliam gegründete Hauptstadt der Dritten Cymrerflotte, nach dem Tod des cymrischen Herrschers verlassen worden, denn die Kriegsschäden und die ständige Bedrohung durch barbarische Firbolg hatten ein geordnetes Leben darin unmöglich gemacht.

Schweren Herzens hatte man die Stadt evakuieren lassen und alles, was zu sichern war, gesichert in der Hoffnung eines Tages zurückkehren zu können. Dazu war es aber anscheinend nie gekommen, und so lag nun diese Stadt mit all ihren verborgenen Schätzen und der großen Bibliothek irgendwo im Herzen der Bolgländer.

Interessant zu erfahren war auch, dass Anborn, der für die Evakuierung verantwortliche General, den Schüssel zu Gwylliams Grotte im Haus der Erinnerung zurückgelassen hatte. Aus einigen Bemerkungen schien hervorzugehen, dass die Regenten von Roland, also die Vorfahren von Herzog Stephen und seinen Amtskollegen, cymrische Generäle der Ersten und Dritten Auswandererwelle gewesen waren, doch war sich Achmed nicht sicher, ob er den Text an diesen Stellen auch richtig verstand. Das würde Rhapsody überprüfen müssen.

Plötzlich fiel ihm auf, wie sich das ältere Mädchen anschickte, einer toten Wache heimlich einen Dolch zu entwenden. Es stellte sich sehr geschickt dabei an und so unauffällig, dass Grun-thor, der über die Kinder Aufsicht führte, nichts davon bemerkte. Mit einem leisen Zungenschnalzen machte Achmed seinen Partner auf sich aufmerksam und nickte bedeutungsvoll in Richtung auf das Mädchen.

»Holla, was machst du denn da, kleines Fräulein?«, fragte der Riese.

»Nichts«, antwortete das Mädchen mit zu Boden gesenktem Blick und scharrte mit dem Fuß. Achmed schmunzelte. Jo gab sich den Anschein schüchterner Verlegenheit, was aber in Wirklichkeit nur eine List war, mit der sie hoffte, den Dolch besser unter ihrem Kleid verstecken zu können. Auch darin war sie so geschickt, dass sich Achmed fragte, ob Grunthor wohl auf sie hereingefallen sein mochte. Das aber war offenbar nicht der Fall.